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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XIV. Band 1928 Heft 1"

INTERNATIONALE 
ZEITSCHRIFT FÜR 
PSYCHOANALYSE 

XIV. BAND 
1928 



Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Offizielles Organ der 
Internationalen PsydioanalytisAen Vereinigung 

Herausgegeben von 

Sigm. Freud 

Unter Mifwirkiing von 

Girindrashekhar Böse A. A. Hiill Jan van Emden Paul Federn Ernest Jones 
Kalfcu„a NeH-Vork H«ag Wien Londo« 

J. W. Kannabidi Rene Laforgue Philipp Sarasin Emst Simmel 

^'''^'"'" Pn'-is Basel Berlin 



redimiert 



von 



M. Eitingon S. Ferenczi Sändor Radö 

Berlin Budapest Berlin 



XIV. Band 
1928 



Internationaler Psydioanalytisdier Verlag 

Leipzig / Wien / Züridi 



i 



ALLE RECHTE VORBEHALTEN 



PSYC 



COPYBIGHT 1928 BY „INTERNATIONALER 
HOANALYTISCHER VERLAG, GES. M. B. H. , ^WEN 



Drude: ElberaOhl, Wien, 111., RüderwassE 11 



Inhaltsverzeidinis 
I des XIV. Banaes (1928) 

Seite 

Franz Alexander; Der neurotische Ciiarakter 26 

Edward Bibring: Klinische Beiträge zur Paranoiafrage. I. Zur 

Psychologie der Todesideen bei paranoider Schizophrenie . . 508 

Trigant Burrow: Die Laboratoriumsmethode in der Psychoanalyse 575 

Helene Deutschi Zur Genese der Platzangst 297 

Michael Josef Eisler: Ein neuer Gesichtspunkt in der Traum- 
deutung 78 

Otto Fenickel: Llber organlibidinöse Begleiterscheinungen der 

Triebabwehr ,• • • 45 

'S. Ferenczi: Das Problem der Beendigung der Analysen ... 1 ' '^ ' 

I — Die Elastizität der psychoanalytischen Technik 197 

Anna Freud: Zur Theorie der Kinderanalyse 15g 

J. Hdrnik: Die ökonomischen Beziehungen zwischen dem Schuld- 
gefühl und dem weiblichen Narzißmus 175 

ErfiesT Jones: Die erste Entwicklung der weiblichen Sexualität . 11 iJÜ./'tJS 

'Melanie Klein: Frühstadien des Ödipuskonfliktes 63 

R. Laforgue: Überlegungen zum Begriff der Verdrängung . . 371 ''';'- 

Ruth Mach Brunswick: Die Analyse eines Eifersuchtswahnes . 459 

H. Nunberg: Probleme der Therapie 441 

S. Pfeifer: Die neurotische Dauerlust. Erscheinungen der „eroti- 
schen Allmacht" in neurotischen Dauersymptomen 210 

iVfilhelm Reich: Über Charakteranalyse löo , . 

Hanns Sachs: Über einen Antrieb bei der Bildung des weiblichen 

Übei-Ichs 163 

/. Sadger: Über Depersonalisation -i^ ,7^ j^ 

Ernst Simmel: Die psychoanalytische Behandlung in der Klinik . 352 





> 



/. 



VI Inhal Isvei-zeidinis 

Seile 

KASUISTISCHE BEITRÄGE 

Franz Colin: Analyse eines Falles von Straßenangst 587 

Otto F enichel: Zur „Isolierung" 245 

— Zwei kleine Nachträge: I. Zinn „Merkbefehl", II. Zur Angst vor 

dem Gefressen wer den |.'>2 

Jf J. Hdrnik: Vom Widerstand gegen die Traumdeutung in der 

Analyse +00 

Erich Heinrich: Ein Fall von Identifizierung in der Zahnheil- 
kunde 528 

Lotte Kir s ebner: Analyse einer Konversionshysterie in vorge- 
rücktem Lehensalter 98 

— Aus der Analyse einer zwangsneurotischen Arbeitsheininung . . 22!^ 
L M. Kogan: Äußerungen des Ödipuskomplexes bei Schizophrenie 518 

Jt. T^ilma Koväcs: Beispiele zur aktiven Technik [.05 

C. Staudacher: Heilung eines Falles von ICriegsneu.rosu .... 91 
M. Wulff: Bemerkungen über einige Ergehnisse bei einer psychia- 
trisch-neurologischen Untersuchung von Chauffeuren .... 2^!,^ 

PSYCHOANALYTISCHE BEWEGUNG 

Dr. Waher C li n 7 {Haims Sachs) 1 11 

Deutschland . ... =49 

Emainiel af G e i j o r s t a m ■(- {Alfhild Tamm) 56s 

Kanada 255 

Osterreich ^49 

Schweden ^5' 

Schwei'/. . 252 

Sp Ulli eil ^&" 

Ungarn ^^^ 

U. S. A =52 

REFERATE 

Aus den Grenzgebieten 

Benussi, Zur experimentellen Grundlegung hypno suggestiver Methoden 

psychischer Analyse (*5«r<i) 255 

Drosneß und S k a 1 j k o w s k i j, Grundlagen des durch das Milieu 

bedingten individuellen iuidkollektivenEntwickhmgspro7,esses(Lüu.'(:ij) ij^ 
Enke, Die Bedeutung des Rorschach sehen FonndeutungsversucliB für die 

Psychotherapie 'ßoUy) 551 

Falke, Machtwille und Menschenwürde ■.Reich) 257 

Flach, Über symholisclie Schemata im produktiven DeiikprozeD {fFitnh) 257 

H ab erlin. Über die Ehe {Reich) 552 

Kammerer, Geschlecht, Fortpflanzung, Fruchtbarkeit. Eine Biologie der 

Zeugung [Fenickel) 530 

Lew in, Vorsatz, Wille und Bedürfnis iHartmann) 115 

Lewin-Karsten, Untersuchungen zur Ilandluugs- und Affektpsycho- 

- logie: Psychische Sättigung (Gerb) 409 

Neurath, Die Geburtsscbüdigimgen des kindlichen Zentralnerven- 
systems {Bcmfdd) 115 

jg Pickworth-Farrow. Somes Notes on Behuviorism . . , , {Fenichel) 256 



sn 



Inhal tsverzeidinis y\\ 



Schaxel, Das Geschlecht, seine Erscheinung-en, seine Bestimmung sein "'^ 

Wesen bei Tier und Mensch (Fcnickd) 5=50 

[ Van de Velde, Die vollkommene Elie . IHomey) 

/ U- Die Aineigung in der Ehe .' ." ; .' _' ' ; , j^J^,^ ^f 

I - Die Erotik in der Ehe ,^.^. ^54 

■Zeigarnik, Das Behalten von erledigten imd unerledigten 

Handlungen . . . ■ ,^ .-, n 

" (Gero) 258 



ur 



AiiH der psydiiatrisdi-nemulogisdien Litcmt 

Alfven, Das Problem der Ermüdung [Bnllr) -6-' 

Allers, Glück und Endo der Psycho analj' sc '{Wälder) Li'i 

Bijiswanger, Psychotherapie als Beruf . . . . {Gcrö) 556 

Birnbaum, Die psychischen Heilmetlioden für ärzlliclies Studium uud 

f''^^'^ {F.-n!chel) 1,5 

F r a n k, Die psydiokathar tische Behandlung nervöser Stonmgen . {Hartmami) 55g 

Geh Sattel, Zeitbezogenes Zwangsdenken in der Melancholie . . {Gero} 415 

— Was wirkt in der Psychoanalyse therapeutisch? (Gera) 527 

Haeherlin, Grundlinien der Psychoanalyse ] '. (Hartmann) 538 

Hermann und P o t 2 1, Über Agraphie und ihre lokaldlagnoslischen 

Beiiehiuieen . , ir ._ ^» 

„ S Harlmaiin) 153 

Heyer, Zur Prognosenstellmig in der Psychotherapie . , {Gerd) 414, 

Hoche, Das träumende Ich (KiMoh) 411" 

Jung, Das Unbewußte im normalen und kranken Seelenleben . , {Gräber) 151 

Maeder, Psychoanalyse und Synthese {Graber) 1 = 1 

— Die Richtung im Seelenleben Graber' 267 

Monakow, Ein instruktiver Fall von Uiifallneurose Harimann] 538 

Morton, Childhood Pears {Joiifs) 152 

Der Nervenarzt ^q^^^^ ^,2 

Schmitt, Atem und Charakter {Fenichel) • 266 

Seeiing, Der Goueismus in seiner psychologischen und pädagogischen 

Bedeutung {Graben 15= 

Seidel, Boivußtsem als Verhängnis yScIiults-Hencke) 130 

Slekel, Fortschritte der Sexualwissenschaft mid Psychoanalyse, 

^^- l^ {Reich) 259 

Tietjens, Die Desuggestion (J{. Sterbe) 539 

Zapp er t, Masturbation {Friedjung) 26B 

Aus der psydioanalyiisdiea Literatur 

Alexander, Psychoanalyse der Gesamtpersfinlichkeit (Fenicket) 260 

Bryan, Scent i„ a Symptom atic Act {Femchet) 280 

Chadwick, Tlio Psychological Problem of tl,e Poster Ghild (Amoreferm) 279 

Dane, Notes on Psycho analysis of War Neuroses {Feru-chel) 150 

Freud, Hemmung, Symptom und Angst . . (Wälder) 416 

/■ Frend, Anna, Einführung in die Technik der Kinderanalyse '. '. . (Radö) 540 

Glover, James, Notes 011 an unusual Form of Pei-version . . . {Fenichet) ,50 

Hartmann, Die Grundlagen der Psychoanalyse . . {Milllcr-Brmitiscl,m-ig) 13Ö 

f saacs, Penis-Faeces-Child {Feuidn-I) ,50 

Jung, Die Bedentimg des Vaters für das Schicksal des Einzelnen [Feniche!) 278 
£ Klein, Melanie, Ri viere, Joan, S e a r 1, M. N., Sharpe, EltaF. 
Glover, Edward und Jones, Ernest, Symposium on 

Cliild Analysis .finichel) 546 



I 

1 



yjg^ Inha ltsverzeidinis . 

^ " ^ SpHc 

Taps in early Infancy ■■•■'■■•■■'■ . (Radö) »77 

Tll<-kmaii Index Psychoanalyticiis 1895— 192*» - ■•.■••', 

Death-Itislinct 

Tagungen wissensaiaftlidier Gesellsdiaften . „ ^ ,r ■^ ,Ro 

111 allgemeiner ärztlicher Kongreß für Psyd.otl.erapici.B.dcn.Bade.CGc.„) .80 

KOftRJ^PONDENZBLATT DER INTERNATIONALEN PSYCHO- 
ANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

Mitteaung der Internationalen Unterrichtskonimission " 

Berichte der Zweigvereinigungen ^ 

American Psychoanalytic. Association J • -J>' ^ 

British Psycl.o-AnalyticalSc.ety .85,425,564 

Deutsche Psychoanalytische Gesellschafl Lehm) 5^5 

Dr. Wilhelm Wittenberg 286 428 

Indian Psycho analytlcal Society • ■ ■ • ; ^g ' g' 567 

Magyarorszagi Ps.ichoanahtika. Egyesulet 9' 4 J ' 

Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse - ■ 9 45 

Nbw York Psycho-Analytical Society ■ • ^^ J^^^ ^^g 

Social*! Psychanalyliquc de PaTlS 

in Wien, 1926—1928 

MITTEILUNGEN DES INTERNATIONALEN PSYCHO- 

ANALTYISCHEN VERI-AGES ^ ^ ^^^ 

Verlagstätigkeit im Jahre 1928 



r 



Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Herausgegeben von Sigm. Freud 



XIV. Band 1908 Heft I 

Das Problem der Beendigung der Analysen 

Vortrag auf dan X. Iniemationalen Psychoanalytischen Kongreß in Innsbruck 

tun J. September 7927 

Von 

S. Ferenczi 

Budapest 

Meine Damen und Herren! 

Lassen Sie mich mit dem Hinweis auf einen Fall anfangen, der mich 
vor einiger Zeit intensiv beschäftigte. Über einen Patienten, hei dem nebst 
verschiedenen neurotischen Beschwerden hauptsächlich Abnormitäten und 
Absonderlichkeiten des Charakters den Gegenstand der Analyse abgaben, 
erfuhr ich plötzlich, notabene nach einer mehr als achtmonatigen Analyse, 
daß er mich bezüglich eines bedeutsamen Umstandes finanzieller Natur 
die ganze Zeit über irreführte. Zunächst brachte mich dies in die höchste 
Verlegenheit. Die Grundregel der Analyse, auf der unsere ganze Technik 
aufgebaut ist, fordert ja das restlose und wahrheitsgetreue Hersagen aller 
Einfälle und Assoziationen. Was macht man also in einem Falle, in dem 
das Pathologische gerade in der Lügenhaftigkeit besteht? Soll man die 
Kompetenz der Analyse für solche Charakterschwierigkeiten von vornherein 
ablehnen? Dieses Armutszeugnis unserer Wissenschaft und Technik hatte 
ich nicht die geringste Lust zu imterschreiben. Ich setzte also die Arbeit 
fort, und erst die Erforschung dieser Lügenhaftigkeit verschuf mir 
die Gelegenheit, gewisse Symptome des Patienten überhaupt zu ver- 
stehen. Es ereignete sich nämlich schon vor der Entdeckung der Lüge, 
während der Analyse, daß der Patient einmal die Stunde versäumte und Tags 
darauf das Versäumnis gar nicht erwähnte. Zur Frage gestellt, behauptete 
er steif und fest, er sei am Vortage da gewesen. Da es sicher war, daß 
Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XIV/l. ^^^ 1 

INTERNATIONAL 




PSYCHOANALYTIC 
UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



S. Ferenczi 



ich selbst nicht das Opfer einer ErinncrongstSuschung war, drängte ich 
energisch auf die Feststellung des Tatbestandes. Bald kamen wir beide 
zur Überzeugung, daß der Patient nicht nur den vermißten Besuch bei 
mir sondern die Geschehnisse des ganzen vorhergehenden Tages vergessen 
hatte. Nur schrittweise ließ sich damals ein Teil dieser Erinnerungslücke, 
zum Teil durch Befragung von Augenzeugen, füllen. Ich will nicht auf 
Einzelheiten des auch an sich interessanten Vorkommnisses eingehen und 
beschränke mich auf die Mitteilung, daß der Patient am vergessenen Tag 
halb betrunken in verschiedenen Tages- und Nachtlokalen im Kreise ihm 
unbekannter Männer und Frauen niedrigster Sorte verbrachte. 

Es stellte sich dann heraus, daß derlei Gedächtnisstörungen bei ihm 
auch schon früher vorgekommen sind. In dem Momente nun, als ich 
untrügliche Beweise seiner bewußten Lügenhaftigkeit erhieh, war ich 
überzeugt, daß das Symptom der Spaltung der Persönlichkeit, wenigstens 
bei ihm, nur das neurotische Zeichen eben dieser Lügenhaftigkeit ist, 
eine Art' indirektes Bekenntnis dieser Charakterschwäche. So wttrde in diesem 
Falle das Aufkommen der Beweise einer Lüge ein für das analytische Ver- 
ständnis vorteilhaftes Vorkommnis.' ; 
Bald fiel mir aber auch ein. daß das Problem der Simulation , 
und des Lügens während der Analyse schon mehrere Male Gegen- , 
stand der Überlegung war. In einer früheren Arbeit äußerte ich ) 
die Vermutung, daß alle hysterischen Symptome in frühester Kmd- { 
heit noch als bewußte Kunststücke produziert wurden; ich entsann ) 
mich auch, daß uns Freud gelegentlich sagte, daß es ein prognostisch J 
günstiges Zeichen, ein Anzeichen nahender Gesundung sei, wenn der I 
Patient plÖtzhch die Überzeugung äußert, er hatte eigentlich die ganze 
Zeit seiner Krankheit über nur simuliert; im Lichte seiner neu gewonnenen 
analytischen Einsicht in das Getriebe des Unbewußten kann er sich nämlich 
nicht mehr in die Stimmung zurückversetzen, in der er jene Symptome 
automatisch, ohne die leiseste Einmischung seines bewußten Wissens, 
zustande kommen ließ. Das wirkliche Aufgeben der Lügenhaftigkeit 
scheint also wenigstens eines der Zeichen der nahenden Beendigung der 
Analyse zu sein. 

lUchhaLe keine BedeiJten, diese Einreibe ob achtmig zu generalisieren und alle Fälle 

soe Spaltung der Persönlichkeit" als Symptome der z. T. bewußte« Una.fr.cht.gke.t am- 

„tgS d!e fne Menschen zw.ngt, abwechselnd nur TeU. i.>re. Pc.on .u ^^^^^l^^^^^ 

In der Au.iucksweise der Metapsyohologie könnte n.^ ''^'\^''\tT.JsTZ2 
mit mehreren Über-Ichs sind, deren Vereinheitlichung nicht geluxigen ist. A^^^^ 

Gelehrte, die die Möglichkeit „mehrerer Wahrheiten" über ."l-^^';- .^."^-^tand 

nicht von vornherein ablehnen, dürften Leute sein, deren w.ssenschaftliche Moral 

nicht zu einer Einheit gediehen ist. 



Das Problem der Ilecntifgunf? der Analysen 



Demselben Talbestand sind wir übrigens schon früher, wenn auch unter 
anderem Namen, begegnet. Was Moral- und Realitätsprinzip Lüge heißen, 
nennen wir beim Kind und nennt unsere Pathologie eine Phantasie. Qnsere 
Hauptaufgabe bei der Behandlung eines Hysteriefalles ist im wesentlichen 
das Ausforschen der automatisch und unbewußt produzierten Phantasie- 
gebilde. Ein großer Teil der Symptome schwindet in der Tat durch dies 
Verfahren. Wir meinten denn auch, daß das Aufdecken der Phantasie, die 
la eine besondere Art von Realität für sich beanspruchen tonne (Freud 
nannte sie psychische Realität), zur Heilung genüge; wie viel vom Phantasie- 
inhalt auch wirkliche, d. h. physikalische Realität, resp. die Erinnerung 
an eine solche darstelle, sei für die Behandlung und ihren Erfolg neben"^ 
sächlich. Meine Erfahrung hat mich eines anderen belehrt. Ich überzeugte 
mich, daß kein Fall von Hysterie als erledigt betrachtet werden kann, so- 
lange die Rekonstruktion im Sinne der strengen Sonderung des Realen 
vom bloß Phantasierten nicht durchgeführt ist. Jemand, der zwar die 
Wahrscheinlichkeit der analytischen Deutungen zugibt, von ihrer Tat- 
sächlichkeit aber nicht überzeugt ist, behält sich damit noch das Recht 
vor, vor gewissen unlustvollen Ereignissen in die Krankheit, d. h. in die 
Phantasiewelt zu flüchten, seine Analyse kann also nicht als eine beendete 
gehen, wenn man nämlich unter Beendigung eine Heilung auch im Sinne 
der Prophylaxe versteht. Man könnte also verallgemeinernd sagen, daß der 
Neurotiker nicht als geheilt betrachtet werden kann, bis er das Vergnügen 
am unbewußten Phantasieren, d. h. die unbewußte Lügenhaftigkeit nicht 
aufgibt. Ein nicht schlechter Weg zum Aufstöbern solcher Phantasienester 
ist gerade das Ertappen des Kranken bei einer, wenn auch noch so un- 
scheinbaren Entstellung der Tatsachen, wie sie im Laufe der Analyse so' 
häufig vorkommen. Die Rücksicht auf die eigene Eitelkeit, die Angst, die 
Freundlichkeit des Analytikers, durch Bloßstellung gewisser Tatsachen oder 
Gefühle zu verlieren, verführen die Patienten ohne Ausnahme gelegentlich 
zur Unterdrückung oder Entstellung von Tatsachen. Beobachtungen dieser 
Art überzeugten mich, daß die Forderung der vollkommen realisierten 
freien Assoziation, mit der wir an den Patienten von Anfang an heran- 
treten, eme ideale Forderung ist, die sozusagen erst nach beendigter Ana- 
lyse erfüUt wird. Assoziationen, die von solchen aktuellen kleinen Ent- 
stellungen ausgehen, führen sehr oft zu analogen, aber viel bedeutsameren 
infantilen Vorkommnissen, zu Zeiten also, in denen die jetzt auto- 
matische Täuschung noch eine bewußte und gewollte war. 

Wir können getrost jedes kindliche Lügen als Notlüge bezeichnen, und 
da auch die spätere Lügenhaftigkeit damit zusammenhängt, ist vielleicht 
jedes Lügen etwas Notgedrungenes. Das wäre auch ganz logisch. Aufrichtig 



S, t'ercnczi 



und offen sein ist gewiß bequemer als lügen. Man kann also nur ^^^'^\^'^ 
Gefahr einer drohenden noch größeren Unlust dazu gezwungen sein. Was 
wir mit den schön klingenden Namen: Ideal. Ichideal, Übcr-Ich benennen, 
verdankt seine Entstehung einer gewollten Unterdrückung wirklicher Trieb- 
regungen, die also verleugnet werden müssen, während die durch die 
Erziehung aufgedrungenen Moralvorschriften und moralischen Gefühle mit 
übertriebener Geflissenheit zur Schau getragen werden. So peinlich 
dies also Ethiker und Morahheologen berühren muß, können wir nicht 
umhin zu behaupten, daß Lüge und Moral etwas mit einander zu tun haben. 
Das Kind findet ursprünglich alles gut, was ihm gut schmeckt. Es hat 
dann zu lernen, manches Gutschmeckende für schlecht zu halten und zu 
fühlen und statt dessen die Erfüllung schwieriger Entsagungsvorschriften 
die Quelle höchster Seligkeit und Zufriedenheit werden zu lassen. Es ist 
von vornherein wahrscheinlich, unsere Analysen aber zeigen es mit voller 
Gewißheit, daß die zwei Stadien der ursprünglichen Amoralität und der 
erworbenen Moral durch eine mehr-minder lange Übergangszeit von einander 
Getrennt sind, in der jeder Triebverzicht und jede Unlustbejahung noch 
deutlich mit dem Gefühle der Unwahrheit, d. h. der Heuchelei ver- 

'"AuTditem Gesichtspunkte betrachtet, muß man allerdings die ga..e 
Ch^kterbldung des Menschen, die ja bei der Trieb Verdrängung als 
"::': Aufomatismus entstanden ist, in der Analyse in regressiver 
Richtung bis zu ihren Trieb gr und lagen zurück verfolgen, soll die Analyse 
eine wirkliche Reedukation des Menschenkindes werden. Es muß sozusagen 
alles wieder flüssig werden, um dann aus dem vorübergehenden Chaos 
unter günstigeren Bedingungen eine neue, besser angepaßte Persönlichkeit 
entstehen zu lassen. Das würde mit anderen Worten heißen, daß keine 
Symptomanalyse theoretisch als beendigt betrachtet werden kann, die nicht 
gleichzeitig oder anschließend eine vollständige Charakteranalyse ist. Praktisch 
kann man ja bekanntlich viele Symptome auch ohne so tiefgreifende 
Änderungen analytisch heilen. — Naive Seelen, die das unwillkürliche Streben 
der Menschen nach Harmonie und Stabilität nicht kennen, werden natürlich 
erschrecken und fragen, was denn aus einem Menschen wird, der seinen 
Charakter in der Analyse verliert. Können wir versprechen, daß wir für 
das Verlorene gleichsam als neues Kleid, einen neuen Charakter nach 
Bestellung werden liefern können? Kann es uns nicht passieren, daß der 
Patient, seines alten Charakters bereits entkleidet, ausreißt und in charakter- 
loser Nacktheit von uns zieht, bevor die neue Hülle fertig ist? Freud hat 
uns schon gezeigt, wie unberechtigt diese Bedenken sind, wie der Psycho 
analyse automatisch die Synthese folgt. In der Tat ist die Auflosung de. 



Das Problem der Beendigung der Analysen 



kristallinischen Struktui- eines Charakters eigentlich nur die Überleitung 
zu einer allerdings zweckmäßigeren neuen Struktur, mit anderen Worten, 
eine Umkristallisierung. Im einzelnen vorhersagen läßt sich das 
Aussehen des neuen Kleides allerdings nicht, mit der einzigen Ausnahme 
vielleicht, daß es gewiß passender, d. h. zweckmäßiger sein wird. 

Gewisse geraeinsame Charaktere von Persönlichkeiten nach beendigter 
Analyse lassen sich immerhin angeben. Die um so viel schärfere Sonderung 
der Phantasiewelt von der Realität, wie sie die Analyse bewerkstelligt, 
verhilft den Menschen zu einer fast grenzenlosen inneren Freiheit, doch 
gleichzeitig zu einer viel sichereren Beherrschung der Handlungen und Ent- 
scheidungen; mit anderen Worten, zu einer ökonomischeren und wirkungs- 
volleren Kontrolle, 

In den wenigen Fällen, in denen ich mich diesem idealen Ziele näherte, 
sah ich mich gezwungen, auch auf gewisse Äußerlichkeiten im Aussehen 
und Benehmen der Kranken Gewicht zu legen, die wir bisher oft unbeachtet 
ließen. Schon in meinem Versuch, dem Verständnis der narzißtischen 
Besonderheiten und Manierismen der Tic-Kranken beizukommen, wies ich 
darauf hin, wie oft Neurotiker mit relativer Heilung, bezüglich dieser 
Symptome in der Analyse ungeschoren bleiben. Eine tiefgreifende Analyse 
der Persönlichkeit kann natürlich auch vor solchen Eigenheiten nicht halt- 
machen; wir müssen den Patienten schließlich förmlich einen Spiegel vor- 
halten, damit sie sich der Besonderheiten ihres Benehmens, ja, ihres körper- 
lichen Aussehens erstmalig bewußt werden. Nur wer, wie ich, es erlebt 
hat, daß selbst analytisch geheilte Menschen wegen ihrer Gesichtsbildung, 
Körperhaltung, ihren Bewegungen, ihren Unarten usw. nach wie vor von 
aller Welt heimlich belächelt werden, ohne daß sie selbst eine Ahnung 
von ihren Eigenheiten hätten, wird es für eine grausame, aber unvermeid- 
liche Aufgabe einer radikalen Analyse ansehen, diese sozusagen öffentlichen 
Geheimnisse auch jenem bewußt werden zu lassen, den sie am nächsten 
angehen.' Der Analytiker muß, bekanntlich immer taktvoll sein, wohl am 
taktvollsten aber in der Behandlung dieses Teiles der Selbsterkenntnis. Ich 
habe mir zum Grundsatze gemacht, sie den Kranken niemals unvermittelt 
vorzuhalten; bei Fortführung der Analyse muß es früher oder später dazu 
kommen, daß der Patient dieser Dinge mit unserer Hilfe selber gewahr wird. 
Dieses „früher oder später" enthält einen Hinweis auf die Bedeutsamkeil 
des Zeitmomentes für eine voll zu beendigende Analyse. Eine solche ist 
nur möglich, wenn der Analyse sozusagen endlose Zeiten zu Gebote stehen. 

i) Dies ist die Stelle, an der die Psychoanalyse lum erstenmal mit Problemen der 
Physiognomik und der körperlichen Konstitutionslehre überhaupt (sowie mit ihren 
Abkömmlingen, wie Mimik, graphologische Eigenheiten usw.) praktisch in Berülixiuig tritt. 



S. r'crcnczi 



> 



Ich stimme also mit jenen überein, die behaupten, daß die Behandlung 
um so mehr Aussichten auf rascheren Erfolg hat, je unbeschränkter wir über 
die Zeit verfügen. Ich meine damit nicht so sehr die physikalische Zeil, 
die dem Patienten zur Verfügung steht, als den inneren Entschluß, 
wirklich solange auszuhalten, als es überhaupt notwendig ist, unbekümmert 
um die absolute Dauer der Zeit. Damit will ich aber nicht gesagt haben, 
daß es nicht Fälle gibt, in denen die Patienten diese Zeit- oder Termin- 
losigkeit ausgiebig mißbrauchen. 

Im Laufe der uns z,ur Verfügung gestellten Zeit muß nicht nur das 
ganze unbewußte psychische Material in Form von Erinnerungen und 
Wiederholungen neu erlebt werden, sondern auch das dritte Mittel der 
analytischen Technik zur Verwendung kommen. Ich meine das von Freud 
als gleichwertig hervorgehobene, aber in seiner Bedeutsamkeit noch nicht 
gebührend gewürdigte Moment des analytischen Durcharbeiten s. Dieses 
Durcharbeiten, resp. die Mühe, die man darauf verwendet, haben wir 
mit dem Kräfteverhältnis des Verdrängten und des Widerstandes, also- mit 
einem rein quantitativen Moment in Beziehung zu bringen. Das Finden 
der pathogenen Motive und Entstehungsbedingungen der Symptome ist 
gleichsam eine qualitative Analyse. Diese mag beinahe eine vollständige 
sein, ohne doch die erwartete therapeutische Veränderung hervorzurufen. 
Doch nach der vielleicht ungezählte Male analytisch erlebten Wiederholung 
derselben Übertragungs- und Widerstandsmecbanismen kommt es manchmal 
unversehens zu einem bedeutenden Fortschritt, den wir uns nicht anders 
als aus der Wirkung des Momentes des schließlich gelungenen Durch- 
arbeitens erklären können. Sehr oft geschieht aber das Umgekehrte, daß 
nämlich nach langem Durcharbeiten plötzlich der Zugang zu neuem 
Erinnerungsmaterial erreichbar wird, was das Ende der Analyse ankün- 
digen mag. 

Eine recht schwierige, allerdings interessante Aufgabe, die meines 
Erachtens in jedem einzelneu Falle zu bewältigen ist, ist die stufenweise 
Abtragung jener Widerslände, die in dem mehr oder minder bewußten 
Zweifel an der Verläßlichkeit des Analytikers bestehen. Unter Verläßlich- 
keit muß man aber eine Vertrauenswürdigkeit unter allen Umständen 
verstehen, insbesondere das unerschütterliche Wohlwollen des Analytikers 
dem Patienten gegenüber, mag sich letzterer in seinem Benehmen und in 
seinen Äußerungen noch so ungebührlich gebärden. Man könnte talsächlich 
von einem unbewußten Versuch des Patienten reden, die Tragfesligkeit der 
Geduld des Analytikers bezüglich dieses Punktes konsequent und auf die 
verschiedenste Art auf die Probe zu stellen, und dies nicht nur einmal, 
sondern zu ungezählten Malen. Die Patienten beobachten dabei die Reaktions- 



r 



Das Problem der Beendigung der Analysen 



weise des Arztes, mag sie sich in Rede, Geste oder in Stillschweigen 
manifestieren, aufs allerscharfsinnigste. Sie analysieren ihn oft mit großem 
Geschick. Sie entdecken die leisesten Anzeichen unbewußter Regungen im 
Analytiker, der diese Analysenversuche mit unerschütterlicher Geduld zu 
ertragen hat; eine oft fast Übermensch iiche Leistung, die aher die Mühe in 
jedem Falle lohnt. Denn: ist es dem Patienten nicht gelungen, den Analytiker 
bei irgend einer Unwahrheit oder Entstellung zu ertappen, und kommt der 
Patient allmählich zur Erkenntnis, daß es wirklich möglich ist, die Objek- 
tivität auch dem schlimmsten Kinde gegenüber zu bewahren, läßt sich also 
beim Arzt keine Tendenz zur Selbstüberhebung feststellen (bei aller 
Anstrengung. Anzeichen davon zu provozieren), und muß der Patient zugeben, 
daß der Arzt willig auch Irrtümer und Unbedachtsamkeiten seinerseits 
einbekennt, die er gelegentlich begeht, so kann man nicht selten eine 
mehr minder rasche Veränderung im Verhalten des Kranken als Lohn für 
die nicht geringe Mühe einheimsen. Es kommt mir höchst wahrscheinlich 
vor, daß die Patienten mit diesen ihren Versuchen Situationen aus ihrer 
Kindheit wiederholen möchten, bei denen unverständige Erziehungs- 
personen und Verwandte auf die sogenannten Schlimmheiten des Kindes 
mit der eigenen intensiven Affektivität reagierten und das Kind in eine 
trotzige Einstellung drängten. 

Das Standhalten gegen diesen Generalangriff der Patienten setzt beim 
Analytiker selbst eine voll beendigte Analyse voraus. Ich erwähnte dieses, 
weil es vielfach für genügend erachtet wird, wenn der Kandidat der 
Psychoanal^'se, sagen wir, ein Jahr lang mit den hauptsächlichen Mecha- 
nismen, mit einer sogenannten Lehranalyse Bekanntschaft macht. Man 
überläßt seine weitere Entwicklung den Lernmöglichkeiten, die in der 
Autodidaxis gegeben sind. Bei früheren Gelegenheiten wies ich oft darauf 
hin, daß ich keinen prinzipiellen Unterschied zwischen einer therapeutischen 
und einer Lehranalyse anerkennen kann. Ich möchte diesen Satz nun in 
dem Sinne vervollständigen, daß in der Praxis die Therapie nicht in jedem 
Falle bis zu jener Tiefe vorzudringen braucht, die wir eine vollständige 
Beendigung der Analyse nennen, während die Persönlichkeit des Analytikers, 
von dem das Schicksal so vieler anderer Menschen abhängt, auch die 
verstecktesten Schwächen der eigenen Persönlichkeit kennen und beherrschen 
muß, was ohne voll beendigte Analyse unmöglich ist. 

Selbstverständlich zeigen die Analysen, daß schließlich nicht banales 
Geltungs- oder Rachebestreben, sondern libidinöse Tendenzen die wirklichen 
Motive der Charakterbildung waren und der oft in groteske Formen 
gekleideten Widerstände sind. Nachdem das schlimme, trotzige Kind alle 
seine Geschosse unwirksam verpufft hat, kommen seine versteckten 



S. Ferenczi 



► 



Ansprüche auf Zärtlichkeit und Liebe in naiver Offenheit zutage. 
Keine Analyse ist beendigt, bei der nicht die meisten Vor- und Endlust- 
hetätigungen der Sexualität, sowohl in ihren normalen wie in ihren 
abnormen Äußerungs formen in der bewußten Phantasie gefühlsmäßig 
durchlebt werden; jeder männliche Patient muß dem Arzte gegenüber als 
Zeichen der Überwindung der Kastrationsangst ein Gefühl der Gleich- 
berechtigung erlangen; alle weiblichen Kranken müssen, soll ihre Neurose 
als eine vollständig erledigte gelten, mit ihrem Männlichkeilskomplex 
fertig werden imd sich ohne Ranküne den Denkmöglichkeiten der weib- 
lichen Rolle hingeben. Dieses der Analyse gesetzte Ziel entspricht ungefähr 
jener Tendenz zur Auffrischung der paradiesischen Naivität, dieGroddeck 
von seinen Patienten fordert. Der Unterschied zwischen mir und ihm ist 
nur der, daß er oft direkt vom Symptom ausgehend diesem Ziele zustrebt, 
während ich dasselbe Ziel mit den Hilfsmitteln der „orthodoxen" analytischen 
Technik, wenn auch in langsamerem Tempo, zu erreichen trachte. Bei 
entsprechender Geduld fällt uns dieses selbe Resultat auch ohne besonderes 
Drängen in den Schoß. 

Das Aufgeben des Drängens bedeutet nicht das Aufgeben jener 
technischen Hilfsmittel, die ich seinerzeit unter dem Namen der Aktivität 
vorschlug. Was ich darüber an unserem Homburger Kongreß sagte, kann 
ich auch heute aufrecht erhalten. Wohl keine Analyse kann beendigt 
werden, bevor sich der Patient im Einverständnis mit unseren Weisungen 
denen aber der Charakter des Befehls genommen werden muß, dazu 
entschließt, nebst dem freien Asoziieren auch auf Änderungen seiner 
Lebens- und Verhaltungs weise einzugehen, die gewisse, sonst unzu- 
gänglich versteckte Verdrängungsnester aufzustöbern und zu beherrschen 
helfen. Das Hinausdrängen des Patienten aus der Analyse mit Hilfe der 
Kündigung mag in einzelnen Fällen Resuhate zeitigen, ist aber prinzipiell 
zu verwerfen. Wahrend ein zufällig drängender äußerer Umstand die 
Analyse manchmal beschleunigt, verlängert das Drängen des Analytikers 
oft unnötigerweise die Analyse. Die richtige Beendigung einer Analyse ist 
wohl die, bei der weder der Arzt noch der Patient kündigt; die Analyse soll 
sozusagen an Erschöpfung sterben, wobei immer noch der Arzt der 
Argwöhnischere bleiben und daran denken muß, daß der Patient mit 
seinem Weggehenwollen etwas Neurotisches retten will. Ein wirklich 
geheilter Patient löst sich langsam, aber sicher von der Analyse los; solange 
^^.-4-®"^.^**^™^ "°'^^ kommen will, gehört er noch in die Analyse. Man 
könnte diesen Ablösungsprozeß auch so charakterisieren, daß der Patient 
schließlich vollkommen davon überzeugt wird, daß er sich in der Analyse 
em neues, immer noch phantastisches Befriedigungsmittol vorbehielt, das 



ihm realiter nichts einbringt. Hat er die Trauer über diese Einsicht 
langsam überwunden, so sieht er sich unweigerlich nach anderen, realeren 
Befriedigungsmöglichkeiten um. Im analytischen Lichte betrachtet, erscheint 
dann seine ganze neurotische Lebensepoche wirklich, wie es Freud schon 
vor so langer Zeit gewußt hat, als eine pathologische Trauer, die er auch 
auf die Übertragungssituation zu verschieben suchte, die aber ihrer 
wirklichen Natur entlarvt wird, was dann der zukünftigen Wiederholungs- 
tendenz ein Ende setzt. Die analytische Entsagung ist also die aktuelle 
Erledigung jener infantilen Versagungsshuationen, die den Symptom- 
bildungen zugrunde lagen. 

Eine auch theoretisch wichtige Erfahrung bei wirklich zu Ende 
geführten Analysen ist die fast stets eintretende Symptom Wandlung 
vor dem Ende. Wir wissen ja von Freud, daß die Symptomatik der 
Neurosen fast immer das Resultat einer psychischen Entwicklung ist. Der 
Zwangskranke zum Beispiel tauscht erst allmählich seine Emotionen in 
Zwangshandeln und Zwangsdenken um. Der Hysterische mag längere 
Zeit mit irgend welchen peinlichen Vorstellungen kämpfen, bevor es ihm 
gelingt, seine Konflikte zu körperlichen Symptomen zu konvertieren. Der 
später dement oder paranoisch Werdende beginnt seine pathologische 
Laufbahn etwa als Angslhysteriker, es gelingt ihm oft erst nach harter 
Arbeit, in dem gesteigerten Narzißmus eine Art pathologische Selbstheilung 
zu finden. Wir dürfen uns also nicht wundern, wenn beim Zwangs- 
hysteriker nach genügender Auflockerung und Unterwühlung seines 
intellektuellen Zwangssystems hysterische Symptome sich zu zeigen beginnen, 
und daß der früher so sorglose Konversionshysteriker, nachdem seine 
Körpersymptome infolge der Analyse unzureichend werden, Gedanken und 
Erinnerungen zu produzieren beginnt, während er früher Ausdrucks- 
bewegungen ohne bewußten Inhalt produzierte. Es ist also ein gutes 
Zeichen, wenn der Zwangsneurotiker statt affektloser Gedanken hysterische 
Emotivität zu zeigen beginnt und wenn beim Hysteriker vorübergehend 
das Denken zum Zwang wird. Unangenehm ist allerdings, wenn im Laufe 
dieser Symptomwandlungen auch psychotische Züge zum Vorschein kommen. 
Es wäre aber verfehh, darüber allzusehr zu erschrecken. Ich habe schon 
Fälle gesehen, in denen kein anderer Wege zur definitiven Heilung führte, 
als der durch eine passagere Psychose. 

All diese Beobachtungen habe ich Ihnen heute zur Stütze meiner 
Überzeugung vorgebracht, daß die Analyse kein endloser Prozeß ist, sondern 
bei entsprechender Sachkenntnis und Geduld des Analytikers zu einem 
natürlichen Abschluß gebracht werden kann. Fragen Sie mich, ob ich 
schon viele solche vollständige Analysen zu verzeichnen habe, so muß ich 



10 



S. Ferenczi 



(larauf mit Nein antworten. Doch die Summe aller meiner Erfahrungen 
drängt zu dem in diesem Vortrag dargelegten Schlüsse. Ich bin fest davon 
überzeugt, daß, wenn man aus seinen Irrungen und Irrtümern genügend 
gelernt hat, wenn man mit den schwachen Punkten der eigenen Persönlich- 
keit allmählich zu rechnen lernt, die Zahl der zu Ende analysierten Fälle 
wachsen wird. 



Die erste Entwicklung der weiblichen Sexualität 

Fortmg auf dem X. Internationahn Psychoannlythchen Kongr^ zu Innsbruck 

am T, September lp27 

Von 

Emest Jones 

London 

Freud hat mehr als einmal darauf hingewiesen, daß unsere Kenntnisse 
über die Frühstadien der weiblichen Entwicklung viel nebelhafter und 
unvollständiger sind als Über jene der männlichen Entwicklung, und 
Karen Horney hat sehr energisch und richtig betont, daß dies mit 
der stärkeren Neigung zu Vorurteilen bei der ersteren zusammenhänge. 
Wahrscheinlich ist die Neigung zu Vorurteilen beiden Geschlechtern 
gemeinsam, eine Tatsache, deren sich jeder, der über diesen Gegenstand 
schreibt, stets voll bewußt sein sollte. Noch besser, es steht zu hoffen, 
daß die analytische Forschung allmählich das Wesen dieser Vorurteile 
aufklären und sie damit schließlich auch zerstreuen wird. Immer i 
stärker wächst der sehr begründete Verdacht, daß die männlichen Psycho- ? 
analytiker diese Probleme von einem übertriebenen phallozentrischen { 
Gesichtspunkt aus behandelt und den weiblichen Organen infolgedessen ; 
eine zu geringe Bedeutung zugeschrieben haben. Aber auch die Frauen ' 
haben zu der allgemeinen Mystifikation beigetragen durch ihre Geheim- 
tuerei in allen Dingen, die ihre eigenen Geschlechtsorgane betreffen, 
und das offenkundig größere Interesse an dem männlichen Glied, das sie 
zur Schau stellen. 

Den unmittelbaren Anstoß zu der Untersuchung, auf die sich die vor- 
liegende Arbeit hauptsächlich stützt, gab mir die ungewöhnliche Erfahrung, 
daß ich vor einer Reihe von Jahren gleichzeitig fünf Fälle von manifester 
weiblicher Homosexualität in Behandlung hatte. Die Analysen dieser Fälle 
gingen sehr in die Tiefe und dauerten drei bis fünf Jahre; in drei™ 
Fällen kamen sie zum Abschluß, in den beiden anderen sind sie bis 
2u einer sehr weiten Stufe durchgeführt. Unter den zahlreichen Problemen 



12 



Einest Jones 



die sie erweckten, mögen zwei als Ausgangspunkt für die vorliegenden 
Betrachtungen dienen. Sic lauten: Was ist bei der Frau das exakte 
Äquivalent für die Kastrationsangst beim Mann? Ferner: Wie unterscheidet 
sich die Entwicklung der homosexuellen von jener der heterosexuellen Frau? 
Man merkt, daß diese beiden Fragen eng zusammenhängen ; das Wort 
„Penis" deutet die Verbindung zwischen ihnen an. 

Einige klinische Tatsachen bei diesen Fällen dürften von Interesse sein, 
obgleich ich hier kein kasuistisches Material vorbringen will. Drei von 
den Patientinnen standen in den zwanziger und zwei in den dreißiger 
Jahren. Nur zwei von den fünfen hatten eine vollständig negative Ein- 
stellung zum Manne. Eine feste Regel bezüglich ihrer bewußten Einstellung 
gegenüber ihren Eltern ließ sich nicht aufstellen, es kamen alle Varianten 
vor: negative Einstellung zum Vater mit negativer oder positiver zur 
Mutter, und umgekehrt. Hingegen zeigte sich in allen fünf Fällen, daß 
die unbewußte Einstellung zu beiden Eltern eine stark ambivalente war. Bei 
allen ließ sich eine ungewöhnlich starke Kindheitsfixierung an die Mutter 
feststellen, die unzweifelhaft mit der Oralstufe zusammenhing. Sie wurde 
stets abgelöst durch eine entweder vorübergehend oder dauernd bewußte 
starke Valerfixierung. 

Unsere erste Frage läßt sich auch folgendermaßen formulieren: Wenn 
das Mädchen bereits die Kastration erlitten zu haben glaubt, welches vor- 
gestellte künftige Ereignis vermag dann bei ihm eine Angst zu erzeugen, 
die an Intensität der Kastraiionsangst gleichkommt? Als ich eine Antwort 
auf diese Frage suchte, d. h. eine Erklärung für die Tatsache, daß Frauen 
mindesten ebenso stark unter Angst zu leiden haben als Männer, kam ich 
zu dem Schluß, daß uns der Begriff „Kastration" in mancher Hinsicht an 
einer richtigen Wertung der fundamentalen Konflikte verhindert hat. Wir 
haben hier in der Tat ein Beispiel für das, was Horney als unbewußtes 
Vorurteil bezeichnet hat, indem wir an derartige Untersuchungen von 
einem zu rein männlichen Gesichtspunkt aus herangehen. In seiner licht- 
vollen Abhandlung über den Kastrationskomplex bei Frauen bemerkte 
Abraham,' es bestünde kein Grund, den Ausdruck „Kastration" auch auf 
Frauen anzuwenden, da den Penis betreffende Wünsche und Ängste bei 
beiden Geschlechtern in paralleler Weise vorkommen. Dieser Behauptung 
zustimmen, bedeutet jedoch keineswegs, daß wir die Unterschiede in den 
beiden Fällen übersehen und uns der Gefahr verschließen, etwaige 
Erkenntnisse auf den einen Fall übertragen, die uns von dem anderen 
her bereits bekannt sind. Freud hat im Zusammenhang mit den 
prägenitaien Vorläufern der Kastration (Entwöhnung und Defäkation. auf 

i) Internat. Zeilschrift für Psychoanalyse, Bd. VII, S. 425. 



Die erste Entwidtlung der weiblidien Sexualität 13 



die Stärcke und ich hingewiesen haben) sehr richtig bemerkt, daß der 
psychoanalytische Begriff der Kastration im Unterschied zum biologischen 
sich ausgesprochen auf den Penis allein bezieht (die Testikel sind nur ganz 
nebenbei mit einbegriffen). 

Der Trugschluß, den ich hier aufdecken möchte, ist nun folgender: Die 
ausschlaggebende Rolle, welche den Genitalorganen bei der männlichen 
Sexualität zukommt, verleitet uns natürlich dazu, die Kastration der 
völligen Vernichtung der Sexualität gleichzusetzen. Dieser Irrtum schleicht 
sich immer wieder in unsere Argumentation ein, trotzdem wir wissen, 
daß viele Männer die Kastration unter anderen sogar aus erotischen 
Gründen wünschen, ihre Sexualität also mit der Opferung des Penis 
durchaus nicht erlischt. Noch viel evidenter ist dies bei den Frauen der 
Fall, bei denen die ganze Penisidee stets nur eine partielle und zumeist 
sekundäre ist. Mit anderen Worten, die Prominenz der Kastration sangst 
bei Männern laßt uns zuweilen vergessen, daß die Kastration bei beiden 
Geschlechtern nur eine — wenn auch noch so wichtige — partielle 
Bedrohung der sexuellen Potenz und der sexuellen Freuden im ganzen 
bedeutet. Für die völlige Vernichtung der Sexualität sollten wir einen 
anderen Terminus einführen, etwa das griechische Wort „äipiivtatc''. 

Wenn wir die allen Neurosen zugrunde liegende Angst bis zu ihren 
Wurzeln verfolgen, so sind wir m. E. zu der Schlußfolgerung gezwungen, 
daß sie in Wirklichkeit diese Aphanisis bedeutet, die völlige und 
damit dauernde Vernichtung der sexuellen Genußfähigkeit (einschließlich 
der Gelegenheit dazu). Schließlich ist dies aach die bewußt zugestandene 
Absicht der meisten Erwachsenen den Kindern gegenüber. Ihre Einstellung 
ist absolut unnachgiebig: Kindern ist keinerlei sexuelle Befriedigung 
gestattet. Nun wissen wir, daß ein Hinausschieben auf unbegrenzte Zeit 
dem Kinde gleichbedeutend erscheint mit völliger Ablehnung. Wir können 
natürlich nicht erwarten, daß das Unbewußte mit seinem überaus kon- 
kreten Inhalt sich uns in diesen abstrakten Begriffen ausdrückt, die 
eingestandenermaßen bereits eine Deutung sind. Die größte Annäherung 
an die Idee der Aphanisis äußert sich klinisch als Kastrations- und Todes- 
gedanken (bewußte Todesfurcht und unbewußte Todeswünsche}. Ich mochte V 
zur Illustration einen Fall von Zwangsneurose bei einem jungen Mann 
anführen. Dieser hatte als sein summum bomun die Idee der sexuellen 
Befriedigung durch die Idee ästhetischer Genüsse ersetzt, und seine Kastrations- 
angst äußerte sich nun in der Angst, er könnte die Fähigkeit zu diesen 
Genüssen verlieren; dahinter steckt natürlich nur die konkrete Idee des 
Penisverlustes. 

Von diesem Standpunkt aus können wir nunmehr erkennen, daß die 



14 Emest Jones 



angeschnittene Frage falsch gestellt war. Die männliche Kastrationsangst 
kann bei der Frau ein präzises Gegenstück haben oder auch nicht, wichtiger 
aber ist. sich klar zu machen, daß diese Angst nur ein Spezialfall ist und 
beide Geschlechter letzten Endes das gleiche fürchten, nämlich die Aphanisis. 
Wie sich die beiden Geschlechter den Mechanismus denken, durch den sie 
■/.ustande kommen soll, ist in charakterischer Weise verschieden. Wenn wir 
einen Augenblick die Sphäre der Autoerotik ausschalten — aus dem 
berechtigten Grunde, daß die in ihr entstehenden KonlÜkte ihre haupt- 
sächlichste Bedeutung der folgenden alloerotischen Besetzung verdanken — 
und unsere Aufmerksamkeit ausschließlich auf die AUoerolik richten, läßt 
sich der Gedankengang des Knaben folgendermaßen rekonstruieren : „Ich 
möchte mir durch einen speziellen Akt Befriedigung verschaffen, wage ihn 
iedoch nicht zu vollziehen, aus Angst, daß er nachträglich mit Aphanisis 
bestraft würde, einer Kastration, die für mich das dauernde Erlöschen 
sexueller Genüsse bedeuten würde." — Der entsprechende Gedankengang 
des Mädchens, mit seiner passiveren Natur, ist charakteristischerweise etwas 
anders: „Ich möchte durch eine bestimmte Erfahrung Befriedigung 
gewinnen, wage aber nichts zu unternehmen, um sie zustande zu bringen, 
etwa das Verlangen nach ihr äußern und damit meinen sündigen Wunsch 
einzugestehen, weil ich fürchte, daß ein derartiges Unterfangen von Apha- 
nisis gefolgt sein würde." Natürlich ist dieser Unterschied nicht nur kein 
feststehender, sondern kann auch in allen Abstufungen vorkommen. Aktivität 
ist in beiden Fällen vorhanden, nur ist sie unverhüllter und kräftiger beim 
Manne. Das ist jedoch nicht der Hauplunterschied in der Betonung; ein 
wichtigerer ist der, daß aus naheliegenden physiologischen Gründen die 
Frau in ihrer Befriedigung von ihrem Partner viel abhängiger ist als der 
Mann von dem seinen. Pluto hatte leichteres Spiel mit Persephonc als 
Venus mit Adonis. 

Diese letzte Überlegung enthüllt uns den biologischen Grund der 
wichtigsten biologischen Unterschiede im Verhalten und in der Einstellung 
der beiden Geschlechter. Er führt unmittelbar zu einer stärkeren Ab- 
hängigkeit (nicht zu verwechseln mit Verlangen) des Weibes von der 
Bereitschaft und der moralischen Billigung des Partners, als wir sie gewöhnlich 
beim Manne finden, dessen entsprechende Empfindlichkeit sich auf einen 
anderen autoritativen Mann richtet. Das ist u. a. ein Grund für die charakteri- 
stischen Vorwürfe und d as Bedürfnis nach immer wiederholten Liebes- 
beteuerungen bei den Frauen.^Unter den wichtigen sozialen Konsequenzen, 
die sich daraus ergeben, mag die folgende erwähnt sein. Bekanntlich ist 
die Moral der Menschheit eine vorwiegend männliche Schöpfung und — 
was noch viel seltsamer ist — auch die moralischen Ideale der Frauen 



Die erste En t\yidtlung der weiblidiea Sexualität 15 

sind denen der Männer nachgebildet. Das hangt sicherlich, wie Helene 
Deutsch' zeigte, mit der Tatsache zusammen, daß sich das Über-Ich der 
Frau, gleich dem des Mannes, vorwiegend aus Reaktionen gegen den Vater 
ableitet. Eine weitere Folge, die uns zu unserem eigentlichen Thema 
zurückführt, ist die, daß der Mechanismus der Aphanisis bei den beiden 
Geschlechtern etwas verschieden ist. Während der Mann sie sich typisch erweise 
^ijJ.«^ ^1^11"^° Form der Kastration vorstellt, hat die Frau vor allem Angst 
vor dem Verlassenwerden. Dieses stellt sie sich entweder so vor, daß die 
Mutter als Rivalin zwischen sie und den Vater tritt, oder daß die Mutter 
sie auf immer fortschickt oder daß der Vater ihr einfach die ersehnte 
Befriedigung verweigert. Die tiefe Angst der meisten Frauen vor dem 
Verlassenwerden leitet sich aus der letzten Eventualität ab. 

An diesem Punkte gewährt die Analyse von Frauen tiefere Einsicht in 
die wichtige Frage nach dem Verhältnis zwischen Entbehrung und Schuld- 
gefühl, mit anderen Worten nach der Genese des Über-Ichs, als die 
Analyse von Männern. In seiner Schrift „Der Untergang des Ödipus- 
komplexes" meint Freud, dieser geschehe bei der Frau als unmittelbare 
Folge der fortgesetzten Enttäuschung (Versaguug), und wir wissen, daß bei 
der Frau ebenso wie beim Manne das Über-Ich der l^rbe dieses Kom- 
plexes wird, nur daß er sich beim Manne aus der Kastrationsangst ableitet. 
Daraus folgt, was meine analytischen Erfahrungen vollkommen bestätigen,^ 
daß die bloße Entbehrung die gleiche Bedeutung bekommt, wie absicht- 
liche Versagung .seitens der menschlichen Umgebung. Wir kommen damit 
tu der Formel: Entbehrung heißt Versagung. Es ist sogar wahr- 
scheinlich, daß — wie wir aus Freuds Bemerkungen über die Über- 
windung des weiblichen Ödipuskomplexes schließen können — die Ent- 
behrung die alleinige Ursache für die Entstehung des Schuldgefühls werden 
kann. Ein näheres Eingehen auf diesen Gegenstand würde uns zu weit in 
die Struktur des Überlchs hinein und von unserem Thema wegführen, 
ich möchte aber wenigstens eine Ansicht erwähnen, zu der ich gelangt 
bm, die unserem Thema nahesteht, nämlich, daß die Schuld, und mit ihr 
das Uber-Ich, gewissermaßen künstlich zu dem Zwecke geschaffen werden, 
um das Kmd vor dem Leid der Entbehrung; d. h/def unbefriedigten 
Libido zu schützen, und auf diese Weise die damit verbundene Furcht 
vor Aphanisis abzuwehren; das geschieht, indem es die zur Nicht befriedigung 
verurteilten Wünsche unterdrückt. Ich glaube sogar, daß die Mißbilligung 
durch die Außenwelt, der dieser ganze Vorgang zugeschrieben zu werden 

i) Helene Deutsch, Psychoanalyse der weiLIicheo SexualfunktioiKm, 1925, S. q. 
a) Teilweise in Verbindung- mit Frau Riviere. Siehe ilu-en Beilrae indem 
Iniemational Journal of Psych o-Analysis, Bd. VIIT, S. 374 f. 



!? 



f^ EmcBt Jones 



pflegte, von dem Kinde weitgehend ausgebeutet w.rd. d h^ de Nxcht- 
befLigung bedeutet ursprünglich Gefahr, dxe das ^-^ - d.e auß-e 
Welt proiiziert wie es alle seine inneren Gefahren zu tun pflegt, und dann 
^d r;:"'cHe Entgegenkommen der Außenwelt z.r St^rkun^ -- 
Gefahrgefühls und zur Errichtung von Schutzwehren ^^g^^- — ^"^.^ 
Um wieder auf das junge Mädchen zurückzukommen, so stehen wir 
vor der Aufgabe, seine verschiedenen Entwicklungsstadien von der ursprüng- 
lichen Oralstufe an zu verfolgen. Der verbreitetsten Ansicht zufolge wird 
die Mutterbrust oder die künstliche Warze später durch das Spielen des 
Fingers an der Klitoris, der größten Lustquelle, ersetzt, analog wie die 
kleinen Knaben mit dem Penis spielen. Freud meint,' daß diese ver- 
hältnismäßig unbefriedigende IJisung das Kind automatisch veranlaßt, nacü 
einem besseren äußeren Penisersatz zu suchen und auf diese Weise in die 
ödipussituation hineinführt, in welcher der Wunsch nach dem Kinde all- 
mählich den Wunsch nach dem Penis ersetzt. Meine eigenen Analysen 
sowie Melanie Klein s „Frühanalysen« weisen ferner darauf hm, dali 
daneben noch direktere Übergänge zwischen Oralstnfe und ödipnsstufe vor- 
kommen. Es scheint mir, daß die von der ersteren herstammenden Triebe 
sich frühzeitig in die Klitoris- und in die Fellatiorichtung gabeln, d. h^ 
in das Fingerspiel mit der Klitoris und in die Fellatiophantasien; das 
Verhältnis zwischen den beiden ist natürlich bei den einzelnen Fallen 
verschieden und kann von verhängnisvollen Konsequenzen für die spatere 

Enwicklung gefolgt sein. 

Wir wollen jetzt die beiden Entwicklungsrichtungen genauer verfolgen 
und ich möchte zunächst andeuten, was ich für die normalere, zur 
HeteroSexualität führende Entwicklungsweise halte. Bei dieser setzt die 
sadistische Phase spät ein, so daß weder die orale noch die KHtorisstufe 
eine starke sadistische Besetzung erfährt. Infolgedessen wird die Klitoris 

-^- T t:r:o:rrrr — -- -^- - 

rXßen dls^— chen Penis übermäßig entwickelt. D. orale Ein- 

^^L t:^ ^^ Organ. Der Anns wird im ^f.g ^^ 
Ilit der Vagina identiter^^i^mfferer^^ 

phallischoii Triebe. 



Die erste Entwidtlu ng der weiblidien SexualiliU I7 

Öffnungen vollzieht sich in einem außerordentlich unklaren Prozeß, dem 
nel)elhaftesten in der ganzen weiblichen Entwicklung; ich vermute jedoch 
daß er in einem früheren Stadium vor sich geht, als gemeinhin ange- 
nommen wird. Mit der Analstufe entwickelt sich stets eine sadistische 
Komponente von variabler Stärke, die sich in den bekannten Phantasien 
der analen Vergewaltigung äußern, die zuweilen in Phantasien von 
Geschlagenwerden übergehen. Das Ödipusverhältnis steht hier in voller 
Entwicklung und die Analphantasien sind, wie wir später zeigen werden 
bereits em Kompromiß zwischen libidinösen und Selbstbestrafungs.endenzen' 
Diese Mund-Anus-Vagina-Stufe stellt also eine Identifizierung mit der 
Mutter dar. 

Wie verhält sich inzwischen die Einstellung des Mädchens zu dem 
Pems? Mo^glicherweise ist die anfängliche Einstellung rein positiv^ und 
äußert s.ch m dem Verlangen, an ihm zu lutschen. Sehr bald und 
schembar unausbleiblich jedoch setzt der Penisneid ein. Die primären 
sozusagen autoerotischen Gründe dafür hat K a ren Hörn eyMn ihre^ 
Arbe.t über d.e Rolle des männlichen Organs bei Urinieren. Exhibitionismus 
Schaulust und Masturbation sehr gut auseinandergesetzt. Der Wunsch 
gjeich dem Manne einen Penis zu besitzen, geht jedoch non„7]e7weise in 
den Wunsc lx^uber. an seinem Penis in einem koitusähnlichen Akt durch 
^--^^^J_-- . oder_ Vagina teilzuhaben. Zahlreiche Sublimierungen-und 
Reaktionen beweisen, daß keine Frau dem Frühstadium des Penisneides 
^tgeht, aber tch stimme mit Karen Horney,. Helene Deutsch,^ 
Melanie Kleine u. a. darin vollkommen überein, daß sich der in den 
Neurosen klm.ch äußernde Penisneid nur zum geringen Teil aus dieser 
Quelle herleitet. Wir müssen umerscheiden zwischen dem, was man vielleicht 
als pra- und als post-Ödipus Penisneid bezeichnen könnte (genauer, auto- 
erotischer und alloerotischer Penisueid); der letztere ist klinisch meiner 
Überzeugung nach der wichtigere. Ebenso wie die Masturbation und andere 
autoerotische Akte ihre Hauptbedeutung der Neubelebung aus alloerotischen 
Quellen verdanken, müssen wir uns auch vorstellen, daß sich viele klinische 
Erscheinungen von der Funktion der Regression herleiten, die Freud« kürzlich 
als Verteidigungsmaßnahmen geschildert hat. Die Entbehrung, die dem 

1) Helene Deutsch berichtet Über eine interessaiite Eeobacbtimg an einem 
i3 Monate alten Mädchen, die den Penis scheinbar indifferent betrachtete und erst 
später affektive Reaktionen gegen ihn entwickelte. 
\, b) Karen Horney. Diese Zeitschrift, Bd. IX, S. ig iS. 

3) Ibid. S. 64, Ibid. S. 25—26. 

4) Helene Deutsch, op. cit. S. 16 — 18. 

5) Melanie K Z e i n, Mitteilungen in der „British Psycho-Analytical Society", 

6) Freud, Hemmung:, Symptom und Angst 1926, S. 48fF. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XlVa. ^ 



Mädchen aus der fortgesetzten Enttäuschung erwächst, daß ihr n,e erlaubt 
wird, an dem Penis ihres Vaters durch einen Koitus teilzuhaben oder von 
ihm ein Kind zu bekommen, reaktiviert ihre früheren Wünsche nach dem 
Besitz eines eigenen Penis. Entsprechend der oben aufgestellten Theorie ist 
es vor allem diese Entbehrung, die eine unerträgliche Situation schafft, weil 
sie der fundamentalen Furcht vor Aphanisis gleichkommt. Das Schuldgefühl 
und der Aufbau des Über-Ichs sind, wie gesagt, die erste und niemals 
fehlende Verteidigungs maß nähme gegen die unerträgliche Entbehrung. 
Aber dies ist eine in sich zu negative Lösung; die Libido muß sich noch 
irgendein positives Ventil schaffen. 

In dieser Situation gibt es für die Libido nur zweierlei Auswege, die 
natürlich beide versucht werden können. Das Mädchen muß sich, roh 
gesprochen, entscheiden, ob es seine erotische Neigung für den Vater oder 
seine Weiblichkeit, d. h. die anale Identifizierung mit der Mutter, opfern 
will, Entweder muß es sein Liebesobjekt gegen ein anderes vertauschen 
oder den Wunsch; beides zu behalten, ist unmöglich. Entweder muß d 

das Mädchen auf den Vater oder auf die Vagina (einschließlich der 
prägenitalen Vaginen) vei-zichten. Im ersteren Falle entwickeln sich auf 
der Stufe des Erwachsenseins weibliche Wünsche — d. h. erotischer 
diffuser Reiz (Narzißmus), eine positive vaginale Einstellung zum Koitus, 
die in Schwangerschaft und Kindbett gipfelt, — die auf leichter zugängliche 
Objekte übertragen werden. Im zweiten Fall wird die Bindung an den 
Vater beibehalten, aber die Objektbeziehung in Identifizierung umgewandelt, 
mit anderen Worten, es entwickelt sich ein Peniskomplcx. 

Im nächsten Abschnitt will ich Genaueres über die Art und Weise 
sagen, wie diese Verteidigungsidentifizierung wirkt, im Augenblick möchte 
ich jedoch vor allem den auf diese Weise hergestellten interessanten 
Parallelismus in der Lösung des Ödipuskomplexes bei beiden Geschlechtern 
betonen, auf den schon Horney' hingewiesen hat. Auch der Knabe wird 
von Aphanisis, der bekannten Kastrationsangst, bedroht, infolge der 
unausbleiblichen Versagung seiner TnzestwÜnsche. Auch er steht vor der 
Wahl entweder den Wunsch oder das Wunschobjekt zu wechseln, entweder 
auf die Mutter oder auf seine Männlichkeit, d. h. den Penis, zu verzichten. 
Wir kommen damit zu einer allgemeinen Aufstellung, die für Knaben und 
Mädchen in gleicher Weise gilt: sobald sie sich [-^-^S^ ^f' 
unvermeidlichen Versagung von Aphanisxs bedroh 
sehen, müssen sie entweder auf ihr Gesch echt oder auf 
d e n I n z e s t V e r z i c h t e n ; den heteroero.ischen und alloerot,schen Inzest, 



i) Karen Horney, op. cit. S, 64, op. cit. S. 25. 



Die erste Entwiddung der weiblichen Sexuidifät ig 



d. h. eine inzestuöse Objektbeziehung, können sie höchstens um den Preis einer 
Neurose beibehalten. In beiden Fällen besteht die einfache, aber fundamentale 
Hauptschvvierigkeit in der Vereinigung zwischen Penis und Vagina. In normalen 
Fällen wird sie ermöglicht durch die Überwindung des Ödipuskomplexes 
Wird die Inversion als Lösung versucht, so sucht das Individuum mii 
allen Mitteln diese Vereinigung .u vermeiden, weil sie mit der Furcht 
vor Aphanisis verknüpft ist. Sowohl das männliche wie das weibliche 
Indmduum identifiziert infolgedessen seine" sexuelle ' Integrität"i;;i^"dem^ 
Besit^e^rgans des anderen Geschlechts und wird von ihm pathologisch 
i^"Ä Dies äußert sich bei Knaben darin, daß sie entweder ihren 
Mund oder ihren Anus als das notwendige weibliche Organ benutzen 
(entweder gegenüber einem anderen Manne oder gegenüber einer 
männlichen Frau) oder sich statt dessen die Genitalien einer Frau zu 
eigen machen, indem sie sich mit ihr identifizieren; im letzteren Falle 
sind sie von der Frau, die das kostbare Organ bei sich trägt, vollkommen 
abhängig, fürchten sich, wenn sie nicht zugegen ist oder ihnen in irgend- 
einer Weise den Zugang zu dem Organ erschwert. Die Mädchen stehen 
vor der gleichen Alternative; sie werden entweder pathologisch abhängig >J 
von der Idee, einen eigenen Penis zu besitzen oder ungehinderten Zugang 
zu dem Penis eines Mannes zu haben, mit dem sie sich identifizieren. 
Wenn_die^_^Abhängigkeitsbedingung" (vergl. Freuds Ausdruck „Uebes- 
bedingung") nicht erfüllt ist, nähert sich das Individuum, ob Mann oder _ 
Weib, einem aphanistischen Zustand"— "populärer ausgedrückt, „es fühlt^ 
--!*, i^^.^^^"- ^' schwankt also zwischen Potenz auf der Grundlage der 
invertierten Befriedigung und Aphanisis. Einfacher gesprochen: es besitzt 
entweder ein Organ des anderen Geschlechts oder überhaupt keines — der 
Besitz eines Organs des eigenen Geschlechts kommt gar nicht in Frage. 
Wir wenden uns nun zu unserer zweiten Frage, nämlich nach dem 
Unterschied in der Entwicklung von heterosexuellen und von homo- 
sexuellen Frauen. Wir haben diesen Unterschied bei der Besprechung der 
beiden möglichen Lösungen des Ödipuskonflikts bereits angedeutet, wollen 
Ihn jetzt aber genauer verfolgen. Ks braucht wohl kaum erst gesagt zu 
werden, daß der erwähnte Unterschied zwischen denen, die ihre Objekt- 
libidoposition (den Vater), und denen, die ihre Subjektlibidoposition 
(Geschlecht) opfern, nur ein gradueller ist, der sich bis in das Gebiet der 
Homosexualität hinein verfolgen läßt. Es lassen sich hier zwei große 
Gruppen unterscheiden: l) Jene, die zwar ihr Interesse am Manne bei- 
behalten, aber von ganzem Herzen wünschen, von Männern als einer von ihnen 
genommen zu werden. Zu dieser Gruppe gehört der bekannte Frauentypus, 
der sich unaufhörlich über das traurige Los der Frauen und die ungerechte 



20 Ernest Jones 



Behandlung, die ihnen von den Männern zuteil wird, beklagt. 2) Jene, 
die geringes oder überhaupt kein Interesse am Manne nehmen und deren 
Libido sich auf Frauen konzentriert. Die Analyse zeigt uns. daß dieses 
Interesse an anderen Frauen eine vikariierende Art ist, die eigene Weib- 
lichkeit zu genießen; die anderen Frauen werden lediglich dazu benutzt, 
um diese Lust zu demonstrieren.' 

Man erkennt unschwer, daß die vorige Gruppe jener JClasse in unserer 
früheren Einteilung entspricht, die das Geschlecht des Subjekts aufgibt, 
die letztere hingegen jener, die das Objekt (den Vater) aufgibt und ihn 
durch Identifizierung ersetzt. Ich will diese summarische Behauptung der 
größeren Deutlichkeit zuliebe etwas erweitern. Die zur ersten Gruppe 
gehörigen Mädchen vertauschen ihr eigenes Geschlecht, behalten jedoch 
ihr erstes Liebesobjekt bei; aber sie ersetzen die Objektbeziehung durch 
Identifizierung und ihre Libido zielt darauf ab, vom Liebesobjekt eine 
Anerkennung dieser Identifizierung zu erreichen. Die Mädchen der zweiten 
Gruppe identifizieren sich ebenfalls mit dem Liebesobjekt, verlieren aber 
dann das weitere Interesse an ihm ; ihre Objeklbeziehung zu der anderen Frau 
ist sehr unvollkommen, da sie mit Hilfe der Identifizierung nur die eigene 
Weiblichkeit ausdrückt, welche sie stellvertretend durch einen unsichtbaren 
Mann (den in ihnen selbst verkörperten Vater) befriedigen wollen. 

Identifizierung mit dem Vater ist also allen Formen der Homosexualität 
gemeinsam, nur ist sie bei der ersten Gruppe vollkommener durchgeführt 
als bei der zweiten, die vikariierend eine gewisse Weiblichkeit zurückbehält. 
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Identifizierung die Funktion 
hat, die weiblichen Wünsche in derVerdrängung zu halten. Sie bildet die denkbar 
vollständigste Leugnung etwaiger heimlicher sündiger weiblicher Wünsche, 
denn sie behauptet: „Es ist doch ausgeschlossen, daß ich zu meiner 
Befriedigung nach dem Penis eines Mannes Verlangen tragen kann; ich 
besitze ja schon einen eigenen und jedenfalls wünsche ich mir keinen 
anderen als den meinen." Entsprechend der eingangs entwickelten Theorie, 
ist diese Haltung die sicherste Verteidigung gegen die aphanistische Gefahr 
der Entbehrung infolge Nichtbefriedigung der Inzestwünsche. Diese 
Verteidiguugsmaßnahme ist denn auch so sinnvoll erdacht, daß es nicht 

i) Der Einfachheit halber habe ich im Text eine interessante dritte Form über- 
eaneen die ich aber wenigstens nicht unerwälint lassen mochte. Manche Frauen 
verschaffen sich eine Befriedigung ihrer weibhchen Wünsche, wenn iivei Bedingungen 
erfüllt sind- i) der Penis durch ein Surrogat, etwa den Finger oder die Zunge, 
ersetzt wird, 2) der Partner, der dieses Organ benutzt, anstatt eines Mannes «ne 
Frau bt. Trot.d«m diese Fälle klinisch unter dem Bilde einer volMänd.gen Inversion 
erscheinen können, stehen sie dem Normalen dennoch zweifellos naher als die beiden 
anderen Formen. 



Die erste Entwidilung der weiblidien Sexualität 



21 



wundernehmen kann, wenn man ihre Spuren bei allen Mädchen findet, 
die durch das Ödipusstadium der Entwicklung hindurchgehen; wieviel von 
ihr später zurückbleibt, ist natürlich außerordentlich verschieden. Ichl 
möchte sogar die Ansicht zu vertreten wagen, daß Frejid bei der! 
Postulierung eines der männlichen Entwicklung entsprechenden'^^phallischen" \ 
Stadmms_ in der weiblichen Entwicklung, d. h. eines Stadiumsrin dem ■ 
sich alle Interessen scheinbar auf das männliche Organ richten bei völliger 1 
Gleichgültigkeit gegen die vaginalen oder prävaginalen Organe, eher eine 
klinische Beschreibung dessen gibt, als eine Endanalyse der talsächlichen 
LibidoeinsteUung auf dieser Stufe; denn ich halte es für wahrscheinlich, 
daß das phallische Stadium der normalen Mädchen nur eine abgeschwächte 
Form der Vater-Penis-Identifizierung bei weiblichen Homosexuellen und 
gleich dieser vornehmlich sekundär und defensiv ist.* 

Horney^ hat ^aufgezeigt, "dai3 bei Mädchen "die Beibehaltung einer 
weiblichen Einstellung und die Hinnahme der Tatsache, daß sie keinen 
eigenen Penis besitzen, häufig nicht bloß den Mut zu inzestuösen Objekt- 
wünschen bedeutet, sondern auch die Einbildung, daß ihr körperlicher 
Zustand die Folge einer einmal vom Vater ausgeübten Vergewaltigung ist, 
durch die sie kastriert wurden. Die Penisldentifizierung bedeutet also eine 
Ableugnung beider Arten von Schuld, sowohl des Wunsches, daß der 
Inzestakt in Zukunft tatsächlich stattfinden möge, wie der Wunsch- 
erfüllungsphantasie, daß er bereits in der Vergangenheit stattgefunden 
habe. Weiter weist Horney darauf hin. daß diese heterosexuelle Identi- 
fizierung den Mädchen größere Vorteile gewährt als den Knaben, weil sie 
den Schutz, den sie beiden verleiht, bei den Mädchen durch die Verstärkung 
des aus den alten prä-Üdipus-Quellen des Neides (Urinieren, Exhibi- 
tionieren, Masturbieren) abgeleiteten Narzißmus steigert, bei den Knaben 
hingegen durch den Stoß, den die Annahme der Kastration ihrem Narzißmus 
versetzt, abschwächt. 

Da nun diese Identifizierung bei jungen Mädchen als allgemeine 
Erscheinung gehen kann, müssen wir nach weiteren Gründen suchen, die 
sie bei den spateren Homosexuellen so außerordentlich und in so charak- 
teristischer Weise verstärken. Die Ergebnisse, zu denen ich in dieser 
Richtung gelangt bm, muß ich noch etwas kürzer fassen als die vorigcu. 
Der grundlegenden — und, so weit ich sehen kann, angeborenen — 
Faktoren, die nach dieser Richtung hin entscheidend wirken, gibt es 
scheinbar zwei — eine ungewöhnlich intensive Oralerotik und ein 
ungewöhnlich starker Sadismus. Beide wirken zusammen zu einer 
Verstärkung der oralsadistischen Stuf e, die ich als das 

i) Ideni, loc. cit. ' 



22 Ernest Jones 



zentrale Charakteristikum der homosexuellen Ent- 
wicklung bei Frauen ansehen möchte. 

Der Sadismus äußert sich nicht bloß in den bekannten musku- 
lären Manifestationen mit den entsprechenden Charakter- Ableitungen, 
sondern auch darin, daß er den Klitoristrieben eine besonders aktive 
(vorwärtsstoßende) Qualität verleiht, die naturgemäß den Wert jedes in 
der Einbildung erworbenen Penis steigert. Sein bezeichnendster Ausdruck 
ist jedoch der oralsadistische Trieb, dem Manne seinen Penis gewaltsam, 
durch Abbeißen, zu rauben. Wenn, wie es häufig vorkommt, das sadistische 
Temperament von einem leichten Umschlag der Liebe in Haß und den 
bekannten Ideen über Ungerechtigkeit, Groll und Rache begleitet ist, 
dann befriedigen die Beißphantasien sowohl den Wunsch nach der 
gewaltsamen Besitzergreifung eines Penis und den Trieb, sich am Manne 
zu rächen, indem man ihn kastriert. 

Die starke Entwicklung der Oralerotik äußert sich auf die zahlreichen, 
durch die Untersuchungen Abrahams' und EdwardGlovers= bekannt 
gewordenen Arten, die im Bewußtsein positiv oder negativ betont sein 
können. Eine besondere Eigentümlichkeit jedoch, auf die ich aufmerksam 
machen möchte, ist die große Bedeutung der Zunge bei diesen Fällen. 
Die Identifizierung der Zunge mit dem Penis — über die Flügel' und 
ich* ausführlich geschrieben haben — erlangt bei manchen weiblichen 
Homosexuellen einen ganz außergewöhnlichen Grad von Vollkommenheit. 
Ich habe Fälle gesehen, in denen die Zunge bei homosexuellen Akten 
einen fast restlos befriedigenden Ersatz für den Penis abgab. Unzweifelhaft 
begünstigt die hier mitspielende Mutterbrustfixierung die Homosexualität 
auf zweierlei Art. Sie macht es dem Mädchen einerseits schwerer, aus der 
Fellatioeinstellung zu der des vaginalen Koitus überzugehen und 
erleichtert es ihr andererseits, zu einer Frau als dem Objekt der Libido 

zurückzukehren. 

An diesem Punkte erkennen wir eine weitere interessante Korrelation. 
Die beiden oben genannten Faktoren, Oralerotik und Sadismus, scheinen 
sehr gut den beiden Klassen der Homosexuellen zu entsprechen. Wo die 
Oralerotik stärker entwickelt ist, gehört das Individuum wahrscheinlich zu 
der zweiten Gruppe (Interesse an Frauen); Überwiegt der Sadismus, so 
gehört es wahr sch einlich der ersten Gruppe an (I nteres se an Männern). 

i) Abraham, Diese Zeitschrift, Bd. IV. . „ t » * t ™al 

liidwariGlovcr, „Note, o„ Or.l Ch.,.c.er Fom.aUon". I„.„... Jou™.l 

°' Ir^'c.1frr.r:A No.e'o':«,e PhaUic Sig„m»„c. ot U,. To^ip.«, ..«»... 



Die erste Entwiddung der weiblidien Sexualität 23 



Noch ein Wort über die wichtigen Faktoren, welche die spätere 
Entwicklung der weiblichen Homosexualität beeinflussen. Wir haben gesagt, 
daß das Mädchen, um sich vor Aphanisis zu schützen, eine Menge Schulz- 
wehren gegen ihre Weiblichkeit errichtet, vor allem die Penisidentifizierung. 
Zu den stärksten Schutzwehren gehört ein ausgesprochenes Schuldgefühl 
und eine Verdammung aller weiblichen Wünsche; zumeist erfolgt dies 
größtenteils unbewußt. Zur Verstärkung des zum Schutze bestimmten 
Schuldgefühls entwickelt sich die Idee, daß die „Männer" (d. h. der 
Vater) den weiblichen Wünschen feindlich gegenüberstehen. Um sie also 
selber zu verdammen, muß das Mädchen sich einreden, daß alle Männer 
im Grunde ihres Herzens der Weiblichkeit ablehnend gesinnt sind. Dieser 
Idee kommt der fatale Umstand zu Hilfe, daß viele Männer in der Tat 
eine Verachtung der weiblichen Sexualität, verbunden mit einer Angst 
vor dem weiblichen Organ, bekunden. Dafür gibt es viele Gründe, auf 
die wir hier nicht einzugehen brauchen'; sie konzentrieren sich alle um 
den männlichen Kastrationskomplex. Die homosexuelle Frau jedoch greift 
gierig jede derartige Äußerung auf und vermag dadurch zuweilen ihren 
tiefen Glauben in ein vollständiges Wahnsystem zu verkehren. Selbst bei 
den milderen Formen ist es ganz gewöhnlich, daß Männer und Frauen 
die angebliche Inferiorität der Frau (in W^irklichkeit ihre Inferiorität a 1 s 
Frau) sozialen Einflüssen zuschreiben, die von den tieferen Trieben in der 
eben skizzierten Weise ausgebeutet wurden. 

Ich will mit einigen Bemerkungen über Furcht und Strafe bei den 
Frauen im allgemeinen schließen. Diese Ideen können entweder vornehm- 
lich mit der Mutter oder vornehmlich mit dem Vater verbunden sein. 
Meiner Erfahrung nach ist das erstere tj'pischer für die heterosexuellen, das 
letztere für die homosexuellen Frauen. Der erste Fall ist offenbar einfach eine 
Rache für die gegen die Mutter gerichteten Todeswünsche; die Mutter will 
die Tochter strafen, indem sie als Rivalin zwischen sie und den Vater 
tritt oder sie dauernd von ihm fernhält oder auf irgend eine andere Weise 
dafür sorgt, daß ihre Inzestwünsche unbefriedigt bleiben. Das Mädchen 
antwortet darauf, indem es teils ihre Weiblichkeit um den Preis des 
Verzichts auf den Vater beibehält, teils sich in der Phantasie eine 
Ersatzhefriedigung ihrer Inzestwünsche durch Identifizierung mit der 
Mutter schafft. 

Bezieht sich jedoch die Angst vornehmlich auf den Vater, so äußert 
sich die Strafe offenkundig darin, daß er ihr die Erfüllung ihrer Wünsche 
vorenthält, was in ihr sehr schnell in die Idee übergeht, daß er diese 
Wünsche mißbilligt. Abgewiesen- und Verlassenwerden sind die gewöhn- 
lichen bewußten Ausdrucke dieser Strafe. Wenn die Versagung auf der 



24 Ernest Jones 



► 



oralen Stufe erfolgt, erzeugt sie als Antwort Groll- und Kastrations- (Beiß-) 
Phantasien. Findet sie auf der späteren analen Stufe statt, so ist das Ergebnis 
etwas günstiger. Denn dann vermag das Mädchen ihre erotischen Wünsche 
mit der Idee einer einmaligen Bestrafung zu kombinieren, nämlich der anal- 
vaginalen Notzucht; die bekannten Phantasien des Geschlagenwerdens leiten 
sich ebenfalls von dieser ab. Wie ich schon sagte, ist dies einer der Wege, 
wie der Inzest die gleiche Geltung bekommt wie die Kastration; die Penis- 
phantasie ist ein Schutz gegen beide. 

Fassen wir nunmehr unsere wichtigsten Ergebnisse 
zusammen. Aus ungleichen Gründen zeigen Mädchen wie Knaben 
gleichermaßen die Neigung, die Sexualität lediglich vom Penis aus anzusehen, 
daher muß der Analytiker nach dieser Richtung hin skeptisch sein. Der 
Ausdruck „Kastration" sollte, wie Freud betont hat, für den Penis reser- 
viert und nicht mit der „Vernichtung der Sexualität" durcheinandergebracht 
werden, für die die Bezeichnung „Aphanisis" vorgesctilagen wird. Die 
Nichtbe friedigung der sexuellen Wünsche erzeugt in dem Kinde die Angst 
vor Aphanisis, d, h. sie wird ihm gleichbedeutend mit der Furcht 
vor Versagung. Das Schuldgefühl erwächst mehr von innen heraus als 
Schutzwehr gegen eine solche Situation, als daß es dem Kinde von außen 
aufgezwungen wird, wenngleich das Kind sonst jedes moralische Entgegen- 
kommen der Außenwelt ausbeutet. 

Das oralerotische Stadium geht bei den jungen Mädchen unmittelbar 
in die Fellatio- und Klitorisstufe über, die erstere weiterhin in die anal- 
erotische Stufe; Mund, Anus und Vagina bilden so eine äquivalente Reihe 
des weiblichen Organs. Die Verdrängung der Inzestwünsche bewirkt eine 
Regression auf die prä-Ödipusstufe oder den autoerotischen Penisneid als 
Schutz gegen diese Wünsche. Der Penisneid, den wir klinisch antreffen, 
leitet sich vornehmlich von dieser all o-eroti sehen Reaktion ab ; die 
Identifizierung mit dem Vater bedeutet vor allem eine Verleugnung 
der Weiblichkeit. Freuds „phallisches Stadium" bei Mädchen ist wahr- 
scheinlich mehr eine sekundäre Schutzkonstruktion als ein wirkliches 
Entw icklungsstadium . 

Um Neurosen zu entgehen, müssen Knaben und Mädchen den Ödipus- 
komplex auf die gleiche Weise überwinden, nämlich entweder auf ihr 
Liebesobjekt oder auf ihr eigenes Geschlecht verzichten. Bei der zweiten, 
der homosexuellen Lösung, werden sie von dem eingebildeten Besitz des 
Organs des anderen Geschlechtes abhängig, entweder indem sie es selbst 
zu besitzen glauben oder durch Identifizierung mit einer Person des 
anderen Geschlechtes. Auf diese Weise entwickeln sich die beiden 
wichtigsten Formen der Homosexualität. 



Die erste Entwitklung der weiblidicn Sexualität 25 

Die Faktoren, die in erster Linie darüber entscheiden, ob sich die 
Vateridentifizierung bei einem Mädchen so stark entwickelt, daß sie zu 
einer klinischen Inversion wird, sind vor allem intensive Oralerotik 
und starker Sadismus, die sich in der oralsadistischen Stufe in typischer 
Weise kombinieren. Überwiegt der erste Faktor, so nimmt die Inversion 
die Form der Abhängigkeit von anderen Frauen an und das Interesse 
an Männern fehlt vollständig; das Subjekt ist männlich, genießt aber 
auch seine Weiblichkeit durch Identifizierung mit einer weiblichen Frau, 
die es durch einen Penisersatz, am häufigsten die Zunge, befriedigt. 
Überwiegen des zweiten Faktors führt zu Interesse an Männer, wobei der 
Wunsch besteht, von ihnen die Anerkennung der eigenen männlichen 
Attribute zu erringen; dieser Typus zeigt zumeist ein Ressentiment gegen 
Männer mit auf sie bezuglichen Kastrations- (Beiß-) Phantasien. 

Die heterosexuelle Frau fürchtet die Mutter mehr als die homosexuelle 
Frau, deren Furcht sich auf die Person des Vaters konzentriert. Die Strafe, 
welche die letztere befürchtet, ist Abweisung (VerJassenwerden) auf der 
oralen und Geschlagen werden (rektale Notzucht) auf der analen Stufe. 



Der neurotisdie Charakter 

Seine Stellung in der Psydiopathologic und in der Literatur 

Vortrag auf dem X, Intemaiionalen Psychoanalytischen Kongreß zu Innshruok 

am T, Sepleinber I<f2J 

Von 

Franz Alexander 

Berlin 

Meine Damen und Herren I Die in der letzten Zeit öfters betonte 
Bestrebung in der Psychoanalyse, die Gesamtpersönlichkeit des Kranken zu 
erfassen, ist geradezu eine Grundbedingung jedes Verstehens und jeder 
therapeutischen Bemühung bei jener Gruppe von pathologischen Persön- 
lichkeiten, bei denen das Krankhafte sich nicht in umschriebenen Symptomen 
fy% äußert, sondern die in Ihrer gesamten Lebensführung in typischer Weise 

von der Norm abweichen. Im Gegensatz zu den echten Neurotikern sind 
diese Kranken Menschen der Tat, ihr Leben verläuft im Gegensatz zu den 
meistens so inaktiven Neurotikern dramatisch. Eines der charakteristischen 
Grundmerkmale der Neurosen, die autoplastisclie Art der Triebbefriedigung, 
fehlt ihnen häufig vollständig. Das, was wir seit Freuds Formulierung 
als einen Wesenszug der Neurose betracliten, daß ein ichfremder Trieb- 
anspruch nur eine Ersatzbefriedigung in der Form des Symptomes erhält, 
gilt für diese Gruppe von Menschen ganz und gar nicht. Diese handeln^ 
leben ihre Triebe aus, auch die ichfremden, asozialen Tendenzen, und 
trotzdem sind sie nicht wirkliche Kriminelle. Gerade weil ein Teil ihrer 
Persönlichkeit dieses triebhafte Ausleben verurteilt, wenn er es auch nicht 
beherrschen kann, unterscheidet sie von der mehr homogenen, ein- 
deutig asozialen Persönlichkeit der Kriminellen. Merkwürdige, gegen sich 
selbst gerichtete Handlungen, ein irrational erscheinender Selbsizerstörungs- 
drang zeugt nur zu klar für das Vorhandensein der inneren Selbst- 
verurteilung. Das andere Charakteristikum der Neurose, der seelische 
r^ \ Konflikt, und zwar ein unbewußter Konflikt zwischen zwei heterogenen 

Teilen der Persönlichkeit, ist "also bei dieser Gruppe deutlich vorhanden. 



Der neurotisdie Charakter 



27 



,' Und gerade dieses Merkmal, die Spaltung in der Persönlichkeit in einen 
^ triebhaft handelnden und in einen darauf moralisch, sogar übermoralisch, 
(^ weil nicht nur selbst einschränkend, sondern selbslschädigend reagierenden 
^ Teil, erlaubt uns, diesen Menschentyp als krank anzusehen. 

Es ist gerade das Verdienst der Psychoanalyse, daß wir heute selbst 
dem manchmal kraß asozialen Verhalten solcher Menschen an Stelle der 
bis jetzt üblichen wertenden, A. h. verurteilenden Einstellung mit einem 
ähnlichen medizinischen Verständnis begegnen können, wie dem 
neurotischen oder gar dem organischen S3'mptom. Dieses Verhalten, weil 
seine Motive unbewußt, also solche sind, zu denen die bewußte Persön- 
lichkeit keinen Zugang hat, erduldet der Kranke im Prinzip ebenso, wie 
der Neurotische oder der organisch Kranke seine Symptome, Schönes 
Zureden, Ermunterungen oder Strafen seitens der Umgebung nützen ebenso- 
wenig, wie der selbst gefaßte Vorsatz, morgen ein neues Leben zu 
beginnen, nützen also ebensowenig, wie etwa der Vorsatz eines 
Kranken nützen würde, durch Willensanstrengung seinen Diabetes zu 
überwinden, Die Unmöglichkeit, das neurotische Agieren, selbst wenn es 
innerlich verurteilt wird, durch bewußte Willensanstrengung zu 
überwinden, ist das Gemeinsame, das es mit den körperlichen und 
neurotischen Erkrankungen verbindet. Allerdings ist der Weg von dem 
organischen Symptom zum asozialen oder oft sogar nur zum irrationalen 
Verhalten im Leben so lang, daß es ohne weiteres erklärlich ist, wenn 
Psychoanalyse und Medizin noch nicht zu einer Einheit verschmolzen 
sind. Es ist auch nicht verwunderlich, wenn diese Art Menschen, deren 
wissenschaftliche Erforschung selbst in der Psychoanalyse neuer ist als die 
der Neurotischen, nicht von vornherein als Kranke angesehen, sondern 
je nach ihrem Alter eher dem Wirkungskreis des Erziehers oder des 
Richters überlassen werden, als dem des Arztes. Wir sind ja gewöhnt, die 
Krankheit als etwas von dem bewußten Willen des Menschen Unabhängiges 
zu betrachten, als eine vis maior, die der kranke Mensch erdulden 
muß. Andererseits waren wir auch gewöhnt, für das Handeln eines 
Menschen, abgesehen von den im Paragraph gi des deutschen Strafgesetz- 
buches vorgesehenen Fällen, — wenn Menschen in bewußtlosem Zustand 
handeln, — seine bewußte Persönlichkeit verantwortlich zu machen. Man 
kann schwer jemanden für ein idcus ventriculi verantwortlich machen, 
leichter — wie die Kriegserfahrung zeigt — für ein hysterisches Symptom, 
noch leichter aber dafür, daß man leichtsinnig ist, sein Geld verspielt 
und in keiner ernsten Arbeit ausharren kann. Um gewisse Menschen der 
letzteren Sorte auch als krank zu bezeichnen, muß wohl der Begriff der 
Krankheit mächtig ausgedehnt und begrifflich neu bestimmt werden. Es 



x; 



V 



^ 






Tl 



28 Franz Alexander 



ist dabei leider unvermeidlich, daß so der organisch Erkrankte in eine 
schlechte Gesellschaft gerät. 

Von dem strukturell-dynamischen Gesichtspunkte aus gesehen, steht solch 
eine unbewußt bedingte irrationale Lebensführung jenen Zwangshandlungen 
am nahesten, bei denen der Zwangsimpuls nicht mehr in der Form einer 
vollständig unsinnigen Symbolhandlung erscheint, sondern den Anschein 
einer realen Handlung annimmt, also z, B. den kleptomanen Handlungen, 
wobei das Stehlen aber einen subjektiven s^-mbolischen Sinn liai und nicht 
für den rationellen Zweck der Bereicherung — wie es scheint — ausgeführt 
wird. Ein der bewußten Persönlichkeit fremder Impuls erscheint bei der 
Zwangsneurose wie ein Fremdkörper im Bewußtsein und kann in den 
Grenzfällen, wie es die Kleptomanie ist, sogar zur Motilitiit gelangen. Bei 
den Fällen, die ich heute behandeln werde, kommen die verdrängten 
Tendenzen, wenn auch meistens in einer modifizierten Form, immer zui 
Ausführung, sie überfluten das Ich aber in einer viel diffuseren Weise, 
als es vereinzelte Zwangshandlungen tun und beeinflussen das gesamte 
Handeln, beherrschen das Ich manchmal soweitgehend, daß ein bewußter 
Konflikt und so auch die Krankheitseinsicht vollständig fehlen kann. Aber 
ein unbewußter Konflikt, eine unbewußte Ablehnung, kommt in der nie 
fehlenden selbstschädigenden Tendenz eindeutig zum Ausdruck, Wenn 
diese unbewußte moralische Reaktion fehlt, dann sprechen wir auch nicht 
mehr von neurotischen Menschen, sondern von Kriminellen oder von 
anderen Abarten. 

Die große forensische Bedeutung dieser Fälle ist ohne weiteres klar. 
Ein großer Teil solcher neurotisch agierenden Menschen, von unbewußten 
Motiven zum Verbrechen oder zum Bestraf twerden getrieben, kommt 
früher oder später in Widerspruch mit den bestehenden Gesetzen. Ihre 
eindeutige Abgrenzung von den echten Kriminellen, für die sie fast 
immer in der heutigen Rechtsprechung gehalten werden, ist eine der 
großen Aufgaben der Psychoanalyse, die sie praktisch erst dann wird 
erfüllen können, wenn sie den Weg über den amtlichen Gerichts- 
sachverständigen zum Gerichtssaal gefunden haben wird. Um für 
diese neurotischen Verbrecher eine andere juristische Beurteilung zu 
erwirken wie für den gewöhnlichen, muß die Frage der Verantwortlichkeit, 
die bis heute ohne die Anerkennung der unbewußten Motive behandelt 
wurde und folglich zu einem unbrauchbaren Paragraphen, der eigentlich 
nur den Epileptiker berücksichtigt, geführt hat, auf neuen Grundlagen 
erörtert werden. Erst dann wird die Gesetzgebung mit einem weiteren 
Schritt von dem Geist der Hexenprozesse sich entfernen, an die manche 
moderne Prozeßverhandlungen erinnern, wenn dem aas unbewußten Motiven 



I 



Der neurotisdie Charakter 29 



handelnden Verbrecher im Trommelfeuer der Kreuzfragen vom Richter und 
Staatsanwalt bewußte Motive unterschoben werden. 

Ich habe vor Jahren den Versuch gemacht, diese Gruppe von patho- 
logischen Charakteren nosologisch abzugrenzen. Ich habe vorgeschlagen, 
sie, der Ausdrucksweise Freuds folgend, der einige typische Fälle in 
seiner Arbeit „Einige Charaktertj'pen aus der psychoanaljtischen Arbeit" 
beschrieben hat, neurotische Charaktere zu nennen. Mit dieser Bezeichnung 
soll ausgedrückt werden, daß bei diesen Menschen das Neurotische nicht 
hauptsächlich in abgegrenzten Symptomen zum Ausdruck kommt, sondern 
mehr in den Charakter übergeht, d. h. die gesamte Lebensführung, das 
Handeln der Kranken beeinflußt. Die Tragödien, die hinter der thea- 
tralischen Aufführung einer Hysterika stecken, die Grausamkeiten und die 
darauf folgende Reue, die die läppischen Symbolhandlungen des Zwangs- 
neurotischen, wenn man sie überselzt, in einen oft phantastischen Kriminal- 
roman verwandeln, werden bei dem neurotischen Charakter realisiert. Ihnen 
gelingt es, die Phantasiewelt zu verwirklichen, wenn sie auch in den 
meisten Fallen daran zugrunde gehen müssen. 

Wenn ich diese Gruppe von Menschen heute wieder zum Gegenstand 
einer Untersuchung mache, so tue ich das nicht nur wegen ihrer bereits 
erwähnten forensischen Bedeutung, sondern noch aus zwei anderen Gründen. 
Der erste betrifft einen rein praktischen Gesichtspunkt der psychoana- 
lytischen Therapie: ein großer Teil unserer Patienten gehört in diese 
Gruppe. Die zweite Veranlassung zu diesem Thema gab mir mein Ein- 
druck, der ganz im Einklang mit der von Glover in seiner anregenden 
Arbeit „Einige Probleme der psychoanalytischen Charakterologie" geäußerten 
Ansicht steht, nämlich, daß die nosologische Abgrenzung dieser Fälle trotz 
der wertvollen Beiträge, die dieses Gebiet behandeln, noch nicht eindeutig 
geklärt ist. 

Meine erste Behauptung über die Häufigkeit dieses Menschentyps wird 
sich während der klinischen Schilderung dieser Gruppe bestätigen, und so 
möchte ich zunächst mit einigen Worten auf den zweiten Grund 
eingehen. 

Als ich den Vorschlag gemacht hatte. Menschen, deren Schicksal einen 
typischen, durch neurotische, also durch ichfremde und unbewußte Motive 
bestimmten Ablauf nimmt, von den Symptom neurosen zu unterscheiden, 
so tat ich das unter dem Eindruck sowohl der von Freud geschilderten 
neurotischen Charaktertypen me auch jener meisterhaften Formulierung 
in „Jenseits des Lustprinzips" über die unbewußten Grundlagen der 
neurotischen SchicksalsgestaUungen, die ich in meiner therapeutischen 
Tätigkeit öfters wieder zu erkennen die Gelegenheit gehabt hatte. Seitdem 



30 Fi-anz Alexander 



sind wertvolle Beiträge über dieses Gebiel erschienen, wie A ich hörn s 
Buch über die verwahrloste Jugend, aus dem wir jene sozialen und 
psychologischen Verhältnisse kennen lernen, unter denen ein großer Teil 
solcher Charaktere entsteht. Abraham lieferte uns die musterhafte 
Darstellung eines klassischen Falles, eines Hochstaplers. Aber nur Reich 
versucht es, in seinem Buch „Der triebhafte Charakter" eine nosologische 
Abgrenzung zu geben. Er geht in Übereinstimmung mit mir von der von 
Freud nahegelegten Formulierung aus, daß in diesen Fällen an Stelle 
der auloplastischen Symptombildung alloplastisches neurotisches Agieren 
tritt. Nur faßt Reich den Begriff des neurotischen Agierens in einem 
anderen, viel allgemeineren Sinn auf, als Freud im „Jenseits des Lust- 
prinzips". In seinen Krankengeschichten sehen wir mehr isolierte und 
unsublimierte Triebhandlungen, wie z. B. merkwürdige Abarten der 
Masturbation. Ich meine aber, daß gerade solche unsublimierte Trieb- 
äußerungen geeignet sind, die Entwicklung eines bewegten neurotischen 
Schicksals zu verhindern. Wenn die realitätswidrigen Tendenzen in 
Masturbation abgeführt werden können, oder wenn ein Krankor sein Straf- 
bedürfnis in besonders raasochistisch gefärbten Masturbationspraktiken los 
werden kann, wie die eine Patientin Reichs, so wird dadurch die 
Spannung solcher Tendenzen aufgehoben und ihre schicksalshildende Kraft 
geht verloren. Ein Agieren wie die Masturbation ist viel auto- 
plastischer als das neurotische Agieren im Leben, steht dem neurotischen 
Symptom in dieser Hinsicht näher, ist für die Umgebung ebenso indifferent 
wie das Symptom: es ist eine private Angelegenheit des Kranken. Aber 
gerade die Einbeziehung der Umgebung in die Triebbefriedigungen ist, 
wie Glover es richtig hervorhebt, ein besonders tj'pisches Merkmal der 
von mir gemeinten Gruppe. Exzessive Masturbation ist z. B. bei den 
Zwangsneurotischen so häufig, für die gerade die Neutralität nach außen 
besonders bezeichnend ist. Reichs Krankengeschichten bieten ein buntes 
Bild von neurotischen und psychotischen Symptomen, von Perversionen, 
wie er selbst sagt, eine groteske Symptomatologie. Die Krankengeschichte 
eines neurotischen Charakters gleicht aber vielmehr einem bewegten 
Roman, das Dramatische im Leben ist gerade das Charakteristische für 
sie. Ich will nicht bezweifeln, daß einzelne isolierte unsublimierte Trieb- 
äußerungen bei manchen Neurotikern eine größere Rolle spielen als bei 
anderen, und daß es vielleicht auch möglich ist, von diesem Gesichts- 
punkte aus gewisse Fälle abzugrenzen. Mir ist allerdings die prinzipielle 
Zusammengehörigkeit von Reichs Fällen nicht ganz klar geworden; 
jedenfalls handelt es sich aber um einen anderen Menschentyp als den, 
den Freud im „Jenseits des Lustprinzips" gemeint hatte. Reichs Fälle 



Der neurotisdie Charakter 31 



sind anders geartet als es der „Verbrecher aus Schuldgefühl" ist oder der 
Mensch, der schicksalsmäßig an Erfolgen scheitern muß, und folglich auch 
anders geartet als es der Typ, den ich heute klinisch umgrenzen möchte. 
Ich glaube, wenn G 1 o v e r das Widerspruchsvolle in unseren beiden 
Auffassungen sieht, so rührt das daher, fdafl Reich seine ganz anders 
gearteten Fälle „triebhafte Charaktere" nannte, ein Ausdruck, den ich in 
meinen ersten Formulierungen als Synonym zum neurotischen Charakter 
benützt habe. 

Ich werde heute versuchen, in groben Zügen und ohne in strukturelle 
Feinheiten einzudringen, von dieser Gruppe ein einheitliches klinisches 
Bild zu entwerfen, um damit hauptsachlich die Grundlagen einer eindeutigen 
Diagnose zu geben. In theoretischer Hinsicht werde ich mich nur auf die 
allerwichtigsten dynamischen und strukturellen Verhältnisse beschränken. 
Ich bitte Sie, Ihre Aufmerksamkeit diesmal für solch eine grobklinische 
Untersuchung in Anspruch nehmen zu dürfen, für eine Untersuchung, die 
darauf verzichten wird, sich in die feine Detailanalyse von unbewußten 
psychologischen Inhalten zu vertiefen. 

Wer sind also diese neurotischen Charaktere? Ich meine jene Fälle von 
symptomlosen Neurosen, die der psychoanalytisch geschulte Blick ohne 
Zweifel als neurotisch erkennt, ohne sie in irgend eine bekannte noso- 
logische Gruppe einreihen zu können. Menschen, die nicht einmal auf- 
fallend jene verbreiteten Eigenheiten zeigen, die wir zwangsneurotische 
Charaktere zu nennen pflegen, und die sich so häufig bei näherer Betrach- 
tung als echte Zwangsneurosen mit vorhandenen, aber irgendwie verhüllten 
oder gut rationalisierten Symptomen entpuppen. Ich meine also nicht jene 
Menschen, die ihre Zwangsimpulse hinter religiösen Zeremonien oder 
hinter dem äußerUchen Zwang eines bureaukratischen Beamtendaseins so gut 
ausleben können und deshalb nicht eigene auffallende Symptome zu bilden 
brauchen. Sicherlich stellt diese Gruppe bereits einen Übergang zu der von 
mir gemeinten dar, aber die klassischen Fälle sind doch nicht diese. Diesen 
mehr neurotischen Typen gelingt es häufig, sowohl die ichfremden Im- 
pulse, wie auch das Sti-afbedürfnis mehr oder weniger von dem gesamten 
Lebensschicksal zu isolieren und auf eine harmlosere Weise auf ein 
bestimmtes Gebiet zu beschränken. Ich meine aber die Menschen, die ein 
dramatisches Schicksal haben, mit denen immer etwas geschieht, wozu sie 
nach Freuds Ausdruck wie von einem dämonischen Zivang getrieben 
werden. Menschen, deren Schicksal sich genau so deuten läßt, wie ein 
neurotisches Sjinptom, ein Schicksal, dessen Wendungen, wenn auch ihre 
äußere Form oft wechselt, immer denselben Sinn hat, der Ausdruck des- 
selben unbewußten Konfliktes ist. Hierher gehören die Abenteurer, hinter 



32 



]''ranz Alexander 



deren Handlungen immer diesell^e zähe Aunehnung gegen die Autorität 
des Staates und der Gesetze steckt, und denen es immer gelingt, ungerecht, 
wenigstens subjektiv ungerecht, bestraft zu werden und so den Vater 

Staat in Unrecht zu setzen. ^ . u, 

EiB Vertreter dieser Gruppe - dessen Kenntnis ich semem Genchts- 
verteidiger. Herrn Rechtsanwalt Staub verdanke, den ich bei dieser Ver- 
teidigung beraten habe - besitzt z. B. kein medizinisches Diplom, 
erlernt aber die Chirurgie glänzend und wird als Assistenzarzt an einer 
chirurgischen Klinik angestellt. Er operiert, schreibt wissenschaftliche 
Arbeiten, bis seine Fälschung herauskommt und er angeklagt wird. Nie 
kann ein neurotischer Symptommechanismus jenes Gefühl der Genugtuung 
gewähren, das dieser diplomlose, doch im Wissen bedeutende Arzt in dem 
Moment empfindet, wenn er wälirend der Gerichtsverhandlungen von der 
treuen Patientin konsultiert wird, die weiter darauf besteht, von ihm 
operiert zu werden. Und denselben Sinn hat die Schicksals Wendung, als er 
wegen Diebstahls von wissenschaftlichen Büchern und von Teilen eines 
Mikroskops — lauter Dinge, die er sich auf ehrlichem Wege verschaffen 
hätte können — verhaftet wird. Er hat im Interesse der wissenschaftlichen 
Forschung gestohlen und wird dafür verhaftet. Triumphierend kann er 
fühlen: „Armseliges Strafsyslem, bei dem so etwas geschehen kann. Aller- 
dings gelang ihm dieser Triumph nicht so leicht. Als ein Bücherdiebstahl 
durch absichtliche Ungeschicklichkeiten herauskam, woUte ihn der Kriminal- 
beamte laufen lassen. Er gestand aber, ohne darüber befragt zu werden, 
den noch nicht entdeckten Mikroskopdiebstahl, und so mußte er doch 
verhaftet werden. Aber im allgemeinen hat es diese An der neurotischen 
Delinquenten leicht. Die Hüter der Gesetze, den ärztlichen Sachverständigen 
eingerechnet, fallen auf ihre unbewußten Provokationen nur zu leicht herein. 
Ein anderer Hochstapler, aus dem Judenviertel einer Großstadt stammend, 
schien sich zum Lebenszwecke gemacht zu haben, eine andere Autorität. 
und zwar die Kirche, ad absurdum zu führen. Er ließ sich taufen, wurde 
katholischer Geistlicher und kompromittierte sich, aber auch die Kirche 
durch eine Reihe von grotesken SkandalafTiren. Seinen Hauptspaß hatte 
er daran, wenn er mit der größten Frivolität auf den denkbar weltlichsten 
Plätzen, wie in einem Spielsaal oder in einem von Prostituierten besuchten 
Nachtlokal, seine priesterliche Würde vor neuen Bekannten kundgeben 
konnte. Schließlich gelang es ihm, nachdem er sich in der eigenen 
Heimat und bei seiner Religionsgemeinde unmöglich machte, in emem 
fremden Lande bei einer verwandten Religionsgemeiude zur hohen kirch- 
lichen Würde zu gelangen. Wann und wie er diesmal seine Gemeinde ent- 
täuschen wird, verbirgt noch die Zukunft. 



Der neurotisdie Charakter 



33 



Der Zwangsneurotische, unter dem Drucke vielleicht desselben Quantums 
verdrängten Vaterhasses, muß sich zur Entlastung dieser Affekte mit 
Phantasien oder gar mit einer sinnlosen Zwangsbewegung begnügen, während 
es diesem Abenteurer-Priester gelingt, eine der größten Wellmächte, die 
katholische Kirche, seine Überlegenheit spüren zu lassen. Aber auch seine 
Freude ist nicht ungestört. Immer, wenn er die Autorität triift, trifft er 
sich selber auch. Er spielt in jedem Augenblick mit seiner eigenen 
Reputation, aber scheut diese nie zu opfern, wenn er damit nur die Vater- 
imago schädigen kann. 

Natürlich sind in unserer antiindividualistischen Zeit solche moderne 
Casanovas, die sich über Staat, Kirche und alle Machthaber auf solche 
dramatische Weise lustig machen, nicht mehr sehr häufig. Sie würden 
auch anachronistisch wirken. Sie passen in die Bleikammern des Dogen- 
palastes eher hinein als in unsere farblosen Staatsgefängnisse. Und ebenso 
wie die Staatsgefängnisse von heute prosaischer geworden sind, ist auch 
der moderne neurotische Charakter des Abenteurertypus farbloser geworden. 
Heute ist er theoretischer Politiker und ist in einer politischen Partei 
organisiert. Oder noch häufiger erscheint er auf dem Wirtschaftsgebiet, als 
Industrieritter, als rücksichtsloser Verdiener, der aber gleichzeitig von dem- 
selben Selbstzerstörungsdrang getrieben wird, wie sein mehr heroischer 
Vorgänger. Der so häufige Wechsel von finanziellem Aufstieg und 
Zusammenbruch, der für diese Menschen charakteristisch ist, ist der Aus- 
druck der nebeneinander wirkenden aggressiven und selbslzerstörenden 
Tendenzen. Ich habe Gelegenheit gehabt, während einer langjährigen 
Analyse eine solche von unbewußten Tendenzen bestimmte Wellen- 
bewegung, die dem manisch-depressiven Mechanismus gehorchte, bei einem 
neurotischen Charakter zu beobachten, Erst tüchtige Verluste brachten ihm 
jene Stimmung der manischen Befreiung, die zum erfolgreichen Aufstieg 
wieder nötig war. 

Häufiger und dem Psychoanalytiker vielleicht besser bekannt sind jene 
neurotischen Charaktere, die, abweichend von den bisher geschilderten 
Typen, vornehmlich auf dem Gebiete des Liebeslebens neurotisch agieren. 
Ich würde aber davor warnen, etwa zwei scharf getrennte Gruppen auf- 
zustellen und neurotische Charaktere auf dem Gebiete des sozialen Lebens 
von jenen, deren Triebhaftigkeit hauptsächlich in den Liebesbeziehungen 
zum Ausdruck kommt, abzugrenzen. Ich habe vielmehr den Eindruck 
bekommen, daß das neurotische Verhalten auf dem einen Gebiet meistens 
mit Störungen auf dem anderen Gebiet zusammenhängt. Es ist aber nicht 
zu leugnen, daß in manchen Fällen das soziale Wirken, in anderen das 
Liebesleben in den manifesten Äußerungen im Vordergrund steht. Die 

Int. Zeltschr. f. Psychoanalyse, XIV/i. _ 



I 



typischen Vertreter dieser Gruppe möchte ich Ihnen nicht näher schildern. 
Dem Psychoanalytiker sind ja die Don -Juan -Typen, die nie erreichbaren 
Idealen nachjagen, ebensogut bekannt, wie jene masochistisch gefärbten 
Hörigen, die ihr Strafbedürfnis nicht in einer abgekapselten masochislischen 
Perversion ausleben, sondern in ihre Liebesschicksale in einer diffuseren 
Form hineinverweben. Einer Frau sich opfern und treu zu dienen, ist für 
diese eine Liebes- und Potenzbedingung, wie für den Masochisten die 
greifbareren Formen der Bestrafung. 

Komplizierter sind die vielleicht selteneren Fälle, die gleichzeitig an 
zwei Frauen gebunden sind und zwischen den beiden nicht wählen 
können. Mit einigen Woiten möchte ich auf die Struktur eines solchen 
Falles eingehen, weil er besonders deutlich den angedeuteten intimen 
Zusammenhang zwischen dem Verhahen im Beruf und im Liebesleben 

zeigt. 

Ich fand eine Spaltung im Trieblebcn vor, wie wir sie ähidich in den Zwangs- 
neurosen kennen, ein gleichzeitiges Vorhandensein von stark passiv-femininen An- 
sprüchen lind von aggressiven, ansgesp rochen männlichen Bestrebimgen, Die passiven 
Tendenzen waren stark verdrängt, an Stelle der passiven Homosexualität ist durch 
das wohlbekannte regressive Ausweichen die sUrk oral gefärbte Fixierung an die 
Ehefrau getreten, die ganz die Rolle der Mutter übernehmen mußte. Aber in dieser 
oralen Fixierung war auch die gesamte Homosexualität untergebracht. Als Reaktion 
auf die infantil-femininen Bestrebungen sali man die übermaOig betonte drauf- 
gängerische männliche Aggressivität. Diese Gegensätzlichkeit in seiner Persoidichkeit 
war durchgängig. Ein energischer, fast rücksiclitsloser Mensch im Kerufsleben, 
immer die Unabhängigkeit, die Führerrolle anstrebend, ist er gleichieitig Natur- 
schwürmer, in der Musik dilettierend, mit einem sentimentalen Hang an 
das Schöne und Formvollendete. Geradezu liellseheristli stellt er sich selber in einem 
Traume ds ein Biesenautomobii init unsahligen P. S. dar, dem aber als Karosserie eine 
Uichte französische Kutsche der Rokohozeit dienl. 

Zwischen den beiden entgegengesetzten Grundtendenzen seiner Persönhchkeit 
schwankt er ewig, die beiden Richtungen beeinflussen sich gegenseitig. Sein Lebens- 
problem besteht darin, die passiven Bedürfnisse, ohne sein männliches Ideal zu ver- 
letzen, ausleben zu können. In seinem kaufmännischen Beruf aktiv, Vcrantwortmig 
suchend, jede Schwierigkeit mutwillig auf sich ladend, darf er zu Hause die vollständige 
Verantwortimgslosigkeit in einer kindischen Anlehnung an seine Frau beanspruchen. So 
klingt auch seine Lebensphilosophie : „Bei dieser berufliclien Beanspruchung muß ich eine 
Frau haben, die vollständig auf mich eingeht," Seine Gedanken muß seine Frau ablesen, 
er empfindet es schon als größte Unbill, wenn er einen Wunsch äußern muß. Aber 
im Beruf betreibt er fast sportmäßig die Überwindung von Schwierigkeiten. Auch 
diesbezüglich verrät ein einfacher Traum seine Natur ain klarsten. Er durchsticht wU 
einer Nadel einen dicken Pappendeckel und v.rlwigt immer und immer neue Schichten. Es 
gelingt ihm mich, ganz dicke Schichto, durchzubohren. So ist er tatsächlich im Ben.f, imd 
dieser Traum zeigt am klarsten, daß seine Berufstätigkeit der Sublnmerung der 
aggressiv gefärbten aktiven Sexualhestrehimgen entspricht. Die Männhchkeit .st eine 
Prestigefrage für ihn. Befriedigt er die mannliche Seite seiner Persönlichkeit 



Der neuro tisdie Charakier 



35 



genügend, dann darf er sich auf der anderen Seile feminin-infantil ausleben. Anderer- 
seits treibt ihn jede feminine Befriedigimg, seinen mäiinlichen Narzißmus verletzend 
in die Aktivität hinein. Dieses Gleichgewicht — im Beruf aktiv, in der Ehe infantil- 
feminin — T\-iirde zerstört, als er in eine Untemehnntng knm, in der sein bisher 
erfolgreiches Draiifgängertum zum erstenmul in seinem Lebeu gehemmt wurde. Der 
Leiter der Unternehmung, ein besonders hervorragender Mensch, verstand, ihn ein- 
ludämmen und seine Fähigkeiten in die eigenen Dienste in steUen. Für einen 
i\Tenschen, der mit sei.ier unliewußten passiven Homosexualität zeitlebens in solcher 
We,se zu kämpfen hatte, ist es unerträglich, einen hervorragenden Führer über sich 
zu haben. Als so auf dem sublimiertcn Niveau das Ausleben der aktiven Bestrebungen 
nicht melir gelang, brachen sie auf dem Gebiete der Sexualität durch. Unter dem 
Drucke des Führers mußte er mm doppolt beweisen, wozu er fällig ist. Er begeht 
Ehebruch, nimmt die Frau eines anderen und begebt damit seine Ödipustat. Und von 
nun an ist er an beide Frauen gekettet. Die Geliebte gegen die Verurteilung seiner 
ganzen Umgebung zu behalten, wird eine Prestigefrage für ihn. Die Gelieble ivird 
das Objekt seiner männlichen aktiven Bestrebungen, die Ehefrau das Objekt der 
larvierten passiven Homosexualität. Auf keine der beiden Frauen kann er verzichten, 
ohne sein Gleichgewicht zu verlieren. Wenn früher die Frau imd der Beruf das 
Gleichgewicht hielten, so verteilen sich von mm an die beidcJi wi de rspruclis vollen 
Bestrebungen auf die beiden Frauen. 

Es gelang uns, diese merkwürdige Spaltung in seiner Persönlichkeit bis in die 
früheste Jugend zurück zu verfolgen. Mit vier Jahren war er schon derselbe Meuscli. 
Es tauchten Erinnerungen aus seinem vierten Lebensjahr auf, als er noch immer 
aus der Flasche Milch trank und trolzig sich der Entziehung der Flasche wider- 
setzte. Aber — und mit diesem betonten „aber" hat er auch mir diese Erinnerungen 
erzählt — in derselben Zeit war er ein besonders forscher, selbständiger Junge, der 
bereits allein auf der Landstraße mit einem Rad herumfuhr. Mit vier Jahren aus 
der Flasche zu trinken, aber allein Rad zu fahren, dieselben Gegensätze in derselben 
psychologischen Verknüpfung wie spätei- die infantile Anlehnimg an die Ehefrau und 
das hemmungslose Draufgängertum im Beruf. Es ist nicht schwer, die Kindheits- 
situation sich vorzustellen. Der trotzige Junge, der auf die Flasche nicht verzichten 
will, wird von der ganzen Umgebung, den Eltern imd den älteren Brüdern gehänselt 
mid als Baby verspottet. Als Reaktion darauf übertrumpft er sie alle an Kühnheit 
imd Selbständigkeit und erkauft sich damit tks Recht, an einem Punkte Säugling zu 
bleiben und seiner oralen Leidenschaft weiter zu frönen. So gelingt es ihm, trotz 
dieser infantÜen Zurückgebliebenheit, seine Minder wer Li gkeitägef Üble aufzubeben 
und seinen männlichen Narzißmus zu retten. Und diese Losung bleibt vorbildlich 
für das ganze Leben. Die Rolle der Flasche übernimmt später seine Frau, die er 
wirklich oft wie einen leblosen Gegenstand, der nur seinen Bedürfnissen dienen soll, 
behandelt, während der Beruf, später die Gelieble, die Nachkommen des Rades sind, 
wodurch er seine Selbständigkeit, sein männliches Können, sich und der Welt 
beweisen kann. 

Ich kann jetzt leider auf die Einzellieiten der interessanten Tiefenanalyse nicht 
eingeben, die uns zeigte, wie die frühzeitige Überwachimg der Säuglingsmastur- 
bation durch die so erweckte Kastrationsangst die orale Fixierung begünstigte, die 
dann mit der konsliluliouell starken männlichen Genitalität in Widerspruch geraten 
ist und die Grundlagen dieser merkwürdigen Charakterspaltung festlegte. 

In einer Zwangsneurose hatten diese beiden entgegengesetzten Tendenzen 

3" 



„^ Frau/. Alexander 



zu einem bunten Bild von Symptomen mit aggressivem und passivem 
Inhalt geführt. In einer Hysterie würden die passiv-oralen Ansprudie 
z B zu Magensymptomen führen mit der Bedeutung von bchwangerschafts- 
phantasien. Solche Magensymptome spielten auch bei diesem Patienten eme 
untergeordnete Rolle und kamen passager wahrend der Behandlung zur 
größeren Geltung, als die analytische Einsicht das neurotische Agieren im 
Lben mächtig gehemmt hatte. Eine Erfahrung, die ich bereits in emem 
vor Jahren publizierten Fall mitgeteilt hatte. In beiden Fällen führen aber die 
konfliktvollen Tendenzen zunächst nicht zur Symptom bildung, sie gelangen 
vielmehr auf den zentralsten Gebieten des Lebens zur realen Erfüllung: in 
der Ehe und im Beruf. Die neurotische Spaltung in der Persönlichkeit 
kommt in der realen Gestahung des Lebensschicksals 7.um Ausdruck. 

Ich glaube, daß Sie aus dem bisher Gesagten ein ungefähres Bild davon 
erhalten haben, welche Fälle ich als „neurotische Charaktere" bezeichnen 
möchte. Wenn damit das grübe klinische Bild gegeben ist, so möchte ich 
ietzt eine feinere theoretisch begründete Abgrenzung dieser Fälle von 
anderen psychopathologischen Erscheinungen versuchen. 

Am besten gehen wir dabei von der Theorie des neurotischen Sym- 
ptomes aus. Ich habe auf dem Salzburger Psychoanalytischen Kongreß 
drei allgemein gültige Merkmale des neurotischen Symptoms zu formu- 
Ueren versucht, die ich heute noch als gültig betrachte. Das neurotische 
Symptom ist erstens immer regressiv, zweitens autoplastisch und 
drittens: sein latenter Inhalt wird vom Ich abgelehnt. Regressiv ist 
es, weil es immer zu einem infantilen Objekt oder auf eine infantile Art 
der Triebbefriedigung zurückgreift, und gerade deshalb wird es vom Ich 
unter dem Drucke seines an die Realität angepaßten Teiles abgelehnt. 
Diese Ablehnung kommt in drei Tatsachen zum Ausdruck: in der Ver- 
hüllung des Sinnes, in dem reaktiv auftretenden Straf- 
bedürfnis. dessen Befriedigung eine allgemeine Bedingung der neuro- 
tischen Befriedigung ist. und drittens in der Autoplastik. Die 
Befriedigung wird auf das Phantasieleben oder auf äquivalente Vorgänge 

beschränkt. 

Während die Regression im Triebleben durchgängig bei jeder psycho- 
pathologischen Erscheinung vorhanden ist. — darin kommt ja die der 
Realität nicht angepaßte Natur des pathologischen Trieblebens zum Aus- 
druck - kann eines der beiden anderen Merkmale oder beide, also sowohl 
die Autoplastik als auch die Ablehnung des Ichs, fehlen. Dann haben 
wir mit anderen psychopathologischen Erscheinungen zu tun- Fehlt 
z. B. die Autoplastik, während die beiden anderen Merkmale, die Ablehnung 
und die Regression, vorhanden sind, so haben wir den neurotischen 



Der neurottsdie Charakter 37 



Charakter vor uns. An Stelle der autoplastischen Symptombefriedigung 
treten alloplastische, die Umgebung beeinflussende Handlungen mit 
regressiven und von dem Ich abgelehnten Triebzielen. Die Ablehnung des 
Ichs kommt auch in den Fällen, wo eine bewußte Ablehnung fehlt, durch 
die nie fehlenden Schuld gefühlsreaklionen und auch darin zur Geltung, 
daß die eigentlichen unbewußten Tiiebziele in einer modifizierten 
gemilderten Form zur Ausführung kommen, Z. B, un Stelle der Aggression 
gegen den Vater tritt die Verhöhnung der Staatsgewalt usw. Die selbst- 
schädigenden Handlungen sind ebenso Grundbedingungen der triebhaften 
Befriedigungen, wie das Leiden in der Neurose die Grundbedingung der 
neurotischen Symptom befriedigun gen ist. 

Untersuchen wir jetzt eine andere Möglichkeit. Fehlt die erfolgreiche 
Ablehnung des Ichs, die Autoplastik und Regression bestehen aber, so 
haben wir es mit Psychosen zu tun. Das heißt, daß die regressiven Ten- 
denzen unverhülll zur Geltung kommen. Die Schutzeinrichtungen im Ich, 
wie EJcel, Mitleid usw., ebenso die Realitätsprüfung sind aufgehoben. 
Das Ich kann dem Ansturm der vordrängenden Tendenzen des Es nicht 
mehr standhalten. Nur die Autoplastik verrät den vorangehenden Konflikt. 
Die Unverständlichkeit der Symptome ist nicht die Folge der Verhüllung, 
sondern der besonders tiefen Regression. Es bt eine primitive Triebsprache, 
die der Erwachsene bereits verlernt hat. Die Autoplastik ist teilweise auch 
die Folge der tiefen Regression. Die Mutterleibs Sehnsucht läßt sich allo- 
plastisch schwer realisieren. 

Fehlt endlich sowohl die Autoplastik wie die Ablehnung des Ichs, und 
besteht nur die Regression, so haben wir es mit der reinen Kriminalität 
zu tun. Die asozialen Tendenzen, die der Neurotische verdrängt und nur 
zu Ersatzbefriedigungen kommen läßt, die der neurotische Charakter nur 
auf Kosten von Selbstbeschädigungen, und zwar in einer modifizierten Form, 
ausleben kann, kommen bei den echten Kriminellen ohne Konflikt zur 
Ausführung. Natürlich gibt es innerhalb der Kriminalität auch Stufen, 
und der Vatermörder ist heute sicher eine seltene Erscheinung. Die meisten 
Verbrecher müssen sich bereits mit Ersatzhandlungen begnügen, die sie 
allerdings dann konfliktlos ausleben. Ein Zeichen, daß heute selbst die 
Kriminalität domestiziert ist. Ich habe überhaupt die Überzeugung, daß bei 
näherer Untersuchung der größte Teil der Kriminellen sich als neurotischer 
Charakter entlarven wird. Der reine Kriminelle scheint mir eine dem 
Limesbegriff der Mathematik ähnliche theoretische Konstruktion zu sein. 

Wir erhalten auf Grund dieser Betrachtungsweise vier Hauptgruppen 
der psychopathologischen Erscheinungen: die Neurosen, die neuro- 
tischen Charaktere, die Psychosen und die Kriminalität. 



38 Franz Alexander 



Nicht so einfach ist die dynamisch-stiiikturelJe Bewertung der Perver- 
sionen, Sie erscheinen einem, zunächst als partielle Psychosen, bei denen das 
Psychotische auf das Gebiet der unsiibiimierten Sexualitäten beschränkt 
ist: sexuelle Verrücktheiten. Die regredierten Triebe werden vom Ich 
akzeptiert, aber sie kommen lediglich in den sexuellen Objektbeziehungen 
zum Ausdruck. Andererseits sind sie aber mehr alloplaslisch, wie die 
Psychosen, und das Ich ist unversehrt erhahen, und deshalb grenzen sie 
manchmal an den neurotischen Charakter, wie die Masochist en, manchmal 
an die Kriminalität, wie die Sadisten. 

Ich habe mich gerade bei der strukturell dynamischen Bewertung der 
Perversionen von der ungeahnten Fruchtbarkeit der Ferenczi sehen 
Konzeption, die er in seiner Genitaltheorie entwickelt, überzeugen 
können. Er sieht in den körperlichen Vorgängen der Sexualität eine Art 
Befreiungsversuch, eine Ableitung von den verschiedensten unverarbeiteten 
Reizspannungen, und zwar eine Anleitung nach dem Prinzip der Konver- 
sionserscheinungen. Und wahrhaftig bewährt sich diese Auffassung an der 
empirischen Beobachtung. Es gelang mir, in einem mitgeteilten Fall von 
masochislischer Perversion fast mit experimenteller Sicherheil die Perversion 
aus der Sexualisierung des Strafbedürfnisses, das aus dem Vaterkonflikt 
herstammte, abzuleiten.' Dieses Strafbedürfnis — ein Quantum von gegen 
sich selbst gerichtetem Destruktionstrieb — fand allerdings in der anal- 
erotischen Fixierung und in der femininen Komponente der bisexuellen 
Organisation eine Unterlage. Ausschlaggebend aber für die Entwicklung 
der Perversion war das aus der Ödipussiluation herstammende unbewältigte 
Strafbedürfnis. Gelingt die grobsexuelle Bindung der Selbstzerstörungs- 
lendenzen nicht, so entsteht das Bild des moralischen Masochisten, also 
eines neurotischen Charakters. Ich vermute, daß ähnlicherweise auch in 
dem Sadismus sich um erotisch gebundene Elternmordimpulse liandelt, 
die auf das sexuelle Objekt abgelenkt sind und in dieser erotisclien 
Bindung gemildert zum Ausdruck kommen. In Grenzfällen, wenn 
die relative Starke der erotischen Beimischung im A'"erhältnis zu dem 
Destruktionslrieb zu gering ist, entsteht das Hild des Lustmordes. 

Bekräftigt wird diese Annahme durch die häufige Erfahrung, daß 
sexuelle Sadisten im Leben häufig schwächliche, gehemmte Naturen sind, 
da ihre gesamte Aggression in der Sexualität absorbiert ist. Auch das 
Gegenstück ist häufig: Masochisten, die in der Sexualität ihre Schuldgefühle 
los werden und im Leben rücksichtslose Egoisten sind. So kann man sagen, 
daß in den Sadisten ein Krimineller und in den Masochisten ein neurotischer 
Charakter verloren gegangen ist. 

i) Psychoanalyse der Gesamtpersönlitlikeit. 



Der neurotifidie Charakter 39 



Sie sehen also, daß die Perversionen in unserem Schema keine eindeutige 
Stelle finden. Der Grund dafür ist leicht verständlich. Die Unterscheidung 
zwischen Neurose, neurotischem Charakter, Psychose und Kriminalität 
beruht auf der Verschiedenheit in der Befriedigung der desexualisierten 
Triebe. Sowohl dem neurotischen Symptom wie auch dem neurotischen 
Agieren, wie der psychotischen Symptombildung und dem kriminellen 
Yerhahen liegen desexualisierte Triebquantitäten zugrunde. Die Perversion 
besteht aber in der Befriedigung von grobsoxuellen Tendenzen. Ferenczis 
Konzeption folgend, können wir also die Perversionen als gelungene grob- 
sexuelle Ableitungen von solchen Triebspannungen auffassen, die sonst das 
Ich diffus überfluten und zu einer der vier erwähnten Befriedigungsarten 
führen würden. Die Perversionen können also als nicht desexualisierte 
Gegenstücke jeder der vier Gruppen entsprechen. Tatsächlich sind alle vier 
Klassen häufig mit Perversionen gemischt, d. h. daß ein Teil der gesamten 
Trieb Spannungen in desexual isierter, ein anderer Teil in sexueller Form 
abgeleitet wird. Es ist dabei nicht zu verwundem, wenn häufig einem 
gestörten desexualisierten Triebleben eine perverse Sexualität entspiicht. 
In je geringerem Maße aber die Triebspannungen in sexueller Form 
abgeleitet werden, um so mehr werden diese das Ich belasten und sich 
neue Ventile verschaffen, ä. h. zur neurotischen Symptombildung, zum 
neurotischen Agieren oder zum psychotischen oder kriminellen Ver- 
halten führen. Dies besagt nicht viel mehr als die Formulierung von 
Freud, daß nämlich das neurotische Symptom das Negativum einer 
Perversion ist, nur wird hier dieser Satz auch auf andere psj'cho- 
pathologische Vorgänge ausgedehnt, und zwar sowohl auf das neurotische 
Agieren, wie auch auf die psychotischen und kriminellen Triebäuße- 
rungen. 

Meine Damen und Herren I Ich bitte Sie, diese schematische Überlegung 
als einen gröbsten Orientierungsversuch in der Vielfältigkeit psychopatho- 
logischer Erscheinungen aufzufassen. Noch mehr gilt dies für die Tabelle, 
auf der ich das Gesagte aufgezeichnet habe. 

Ich muß gestehen, daß ich ein Gegner von der Verwendung von 
Tabellen in der Psychologie bin. Nur der Zeitgewinn, den eine Tabelle 
bringt, soll ihre Benützung diesmal entschuldigen. Die meisten Fälle wird 
man in keiner Rubrik restlos unterbringen können. Neurosen ohne Agieren, 
neurotische Charaktere ohne SjTnptome und beide ohne perverse Regungen 
sind sicherlich Seltenheiten, Wie weit es reine Kriminalität gibt, habe ich 
schon früher als fraglich hingestellt. Nur die mit dem Pfeil ausgedrückte 
Richtung hat ihre volle Gültigkeit. Wenn Sie von den klassischen Neurosen 
ausgehen und in der Richtung der Psychosen und der Kriminalität fort- 



40 Franz Alexander 



schreiten, so kann man wohl behaupten, daß die erfolgreiche Abwehr der 
der Realität nicht angepaßten Tendenzen in dieser Richtung abnimmt. 

Es ergeben sich so zwei Hauptgruppen, die Neurosen und die 
neurotischen Charaktere einerseits, bei denen der Konflikt in Verdrängungs- 
erscheinungen und in moralischen Reaktionen zum Ausdruck kommt, die 
Psychosen und die Kriminalität andererseits, in denen kein Konflikt mehr 
sichtbar ist. Bei den Psychosen ist vor der vollen Entwicklung der 
Krankheit der Konflikt vorhanden. Sie gleichen Schlachicn, bei denen die 
Verteidiger gekämpft haben, aber restlos gefallen sind. Bei der reinen Krimina- 
lität bleibt das Ich mit allen seinen Institutionen unversehrt, nur akzeptiert 
es das Asoziale aus Mangel an sozialer Anpassung ohne Konflikt. 

Natürlich gibt es viele andere ebenso berechtigte Gesichtspunkte, andere 
Koordinatensysteme, die einen anderen Überblick liefern würden. Wir 
haben diesmal nur darnach gefragt, wie und wie weit es dem Ich gelingt, 
sich den der Realität nicht angepaßten Trieben zu erwehren und andererseits 
für ihre Befriedigung zu sorgen, und haben dabei die Tiefe der Regressionen 
und überhaupt den psychologischen Inhalt der Triebe gar nicht beachtet. 
Von diesem inhaltlichen Gesichtspunkte aus gesehen, würden z. B. die 
Kriminalität und die Psychosen zwei entgegengesetzte Pole bilden. Bei den 
Psychosen ist die Triebregression am tiefsten, sie ist eine biologische 
Regression, während der Kriminelle nur gerade nicht sozial ist, aber sonst 
biologisch in seinem Triebleben auf dem Niveau des normalen Erwachsenen 
steht oder wenigstens stehen kann. 

Fassen wir das Wesentliche des über den neurotischen Charakter 
Gesagten zusammen. Sein wesentlichstes Merkmal ist die große expansive 
Kraft der ichfremden Tendenzen. Diese lassen sich nicht wie bei den 
Neurosen auf das rein subjektive Gebiet der Symptome einschränken, sie 
setzten sich durch in der Realität, trotzdem der sozial angepaßte Teil des 
Ichs ihnen verneinend gegenübersteht. Die relative Stärke des Ichs ist 
allerdings kleiner als bei den Neurotischen, aber nicht wegen der absoluten 
Schwäche des Ichs, sondern wegen der starken Expansionskraft 
des Trieblebens. Ich glaube, es ist geradezu von entscheidender 
Bedeutung, ob ein Mensch in seinem Triebleben zur Autoplastik neigt 
oder nicht. Ohne diese autoplastische Neigung ist keine Neurose denkbar. 
Es ist fraglos, daß dafür in erster Linie ein konstitutioneller Faktor 
verantwortlich ist, der gerade diese Qualität der Triebe betrifft. Und in 
dieser expansiven Qualität seines Trieblebens steht der neurotische Charakter 
dem Gesunden näher als den Neurotischen. Er handelt und läßt sich 
durch die Sozietät nicht zu der Phantasiewelt der Symptome drängen. Der 
Gesunde modifiziert lieber seine Triebe, nur um auf reale Befriedigung 



Der neurotisdie Charakter 



4t 



Sdieinatisdier Überbtldc über das gesamte Gebiet der Psydiopathologie auf Grund 
des dynamisdi-topisdien Begriffes des seelisdien Konfliktes 



. ._ ,_,.. . v_ 




■ > 




In der Richtung dgs Pfeiles nimmt die fifolgreiche Abwehr der uhw Tiiiileti^tn ieitens 




i/ci [chs all. 




Psychopathologische 


Psychopathologische 




Erscheinungen mit Konflikt 


Erscheinungen ohne Konflikt 




Die Abwehr der ubw 


Die Abwehr der ubw 


Die Abwehr mil3- 


Die Abwehr miß- 




T enden zea führt 7ur 


Tendenzen führt 


lingt, weil die Ich- 


lingt, obwohl die 




au toplas tisch ver- 


zum neurotischen 


organisation zu- 


Ichorganisation er- 




stellten Darstellung: 


Agieren. Reale, je- 


sammenbricht. Un- 


halten bleibt. Die 




Ersa 1 2- 


doch verstellte Be- 


verhüllte, jedoch 


ubw Tendenzen 




b e f ri edi gung. 


friedigungen. 


hauptsächlich auto- 
plastische Befriedi- 
gungen der £s- 
tendenzen. Der Er- 
folg der Abwehr 
aeigi sich nur noch 
in Autoplastik. 


setzen sich unge- 
hemmt durch. 




A utoplastik 


Alloplastik 


A utoplastik 


Alloplastik 




Neurose 


N eurotischer 
Charakter 


Psychose 


Genuine 

Kriminalität 




Süchtigkeit (?) 








/ 




-( 


> 


/ 




Die Abwehr mißlingt partiell. Der Durch- 




brucii der verdrängten Tendenzen kommt nur 




in der Veränderung der Sexualbestrebungen 




zum Ausdruck. 




Reale Befriedigung 




Alloplastik 




Per Version 





^2 l'ranz Alexander 



nicht verzichten zu müssen, der neui-otische Charakter will noch mehr, 
er will seinen Naturzustand hehallen und sich in dieser Form durchsetzen. 
Weil aber ein Teil des eigenen Ichs diesem Versuch widerspricht, schneidet 
er sich ins eigene Fleisch. 

Das expansive Trieblehen ist es also, das den neurotischen Charakter 
von dem Neurotischen abgrenzt und näher zum Gesunden bringt. Dies 
kommt auch in der Therapie zum Ausdruck, Den gewaltigen Schritt von 
der introvertierten Autoplastik ztim Handeln, der bei schvv'eren Neurosen 
oft unmöglich ist, brauchen wir bei dem neurotischen Charakter nicht 2U 
erzwingen. Das Handeln muß nur mehr unter die Herrschaft der bewußten 
Persönlichkeit gebracht werden. Darum bieten diese Fälle ein so dank- 
bares Feld für anal>'tische Erfolge, wenn sie nur zum Analytiker kommen. 
In ihren jungen Jahren fehlt ihnen aber meistens jede Krankheitseinsicht, 
meistens sind sie frisch-fröhliche Draufgänger, die erst durch die bittere 
Lebenserfahrung zur Einsicht kommen, Darum sehen wir sie in der 
Analyse meistens im reifen Mannesalter. 

Jedem wird es jetzt verständlich sein, warum die neurotischen Charaktere 
die dichterische Phantasie seit jeher so angeregt haben. Es sind ja 
meistens starke Individualitäten, die umsonst gegen den sozialen Anteil 
ihrer eigenen Person kämpfen, Individualisten, die gleichzeitig doch auch 
kollektiv empfinden. Sie stellen den ewigen Kampf zwischen Individuum und 
Gesellschaft nicht wie der Neurotische durch schwer erschließbare inner- 
psjxhische Vorgänge dar, sondern dramatisch durch ihr manifestes Lebens- 
schicksal. Deshalb sind sie geborene Helden, die ein tragisches Schicksal 
haben müssen. Ihr Untergang ist der Sieg der Gesellschaft, und der 
Zuschauer, der selbst innerlich gespalten ist (und jeder Zuschauer ist in 
derselben Weise gespalten) kann beide Seiten seiner Persönlichkeit 
die rebellische und die soziale Seite — durch Einfühlung ausleben. 

Ich hätte deshalb das Gesagte auch weniger abstrakt- wissenschaftlich 
und eben deshalb realitätstreuer vorbringen können, wenn ich eine der 
großen Gestalten der Weltliteratur zur Darstellung des neurotischen 
Charakters gewählt hätte. Am besten hätte ich die vier Rubriken 
meiner Tabelle mit je einem der vier Brüder Karamasoff ausfüllen 
können. In diesem Roman behandeh Dostoj ewski wahrhaftig erschöpfend 
das gesamte Gebiet der Psychopathologie, indem er die vier genannten 
Grundformen der pathologischen Reaktionen auf die Ödipus Situation je 
einem Bruder als Rolle austeilt. 

Dostojewski selbst ist sich dieser Allgemeingültigkeit seiner Darstellung 
bewußt, wie dies aus den Worten des Staatsanwaltes sich ergibt, der von 
der Familie Karamasoff charakterisierend sagt: „Vielleicht übertreibe ich 



___^ ^'^'^ neurotisdie Charakter 40 

allzusehr, ducli scheint es mir, daß in dieser Familie vorübergehend einige 
Grundelemente unserer modernen intelligenten Gesellschaft zur 
Erscheinung gelangen . . ," Ich hätte in die erste Rubrik der Tabelle den 
neurotischen Aljoscha, in die zweite den neurotischen Charakter Diraitri, 
in die dritte den psychotischen Ivan und in die vierte den in seinem 
epileptischen Dämmerzustand kriminell handelnden Smerdiakow einsetzen 
konneu. Auch Dostojewski läßt also die echte Kriminalität nur in patho- 
logischem Ausnahmezustand zu. 

Zur Darstellung des neurotischen Charakters wäre die Untersuchung 
von Dimitns Gestalt geeigneter gewesen als die imeressanteste Kranken- 
geschichte. Dimitri ist nicht ein neurotischer Charakter, sondernder 
neurotische Charakter, bei dem das Widerspruchsvolle, das Gut und Böse 
Sadismus und Masochismus, Sentimentalität und hochmütige Zügel- 
losigkeit, Heldenhaftigkeit und an Gemeinheit grenzende Schwäche im 
unkoordinierten wilden Agieren zum Ausdruck kommt. Dimitris Beichte 
an seinen Bruder Aljoscha ist ein reiches Dokument für das Verstehen 
dieser Art Charakterspaltungen : „Nein, der Mensch ist zu breit angelegt 
gar zu weit, ich würde ihn enger machen. Was dem Verstände als 
Schmach erscheint, das ist dem Herzen durchweg Schönheit . . . Entsetzhch 
ist es, daß die Schönheit nicht nur ein schreckliches Ding ist, sondern 
ein mysteriöses dazu. Da talgt sich der l'eufel mit Gott und das Schlacht- 
feld ... ist des Menschen Herz." 

Dimitri hat das typische Schicksal des neurotischen Charakters. Er 
begeht den Vatermord nicht, aber er steht am Rande des Vatermordes. 
Seine Schuldgefühle, die nicht wegen Taten, sondern wegen Wünsche ent- 
stehen, lenken den Verdacht auf ihn. .Teder Richter, der seine Indizien- 
beweise nur auf die Psychologie des Bewußtseins gründet, muß ihn für 
den Mörder halten. Nur der Tiefenpsychologe wird Dimitris so zahlreiche 
Leidensgenossen vor Fehlurteilen retten können. In den gegensätzlichen 
Persönlichkeiten des expansiven Dimitri, des alle Konflikte intellektuali- 
sierenden, rationalisierenden und aus sich herausprojizierenden Ivan und des 
aUes verdrängenden Aljoscha ist der gesamte Problemkreis „Neurose, Psychose 
und neurotischer Charakter" erschöpfend enthalten. 

Hätte ich hauptsächlich die Zusammengehörigkeit von Neurose, 
neurotischem Charakter und organischem Leiden hervorheben wollen, so 
wäre dazu als Beispiel die unvergleichliche Gestalt des Pariser Kunsl- 
sammlers, den Balzac in seinem „Vetter Pons" verewigt hat, am geeignetsten 
gewesen. Vetter Pons ist ein neurotischer Charakter, den man gewöhnlich 
als Sonderling bezeichnet. Dieser vollständig seiner sublimierten Analerotik 
und unsubhmierten Oralerotik huldigende Kunstsammler und Pein- 



^ Tranz Alexander 



schmeck er erkrankt an einer Melancholie, als die Befriedigung semer 
Oralerotik plötzlich aus inneren Ursachen versagt ^vird. Sein Lebensinha t 
außer dem Sammeln besteht in den erlesenen Mahlzeiten, die er regel- 
mäßig als Kunstberater bei reichen snobbistischen Verwandten einnimmt. 
Als er einmal zufällig hört, wie die Dienstboten ihn untereinander erneu 
alten Tellerschlecker nennen, sieht er sich plötzlich von außen, das bis jetzt 
betäubte Über-Ich erwacht und versagt von nun an jeden kuhnarischen 
Genuß. Der alte Vetter Pens erträgt die Yersagung nicht mehr, wird 
melancholisch und auf der Grundlage dieser Melancholie entwickelt sich 
ein Gauenblasenleiden, das zu seinem Tode führt. Eine Krankengeschichte 
im Rahmen einer Pariser Gesellschaftsschilderung. Das medizinische Hell- 
sehen Balzacs ist nicht nur dem Wissen seiner Zeit vorausgeeilt, 
sondern auch dem unserigen. Wir sind gerade im Begriffe, die Zusammen- 
gehörigkeit von Oralerotik und Melancholie zu erkennen, und wir ahnen — 
die Internisten leider noch nicht, vielmehr schon nicht mehr — den Zusammen- 
hang zwischen Melan c h o 1 i e und G al 1 enblasenleiden. Balzac stellt diesen 
Zusammenhang mit der naiven Selbstverständlichkeit des intuitiven Genies 
dar in einer Krankengeschichte, die, weil sie die Gesamtheit der 
Erscheinungen betrachtet, wahrer ist als die exakteste Krankengeschichte 
mit allen Indexen aller Körpersäfte, die in irgend einer internen 
Klinik über eine Gallenblasenerkrankung je fertiggestellt wurde. 

In Balzacs Roman erkrankt ein neurotischer Charakter in dem Moment 
der Versagung an einer narzißtischen Neurose, die dann zur organischen 
Erkrankung führt. Ich hätte also auch diesen Weg gehen und den 
neurotischen Charakter und seine Beziehung zur Neurose durch die Analyse 
von Vetter Pons tragischer Geschichte darstellen können. Nur hätte eine 
solche Darstellung viel mehr Zeit beansprucht. Der Hauptvoraug der 
Wissenschaft ist es, daß sie ein Abkürzungs verfahren ist, das eben deshalb 
aber die Wirklichkeit gewissermaßen vergewaltigen muß. 

Vielleicht wird man einmal mit der Entwicklung unserer Psychologie den 
Roman vom Vetter Pons durch einen medizinischen „Aufsatz" besser ersetzen 
können, der etwa den Titel tragen wird: „Beitrag zur Kenntnis 
des Zusammenhanges zwischen Oralerotik, Melancholie 
und Gallenblasenerkrankungen nebst Bemerkungen 
über die gegenseitige Ersetzbarkeit von Neurose, 
neurotischem Agieren und organischem Le i den." Heute ist 
ein solcher Aufsatz noch nicht ganz möglich, heute kann die Medizin 
noch von Balzac lernen. 



I 

1 

i 



Über organlibidinöse Begleitersdieinungen 
der Triebabwehr 

('ertrag auf dem .Y. Inttmationalen Psychoanalytischen Kongreß zu Innsbruck 

am j. September I^ZJ 

Von 

Otto Fenichel 

Berlin 

I 

Das Gebiet der organischen Begleiterscheinungen der Triebkonflikte des 
seelischen Apparates, dessen Bearbeitung von Ferencz i in seinen „Paiho- 
neurosen" so vielversprechend begonnen worden ist [lo], dieses Grenzgebiet 
zwischen Physiologie und Psychoanalyse, das nicht diiekt, sondern nur 
indirekt Gegenstand psychoanalytischer Untersuchungen werden kann, ist 
noch allzu wenig durchforscht. Bei seiner Erörterung geht es ohne noch 
unsichere Vermutungen nicht ab; sollte sich aber der heuristische Wert 
der hauptsächlich von Freud [ly, i^] und Ferenczi [lo] geäußerten 
Annahmen über die Organlibido bestätigen, so sind sie als erster 
Versuch, sich in einem dunklen Gebiet zurechtzufinden, gewiß gerechtfertigt. 

Beginnen wir unsere Untersuchungen mit der Feststellung des merk- 
würdigen und, so viel ich weiß, von den Physiologen noch nicht genügend 
durchforschten Tatbestandes, daß die meisten sonst gesunden Menschen 
zimiindest unseres Kulturkreises in stärkerem oder geringerem Maße im 
Tonus ihrer Muskulatur ein merkwürdiges Verhalten zeigen. Wenn sie 
im Alltagsleben ihre Aufmerksamkeit nicht auf den Zustand ihrer Muskulatur 
gerichtet haben, so befindet sich diese in einem — graduell an verschiedenen 
Mnskelgruppen und -Individuen sehr verschiedenen — Hj^pertonus, der 
gelegentlich bis zu starrer Rigidität gehen kann. Bei Bewegungen werden 
nicht nur unnötige Muskelgruppen herangezogen (Mitbewegungen), sondern 
es wird mit unnötigen Intensitäten und in unzweckmäßiger Weise innerviert. Im 
Ruhezustand neigt man ev. dazu, an einzelnen Muskelgruppen in Hypotonus, 



^ O(to tenidicl 



übertriebenen Sp.nnungsnachlaß zu verfallen, der die Funktion sberemchaft 
lahmlegt oder schwächt, so daß man den ganzen Ersche.nungskomplex 
besser als „Dystonus" als als Hypmonus bezeichnet. Kurz, es handelt s.ch 
um einen verschieden starken Defekt jener „ökonomisierung und Ratio- 
nalisierung" der Motorik, die Homburger als Charakteristikum des 
Erwachsenen beschreibt {}0, S. aga]- 

Es bedürfte einer eingehenden, aber für unsere Zwecke im Detail 
irrelevanten Untersuchung, um festzustellen, um was es sich dabei physio- 
logisch handelt. Der Tonus ist ja ein sehr komplexes Phänomen. Wir 
wissen, daß ein spinaler bzw. extrapyramidaler Rigor, der bei Störungen 
der Pyramidenbahn als spastische Lälimung manifest wird, normalerweise 
durch pyramidale Impulse gehemmt wird, daß aber auch durch pyramidale 
Impulse positive Spannungssteigerungen möglich sind, so daß die Begriffe 
„Bewegungshemmung" und „physiologische Hemmung" nicht msammen- 
fallen müssen. Darauf kommt es aber hier nicht an, wenn wir nur wissen, 
daß es sich bei dem hier betrachteten Phänomen jedenfalls um eine 
kortikal bedingte Änderung der kortikosubkortikalen Tonusverteilung 
handelt. Neben der Innervation der Muskulatur selbst ist auch der Innei-- 
vationszustand der Muskelgefäße ausschlaggebend für den Tonus, so daß 
nicht nur pyramidale und extrapyramidale Rückenmavksbahncn, sondern 
auch das gesamte autonome System an den Erscheinungen, die zur 
Besprechung stehen, beteiligt ist. — Das wesentliche Moment von all dem 
ist jedenfalls eine funktionelle Beeinträchtigung der Willkürbewegungen 
durch erhöhte Muskelspannung oder durch Abwechslung von erhöhter und 
herabgesetzter Muskelspannung, etwas, was uns z. B. beim Darm (spastische 
und atonische Obstipation) durchaus geläufig ist, und auf dessen Vorkommen 
an anderen Organsystemen H e y e r besonders hingewiesen hat [2S, S. 1 g]- — 
Psychoanalytisch gesehen handelt es sich also um eine Funktionseinschränkung 
des Ichs, um eine „Hemmung" nach Freud [2;], die sehr vielfältig sein 
kann und gewöhnlich nicht eine solche Intensität erreicht, daß man sie 
als Erkrankung ansehen könnte; auch indem geringen oder ganz fehlenden 
subjektiven Beeinträchtigungsgefühl gleichen solche motorische HLMnmungen 
anderen psychischen Hemmungsanomalien, die man nicht als Neurosen 

bezeichnen möchte. ,yt ► -vs rn^ 

Was ist die Ursache solcher ünzweckmäßigkeiten der Motorik^ Die 

Physiologen können hier nur Beschreibungen geben ">;- ^^-; ^^^7^^ 
abspielt, es uns aber nicht erklären. Die wahre Ant.xrt auf die Ir g nad 
der Natur solcher leichter somatischer Funktionseinscln-ankungon g bt n^h 
die gewöhnliche Physiologie, sondern die von Ferenczi z« 
Ergänzung geforderte „Lustphysiologie" [jo]. 




über organlibidinöse BeglcitersAeinungnn der Triebabwehr 47 



Spezielle Antworten können wir nur von speziellen psychoanalytischen 
resp. psychoanaljiisch-physiologischen Untersuchungen erwarten, die bis 
jetzt noch nicht vorliegen. Ihre Resultate werden bei diesen Hemmungen 
voraussichtlich nicht prinzipiell verschieden sein von den bei anderen 
analogen Ichhemmmigen gefundenen [S. Freud, 2;, Ss, 1 bis ii] Uns 
interessiert hier aber vor allem die allgemeine Natur dieser größeren 
oder klemercn Dysfunktionen der Muskulatur. 

Verschiedene praktische Beobachtungen und theoretische Erwägungen 
machen es wahrscheinlich, daß solche „dystonischen^' Erscheinungen von 
der Triebabwehrtätigkeit, speziell Verdrängungstätigkeit des Ichs abhängen, 
wenn auch, wie wir sehen werden, nicht umgekehrt jede Verdrängung in 
ausgesprochenem Maße chronische dystonische Erscheinungen setzt. 

Die Verdrängxmg besteht in einer Abhaltung gewisser Regungen von 
der Motilität (die Abhaltung vom Bewußtsein ist ein Mittel, diese zu 
eireichen), ist also im letzten Grunde immer ein Verzicht des Ichs auf 
gewisse Bewegungen. Diese Motüitätshemmung ist es ja, die das Ich auch 
noch gegen die ErsatzbiJdungen der verdrängten Triebregungen durch- 
zufuhren bestrebt ist. Selbst dem Ersatzvorgang wird verwehrt, sich in 
Handlung umzusetzen [Freud, 2/, S. 18]. Aus der Motüitätshemmung 
der Ersalzbildimgen künn sich allgemein eine partielle Beeinträch- 
tigung der Motilitätsherrschaft des Ichs entwickeln. 

Die Unterlassung von Trieb h a n dl un g e n ist die eigentliche Absicht 
der Verdrängung. Das Ich des Kindes wird ja dazu angehalten, motorische 
Impulse {Autoerotik, Liebeshandlungen, Aggressionen) zu unterdrücken, — 
und erst unlängst hat uns Landauer gezeigt, daß dadurch bedingte 
motorische Hemmungen unter Umständen zeitlebens festgehalten werden 
[ii, S. 388]. Der Verdrängungskampf zwischen besetztem Trieb und 
Gegenbesetzung des Ichs kann sich deshalb physiologisch, wenn überhaupt, 
nur in funktionellen Veränderungen der Skelettmuskulatur widerspiegeln. 
Hören wir nun noch, daß geeignete, also vor allem hysterische Personen 
gelegentlich durch Versuche, ihre krampfhaft innervierte Muskulatur zu 
entspannen, in Affektzustände geraten, die einzig dem Verhalten zu 
vergleichen sind, das Patienten zeigen, wenn im psychokathartischen 
Behandlungsverfahren an ein bedeutungsvolles „Trauma" gerührt wird, 
daß also auf diese AVeise Affekte zur Abfuhr gebracht werden, so muß 
man erkennen: Der Dystonus war ein Mittel, Verdrängtes in der 
Verdrängung zu halten, ein physisches Korrelat des Verdrängungs- 
aufwandes. 

Ein theoretischer Einwand komme hier sofort zu Worte: Diese Annahme 
widerspricht einer wohlbegründeten Bemerkung von Freud, der einmal 



^ Ollo J'cnidiel 



von der Herrschaft de. Syste„>s B. über die MoulUat sagt, «e se. so fest 
gegründet, daß sie „dem Ansturm der Neurose regelmäßig -'^-«^^ ^"^ 
S in der Psychose zusammenbricht" [21, S. 494]- Unsere Annahme 
würde im GegLsatz dazu behaupten, daß die volle Herrschaft über d.e 
Motu tat in jeder Neurose, ja auch in den vcrbreuets.en leuchten 
HemmungszustLden ohne Neurose Einbußen erleidet. Der ^V.derspruch 
wird beseitigt, wenn man daran denkt, daß Freud vom „Zusammen- 
brechen" der Herrschaft über die Motilität redet-, in unserem Falle wäre 
dieser Ausdruck unmöglich, weil es sich ja nur um eine unerwünschte 
Konsequenz der unzweckmäßigen Verwendung dieser Herrschaft, namhch fc 

«m ^e Verweigerung der Ausführung von Handlungsimpulsen handelt. M 

die das Ich vornimmt, „um einen Konflikt mit dem Es auszuweichen . H 

\2, S 10]. Auch denkt Freud an g r ob e Veränderungen, unsere W 

Annahme meint aber nur feine Einschränkungen dieser Herrschaft. 
Daö es solche Einschränkungen auch im echten Sinne - also mcht nur 
Unsicherheit bei der Ausführung g e ^voll ter B e w egu n g e n ' -ß«" 
halb der Psychose überhaupt gibt, beweisen ja die bloßen Tatsachen des 
NachtwandeL, der Symptomhandlungen, der unbewußten vasomotorischen 

^t::hTie Beobachtung eines Menschen im a k n t e n ^^^^ 
kämpf zu der die analytische Kur Gelegenheit gibt, wenn z.B. ein Patient 
.ich der Richtigkeit einer Deutung nicht mehr en.ziehen kann, es aber 
dennoch versucht, zeigt oft. daß er dabei die gesamte Skelett muskulatur 
krampfhaft innerviert, als wolle er muskuläre Sicherungen dagegen schaffen, 
daß in seinem Inneren verborgene verdrängte Regungen zum \orschen. 
kommen, als wolle er dem inneren Druck des Verdrängten einen äußeren 
Muskeldruck entgegensetzen. 

Eine Patientin mit Redehemn.ung, die in der ^-ly« zunächst überhaupt nicht 
sprechen kann krampft sich sichtlich zusammen uud balh d.e Fauste. Spater be 
:Sbt slT;enZustld: Siespiireeine Gedankenleere. IhreUnfUhigk^ 

Verspüre sie körperlich, es Krämpfe sc in ihr, Brust und Gh.dmaßeu ->--«« 

bogen (Zwercbfellkrampf). , „ .- , l,p.nnders im Widerstand — 

Ferencxi spricht davon, daß v,ele Pafcnten - l'^'^^J^^'^^ j^^ --ß^^ „a„ 
„eine übermäßige Steifl.it in allen GH.dern ^^^^jZ^T^^^l S.. J -- 
beim Abschiednehmen .u k.latcniearUgev ^ -" "w-^^^^^^^ ^^^ ^„ 

darum gleich .n Schizophrenie m denken '^'■-f;^^J^,'ton>erlicbe schwindend 
mag mit der Lösung der psychischen Spann...gen auch rp 

[12, S. 25]. 



:i,_ 



Ober organlibidinö se Begleitersdieinungen der Triebabwehr 49 

Da Denken „Probehandeln" ist, müssen Denkhemmungen ebenso wie 
Handlungshemmungen sich in Bewegungs- und Tonusänderungen mani- 
festieren — und Ferenczi hat in einer kleinen Arbeit über „Denken 
und Muskel innervation" [p] gezeigt, daß es tatsachlich so ist. Die Außer- 
kraftsetzung gewisser Muskel Fähigkeiten entspricht jetzt ganz analogen 
psychischen Hemmungen, den Außerkraftsetzungen gewisser Erlebnis- 
qualitäten. Die Tatsache, daß aller Hypertonus in der Narkose, also hei 
Ausschaltung des bewußten Ichs, verschwindet, mag endlich als Beweis 
dafür gelten, daß der Hypertonus tatsächlich aktiv vom Ich ins Werk 
gesetzt ist. 

Ferenczi und Deutsch haben bereits ähnliche Gedanken geäußert. 
So schreibt Ferenczi einmal: „Gelegentlich sieht man sich veranlaßt, 
den Patienten auf sein Verhalten (Spannungen der Körpermuskulatur} auf- 
merksam zu machen und ihn dadurch einigermaßen zu „mobilisieren". 
Im Anschluß daran kommt dann meist zunächst manches bisher Versteckte 
oder Unbewußte zur Sprache" [/2, S. 25]. Und an anderer Stelle, nach- 
dem er über das Anraten von Sphinkter an Spannungen gesprochen hat: 
„Ich habe seither gelernt, daß es manchmal zweckmäßig ist, E n t- 
spannungs Übungen anzuraten, und daß mit dieser Arl Relaxation die 
Überwindung auch von psychischen Hemmungen und Assoziations wider- 
ständen gefördert werden kann" [l}, S. 10]. Und Deutsch meint: 
„Jede Tonusänderung, jede Motilität und jede rhythmische Tätigkeit im 
Organismus, jede Steigerung und Unterbrechung derselben ist Ausdruck 
und Erfolgs Wirkung des Ablaufs von Triebregungen" [j, S. 391]. 

Selbstverständlich zeigen Muskelzustand und Verdrängungsintensität eine 
gewisse Unabhängigkeit voneinander. Der „Dystonus" ist ein viel um- 
fassender unexakter Begrifl', der nur zur allerei-sten Orientierung dienen 
kann. Nicht nur, ob und wie weit psychische Konflikte in Muskelspannung 
und Muskelfunktion körperlichen Ausdruck finden, sondern auch welcher 
Art und welcher Lokalisation diese Ausdrücke sind, ist individuell sehr 
variabel und hängt von einer kaum übersehbaren MannigfaUigkeit von 
Faktoren physiologischer und psychologischer Art ab, deren gründliche Ei- 
kemitnis einer Fülle von Spezialarbeiten bedürfte, und von denen durch 
das Kretschmersche Schlagwort von „Körperbau und Charakter" [j2] 
sicher nur ein kleiner Teil gekennzeichnet ist. Einen, sicher nicht den 
wichtigsten Faktor erkennt man am leichtesten: Unter den Menschen, 
deren psychische Konflikte sich körperlich deutlich spiegeln, hängt die Art 
dieser Spiegelung auch von der Art ihrer typischen Konfliktserledigung ab. 
Bei zwangsneurotischen Typen wird z. B, von den später zu besprechenden 
Mechanismen der der „Verschiebung des Sphinkterenkrampfes" eine 

Int. ZeitBchr. f. Psychoanalyse, XIV/i. 



größere Rolle spielen, bei hysterischen der der Sperrung innerer Wahr- 
nehmungen. Bei welchen Menschen und unter welchen Umständen neu- 
rotische Symptome und Muskeldysfnnktionen parallel gehen und bei 
welchen sie weit differieren, wäre noch zu untersuchen. W.r beschranken 
un» wieder auf das Allgemeine. Die Tatsache, daß sie diffeneren können, 
verwischt doch nicht den Eindruck, daß sie eng zusammengehören. Der 
Eindruck verstärkt sich, wenn wir bemerken, daß es zur Erfahrung, daß 
im wesentlichen die Repräsentanzen der Sexualtriebe Objekte von Ver- 
drängungen werden, stimmt, daß ganz allgemein der Krampf der ßecken- 
muskulatur, sowohl des Beckenbodens als auch der Muskeln der Hüft- 
gelenke, die extremsten Grade erreicht. 

Zwei Beispiele mögen dies veranschaulichen: Unter den Verdrängungs- 
motiven nimmt bekanntlich die Kastration sangst eine exzeptionelle Stellung 
ein Es wäre wunderlich, wenn dieses körperlich orientierte Motiv vieler 
Verdrängungen nicht auch körperlichen Ausdruck fände. Wir wissen, wie 
sich unter seinem Einfluß die libidinöse Einstellung zum eigenen Körper 
wesentlich ändert [Hdrnik, 2^]. Und tatsächlich erkennt man, daß 
merkwürdigen unzweckmäßigen Innervationen, der Unfähigkeit zum 
natürlichen Tonus, oft A n g s t zugrunde liegt. Krampfhafte Innervierung, 
Stillegung und Funktionslähmung der Skeletlmuskulatur gehören zu den 
körperlichen Kennzeichen der Angst, — man denke nur an den AtemstiU- 
stEnd bei Angst oder daran, daß die sogenannte Angstlähmung immer 
eine spastische ist. Die chronische Angst, deren Äquivalent der Dystonus 
ist, ist die Angst vor der körperlichen Beschädigung. 

Eine Patientin berichtet, daß ihre Gymnastiklehrerin sie immer darauf ftiifmerksam 
macht, mit welcher Intensität sie miausgesetit Nacken- und Halsmuakulatur krampfhaft 
gespamit hält. Bei Versuchen, diese Spannung zu lockern, wird sie mir noch starker 
und es wird der Patientin Übel. - Die Analyse ergibt, daß die Patientin als Kind 
mgesehen hat, wie einer Taube der Kopf abgedreht wurde und die Taube 
dami noch ohne Kopf einige Flügelschläge tat. Dieses Erlebnis hat ihrem 
Kastrationskomplex Weibende Form gegeben: Sie hat eine unbewußte Angst vor dem 
Geköpftwerden, die sich auch sonst in lahlreichen Symptomen. Verhaltungs weisen 
und Interessensrichtimgeii offenbart. 

Deutlicher ist noch ein anderes Beispiel: Wir wissen, daß manche 
Menschen ihre Analerotik nicht überwunden haben. Bekanntlich gibt es 
nach Abraham zweierlei anale Lust, eine Ausscheidungslust und eine 
Retentionslust [/]. Die erstere ist die archaischere. Ihr wird von der 
Umgebung Versagung bereitet. Das bedeutet für das Kind zunächst eine 
Beeinträchtigung. Bald aber lernt es die neuen Organsensationen der Reten- 
tion und die narzißtische MachtfüUe der Selbstbeherrschung als neue Lust- 
mbghchkeiten schätzen. Bei der Retention wird also ursprüngliche Sicherung 






über organlibidinöse Beglcitersdieinungen der Triebubiiehr 51 

gegen verbotene Lust selbst Lustgewinn. Diese Sicherung und dieser Lust- 
gewinn sind gegeben im Spliinkterenkrampf, also in Muskelinnervationen, 
die über das physiologisch Zweckmäßige hinaus fortgesetzt werden. 

Die erwähnte Patientin, die ihre Redeliemmung so körperlich spürte und durcli 
Miiskelkrampf „nichts herauslassen" woUte, erwies sich, wie zu erwarten, als starke 
Analerotikerin. 

Der Hypertonus solcher Leute ist der Ausdruck ihrer analen Retentions- 
tendens. Ferenczi hat Globussensationen, hysterischen Stimmritzen- 
krampf, Pylorospasmus als verschobenen Sphinkterenkrampf nachweisen 
können [12, S. 15]. 

Die Sphinkterenfunktion kann auf die gesamte Skelettmuskulatur ver- 
schoben sein. Solche Menschen haben unbewußt ständig Furcht vor Inkon- 
tinenz und genießen so sekundären Lustgewinn. Wir müssen hier die 
halb scherzhafte Bemerkung von Ferenczi sehr ernst nehmen, daß eine 
„Manometrie der Sphinkterenspannung" als Maß der Stärke affektiver 
Schwankungen zu empfehlen wäre [12, S. 14]. Wir müssen auch 
daran denken, daß nicht nur Angst, sondern auch Trotz und unter- 
drückte Wut sich körjjerlich als Muskelkrampf bemerkbar machen, wie 
eben jede Unterdrückung motorischer Abfuhr eines Affektes zur Steigerung 
der Muskelspannung führt. 

Diese Beispiele lehren uns aber noch etwas: Es wäre vorschnell, den 
„Dystonus" als nur im Dienste der Triehabwehr, als Äquivalent der 
Gegenbesetzung zu beschreiben. Die Retention slust ist Lust und auch der 
spastisch-hypertonische Ausdruck der Angst, also der Triebabwehr, kann — 
ebenso wie ja der Angstaffekt selbst — sekundär libidinisiert und in den 
Dienst der Triebabfuhr gestellt werden, wie wir das bei den Zwangs- 
symptomen zu jehen gewohnt sind. Es ist doch z. B. kein Zweifel, daß, 
der lokalisierte oder allgemeine körperliche Krampf die Erektion bedeuten 
kann. Die ursprüngliche autoerotische Libidinisierung der Muskulatur lebt 
ja in uns allen fort und kann, wie Freud gezeigt hat, regressiv wieder 
belebt werden [lyl Es gibt auch überall dort „unzweckmäßige Inner- 
vierungen", wo die Muskulatur ihre Lustrolle ihrer physiologischen Funktion 
zu opfern sich weigert. Daß ebenso wie die verschiedensten Muskelspiele 
(Tic, Bewegungsunruhe) auch rhythmische oder kontinuierliche krampf- 
hafte Muskelanspannungen Onanieäquivalente darstellen können, — die 
rhythmischen direkt, die kontinuierlichen zielgehemmt, — daß die hysterischen 
oder berufsneurotischen Spasmen eine entstellte Sexualbefriedigung bedeuten 
ist schon so oft und überzeugend beschrieben worden, daß wir uns damit 
nicht lange aufzuhalten brauchen. Daß, wie in der genitalen Onanie auch 
in den Muskelonanieäquivalenten alle möglichen Partialtriebe entstellte 



1^2 Otto l'eiiidiel 

Befriedigung finden können, ist ebenfalls klar. Wenn es möglich ist, daß 
die Hemmung von Triebhandlungen sich zur partiellen Hemmung von 
Handlungen überhaupt verallgemeinert, so zeigt uns auch das an, daß die 
Muskulatur überhaupt ihre Lustrolle, ihre „Erotisierung" festhält; andernfalls 
hätte das Ich keine Ursache, ihre Funktion zu hemmen. Die unspezifische 
Triebabwehrbedeutung von Spannungszuständen der Muskulatur kann also 
durch verschiedene spezifische Triebabfuhrbedeutungen überdeckt sein. Man 
denke nur an die „hysterischen Materialisationsphänomene" Ferenczis, die, 
wie bei den hysterischen Spasmen, so auch bei den Alltagsinnervationen 
des Normalen eine große Rolle spielen [lO, S. 25]. Zwischen der der Trieb- 
abwehr und der als Onanieäquivalent dienenden Muskelspannung gibt es 
alle Übergänge. Hiefür nur ein Beispiel : 

Ein Patient konnte die nacli onanistisclion Akten sich einstellende Angst durch ein 
Zeremoniell — krampfhatte Anspannung der Beine — bekämpfen. Daß auch hier 
die Triebabwehr später zur versteckten Wiederholung der vcrpönlen Triebhandlung S 

wurde.bewiesdas Schicksal dieses M uskel spiel s : Es wurde spater durch ein rhythmisches ■ 

Beklopfen der Beine und schließlich sogar gelegentlich durch eine» neuerlichen 
onanistischen Akt ersetzt. 

Sehr richtig bemerkt also Vilma K o v a c s von einer derartigen (an einem 
Tic leidenden) Patientin, der Dauerkrampf ihrer gesamten Skelettmuskulatur 
bezwecke „Aufrechterhaltung und Verbergen der sexuellen Erregung 
[}I, S. 322]. Wenn man bedenkt, daß der Orgasmus in rhythmischer 
Kontraktion von Skelettmuskeln besteht, so versteht man, daß die tonische 
Dauerkontraktion den Klonus einerseits verhindert, andererseits verewigt. 
Der Dystonus kann wie ein neurotisches Symptom von zwei Seiten 
gehalten sein. 

Diese Doppelrolle macht ihn uns erst als Begleiterscheinung des Ver- 
drängungskampfes verständlich. Wie dieser ein dynamischer Kampf zwischen 
Trieberregung und Gegenbeselzung darstellt, so jener einen zwischen 
Bewegungsimpuls und Bewegungsunterdrückung. 

u 

Wir wollen nun versuchen, auf diese Erscheinungen den Freudschen 
Begriff der „narzißtischen Körperlibido" anzuwenden, und müssen dazu eine 
Bemerkung vorausschicken : 

Ob die körperlibidinösen Vorgänge als direkt somatische zu betrachten 
sind und sich (chemisch) am Organ abspielen, wie Ferenczi [lo] meint, 
oder ob sie sich zunächst psychisch an Organrepräsentanzen 
abspielen, die dann ihrerseits physiologische Veränderungen in den Organen 
hervorrufen, ist für uns unwichtig. Bezüglich der Aktualneurosen hat 



L 



über organlibtdinöse Begleitersdieinungen der TriebabweKr 53 

Freud das erstere angenommen [ij, 16]. Wenn man vorsichtig sein will, 
kann man sich mit der zweiten Auffassung begnügen Genau so wie eine 
Objektbesetzung sich in Walirheit nicht am äußeren Objekt abspielt, 
sondern an einer intrapsychischen Objektrepräsentanz [6], so können auch 
die Organlibidoveränderungen sich an intrapsychischen Organrepräsentanzen 
abspielen, wie Freud neuerdings bei der Beschreibung des Schmerzes 
angenommen [2/, S. 155], aber schon in der „Einführung des Narzißmus" 
angedeutet hat. („Jeder Veränderung der Erogeneität in den Organen könnte 
eine Veränderung der Libidobesetzung im Ich [in der Organrepräsentanz] 
parallel gehen" [/^, S. 167]}. Wenn wir im folgenden einfach von Ver- 
änderungen, Stauungen usw. der Organlibido reden, soll dabei diese Frage 
offen bleiben. 

Jede Verdrängung benötigt bekanntlich einen dauernden Verdrängungs- 
aufwand. Das Ich kommt gegen die ihm nicht genehmen Regungen 
nicht oder nicht immer mit dem bloßen Besetzungsentzug aus, sondern 
muß eine Gegenbesetzung errichten, deren Manifestationen erst unlängst 
von Freud einzeln beschrieben worden sind [2j-, S. 115 ff.], ökonomisch 
gesehen ist deshalb jede Verdrängung {Triebabwehr) ein Zuviel an 
gebundener Libido, ein Zuwenig an freier. 

Nichts anderes, könnte man meinen, ist das organische Gegenspiel der 
Verdrängung. Im „dystonischcn" Muskel ist durch den Kampf zwischen 
Trieb und Triebabwehr ein Quantum Libido unzweckmäßigerweise gebunden. 

Wir haben gesehen, daß im „djstonischen" Muskel Bewegungsimpuls 
und Bewegungshemmung miteinander kämpfen. Im Anschluß an Ferenczi 
und Nunberg, die meinten, daß die Katatonie ein Abwehrkampf gegen 
lokale Organlibidostauungen sei und sich aus einzelnen klonischen Abwehr- 
zuckungen zusammensetze [11, jtf], und an Holl6s, der meint, die tonische 
Abfuhr sei eine Rhythmizität mit hoher Frequenz [29], meinen wir, daß 
auch der Hyper- und Dys t onus, von dem wir handeln, eigentlich ein 
Hyper- und Dysklonus sei, d. h. Ausdruck des Kampfes entgegengesetzter 
Impulse, die, sich die Wage haltend, ein Quantum Organlibido an der 
Stelle ihres Kampfes fixieren. Während bei der Katatonie infolge des 
vorangegangenen Objektverlustes rein narzißtische Libido gestaut ist, handelt 
es sich bei dem „normalen Dystonus" um eine Exekutionshemmung der 
Objektlibido, so daß sich dieser zur Katatonie verhielte wie die Introversion 
des Neurotikers zum Objektverlust des zum primären Narzißmus regredierten 
Schizophrenen. Wir haben auch gesehen, daß die im Dystonus gelegene 
Funktion seinschränkung der Motilität eine Erotisierung der Muskulatur 
voraussetzt. „Erotisierung" aber ist nur vorstellbar als Besetzung durch 
Libidoquanten. 



54 Otto Fcnidiel 



Wir müssen unsere Annahme, in der Muskulatur seien infolge der 
Verdrängungen besetzende und gegenbesetzende Libidoquanien unzweck- 
mäßigerweise gebunden, noch mit einer weiteren theoretischen Annahme von 
Ferenczi vergleichen. Er bat nämlich zur Erklärung mancher Formen des Tic 
angenommen, daß von einem Trauma, dessen Erledigung nicht gelang, ein Reiz- 
depot in einem eigenen Ich-Erinnerungssystem oder Körper-Erinnerungssystem 
(wir würden sagen: in der intrapsychischon Organrep rasen tanz) zurück- 
geblieben ist; unter Umständen sei den von solchen Depots kommenden 
und wie Triebe wirkenden Reizen das direkte Abströmen in die Motilität 
gestattet [ii, S. 48]. Häufiger ist, daß solches Abströmen nicht gelingt, 
vom Ich verhindert, die Libido im Körper-Eriimerungssystem weiter gestaut 
wird. Ferenczi beschreibt diese Möglichkeit: „Es sind die Neurotiker. 
die sich durch übermäßige Vorsicht, Abgemessenheit, Gewichtigkeit ihrer 
Gangart und Bewegungen auszeichnen" [//, S. 51], kurz die, deren 
Motilitätsfunktion behindert ist. — Wir meinen nun nichts anderes, als 
daß auch bei banalen „Traumen" ein gewisses „Reiz-", d. h. „Libidodepot 
im Organ, bzw. in der Organrep rasen tanz gesetzt wird, so daß bei der 
Triebabwehr überhaupt Organlibidostauungen, allerdings relativ geringen 
Grades, besonders in der Muskulatur, gesetzt werden. 

Freud hat ausgeführt, daß bei der Ersetzung des Lustprinzips durch 
das Realitätsprinzip bisher „ins Innere des Körpers gesandte Innervationen 
durch „zweckmäßige Veränderungen der Realität" ersetzt werden und die 
motorische Abfuhr dadurch eine neue B'unktion erhalt [IS, S. 412]. Der 
Dystonus ist nichts als eine Summe ins Innere des Körpers gesandter 
Innervationen, die bei der Triebabwehr wieder an Stelle von äußeren 
Triebhandlungen getreten sind. Durch die Triebabwehr unterbleiben 
Muskelinnervationen, die zu Handlungen führen; sie sind durch nach außen 
nicht manifeste (oder zumindest nicht zweckmäßige) Innervationen ersetzt- 
Daß diese Introversion zu einer Libidostauung führen muß, ist von Freud 
ausgeführt worden [jij, S. 169]. Diese Libidostauung entspricht dem 
Dystonus. 

Sagt F. Deutsch, „organisch gesund sein heißt also im psychoanalytischen 
Sinne: keine pathologisch gebundene Organlibido besitzen" [.#, S. 501], sO 
gilt das nach dem Ausgeführten cum gram salis auch für die psychische 

Gesundheit. 

Ursprünglich dient die Muskulatur nur dem Lustprinzip, richtiger dem 
Nirwanaprinzip, indem sie in un koordinierter Weise Reize in die Motilität 
abführt (Periode der magischhalluzinatorischen Allmacht nach Ferenczi [7]). 
Überreste dieser reinen Abfuhrfunktion bleiben stets erhalten [Landauer, J^]. 
Erst mit der Einführung des Realitätsprinzips werden aus den unkoordinierten 



über oi'ganitbidinüse Begleiterscheinungen der Triebabwehr 55 

Bewegungen Handlungen [Freud, iS]. Eine spätere Organlibidostauung in 
der Muskulatur bedeutet ein partielles Wieder auf geben dieser Realfunktion 
— jede Abwehr von Trieben ist ja im Gmnde eine Abwehr von Handlungen — 
und damit eine partielle Regression auf die ursprüngliche Lustfunktion 
der Muskulatur, Oder richtiger gesagt : Wie eine gegen einen verdrängten 
Triebanspruch gerichtete Abwehrunternehmung seihst Ausdruck des ver- 
drängten Triebanspruchs werden kann, so tritt auch die gegen anstößige 
Triebregungen mobilisierte Muskulatur gerade an dieser Stelle wieder in 
den Dienst des (freilich gehemmten) Luslprinzips. 

III 

Organlibidinöse Begleiterscheinungen der Triebabwehr zeigen sich aber 
auch auf Seiten der Sensibilität. Die Daten der Tiefensensibilität, des 
Muskel-, Gelenk- und Eingeweidesinnes erreichen als innere Wahrnehmungen 
das Ich so wie Gefühle und Empfindungen. 

Freud hat uns gelehrt, wie Körperempfindungen bewußt werden 
[24, S. 566]. Von den ihnen zugrunde liegenden multilokularen Ver- 
änderungen in der Tiefe des Organismus gehen Erregungen aus, die zum 
Wahrnehmungssystem weitergeleitel werden müssen, wenn eine Empfindung, 
also eine bewußte innere Wahrnehmung, zustande kommen soll. Diese 
Veränderungen nennt Freud vorsichtigerweise ein „q^ualitativ-quantitativ 
Anderes im seelischen Ablauf". Für unsere Zwecke ist es von außer- 
ordentlicher Bedeutung, daß sich dieses „Andere" unter Umständen wie 
eine verdrängte Regung verhalten kann, daß also die Fortleitung zum 
Bewußtsein durch Einwirkung des Ichs gesperrt oder erschwert sein kann; 
dann hat zwar jenes qualitativ-quantitativ Andere, die dynamische Grund- 
lage einer Empfindung, statt, aber ohne daß wirklich eine Empfindung 
zustande käme : „Ist die Fortleitung gesperrt, so kommen sie (diese 
Erregungen) nicht als Empfindungen zustande, obwohl das ihnen entsprechende 
Andere im Erregungsablauf dasselbe ist. Abgekürzter, nicht ganz korrekter 
Weise sprechen wir dann von unbewußten Empfin düngen" 
[Freud, 24, S. 566]. Solche unbewußten Empfindungen sind sowohl so 
denkbar, daß, wie Freud sagt, die Abfuhrreaktion gleichsam durch 
Überrumpelung des Ichs gelingt, bevor es zur Empfindung kommt, als 
auch so, daß die Abfuhrreaklion ebenfalls unterbleibt ; jedenfalls handelt 
es sich dabei darum, daß das Ich es fertig bringt, sich gegen verpönte 
innere Wahrnehmungen ebenso zu sperren, wie es das unter Umständen 
gegen äußere Wahrnehmungen kann [Freud 2j, S. 114 f]. Ein paar 
Beispiele : 



50 Otto Fenidicl 



Eine Patientin mit starken verdrängten exliibitionistischen Ncigningen, die durch 
ein außerordentliches SchamgefüJil iibcrkompensiert werden, mußte sich in der Nähe 
der Genitalien von einem Arat ktirperhch untersuchen lassen. Sie slräuLte sich lange, 
fürchtete, sie könne diese Situation gar nicht überleben. Als es so weit war, geschah 
etwas Merkwürdiges: Sie verlor plötzlich ihr Korpergefühl, Ihr Unterkörper war ihr 
„fremd", gehörte nicht mehr ihr lu, — und nun konnte sie sich auch luitersucben 
lassen. 

Bei einem luigsthysterischon Patienten beginnen die Angst.infalle mit der merk- 
würdigen Sensation, seine Beine würden ihm weggezogen oder liefen ihm weg. Dann 
verliert er das Körpergefühl der Beine, er hat keine Beine mehr, er ist nicht mehr 
er selbst, und mit depersonaHsationsahnlichcn Gefühlen setzt die Angst ein. X>ie 
Analyse ergab massenhaft Material zur „Beinerotik"; sagen wir, — nicht gani korrekt. 
aber der Kürze halber — seine Beine vertraten ihm infolge spezifischer infantiler 
Erlebnisse den Penis. Die zur Angst führenden Situiitioneii waren wie immer die 
für das Unbewußte sexuell verfänglichen. Bevor das Ich die Versuchung mit der 
vollen Mobilisierung der Kastrationsangsl abwehrte, versuchte es diese Abwehr 
durch Hemmung der verführenden Organsensationen durchzusetzen, — es ist nicht 
wahr, sagt es, daO ich sexuell erregt bin, ich habe ja gar keine Beine, keinen Penis, 
der sich erregen könnte, — dabei allerdings die gefürchtele Kastration prophylaktisch 
antizipierend. 

Eine Patientin zeigt die Verbindung von Krampf und Entfremdung: Ans einer 
Narkose, die vorgenommen werden mußte, als ihre Kastrationsongst durch analytische 
Aufdeckung ihrer infantilen Masturbation auf ein Maximum gestiegen war, erwachte 
sie mit „steifen" Armen und dem gleichzeitigen Gefühl, ihre Arme seien nicht die 
iliren. Dieser Zustand dauerte einen Tag lang an und wiederholte sich noch mehrmals, 
wenn die Assoziationen in die Nähe ihrer infantilen Masturbation kamen. 

Solche triebabwehrende Entfremdutig von Körpersensationen und -Organen 
gibt es nun nicht nur lokalisiert, sondern auch allgemein. Die veränderten 
Körpergefühle der Depersonalisierlen sind bekannt. Aber es gibt Ähnliches 
— glatte Sperrung von Körpersensationen — auch bei viel weniger schweren 
Zuständen. Zwangsneurotiker und Zwangscharaktere, bei denen alle Konflikte 
ganz „verinnerlicht" sind, zeigen oft eine mit der Abwehr ihrer Sexual- 
wünsche Hand in Hand gehende Hemmung der gesamten Körpergefühle, 
die gelegentlich enorm ist. Sensibilitätsstörungen gehören zu den hysterischen 
Stigmen. Wir verstehen : Die in den vorigen Abschnitten besprochenen 
Defekte der Motilitätsherrschaft des Ichs hängen mit den entsprechenden 
Defekten des Muskelgefühls aufs innigste zusammen. 

Die Verdrängung kann sich also körperlich nicht nur in Änderungen 
der Motorik (Hyper- und D3'stonus), sondern auch in Änderungen der 
Sensibilität (Fremdheit gewisser Köpergefühle und kinästhetischer Sensationen) 
manifestieren. Nicht nur bei Ermüdung und Verstimmung verliert das 
körperliche Ichgefühl an Intensität und Umfang, sondern die große 
„Verschiedenheit und Einschränkung der Ichgefühle bei gesunden Individuen 
im Wachzustande", von der Federn spricht [;, S. 271]. hängt wesentlich 



über organlibidinöse Begleitcrsdieinungen der Triebabwehr 57 

von der geleisteten Verdrängungs- bzw. Triebabwehrtätigkeit des Ichs ab. 
Wie das Ich sich gegen Vorstellungen wehrt, die als Abkömmliage ver- 
drängter Triebrepräsentanzen den Weg zum Bewußtsein suchen, so wehrt 
es sich bis zu einem gewissen Grade auch gegen entsprechende innere 
Wahrnehmungen. Das ist nichts Neues : Es ist dasselbe, was Freud schon 
seinerzeit als Ursache der hysterischen Sensibilitätsstörungen angenommen 
hat U^]. 

Wie für den triebabwehrenden Muskelkrampf das einfachste Beispiel 
die auf solche Weise erfolgende Abwehr des Koitus, der Vaginismus, ist, 
so für die triebabwehrende Organfremdheit die mit ihm oft verbundenen 
extremen Formen der Frigidität, bei denen die Genitalgegend während des 
Verkehrs überhaupt nicht verspürt wird. Dieser Mechanismus, der bei der 
Hysterie grob in Erscheinung tritt, ist in weniger hohem Grade offenbar 
allgemein verbreitet. 

Freilich betont Ferenczi, daß h3'sterische Sj^mptome nicht nur ein 
Minus, sondern gelegentlich auch ein Plus an Innervationsfähigkeit und 
KÖrpergefühl erfordern [10, S. 17]; es ist richtig, was Ferenczi meint, 
daß die fortschreitende Entwicklung Körper fähigkeiten rückbildet, daß 
„dem kindlichen Organismus auch bei autoerotischen und organ erotischen 
Spielereien noch Eiregungswege offen stehen, die für den Erwachsenen 
ungangbar sind , daß „die Erziehung nicht nur im Erlernen neuer, sondern 
nicht zum geringsten Teil auch im Verlernen solcher ,übernormaler 
Fähigkeiten' besteht" [12, S. 27]. Aber für dieses Verlernen, das Ferenczi 
selbst als „Verdrängen" von Körperfähigkeiten bezeichnet, bleibt nur die 
Erklärung, daß die Verdrängung, die die autoerotische Tätigkeit trifft, auch 
die Körperfähigkeit, durch die jene erreicht wurde, mitreißt. Das Resultat 
wäre dann geradezu eine Verkleinerung des Umfangs des Körper-Ichs, eine 
Einschränkung der Ich Wirksamkeit. Hier zeigt sich das, worauf Bernfeld 
auspielt, wenn er sagt, wir seien immer geneigt, „ein unfolgsames Organ 
aus dem Körper auszuschließen" [2, S. 258]. 

Welche Bedeutung solche Mechanismen in der Praxis haben, wird erst 
klar, wenn wir uns an die grundlegende Bedeutung der Körperwahrnehmungen 
für die Bildung und Ausgestaltung des Ichs erinnern. Die Vorstellung des 
eigenen Körpers, richtiger die Zuordnung von Daten der äußeren (Tastsinn) 
und der inneren Wahrnehmung (EmpHndung), die die Vorstellung des 
eigenen Körpers ausmacht, ist, wie Freud ausgeführt [24, S. 36g] und 
nach Bernfeld [2, S. 253 ff.] Preyer schon durch direkte Beobachtung 
am Säugling erschlossen hatte [28], grundlegend für die Bildung des 
Ichgefühls. Das hat unlängst erst wieder Federn mit Nachdruck hervor- 
gehoben [j]; das war auch schon der voranalytischen Psychologie gut 



58 Otto Fcnidiel 



bekannt. Nach Schilder spricht z. B. Scheler von einem „Leib- 
bewußtsein", das sich aus Körpersenlationen, äußerem Körperbild und 
Wissen um die Herrschaft über den eigenen Körper zusammensetzt und 
grundlegend ist für alles psychische Erleben [41. S. 252). Man kann daher 
verstehen, daß sekundäre Beeinträchtigungen dieses Körperbewußtseins auch 
das psychische Krleben sekundär mannigfach beeinflussen. 

Reik hat unlängst im Gegensat/, zu Freud die innere Wahrnehmung 
nicht als Funktion des Ichs, sondern als Funktion des Über-Ichs auffassen 
wollen I40]. Bei aller Würdigung der Tatsache, daß innere Wahrnehmung 
und kritische Selbstbeobachtung innig zusammenhängen, glauben wir 
doch auch gerade aus den hier entwickelten Gedankengängen heraus 
an der Freudschen Auffassung von der Zweifrontentätigkeit des den 
Kern des Ichs ausmachenden Wahrnehmungsnpparates festhalten zu müssen. 
Es wird sich hier wohl nicht viel anders verhalter als bei der Triebabwehr, 
die auch, praktisch vom Über-Ich abhängig, einzig vom Ich exekutiert 
wird. Ebenso bleibt das Ich auch der Bereich der überichbeeinflußten 
inneren Wahrnehmung. 

IV 

Wie verhält sich die Entfremdung von Körpersensationen oder -Organen 
zur Organlibido? Die einfache Auffassung, daß das Ich dem entfremdeten 
Organe seine libidinöse Besetzung entzogen hat, wird nicht immer den 
Komplikationen der Wirklichkeit gerecht. Es ist von vornherein wahr- 
scheinlich, daß z. B. der „entfremdete Muskel" sich bzgl, seiner libidinösen 
Besetzung nicht viel anders verhalten wird als der „dystonische Muskel . 

Erinnern wir uns an eine Beobachtung, die Taus k an Schizophrenen 
machen konnte: Bei seinen Kranken folgte oft einem Zustand von Hypo- 
chondrie, also lokaler Körperlibidostauung, ein Stadium der „Entfremdung 
der betreffenden Organe, ein Schwinden der von ihnen ausgehenden 
Sensationen [4], S. 28]. Wir können nicht annehmen, daß dabei die 
Libidostauung schon verschwunden war, sondern nur, daß das Ich es 
fertig gebracht hat, die unliebsamen Sensationen abzuwehren. Die 
Sensationen werden nicht mehr bewußt, das Organ ist entfremdet, aber 
an das entfremdete Organ bleibt der Besetzungsaufwand gebunden. Die 
Libidostauung ist nicht aufgehoben, sondern durch ein entsprechendes 
Quantum Gegenbesetzung an der Manifestation verhindert. Wie bei der 
Verdrängung der einfachere Mechanismus des Besetzungsentzuges meist dem 
komplizierleren der Neutralisierung einer liohen Besetzung durch eme 
ungefähr gleich hohe Gegenbesetzung Platz machen muß [20], so auch 
bei der Sperrung innerer Wahrnehmungen, so daß der Fund von Federn, 



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über organlibidinöse HegleUerstheimingen der Triebabwehr 59 

daß libidinös besetzte Körperteile sich im Körpergefühl resistenter halten 
[j, S. 268], dahin ergänzt werden muß, daß unter gewissen Bedingungen 
der Trietabwehr gerade libidinös hoch besetzte Organe aus dem Körper- 
gefühl schwinden. Schilder hat das bereits an Hand eines Falles einer 
Sängerin, der gerade das Stimmorgan einer Depersonalisation verfiel, 
erkannt [42, Ss. 45 ff.]. Nicht nur ein Plus an körperlicher Selbstbeobachtung, 
auch ein Minus kann Ausdruck von Organlibidostauungen sein, so wie 
auch nicht nur die betontesten, sondern auch die affektlosesten Stellen 
eines manifesten Traumes den höchsten verdrängten Libidoquanten ent- 
sprechen können. Lokalisierte „Entfremdungen" (Ausstoßen „unfolgsamer 
Organe" aus dem Körpergefühl) scheinen eher einer einfachen Libido- 
entziehung, mehr allgemeine Körperfremdheit „verinnerlichtcr" Zwangs- 
typen einer durch Gegenbesetzung in Schach gehaltenen Libidostauung zu 
entsprechen. 

Wenn dann eine gesteigerte Selbstbeobachtung deutlich wird, wenn 
also z. B. die totale oder partielle Körperfremdheit, wie in unserem Beispiel 
von den verlorenen Beinen, mit Grauen oder anderen Gefühlen konsta- 
tiert wird, so kann es so zugehen, daß diese Selbstbeobachtung, wie 
beim Zwangsneurotiker, der, ewig vor sich selbst auf der Hut, nicht frei 
assoziieren kann, einen Anteil der Gegenbesetzung darstellt. Existiert 
solche Selbstbeobachtung nicht, weiß der Betreffende gar nicht, daß er 
Körpergebiete anästhesiert hat, wie bei manchen hysterischen Sensibilitäts- 
störungen oder wie mancher „Normale", der gar nicht weiß, daß und wie 
man seine Organe spüren kann, so kann es sich um einfachen Libido- 
entzug handeln ; aber auch da ist ein unbewußter Kampf mit einer vom 
Ich errichteten Gegenbesetzung möglich, die sich nicht direkt dem 
Bewußtsein anzeigt, wie ja auch bei der Verdrängung diese beiden Mecha- 
nismen in praxi nicht getrennt werden können. Reich, der gelegentlich 
ähnhche Gedankengänge gestreift hat [jcj], würde wohl auch den Versuch 
einer somatischen Lokalisation solcher Libidoverschiebungen machen und 
etwa sagen, die Organlibido regrediere aus dem phylogenetisch jüngeren 
motorisch-sensiblen Sj'stem in das der inneren Wahrnehmung nicht oder 
nicht so leicht zugängliche phylogenetisch ältere vegetative. Eine Ent- 
fremdung, von der man nichts weiß (deskriptiv: reine Hemmung, meta- 
psychologisch: Besetzungsentzug), entspräche einer geglückten, eine, deren 
man sich quälend bewußt ist (deskriptiv: neurotischer Zustand, meta- 
psychologisch: Gegenbesetzung), einer mißglückten Verdrängung. 

Wird eine solche Stauung gelost, so spürt das Ich neue Körpers ensalionen, 
wiederholt partiell die seinerzeitige „Körperfindung*' [4^], anerkennt etwas 
Neues als „Ich". 



6o Otto l'enldici 



Die Analogie dieses Vorgangs mit der Idenliriitierung hat M ü 1 1 e i^ 
Braunschweig als Identität aufgefaßt [)}]■ Nicht nur Objektlibido, 
meint er, sondern auch autoerotische Libido kann durch Identifizierungen 
desexualisiert werden. Durch die Identifizierung mit Organen oder Er- 
regungsvorgängen wird autoerotische Libido zu desexualisiert- narzißtischer. 
Der „erworbene Narzißmus" Tausks [^j] käme nicht nur im Umweg 
über die Objekte an das schon ausgebildete [Freud, 24, S. 591], sondern 
auch über die Autoerotik an das eich eben erst dadurch heraus differen- 
zierende Ich. Die Desexualisierung dabei bedeutete eine Steigerung der 
physiologischen Funktion des libidobcsetzten Organs im Gegensatz zur 
Autoerotik, die die physiologische Funktion schiidigt. (Freud: „Wir 
haben allgemein die Einsicht gewonnen, daß die Ichfunktion eines Organs 
geschädigt wird, wenn seine Erogeneilät, seine sexuelle Bedeutung zunimmt" 
[2/, S. 9.]) Der Onanist und der bildende Künstler haben beide die Han^ 
„libidinisiert". Jener schwächt dadurch die Ichfunkiion der Hand, dieser 
hat die HandliMdo desexualisiert, bei ihm ist die Eesetzung der Hand 
nicht mehr primitiv-auloerotisch, sondern desexualisiert-narzißtisch. 
Hermann hat diesen Gegensatz herausgearbeitet und — nicht ganz 
korrekt — in dem einen Falle von „Genitalisierung", im anderen von 
„zur Sublimierung fortschreitender Erotisierung" gesprochen [sy, S. 297]. 

Die „Entfremdung" geht fließend in die „Depersonalisation" über. Bei 
jener ist das „körperliche Ichgefühl", bei dieser auch das „seelische" durch 
Sperrung innerer Wahrnehmungen gesiiirt. Daß es Sperrung seelischer 
Empfindungen überhaupt gibt, hat Freud im „Ich und Es" gezeigt und 
am Beispiel der Verdrängung von vom Über-Ich ausgehenden Schuldgefühlen 
bei der Hysterie erörtert [24, S. 597]. Es gibt „kalte Naturen", die ein 
fein differenziertes Gefühlsleben durch aktive Hemmung nicht zustande 
kommen lassen. — Bei der Depersonalisation sind andere „Gefühle" und 
„Empfindungen" in analoger Weise „verdrangt". Das Vermissen der 
betreffenden Sensationen durch die selbslbeobachtenden Patienten entspricht 
dem Vermissen eines entfallenen, aber auf der Zunge schwebenden 
Namens, Bei der Bedeutung der Körpergefühle für die Ichentstehung 
lassen sich Depersonalisation und Entfremdung nicht scharf trennen. 
Umso erfreulicher ist es, daß Reik über die Depersonalisation ähnliche 
Gedankengänge entwickelt hat wie wir über die Entfremdung. Auch 
er hat sie — und unseres Erachtens sehr mit Recht — als Trieb- 
abwehr beschrieben [40]. Wir glauben, nun auch einen bei Nunberg 
[37] und Schilder [42] unklar gebliebenen Punkt klären zu können: 
Bei Nunberg blieb fraglich, ob bei der Depersonalisation ein Minus 
an narzißtischer Libido („Libidoverlust") oder ein Plus („ Befriedigungs- 



i 






über organlibidinöse Begleitersdieinungen der Triebabwehr 6l 



Verlust", also Libido s t a u u n g) vorliegt, und Schilder, der ausdrück- 
lich hervorhebt, daß dem Depersonalisierten die Gefühle objektiv nicht 
fehlen, daß die Kranken nur „von innen her einen Widerspruch gegen 
ihr eigenes Erleben erheben" [42, S. 39], daß „die Selbstbeobachtung" 
„den inneren Widerspruch" „vertritt", so daß „wir in der Depersonalisation 
zwei einander widerstreitende Richtungen" „haben" [42, S, 39], ja sogar, 
daß „das narzißtisch besetzte Organ am stärksten der Depersonalisation 
verfällt" [42, S. 45], meint metapsychologisch dennoch bloß, „daß die 
Patienten Libido abziehen von dem eigenen Erleben." [42, S. gg]. 
Vermutlich kommt bei der Depersonalisation wie bei der Verdrängung 
und der „Entfremdung" beides vor: Ein Besetzungsentzug, aber auch eine 
Stauung durch Errichtung einer Gegenbesetzung. 

Die letztere Form ist es, die bei R e i k eingehende Beschreibung 
gefunden hat [40]. Sagt Reik, die im Zusammenhang mit der Deper- 
sonalisation immer wieder beschriebene gesteigerte Selbstbeobachtung 
gehöre nicht primär zu ihr, sondern trete sekundär als Heil ungs versuch 
zu ihr hinzu [40], so möchten wir das so auffassen, daß bei der 
Triebabwehr der Depersonalisation genau so wie bei der der Verdrängung 
zunächst der Besetzungsentzug versucht wird, wenn dies mißlingt, 
aber später eine Gegenbesetzung errichtet wird, die — wie es Freud 
bei der Zwangsneurose beschrieben hat [2J, S. 60] — als Selbstbeobachtung 
manifest wird. Ihre Besetzungsenergie entstammt eventuell gerade der 
Besetzungsenergie, die vorher vom Ich dem Abgewehrten entzogen worden 
ist. Die Analogie zwischen Depersonalisation und anderen Triebabwehr- 
arten wäre dann vollständig. Das für die Depersonalisation konstitutive 
Merkmal wäre nur, daß das vom Ich Abgewehrte nicht allgemein Trieb- 
handlungsimpulse, sondern speziell Gefühls- und Empfindungsdaten der 
inneren Wahrnehmung wären. Auch Vorstellungen, die erinnert werden, 
sind ja von der inneren Wahrnehmung erfaßte Besetzungsänderungen in 
der Tiefe des psychischen Apparates. Auch die eigentliche Verdrängung 
ist von diesem Gesichtspunkt aus eine spezifische partielle Außerkraft- 
setzung der inneren Wahrnehmung. Nur dadurch, welche Daten der 
inneren Wahrnehmung jeweils außer Kraft gesetzt sind, unterscheiden sich 
Depersonalisation und Verdrängung. Es ist dann verständlich, daß, wie 
Nunberg hervorgehoben hat [^7], fast alle Verdrängungen initial mit 
leichten partiellen Depersonalisationserscheinungen einhergehen.' 



1) Diese Abwehr innerer Wahrnehmungen kann man sich nun ^lantitativ 
gesteigert vorstellen. Wii: es möghth ist, gewisse innere Wahrnehmungen (trieb- 
repräsentierende Vorstellungen, Schuldgefühlsregnngen, lokalisierte Korpersensationen) 
vom Eewußtwerden ausiuschließen, so ist es auch denkbar, daß das Gesamteebiet 



62 Otio t'eniditil 



V 

Wie alle der Triebabwelir dienenden Erscheinungen — wir haben 
es auch für den Dystonus besonders hervorgehoben — können auch 
die beschriebenen Körpergefühlsveränderungen sekundär übidinisierl sein 
und bei masturbatorischen Spielereien Verwendung finden, keineswegs nur 
masochistischer Art, wenn auch vielleicht solcher Gewinn — R e i k 
hat auf ihn besonders aufmerksam gemacht [.fo] — besonders häufig 
vorkommen mag. Der erwähnte Patient, der vor dem Angstanfall seine Beine 
verlor, pflegte sich nackt vor den Spiegel zu stellen und sich so lange zu 
beobachten, bis sich das Gefühl: Was ist Ich? Bin ich Ich? einstellte, 
das er dann wollüstig genoß. Weniger bewußt werden häufig die Ich- 
innerer Wahi-nehmiingen uns Abwehrgriiiiden tendenziös gesperrt wird. Das scheint 
der Fall lu sein Lei der Olin macht, in der jn iiiclil nur die iinßeren, sondern 
auch die inneren Walirnehinimgsdatcn vollständig fehlen, also die Gesamt fiuiktion 
des Wahrnelimiingsapparates inklusive des Bomißtseina selbst aufgehoben ist 
[Landauer, }4]. Doch bringt uns dieser Exlrcmfull in neue metapsychologische 
Schwierigkeiten : Kann Jus Ich sich selbst, seine eigene Diffüreniierlheit aufheben, 
sich selbst wieder in dns Ks versenkend 

Beim Schlaf ftillt dieses Probleni fort, weil er nicht als Triebabwehr funk- 
tioniert. Auch er ist zwar als Phiinomen ülmlichcr Art, als Anfliebung der Differen- 
sierung des Ichs durch Einstclhing jeder VValirnchinungsliuiktion, auftufussen; der 
Narzißmus des Schlafs fsaj vcrsliirkl nicht die Bcseluiiig des Ichs, sondern sieht 
sie in das Es zurück, die diagTios tische Fähigkeit des Traume» ist niclit die Folge 
gesteigerter Ichbesetzimg im engeren Sinne, sondern des Umstnndes, daß die innere 
Walimchmungsfront länger, dem Schlafwunsch widerstehend, Besetzungen festlmlt als 
die äußere. Aber das Eintreten des Schlafes kann man sich als diu-eh den auto- 
matischen Zwang aur periodischen Aufliehung von üifforeniierungen bedingt denken. 
Die Freudsche Formulierung, im Schlaf fließen Aviüenwelt luid Ich periodisch 
wieder zusammen [23, S. 554], ist stniklnrell zu ergiinzen, auch das nuDenwek- 
vcrtretende Ich im engeren Sinne fließt im Sclilaf wiedc-r in dos Es zurück. 

Wie aber bei der Ohnmacht, da solches Znsammcnflioßen tendeniiÖs im Dienste 
der Abwehr erfolgt, die nur vom Ich aiisgelien kann? Es ist hier dasselbe Problem 
wie beim unbewußten W i d e r b t a n d : Zu seiner Erklürung hat Freud das 
„Es" eingefiUirt [34, Ss. 559 ff.], und trotzdem nmOle er auch spiiterhin den 
unbewußten Widersland in seinen meisten Formen dem Ich im Gegensatz zum Es 
zuweisen [zj-, S. 1 17]. Man darf eben nie vergessen, daß das Ich nnr ein DitTeremierungs- 
)irodukt des Es ist; nur wo Verdrunginigsschronken errichtet sind, sind Ich und Es 
scharf voneinander gelrennt, sonst gehen sie fließend ineinander über [3/, S. 21]. Es 
gibt tiefe, esnalie Ichschichten. Ilmen gehört vermutlich die Triebabwehr durch 
Bewußtseiiisverlust in, die a r c h a i s c h e s t e Abwehrart („Flucht"), von der in den 
höheren Tri eh ab wehr arten Depersonalisation und Verdriinginig noch Reste erkennbar 
Sind. Dazu stimmt, daß der abwehrende Bewußtseiiisverlust entweder dem 
archaischesten Nirwanapriniip lu entsprechen scheint, — die Ohnmacht bei 
starkem Schmerz ist z. B. so denkbar, daß zur Erriclitiing der scbmerxhindenden 
Gegenbesetzung der Bcsetzungsentiug des Ichs Ökonomisch notwendig ist, — oder 
aber psychotischen oder infantilen Menschen zukommt. So könnte man Deper- 
sonalisation, Organentfremdung und auch Verdrängung als hochdi ff crenzierte Partial- 
ohnmachten auffassen. 



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4 



über organlibidinöse Begleitersdieinungen der Triebabwehr 63 

gefühls Veränderungen des Halbschlafs, wahrscheinlich ursprünglich auch 
zur Triehahwehr ausgenutzt, sexualisiert. Die infantile Einschlafmasturhation 
wurde mit den Körpergefühls Veränderungen assoziiert, diese wurden in die 
Phantasien (wie Ich noch nicht Ich war — Geburt-, Intrauterin- und 
Zeugungsphantasien, allmählicher Körpergefühl sverlust in Assoziation mit 
den Sensationen von Flug- und Fallträumen u. dgl.) verwoben, die häufig 
die Reminiszenz an eine Ürszene verdecken. Später stehen gelegentlich die 
Depersonalisations- und Entfremdungsgefühle für jene verdrängten Phantasien 
im Bewußtsein. Gelegentlich verraten Einschlafphantasien nur durch solche 
sie begleitenden Sensationen ihren onanistischen (und onanieunt erdrücken den) 
Sinn. Auch das ursprünglich einer Verdrängung gleichkommende 
depersonalisationsähnliche Gefühl, daß ein Wort seinen Sinn (die Wort- 
vorstellung ihre Sachvorstellnng) verloren hat, kann auf solche Weise zu 
onanistischem Spiel verwendet werden. 

Literatur 

1) Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. Int. psa. V., 1924. 

2) Bernfeld: Psychologie des Säuglings. Springer, 1926. 

;) Deutsch, Felix; Psychoanalyse und Organkrankheiten. Int. Z. f. PsA., VIII,, 
igai. 

4) „ „ Der gesunde und der kranke Korper iu psychoanalytischer 

Betrachtung. Int. Z. f. PsA., XII., 1926. 

j) Federn: Einige Variationen des Ichgefühls. Int. Z. f. PsA., XIL, 1926. 

6} Fenichel: Die Ideiitifjiierung. Int. Z. f. PsA., XII., iqaS. 

y) Ferencii: Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssiniies. Int. Z. f. PsA., I., 1915. 

*J " Zur psychoanalytischen Technik. Int. Z. £. PsA., V,, 1919. 

9) » Denken und Muskelinnervati on. Int. Z. f. PsA., V., 19,9. 

löJ n Hysterie und Pathoueurosen. Int. psa. Verlag, 191g. 

"J » PsychoanalytischeBetrachtungenüber den Tic. Int. Z. f. PsA., V.,1919. 

'2) „ Zur Psychoanalyse von Sexualge wohnheilen. Int. Z. f. PsA., XL, '1925. 

^3) )' Kontraindikationen der aktiven Therapie. Int. Z f. PsA., XIL, 1926. 

14) Freud; Quelques consid^rations pour une ^tude comparative des paralysies 

motrices organiques et hysteriques. Ges. Sehr.. Bd. I. 
SS) „ Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten 

Symptomenkoniplex als „Angstneinrose" abzutrennen. Ges. Sehr., Bd. I. 
16} „ Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. Ges. Sehr., Bd. I. 

17} P °''^' Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Sehr., Bd. V. 

jg) „ Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens. 

Ges. Sehr., Bd. V. 
tg) „ Zur EinfiUirung des Narzißmus. Ges. Sehr., Bd. VI, 

20) „ Die Verdränginig. Ges. Sehr., Bd. V. 

3j^ j, Das Unbewußte. Ges. Sehr., Bd. V. 

33) „ Metapsychologisclie Ergänimig lur Traumlehre. Ges. Sehr., Bd. V. 

ij) „ Massenpsychologie luid Ichanalyse, Ges. Sehr., Bd. VI. 

24) „ Das Ich und das Es. Ges. Sehr., Bd. VI. 
af) „ Hemmung, Symptom und Angst. Int. psa. V., igaS. 

26) Härnik: Schicksale des Narzißmus bei Mann und Frau. Int. Z. f. PsA., IX., 1925. 
27J Hermann; Organlibido luid Begabung. Tut. Z. f. PsA,, IX., 1923. 



64 Otto Fenldn;! 



28) Heyer; Das korperlicli-secliaclie ZiiBammenwirken iii den Lcbensvorgiingeii. 

I. F. Bergmann, 1925. 
29; HolUs: Über das Zoitgefiilil. Inl. 7.. f. PsA., VIIL, 1913. 
;o) Hoiiihurger; Zur Gcsmllung der nornmlen inciisclilichen Motorik und ihrer 

neurteüuiig. Zlsdir. f. d. g<-s. Neiir. u. Psych., HA. 55, 1925. 
}i) KovÄcs: Analyse eines l'iiUcs von Tic conviilsiv, hit. '/.. f. PsA., XI., 1925. 
12) KretHchmer: Korperbuii und Clinrukler. 

jjj Landauer: Über kindliche Bewegunpsunrulie. Inl. 7.. f. PsA.. XII., 1926. 
j_}) „ Die Bewußtseinsstörungen. Iii Federn-Meiigr Diis psa. Volksbuch, 

Hippokratesverlng, Stnltfjnrl, 1926. 
jf) Müller-Br aunschwoig: Beitrage lur Metapsychologie. Imago, XII.. 1926. 
36) Nunberg: Über den katatonischen Anfall. Int. Z. f. PsA., VI., 1920. 
jy) „ Über Depersoniilisationsin.'ilände im Lichte der Libidotheorie. 

Int, Z. f. PsA., X., iga-i. 
j8) Frey er: Die Seele des Kindes. i88jj.. 
jyj Reich: Die Fimklion des Orgasmus. Int. psn. Verlag, 1927. 

40) Reik: Wie man Psychologe wird. lut. psa, Verlag, 1927- 

41) Schilder: Medizinische Psychologie. Springer, 192+. 

42) „ Entwurf zu einer Psychiatrie auf psychoanalytischer Grundlage. 

Int. pea. Verlag, 1925. 
4)) Taiisk: Über den BeeinflussungBapparat in dr-r Schiiophreuie. Int. Z. f. PsA., 
V., 1919. 



Frühstadien des Ödipuskonfliktes 

_ Fortrag auf dem X. InternaiioKalen Psychoannlj^ischm Kongreß zu Innsbruck 

am j. Septembtr I^2y 

Von 

Melanie Klein 

London 
Meine Damen und Herren ! 

Ich bin in meinen Kinderanalysen, insbesondere in denen drei- bis sechs- 
jähriger Kinder, zu einer Reihe von Feststellungen gekommen, die ich hier 
zusammenfassen werde. 

Ich habe wiederholt darauf hingewiesen, daß der Ödipuskomplex früher 
am Werke ist, als angenommen wurde und habe in meiner letzten Arbeit 
»Die psychologischen Grundlagen der Frühanalyse"' 
darüber genauere Angaben gemacht. Ich kam dort zum Ergebnis, daß die 
durch die Entwöhnung von der Mutterbrust auferlegte Versagung die 
Ödipusstrebungen auslöst und daß diese Ende des ersten und anfangs des 
zweiten Lebensjahres einsetzen. Verstärkend wirken die analen Versagungen, 
die dem Kinde aus der Reinlichkeitsgewöhnung erwachsen. Nun kommt 
der anatomische Geschlechtsunterschied bestimmend zu 
Worte. 

Der Knabe geht, aus der oralen und analen Position in die genitale 
gedrängt, zu den mit dem Besitz des Pensis verbundenen Tendenzen des 
Eindringens über. Er wechselt also sowohl die Libidoposi t i o n als 
deren Tendenz, und kann demzufolge das gleiche Liebesobjekt 
beibehalten. Das Mädchen aber Übernimmt die Tendenzen des 
Aufnehmens aus der o r a 1 e n Position in die genitale, behält also 
auch beim Wechsel der Libidop osi ti o n die gleiche Tendenz, 
die schon vorher bei der Mutter zur Enttäuschung führte. Auf diese Art 
wird das Mädchen zum Aufnehmen wollen des Penis gedrängt, es wendet 
sich dem Vater als Liebesobjekt zu. 

i) Imago, Bd. XII (1926)- 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XlV/i 



66 



Melanie Klein 



Das Einsetzen der ödipuswünsche geht aber auch sclion mit dem Beginn 
von Kastraiionsangst und Scliuldgefühlen einher. 

Die auch aus der Erwachsenen-Analyse bekannte Tatsache, daß mit den 
prägenitalen Triebregungen Schuldgefühle verbunden sind, wurde vielfach 
als eine nachträgliche Zurückverlegung der Scluildgefühle auf diese Trieb- 
regungen aufgefaßt. Ferenczi nimmt eine mit den urethralen und 
analen Triebregungen verbundene „Art physiologischer Vorstufe des Über-Ichs" 
— die „Sphinkter™ oral" an. — Nach Abraham tritt auf der kannibalischen 
Stufe Angst, auf der folgenden früheren anal-sadistischen Stufe Schuld- 
gefühl auf. 

Meine Ergebnisse führen einen Schritt weiter. Sie zeigen mir, daß die 
mit den prägenitalen Fixierungen verbundenen Schuldgefühle schon eine 
direkte Wirkung des Ödipuskonfliktes sind. Dies scheint auch eine 
zureichende Erklärung für deren Genese, da wir Schuldgefühle nur als 
Wirkung der schon vollzogenen — und ich habe hinzuzufügen: — oder 
der sich vollziehenden Introjektion der ödipusobjekte. also der Über- 
Ich-Bildung, kennen. 

Die Frühanalyse läßt den Aufbau des Übor-Tchs aus den den verschiedensten 
Perioden und Schichten entstammenden überraschend gegensätzlichen 
und zwar sowohl übergüligen wie überstrengen — Identifizierungen 
erkennen und gibt auch Aufklärung über die phantastische Strenge des 
Über-Ichs, die besonders in den Frühanalysen deutlich wird. Es scheint 
nicht einleuchtend, daß in Kind von z. B, vier Jahren in sich das irreale, 
phantastische Bild fressender, schneidender, kastrierender Eltern aufrichten 
sollte. Es ist aber einleuchtend, daß das z. B. ein j ähr ige Kind die durch 
das Einsetzen des Ödipuskonfliktes ausgelöste Angst in Form von Aufgefressen- 
und Zerstörtwerden empfindet. Der Wunsch, das Objekt durch Beißen, 
Fressen, Schneiden zu zerstören, führt, eben weil dieses Objekt zufolge der 
mit den Ödipusregungen einsetzenden Introjektion des Objektes zu einem 
strafenden wird, zur Angst, die Strafe in adäquater Weise zu erleiden: 
Das Über-Ich wird ein beißendes, fressendes, schneidendes. 

Die Verbindung der Über-Ich-Blldung mit den prägenitalen Entwicklungs- 
stufen ist in doppelter Hinsicht bedeutungsvoll ; Das Schuldgefühl wendet 
sich gegen die noch vorherrschenden oral- und anal-sadistischen Entwicklungs- 
stufen. Andererseits : Dieses erste Stück (Jber-lch bildet sich unter dei 
Herrschaft dieser Stufen, wodurch die sadistische Strenge des Über-Ichs eine 

Erklärung findet. . . 

Aus diesen Feststellungen ergibt sich eine neue Perspektive: Das noch 
sehr schwache Ich kann sich des sich so drohend aufrichtenden Über-Ichs 
nur durch Verdrängung erwehren. Da sich zunäclist die Ödipusstrebungeo 



Frühstadieii des Ödipuskonfliktes 67 



vorwiegend im Zeichen der oralen und analen Triebregungen abspielen, 
wird es also wesentlich von dem Ausmaße der Verdrängung schon auf 
dieser Stufe abhängen, welche Fixierungen die für die ödipusentwicfcluag 
vorherrschenden bleiben. 

Von großer Bedeutung ist die direkte Verbindung der prägenitalen 
Entwicklungsstufen mit dem Schuldgefühl auch durch die Tatsache, daß 
dadurch die für alle weiteren Versagungen im Leben vorbildlichen oralen 
und analen Versagungen zugleich Strafe bedeuten und Angst verursachen. 
Dieser Umstand steigert die Schärfe der Versagung und trägt so einen 
Hauptanteil zur Belastung bei, die Versagungen überhaupt ausüben. 

Es erweist sich als folgenschwer, daß der Beginn der Ödipusstrebungen 
und das damit verbundene Einsetzen der sexuellen Wißbegierde das Ich 
auf einer so frühen Stufe antrifft. Es wird dadurch ~ intellektuell noch 
ganz unentwickelt — vor einen Ansturm von Problemen und Fragen 
gestellt. Unter den Anklagen im Unbewußten finden wir sehr intensiv 
auch die, daß diese verblüffend reichhaltigen Fragen, die allem Anschein 
nach nur zum Teil bewußt werden, und, so weit dies der Fall ist, in 
Worte noch nicht gefaßt werden können, unbeantwortet blieben. Ein 
anderer Vorwurf gesellt sich dicht zu diesem: Es ist der, daß das Kind 
die Worte, die Sprache nicht verstand; die ersten Fragen reichen also noch 
hinter die Ansätze des Sprach Verständnisses zurück. 

Beide Vorwürfe lösen in der Analyse außerordentliche Haßquantitäten 
aus. Sie sind, einzeln oder miteinander verbunden, die Grundlage zahl- 
reicher Hemmungen des Wißtriebs, wie z. B. die der Erlernung fremder 
Sprachen, ferner des Hasses gegen Anderssprachige, aber auch direkter 
Sprachstörungen usw. Die später, meist im vierten oder fünften Lebens- 
jahre deutlich hervortretende Wißbegierde ist kein Anfang, sondern ebenso 
Höhepunkt und AbscMuß einer Entwickln ngsperiode, wie ich es vom Ödipus- 
konflikt im allgemeinen behauptet habe. 

Das frühe Gefühl des Nichtwissens geht mehrfache Beziehungen ein. 
Es verbindet sich mit dem bald aus der Ödipussituation resultierenden 
Gefühl des Nicht könne ns. Das Kind empfindet dieses Versagen um so 
schärfer, weil es auch nichts Bestimmtes weiß über die sexuellen 
Vorgänge. Bei beiden Geschlechtern erhält der Kastrationskomplex aus diesem 
Gefühl des Nichtwissens einen verschärfenden Zuschuß. 

Sehr wesentlich für die ganze Entwicklung ist die frühe Verbindung 
des Wißtriebes mit dem Sadismus. Der durch die Ödipusregungen aktivierte 
Wißtrieb wendet sich zunächst vorwiegend dem Mutterleib als vermutetem 
Schauplatz aller sexuellen Vorgänge und Entwicklungen zu. Die herrschende 
anal-sadistische Position treibt aber zum Wunsch, den Inhalt des Mutter- 



5' 



68 Mtriunie Klvln 



leibes sich auch anzueignen, Wißtricb und sadistisches Sichbemächti gen- 
wollen geraten so in frühe engste Verbindung miteinander, zugleich aber 
auch mit dem durch den Ödipuskonflikt einsetzenden Schuldgefühl. Diese 
bedeutungsvolle Verbindung leitet bei beiden Geschlechtern eine Ent- 
wicklungsstufe von grundlegender, bisher nicht genügend beachteter 
Wichtigkeit ein. Sie hat eine ganz frühe Identifizierung mit der Mutter 
zum Inhalt. 

Ich habe nun den Verlauf dieser W eiblich keilsphase bei Knabe und 
Mädchen einer gesonderten Betrachtung zu unterziehen, knüpfe aber 
vorerst noch an die vorhergehende, beiden Geschlechtern gemeinsame 
Stufe an. 

Auf dex frühen anal-sadistischen Stufe geht das Kind durch das zweite 
schwere Trauma, das seine Abwendung von der Mutter verstärkt. Sie hat 
sich ihm oral versagt und stÖrt nun auch die anale Lustbefriedigung. Hier 
scheint es zu einer VerlÖtungsslelle der analen mit den sadistischen Trieb- 
regungen zu kommen, die durch die analen Entziehungen hergestellt wird. 
Das Kind will sich den Stuhl der Mutter aneignen, indem es 
in deren Leib eindringt, diesen zerschneidet, frißt, 
zerstört. Unter dem Einfluß der genitalen Regungen macht nun der 
Knabe Ansätze, sich der Mutter als Liebesobjekt zuzuwenden. Die 
sadistischen Regungen sind aber in vollem Gange: Der aus den früheren 
Versagungen stammende Haß stellt sich der Objektliebe auf der genitalen 
Stufe wirksam entgegen. Ein noch mächtigeres Hindernis ist die mit den 
ödipusregungen einsetzende Kastralionsangst des Knaben vor dem Vater. 
Inwieweit der Knabe diese Angst ertragen kann, wird mitentscheidend für 
das bessere Erreichen der genitalen Position. Die Intensität der oral- und 
analsadistischen Fixierungen spielt hier eine wichtige Rolle. Sie beeinflußt 
den Grad des Hasses gegen die Mutter, der wieder die Erreichung der 
positiven Beziehung zu ihr mehr oder weniger beeinträchtigt. Die sadi- 
stischen Fixierungen werden aber auch bestimmend für die Bildung eines 
unter der Wirksamkeit dieser Stufen entstehenden Über-Ichs. Je grausamer 
dieses Über-Ich ist, desto erschreckender wird auch der kastrierende Vater, 
um so weitgehender aber werden auf der Flucht vor den genitalen Regun- 
gen die sadistischen Stufen festgehalten, in deren Zeichen sich dann 
auch die ödipusregungen zunächst abspielen. j 

In diesen Frühstadien werden alle Positionen der Ödipusentwicklung I 

rasch hintereinander besetzt. Dies bleibt undurchsichtig, weil die prägeni- 
talen Regungen das Bild beherrschen. Auch die Grenze zwischen der 
auf der analen Stufe dargestellten aktiv heterosexuellen Einstellung und 
dem weiteren Schritt zur Identifizierung mit der Mutter ist überaus fließend. 



i 



Frühstadicn des ödipuskoniliktes 5« 



Wir sind nun bei der von mir hervorgehobenen, als Weiblichkeitsphase 
bezeichneten Entwicklungsstufe angelangt. Sie findet ihre Basis in der 
anal-sadistischen Stufe und gibt dieser einen neuen Inhalt dadurch, daß 
der Stuhl nun mit dem gewünschten Kind gleichgesetzt wird und der 
Beraubungswunsch auch diesem gih. Dabei sind zwei ineinanderfließende 
Strömungen feststellbar: Die eine steht im Dienste des Kindeswuusches 
um sie sich anzueignen, die andere dient der Eifersucht vor erwarteten 
Geschwistern und dem Wunsch, sie im Mutterleib zu zerstören. 

Analog dem Kastrationskomplex des Mädchens liegt auch dem Weiblich- 
keitskomplex des Mannes der versagte Wunsch nach einem speziellen Organ 
zugrunde: Tendenzen des Rauhens und Zerstörens gelten den vom 
Knaben im Mutterleib vorausgesetzten, der Empfängnis, Schwangerschaft 
und Geburt dienenden Organen, ferner auch der Vagina und der milch- 
spendenden Brust, deren Besitz als Organe des Aufnehmens und Spendens 
ihm noch von der rein oralen Position her begehrenswert erscheint. 

Der Knabe befürchtet Strafe für die Zerstörung des mütterlichen Leibes 
Analog der mit den Kastrations wünschen des Mädchens verbundenen Angst 
tragt auch diese Befürchtung des Knaben einen allgemeineren Charakter 
Er befürchtet eine Beschädigung, Zerstückelung des Körpers, die auch die 
Rastration miteinbegreift. Hier ist ein direkter Zuschuß zum Kastrations- 
komplex gegeben. In dieser frühen Eutwlcklungsperiode bedeutet die den 
Stuhl wegnehmende auch eine zerstückelnde, kastrierende Mutter, sie 
bereitet also nicht nur durch die analen Versagungen den Kastrations- 
komplex vor, sie ist im Sinne der psychischen Realität auch schon 
die K ast ratorin. 

Diese Angst vor der Mutter ist deshalb eine so überwähigende, weil 
sich mit ihr eine intensive Kastrationsangst vor dem Vater verbindet. Die 
Zerstörungstendenzen gegen den Mutterleib sind auch mit voller oral- und 
analsadistischer Intensität gegen den im Mutterleib vorausgesetzten väter- 
lichen Penis gerichtet, um den sich in diesem Entwicklungsstadium die 
Kastrationsangst vor dem Vater zentriert. Die We ib lichkei t sp has e 
ist also charakterisiert durch eine dem M u 1 1 er le ib und dem Vater- 
penis geltende Angst, die den Knaben unter den Druck eines 

fressenden, zerstückeln den, kastrier enden mütterlichen 
und väterlichen Über-Ichs setzt. 

Die Strömungen der einsetzenden genitalen Positionen kreuzen und 

durchsetzen sich also mit den vielfältigen prägenitalen Strebungen. Je mehr 

dabei die sadistischen Fixierungen überwiegen, um so mehr wird zufolge des 

aus dem Kindeswunsch resultierenden Gefühls des Benachteiligtseins und 

der Minderwertigkeit die Identifizierung des Knaben mit der Mutter 



70 



Mi-Ianic Klt-in 



einer von Neid und Haß durchsetzten Konkurrenzeinstcllung zur" Frau 
entsprechen. 

Betrachten wir nun die Gründe, die den nicht weniger bedeutungsvollen 
Weiblichkeitskomplex des Mannes um so viel undurchsichtiger erscheinen 
lassen, als den Käst rationskomp lex des Mädchens. 

Die Verlötung des Kindeswunsches mit dem Wißtrieb ermöglicht dem 
Knaben eine Verlegung auf das Geistige und seine aus dem Besitz des Penis 
abgeleitete, auch vom Mädchen als solche anerkannte Überlegenheit zur 
Verdeckung und Üherkompensierung des Gefühls des Benachleiligtseins zu 
verwenden. Diese Übertreibung der männlichen Position bildet die Grund- 
lage einer überlaut betonten Männlichkeit. Die narzißtische Überschätzung 
des Penis seitens des Mannes und seine geistige Rivalitatseinstellung zur 
Frau führt auch Mary Chadwick in ihrer Arbeit : „Die Wurzel der Wiß- 
begierde"' auf den versagten Kindeswunscli des Mannes und dessen Ver- 
schiebung auf das Intellektuelle zurück. 

Eine sehr häufige Überaggression des Knaben hat im Weiblichkeits- 
komplex ihre Quelle. Sie ist mit Hohn und ßesserwisscnwollen gepaart, 
stark asozial und sadistisch und wird mitbedingt durch das Bestreben, die 
dahinterl legende Angst und das Nichtwissen zu maskieren. Sie fällt z. T. 
zusammen mit dem aus Kastrationsangst stammenden Protest des Knaben 
gegen die weibliche Rolle, hat aber auch tiefe Wurzeln in der Angst 
vor der Mutter, deren Kinder und Weiblichkeitsorgane geraubt werden sollten. 
Diese Überaggression vereinigt sich mit der aus der direkten genitalen ödipus- 
situation stammenden Angriffslust, stellt aber den bei weitem asozialeren, für 
die ungünstige Charakterbildung bestimmenden Anteil derselben dar. Deshalb 
wird die Rivalität von Mann zu Frau eine viel asozialere sein als die von 
Mann zu Mann, die mehr von der genitalen Position diktiert wird. Freilich 
wird die Quantitäts frage der sadistischen Fixierungen auch das Rivalitäts- 
verhältnis von Mann zu Mann bestimmen. Liegt der Identifizierung mit 
der Mutter hingegen eine besser befestigte genitale Position zugrunde, so 
wird einerseits das Verhältnis zur Frau einen positiven Charakter tragen, 
andererseits aber auch Kindeswunsch und weibliche Komponente, denen in 
der Arbeit des Mannes ein so wesentlicher Anteil zukommt, günstigere 
Sublimierungsmöglichkeiten finden. 

Arbeitshemmungen bei beiden Geschlechtern haben in der mit der 
Weiblichkeitsphase verbundenen Angst und Schuldgefühl eine grundlegende 
Wurzel. Die tiefgehende Analyse dieser Phase wird sich aber, wie ich 
erfahrungsgemäß weiß, auch sonst therapeutisch bedeutsam zeigen und 



i) Diese Zeitschrift. Bd. XI, 1925. 



Fr üli Stadien des Ödipuskonfliktes 71 



dürfte bei manchem anscheinend nicht mehr auflösliaren Rest in Zwangs- 
neurosen Nutzen bringen. 

Was nach der Weiblichkeitsphase in der Entwicklung des Knaben folgt, 
ist ein längerer Kajnpf zwischen den prägenitalen und genitalen Positionen, 
dessen Höhepunkt im dritten bis fünften Lebensjahr als Ödipuskonflikt 
deutlich kennbar wird. Die mit der WeibÜchkeitsphase verbundene Angst 
treibt wohl den Knaben zu der Identifizierung mit dem Vater, 
dieser Antrieb an sich gibt aber keine haltbare Basis für die Befestigung 
der genitalen Positionen ab, da er vorwiegend zur Verdrängung und 
Überkompensierung der anal-sadistischen Triebregungen 
und nicht zu deren Überwindung führt. Die Kastrationsangst vor 
dem Vater verstärkt die Fixierung an die anal-sadistischen Stufen. Die 
konstitutionelle Genitalität spielt auch eine wichtige Rolle für die günstige 
Entscheidung, — nämlich die Erreichung der genitalen Stufe. Oft bleibt 
dieser Kampf unentschieden, — ein Ergebnis, das die Grundlage zahlreicher 
Potenz- und neurotischer Störungen bildet.' Der günstige Verlauf der 
Weiblichkeitspliase, resp. die gelungene Ablösung von derselben, wird also 
mitentscheidend für die Erreichung der vollen Potenz und der genitalen 
Position. 

Ich gehe nun zur Entwicklung des Mädchens über. Es hat sich zufolge 
der Entwöhnung von der Mutter abgewandt, diese Abwendung wird 
verstärkt durch die analen Entziehungen. Das Genitale tritt in Wirkung. 
Ich stimme durchaus überein mit Helene Deutsch,^ die in der 
vollzogenen Verschiebung der oralen Libido auf das Genitale die Vollendung 
der weiblichen Genitalent Wicklung sieht. Nur setzt nach meinen Ergebnissen 
diese Verschiebung schon mit dem Beginn der genitalen Regungen ein, 
und der oralen, aufnehmenden Tendenz des Genitales kommt schon 
eine bestimmende Wirkung für die Zuwendung z u m V a t e r zu. Auch 
ergibt sich mir, daß nicht nur die unbewußte Kenntnis der Vagina, sondern auch 
Sensationen an derselben und am übrigen Genitalapparat schon mit den Ödipus- 
regungen auftreten. Da diesen Erregungsquantitäten aber durch die Onanie 
des Mädchens keine annähernd so adäquate Abfuhr zuteil wird, wie sie 
der Knabe in der Onanie erzielt, wäre hier in dieser aufgestapelten 
Unbefriedigung mit auch ein Grund für mehr Komplikationen und 
Störungen der weiblichen Sexualentwicklung gegeben. Die Schwierigkeil, 
durch die Onanie zu einer vollen Befriedigung zu kommen, könnte auch 
für die Gegeneinstellung des Mädchens gegen die Onanie nebst den 
anderen von Freud festgestellten Gründen eine Rolle spielen und auch 

i) Ich verweise hier auf Reich „Die Funktion des Orgasmus". Int. PsA. Verlag, 
a") H. Deutsch: „Psychoanalyse der weiblichen Scxualhinktion". Int PsA. Verlag. 



72 Melanie Klein 



von Einfluß darauf sein, daß die manuelle Onanie im Verlauf des 
Abgewöhnungskampfes meist durch das Zusammenpressen der Beine 

abgelöst wird. 

Nebst der aufnehmenden Tendenz des Genitales, die durch den intensiven 
Wunsch nach einer neuen Befriedigungsquelle aktiviert wird, scheint Neid 
und Haß gegen die den Penis des Vaters besitzende Mutter bei diesen 
frühesten ödipusregungen auch ein treibendes Motiv zur Zuwendung zum 
Vater zu sein. Nun wirken auch die Liebkosungen des Vaters als Verführung 
und im Sinne der gegengeschlechtUchen Anziehung. 

Daß wir übrigens auch regelmäßig der unbewußten Anklage der Verführung 
durch die Mutter mittels der Verrichtungen der Kinderpflege begegnen, 
«rklärt sich auch aus der Tatsache, daß diese Verrichtungen schon so 
zeitlich sich mit der Erregung der Odipusstrcbungen verknüpfen. 

Die Identifizierung mit der Mutter wird beim Mädchen direkt von den 
ödipusregungen ausgelöst, der ganze von der Kastrationsangst des Knaben 
verursachte Kampf entfällt. Auch hier trifft diese Identifizierung mit den 
anal- sadistischen Raub- und Zerstörungstendenzen gegen die Mutter 
zusammen. Wenn die Identifizierung mit der Mutter überwiegend auf der 
oral- und anal sadistischen Stufe erfolgt, wird die Angst vor einem 
primitiven mütterlichen Über-Ich zur Verdrängung und Fixierung dieser 
Stufen führen und die weitere genitale Entwicklung stören. Die Angst 
vor der Mutter treibt auch dazu, die Identifizierung mit ihr aufzugeben, 
die Identifizierung mit dem Vater setzt ein. 

Nun stellt das Mädchen mit dem durch den Ödipuskonflikt aktivierten 
Wißlrieb den Penismangel fest, empfindet ilm als erneute Ursache des 
Hasses gegen die Mutter, zugleich aber aus ihrem Schuldgefühl heraus 
schon als Strafe, wodurch auch diese Vorsagung eine Verschärfung erhält, 
die wieder den ganzen Kastrationskomplex wesentlich beeinflußt. 

Der frühe Vorwurf des Penismangels wird später, wenn die phallische 
Phase und der Kastrationskomplex voll am V\'erke sind, bedeutend aus- 
gebaut. Freud stellt fest, daß die Erkenntnis des Penismangels die 
Abwendung von der Mutter und die Zuwendung zum Vater verursacht. 
Doch wirkt nach meinen Ergebnissen die Erkenntnis des Penismangels 
bei dieser Entwicklung nur verstärkend, erfolgt auch schon in einem 
Frühstadium des Ödipuskonfliktes und löst schon den Kindeswunsch 
ab, dem sie allerdings in der späteren Entwicklung wieder Platz macht. 
Als das eigentlich auslösende Motiv für die Zuwendung zum Vater ergibt 
sich mir die Versagung der Mutterbrust. 

Die Identifizierung mh dem Vater ist weniger angsthesetzt als die mit 
der Mutter, auch drängt das Schuldgefühl gegen diese zur (Jberkompensicrung 



F'rüliKtadicn des Ödipuskonfliktes 73 

mittels einer neuerlichen Liebesbeziehung zu ihr. Dieser Liebes bezieh ung 
stellen sich entgegen: der Kastrationskomplex einerseits, der die männliche 
Position erschwert, der aus den früheren Positionen stammende Haß gegen 
die Mutter andererseits. Haß und Rivalität der Mutter gegenüber wirken 
aber auch verstärkend in dem Sinne, daß das Mädchen die Identifizierung 
mit dem Vater wieder aufgibt und es sich ihm wieder als Eroberungs- und 
Liebesobjekt zuwendet. 

Die Beziehungen des Mädchens zur Mutter beeinflussen richtunggebend 
die zum Vater im negativen und positiven Sinne. Die Versagung durch 
ihn findet ihre tiefste Grundlage in der schon mit der Mutter erlittenen 
Enttäuschung, ein starkes Motiv, ihn besitzen zu wollen, stammt aus dem 
gegen die Mutter gerichteten Haß und Neid. Wenn die sadistischen 
Fixierungen die beherrschenden bleiben, wird dieser Haß und dessen Über- 
kompensierung auch wesentlich die Beziehung zum Manne beeinflussen. 
Eine mehr auf der genitalen Position aufgebaute positivere Beziehung zur 
Mutter hingegen, die auch eine von Schuldgefühl freiere zum Kinde 
ermöglicht, ergibt auch starke positive Zuschüsse zum Liebesverhältnis 
mit dem Manne, in dem er für die Frau immer auch die gewährende 
Mutter und das geliebte Kind bedeutet. Auf dieser bedeutungsvollen 
Grundlage baut sich der ausschließlich dem Vater geltende Anteil der 
Beziehung auf und zentriert sich zunächst um die Leistung des Penis 
beim Koitus. Diese Leistung, die auch die Befriedigung der auf das Genitale 
verschobenen Sehnsucht verspricht, erscheint dem Mädchen als eine Tat 
von höchster Vollendung. 

Diese Bewunderung wird zwar durch die ödipusversagung gestört, bildet 
aber, wo sie nicht in Haß verkehrt wurde, eine Grundlage der weiblichen 
Beziehung zum Manne. In der späteren vollen Liebeserfüllung gesellt sich 
zur Bewunderung eine aus der aufgestapelten Entbehrung resultierende 
Dankbarkeit, die sich auch in der größeren Fähigkeit der Frau zur restlosen 
dauernden Hingabe an ein Liebesobjekt, besonders an den „Ersten", 
ausdrückt. 

Eine große Belastung für die Entwicklung des Mädchens ergibt sich 
aus folgenden Tatsachen: Während der Knabe den Penis, in dem er mit 
dem Vater rivalisiert, doch in Realität auch besitzt, hat das kleine 
Mädchen nur den unbefriedigten Wunsch nach der Mutterschaft, 
von der sie auch eine zwar intensive, aber nur dunkle und unsichere 
Kenntnis hat. 

Die Hoffnung auf die zukünftige Mutterschaft wird außer durch diese 
Unsicherheit noch weit mehr durch Angst und Schuldgefühl gestört, woraus 
sich schwere dauernde Schädigungen für die Mütterlichkeit der Frau 



74 Melanie Kkln 



ergeljen. Zufolge der Zerstijrungstendenzen gegen den Leib der Mutter 

resp. deren Organe und die im Mutterleib befindlichen Kinder erwartet 

das Mädchen als Vergeltung die Zerstörung der eigenen Fähigkeit zur 

Mutterschaft, resp, der dieser dienenden Organe und der eigenen Rinder. 

Hier ist auch eine Grundlage für die oft so übermäßige, ständige Sorge 

der Frau für ihre Schönheit, deren Zerstörung auch durch die Mutter ^^|i 

befürchtet wird. Dem Sichschmücken und Verschönern liegen immer auch ^^^ 

aus Angst und Schuldgefühl stammende Tendenzen des Sichwiederherstellens ^^Bi 

zugrunde.' 

In dieser intensiven Angst vor innerlichen Zerstörungen scheinen mir 
auch die größere Fähigkeit der Frau zur Konversionslijsterie und auch 
organische Erkrankungen ihre psychische Grundlage zu haben. 

Die Verdrängung ursprünglich sehr starker Gefühle von Stolz und Freude 
über die weibliche Geschlechtsrolle ist wesentlich auf diese Angst und 
Schuldgefühle zurückzuführen und hat für das Mädchen eine Entwertung 
des ursprünglich hochgeschätzten Besitzes der Mutterschaft zur Folge. Die 
wichtige Reserve, die der Knabe aus dem Penisbesit?. bezieht und das 
Mädchen analog in der Anwartschaft auf die Mutlerschaft hätte, wird ihr 
auf diese Weise entzogen. 

Die sehr intensive Angst des Mädchens für ihre Weiblichkeit ist in 
Analogie zu bringen zur Kastrationsangst des Knaben, da sie sicher auch 
eine Rolle für den Abbruch der ödipusstrebungen seitens des Mädchens 
spielt. Die Kastrationsangst des Knaben für den sichtbar vorhandenen 
Penis verläuft aber doch anders, man könnte sagen akuter, als die mehr 
chronische des Mädchens für ihre ihr weniger gut bekannten inneren 
Organe. Auch muß es von Einfluß sein, daß für die Angst des Knaben 
das väterliche Über-Ich, für die des Mädchens das mütterliche bestimmend 
ist. 

Wir wissen durch Freud, daß die Über-lch-Entwicklung des Mädchens 
anders verläuft als die des Knaben. Wir finden auch immer wieder die 
Tatsache bestätigt, daß die Eifersucht im Leben des Weibes eine größere 
* Rolle spielt als in dem des Mannes, weil sie aus der Quelle des abge- 
lenkten Penisneides eine Verstärkung erfährt. Im Gegensatz hierzu ist 
aber beim Weibe gerade auch eine große, nicht auf Uberkompensierung 
basierende Fähigkeit anzutreffen, die eigenen Wünsche hintanzusetzen und 
aufopferungsvolle Hingabe an ethische und soziale Aufgaben zu empfinden. 
Diese Fähigkeit läßt sich nicht durch das Mischungsverhältnis der mann- 



i) Ich verweise hier auf Hdrniks Vortrag auf dem Tiiiisbnicker Psa. Kongreß: 
Die okonomiscKcn Beiieluiiigcii iwisclicn dem Scliuldgcfiilil und dem weiblichen 
Nariißmm [Autoreferat in Bd. XIJI, Heft + (1917) dieser Zeitschrift.] 



rrühstadien des üdipuskonflliktcs 75 



liehen und weiblichen Züge, das zufolge der bisexuellen Anlage im Einzel- 
falle über die Charakterbildung auch mitentscheidend ist, erklären, da sie 
gerade deutlich mütterlichen Charakter zeigt. Mir scheint es nötig, zur 
Erklärung der so großen Skala, deren das Weib von kleinlichster Eifer- 
sucht bis zur selbstvergessensten Güte fähig ist, die besonderen Bedingungen 
der weiblichen Über-Ich-Bildung heranzuziehen. Aus der 
frühen, so stark unter der Herrschaft der anal-sadistischen Stufe stehenden 
Identifizierung mit der Mutter bezieht das Mädchen Eifersucht, Haß und 
die Bildung eines grausamen mütterlichen Über-Ichs. Je mehr aber diese 
Identifizierung mit der Mutter auf genitaler Basis sich stabilisiert, um so 
mehr wird die hingebende Güte eines gewährenden Mutterideals für sie 
bestimmend. Für diese positive Gefühlseinstellung wäre also entscheidend, 
ob das mütterliche Ichideal mehr oder weniger Züge der prägeni- 
talen oder genitalen Stufe trägt. Die aktive Umsetzung dieser Einstellung 
freilich in Taten sozialer oder anderer Art scheint aber vom väterlichen 
Ichideal auszugehen. Die tiefe Bewunderung, die das Mädchen der genitalen 
Leistung des Vaters zollt, führt zur Bildung eines väterlichen Über-Ichs, 
das ihr unerreichbare aktive Ziele steckt. Wenn aus gewissen Entwicklungs- 
gründen das Mädchen stark genug den Antrieb zur Erreichung dieser Ziele 
hat, mag gerade die Unerreichbarkeit einen Aufschwung herbeiführen, 
der, mit der vom mütterlichen Über-Ich bezogenen Aufopferungsfähiglteit 
verschmolzen, das Weib in einzelnen Fällen zu außerordentlichen intuitiven 
und spezifischen Leistungen befähigt. 

Auch der Knabe bezieht aus der Weiblichkeitsphase ein mütterliches 
Über-Ich, das ihm gleichfalls grausam primitive und gütige Identifizierungen 
vermittelt. Aber diese Phase wird von ihm durchlaufen, um — allerdings 
mehr oder weniger vollkommen — bei der Identifizierung mit dem Vater 
wieder anzulangen. So bedeutungsvoll auch bei ihm im Aufbau des Über-Ichs 
der mütterliche Anteil desselben sich geltend macht, entscheidend wird 
doch für den Mann das väterliche Ichideal. Die Tatsache, daß 
auch er einem zwar hochstehenden, aber immerhin zufolge der Gleich- 
artigkeit erreichbareren Vorbild gegenübersteht, hat einen Anteil an dem 
stetigeren, objektiveren Schaffen des Mannes. 

Die Angst für die Beschädigung ihrer Weiblichkeit ist von großem 
Einfluß auf den Kastrationskomplex des Mädchens, da sie zu einer Über- 
wertung des von ihr vermißten Penis führt, die viel deutlicher zutage 
tritt als die dahinter liegende Angst für ihre Weiblichkeit. Ich verweise 
da auf die Arbeiten von Karen Horney, die zuerst auf die aus der ödipns- 
situation des Mädchens stammenden Quellen des weiblichen Kastrations- 
komplexes einging. 



7Ö Melanie Klein 



I 



Ich habe noch in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung gewisser 
früher Erlebnisse für die Sexual entwicklung einzugehen. In meinem SaU- 
burger Kongreß referat' hob ich hervor, daß Koitusbeobachtungen, auf einer 
späteren Entwicklungsstufe erlebt, den Charakter von Traumen annehmen, 
ihr Erleben aber auf einer frühen Entw^icklungsstufe durch Fixierung 
derselben zu einem Teil der Sexualentwicklung wird. Ich habe nun diese 
Feststellung dahin zu ergänzen, daß eine solche Fixierung dann nicht nur 
die Entwicklungsstufe, sondern auch das sich bildende 
Über-Ich auf dieser Entwicklungsstufe festhalten und so in 
seiner weiteren Entwicklung stören kann. Denn je mehr das Über-Ich 
seinen Höhepunkt auf der genitalen Stufe erreicht, um so weniger werden 
die sadistischen Identifizierungen in seinem Aufbau vorherrschen, um so 
mehr wird es eine ethisch hochstehende Persönlichkeit und zugleich mehr 
Möglichkeiten für psychische Gesundheit gewährleisten. 

Eine andere Art früher Kindheitserlebnisse erweist sich mir als typisch 
und überaus bedeutungsvoll. Sie schließen zeitlich häufig bald an die 
Koitusbeobachlungen an und werden auch durch die dabei gesetzte 
Erregung eingeleitet oder befördert. Es sind das sexuelle Beziehungen kleiner 
Kinder untereinander, und zwar sowohl von Geschwistern als auch Gespielen, 
die in Akten verschiedenster Art, Beschauen, Betasten, gemeinsame Ex- 
kretionsvorgänge, Fellatio, Cunnilingus, hiiufig aber auch in direkten Koitus- 
versuchen bestehen. Sie sind tief verdrüngl, mit schwersten Schuldgefühlen 
besetzt, die ihren Hauptanteil aus der Tatsache beziehen, daß dieses unter 
dem Erregungsdruck des Ödipuskonfliktes gewählte Objekt als Substitut 
von Vater und Mutter oder auch beiden empfunden wird. Dadurch erhalten 
diese so unbedeutend erscheinenden Beziehungen, um die anscheinend 
kein Kind unter dem Erregungsdruck der ödipusentwicklung herumkommt, 
den Charakter einer verwirklichten ödipusrelation, beeinflussen entscheidend 
die Gestaltung des Ödipuskomplexes, die Ablösung von demselben und 
alle späteren sexuellen Beziehungen. Auch erhält durch ein solches Er- 
lebnis die Über- Ich-Bildung wieder eine wichtige Fixierungsstelle. Zufolge 
des Strafbedürfnisses und Wiederholungszwanges werden diese Erlebnisse 
häufig die Ursache zum Erleiden sexueller Traumen. Ich verweise hier j 

auf Abraham, der das Erleben sexueller Traumen bei Kindern als einen 
Teil der Sexualentwicklung nachwies. Die analytische Durchforschung 
dieser Erlebnisse auch in der Erwachsenenanalyse ermöglicht eine weit- 
gehende Aufklärung der ganzen ödipussituation im Zusammenhang mit |f- 
den frühen Fixierungen und ist deshalb therapeutisch bedeutsam. 



i) Int. Psychoanalytischer Kongreß in Salzburg, 192+. 



Frühsladien des üdipuskoniliktes 77 

Wenn ich meine Ergebnisse nun zusammenfasse, so will ich vor allem 
darauf hinweisen, daß sie mir nicht im Widerspruche zu stehen scheinen 
zu den Aufstellungen Professor Freuds. Das Wesentliche der von mir 
gebrachten Ergänzungen scheint mir in der zeitlichen Vorverlegung zu 
liegen und in der Feststellung, daß die verschiedenen Phasen besonders 
in den Anfangsstadien noch viel fließender ineinandergreifen, als ange- 
nommen wurde. 

Die Frühstadien des Ödipuskonfliktes spielen sich so stark unter der Herrschaft 
der prägenitalen Entwicklungsstufen ab, daß die schon in Tätigkeit getretene 
genitale Phase zunächst stark verdeckt und erst später zwischen dem 
dritten und fünften Lebensjahre deutlich erkennbar wird. Ödipuskomplex 
und Über-Ich-Bildung zeigen sich dann auf ihrem Höhepunkte. Die Tatsache 
aber, daß die Ödipusstrebungen so viel früher, als angenommen wurden, 
einsetzen, der Druck des Schuldgefühles, unter den dadurch die prägenitalen 
Stufen geraten, die ausschlaggebende Beeinflussung, die hierdurch die 
Ödipusentwicklung einerseits, die Über Ich-Entwicklung andererseits, damit 
aber Charakterbildung, Sexualität und alle sonstigen Entwicklungen schon 
so früh erfahren, scheint mir von großer, bisher nicht erkannter Tragweite. 
Der therapeutische Nutzen dieser Erkenntnisse hat sich mir in der Kinder- 
analyse ergeben, ist aber nicht auf diese beschränkt. Ich habe meine 
Ergebnisse in Erwach senenanalysen überprüfen können und sowohl deren 
theoretische Richtigkeit wie therapeutische Bedeutung bestätigt gefunden. 



Ein neuer Gesichtspunkt in der Traumdeutung 

Vortrag auf dem X. ImemationaUn Psycboanalymchm Kongreß zu Innsbruck, ). Stptemher J937 

Von 

Michael Josef Eislcr 

Primararzt in Dudapesl 

Das heuristische Problem, welches ich aus dem weiten und viel- 
bearbeiteten Gebiet der Traumforschung hole und zum Gegenstand meiner 
summarischen Darlegungen maclie, bringt Ihnen inhahlich sicher nichts 
Neues. Ich nehme vielmehr an, jenes muß den klinisch-orientierten Ana- 
lytikern durch ihre tägliche Arbeit längst nahegelegt worden sein, so daß 
mir nur das wenige übrig bleibt, seiner prinzipiellen Verwert- fll 

b a r k e i t das Won zu leihen. Eine einwandfreie wissenschaftliche Erkenntnis ^^ 

ist durch den Stand der Dinge oft schon gegeben, ehe die Theorie ihrer 
habhaft wird und sie vermittelst einer präzisen Formel letztlich geltend 
macht. Meine Ausführungen bezwecken darum nichts anderes, als einen 
solchen ergänzenden Schritt zum Abschluß allenthalben erfolgter Beobach- 
tungen und Funde zu versuchen. Ich bin also nur dann auf richtigem 
Wege, wenn Sie in Einklang mit meinen Ableitungen sind und die hier 
aufgestellte Frage von eigenen Erfahrungen ausgeliend beslüligen. Indem 
ich dies vorausschicke, hoffe ich die Anzeige meines Vortrags gegen jedes 
Mißverständnis gewahrt zu haben. 

An die nicht immer leichte Aufgabe gewiesen, Träume unserer Patienten 
zu deuten, befinden wir uns einer Fülle oft noch ungelöster Probleme 
gegenüber. Zu den Rätseln, die uns in den Eröffnungen, Klagen und 
anderen aktuellen Äußerungen derselben Kranken aufgegeben sind, treten 
nun auch die Träume, jene merkwürdigen und rasch zerfließenden 
Gespinste des Unbewußten, die dem forschenden Blick die Wege bahnen 
sollten, doch ins Dunkle und Ungewisse führen. Wohl steht uns die 
klassische „Traumdeutung" Freuds, dieses Wunderwerk einer eingebungs- 
vollen Systematik, zur Hand, aber es ist nicht leicht uns ihrer ohne 
weiteres zu bedienen, Was wir an geordneten Kenntnissen über die Struktur 



Ein neuer GesiAtspunkt in der Traumdeutung 79 



der Träume besitzen, wird angesichts jedes nicht erforschten Falles mit 
einemmal schwankend in uns und muß gleichsam vom neuen erworben 
werden. Nicht die mechanische Anwendung feststehender Gesetze macht 
ja das Wesen der klinischen Traumdeutung aus, sondern das Erfassen eines 
lehendigen Zusammenhanges, der jedesmal ein einziger ist. Die Praxis der 
Traumdeutung, eng an den Gang der Analyse und dem Heilprozeß 
geknüpft, ist ein Kapitel für sich und neben der weitläufigen Theorie 
kaum erst in Angriff genommen. Wertvolles hierüber hat uns Freud in 
einer Studie gesagt, die als Ergänzung seines Hauptwerkes gedacht ist.' 
Mancher Hinweis wäre namentKch anzuführen, z. B. daß die Beziehung, 
zwischen der historischen und aktuellen Bedeutung der Träume eine von 
Fall zu Fall durchaus variable ist; daß es im vorhinein unbestimmbar 
erscheint, in welche Tiefe ihr Sinn verfolgt werden soll; usw. Die 
Verwerlbarkeit dieser neuen Einsichten steht noch in manchem Belang zur 
Diskussion , 

Aus dem Umkreis dieser Probleme hat sich mir die Wichtigkeit einer 
speziellen Frage der Traumdeutung ergeben, an deren Erörterung ich nun 
herantrete. Ich werde der Klarheit zuliebe pragmatisch vorgehen. Wenn 
wii einen Kranken in die Arbeit nehmen, wird unsere Aufmerksamkeit 
von der Diagnose, d. h. der Einreihung des Falles in eine der üblichen 
Kategorien, alsbald auf andere Momente gelenkt. Wir bekommen da seitens 
des Patienten eine Reihe von Gefühlsreaktionen zu verspüren, die wir als 
typische bewerten müssen, weil sie auch seine Einstellung zur Umwelt 
an den Tag legen. Wir lernen sein Ich kennen, das zu den Symptomen 
in Beziehung gelangt und ihnen einen Sinn verleiht. Wir geraten an ein 
Gefüge von dunklen Absichten und Tendenzen, die ebenso stark, wie 
manchmal voll Widerspruch sind. Oft zeigt sich, daß auch dieses Ich 
keine letzte Einheit vertritt, sondern einer höheren Macht, dem Über-Ich, 
unterliegt. Wir gehen den Spuren nach, woraus sich beide gebildet haben, 
und finden einerseits die Außenwelt, andererseits wichtige innere Erlebnisse, 
Identifizierungen, an seinem Aufbau beteiligt. Das Über-Ich präsentiert 
sich uns ganz als Niederschlag solcher erster Identifizierungen, die resistenter 
als die späteren sind. Das alles ist dem Analytiker längst geläufig; woher 
aber nimmt er die Begründung hiezu? Nun, aus verschiedenen Erkenntnis- 
quellen, die er zusammenlegt und auf einander abstimmt, wie dei 
Mathematiker gewisse Berechnungen auf einen Nenner bringt. Insbesondere 
das Über-Ich hält unser Interesse auf sich gezogen, da wir erfahren haben, 
daß es alle unsere Bemühungen um den Einzelfall unterstützen oder auch 

1) Bemerkungen zu Theorie und Praxis der Traumdeutung. Internal. Zeitschr 
für PsA., Jg. IX, 1933 (Ges. Schriften Bd. III). 



80 Mitlmtl Josef Lisler 



zunichte machen kann. Einer solchen Macht gegenüber, die uns ernstlich 
zu schaffen gibt, erhebt sich nochmals die Frage, worauf denn die 
Annahme ihrer Existenz in Wirklichkeit basiert ist. In der analytischen 
Literatur heißt es: auf den Ödipuskomplex. Das ist wiederum ein Gebilde, 
das zu unseren eigenen Funden zählt, nach außen jedoch nicht als voll- 
kräftiges Motiv gilt. Hier lenken wir in das Gebiet der Traumforschung 

zurück. 

Was wir uns sagen müssen, ist folgendes. Nicht allein die w-echsel- 
reichen und verwandlungsfähigen Strebungen der Libido, auch die das Ich 
gestaltenden Kräfte sind Teile des Unbewußten und können sich in den 
Traumvorgängen greifbar reflektieren. Analog den mannigfachen Unter- 
bringungen der Triebe verschaffen sich auch die individuellen Bedingungen 
im Aufbau der Ichorganisation Ausdruck in den Trauinmalerialien. Vor 
allem aber lassen sich die kon steUat i v en Faktoren, die 
im Über-Ich wirksam sind, aus den Träumen erfassen. 
Vielleicht sind es gar die Träume selbst, die allein das letzte und 
unabweisliche Argument für diese Talsachen erbringen, nur haben wir 
versäumt uns dieses naheliegenden Auskunftsmittels zu besinnen. Eine 
weitere Überlegung läßt uns erhoffen, daß die aus dem Trauminhall 
gewonnenen Aufschlüsse über die Ichstruktur zweifelsohne genauere sein 
dürften als jene aus den sonstigen Daten der Analyse geholten, weil ja 
doch der Traum alle Bezirke des Seelischen in sich faßt. Es wäre das bei 
methodischer Anwendung zugleich ein Mittel, jeder voreiligen und 
spekulativen Annahme auszuweichen.^ 

Allgemeine Formulierungen sind immer unverbindlich, sie verpflichten 
uns zu wenig. Wir wollen darum vom konkreten Beispiel ausgehend 
weiter schließen und trachten, das gebotene Material mit unserem sonstigen 
Wissen z« vereinigen. Lassen sie mich jedoch zuvor im Interesse der 
Klarheit eine kurze Beschreibung des gewählten l'allcs g«ben. 

Ein 54Jähriger Zwangsneurotiker von infantilem Charakter hat sich, 
wiewohl begabt, in seinem Beruf als Chemiker bislang nicht zurecht- 
gefunden. Er fälh durch ein ungepflegtes, faliriges und an Manierlosigkeit 

j) Vielleicht enthalten nur noch die individuollen Daten der Übertragungssiliiatiou 
ähnlich wertvolle Hinweise über die Ichorgranisation. 

2) Die psychoanalytische Beschreibung von Fallen hat sich in erster Reihe nicht 
auf Krankheiten, sondern m. E. auf Kranke zu beliehen. Sie muß die Züge des 
Zuständlichen herauszubringen verstehen, woraus der Fall entstanden war und in 
welchem er sich noch weiter auswirkt. Diese lebensvolle.. Z.Üge schweben uns la 
auch in der Arbeit vor und sind die Grundlagen filr die eigentliche Kiemarbeit des 
analytischen Zerlegcns. Die tlieoretiacheri Auslassungen haben sich dann solchen 
Charakteristiken anzuschließen. Es ist dies vielleicht der einzige richtige Weg lur 
Überlieferung von klinischen Erfahrungen. 



ly 



Ein neuer Gesichtspunkt in der Traumdeutung gi 



streifeodes Wesen zu seinem Schaden auf. Spottlustige Leute mißbrauchen 
seine grenzenlose Naivität und machen ihn oft zur lächerlichen Figur. 
Scheinbar ahnungslos fällt er dann auf alles ein, was mau ihm vorspiegelt. 
Weil er im Grunde eine ungesellige Natur ist, mag das die ihm gemäße 
Art sein, an der Gemeinschaft der Menschen teilzuhaben. Seine Zwangs- 
symptome sind harmlos, doch rauben sie ihm viel Zeit. Da er ein 
unentwickeltes Cber-lch hat. ijualt er sich nicht mit jenen ab. hingegen 
steckt er voll Eigenheiten, die ihn zum Sonderling machen. In seinem 
Gehaben perpetuiert er einen Konflikt aus der Kindheit : dem Vater zu 
Trotz ist er geworden, was er ist, nämlich ein offenkundiges Ärgernis für 
das Ansehen seiner geachteten Familie. Solche merkwürdige Folgen 
mag zuweilen der Kastrationskomplex zeitigen. Er selbst empfindet es 
anscheinend nicht schwer, daß die Angehörigen sich seiner schämen, 
beweist es doch nur, wie gut seine Rache an ihnen gelangen ist. Dieser 
Mann, der zur Zeit der Analyse chemische Artikel vertreibt, erzählt 
folgenden Traum: 

„7cA bin bei Dr. N., der ein Fläschchen Amalgam kaufen will. Ich 
mache ihn (ü>er aufmerksam, daß es leer ist." 

Die Begebenheit, welche den Traum veranlaßt hat, spielte sich tags 
zuvor in umgekehrter Weise ab. Dr. N. hatte ihn zur Rede gestellt, 
warum er kürzlich ein Fläschchen mit geringerem Gewicht als vereinbart 
geliefert habe. Diese unliebsame Erinnerung führte dns nächtliche Traum- 
bild herbei. Es scheint hier eine tj'pische Leistung des Unbewußten 
vorzuliegen, worüber Freud treffend bemerkt : „Die Umkelixung, 
Verwandlung ins Gegenteil, ist übrigens eines der beliebtesten, der viel- 
seitigsten Verwendung fähigen Darstell ungsmitttel der Traumarbeit. Sie 
dient zunächst dazu, der Wunscherfüllung gegen ein bestimmtes Element 
der Traumgedanken Geltung zu verschaffen. Wäre es doch umgekehrt 
gewesen! ist oftmals der beste Ausdruck für die Keaktiou des Ichs gegen 
ein peinliches Stück Erinnerung."" Das paßt haargenau auf das vorgebrachte 
Beispiel. 

Die scheinbar einfache, weil geglückte Struktur des Traumes läßt uns 
aber mühelos noch wichtigere Züge als den der „inhaltlichen Umkehrung" 
ins Auge fassen. Zum richtigen Verständnis gehört die Voraussetzung, daß 
der Kranke in der Traumsituation den Platz mit Dr. N. wechselt d. h. 
eine Identifizierung mit ihm vornimmt, die genügt, um eine latente 
Spannung zu lösen.'' Wie ist nun dieser Vorgang, der auch den folgenden 

i) Traumdeiitunir. V. Aufl., S. 224. (Hier und später zitiere ich nach dieser 

unveränderlich gebliebenen Ausg-abe.J 
2) Freud, 1. c, S. 220 — 221. 

Int. Zeitsclir. f. Psychoanalyse XIV/i , 



g2 Midiael Josef Llslcr 

Beispielen zugrunde liegt, zu verstehen? Es ist anzunehmen, daß vor allem 
der narzißtische Zustand des Schlafes hier die ausschlaggebende Rolle hat. 
Er allein könnte genügen, um das leichte Hinüberwechseln vom Ich .un. 
Du zu ermöglichen, die Grenze zwischen beiden schwinden zu machen. 
Aber gerade darum, weil die Erklärung so ganz plausibel klingt, müssen 
wir uns nach einem weiteren Motiv umschauen. Die durch den Schlaf- 
zustand hervorgerufene allgemeine Entspannung im psychischen Apparat 
darf gleichsam nur als Vorlage für die speziellen Anlässe der Identifizierung 
in Betracht genommen werden. Im vorliegenden Beispiel gibt uns die 
Auskunft, daß auch der Vater des Patienten Arzt ist. den Schlüssel zur 
Hand. Letzten Endes bezieht sich der Traum auf ihn. Die Aktualität des 
Traumes wird darum sozusagen zu einer fortlaufenden, denn der Konflikt 
mit dem Vater ist nicht abgeschlossen, vielmehr durch den Krankheits- 
prozeß konserviert. Alles würde gut ausgohc-n. wenn der haltlose und 
schwache Patient sich dem Vater gleichstellen könnte. Darum leiht er 
sich mit der Person des Vaters zugleich seine Fähigkeit aus. den Schwierig- 
keiten im Leben zu begegnen. Jch kann hier die feinen Widerspruche 
nur andeuten, die in der moralischen Pose im -Iraume einerseits, in den 
kleinen Ordnungswidrigkeiten im äußeren Wandel des Kranken andererseits 
bemerkbar werden. Vielleicht aber genügt das Gesagte, um empfmden zu 
lassen, daß auch vom wenig entwickelten Über-Ich, wenn es einem durch 
Regression veränderten Ich gegenüber steht, störende Impulse ausgehen, 
die einen Ausgleich anstreben müssen. 

Wir wollen uns darüber einigen, daß bisher kaum Neues gesagt 
wurde. Es deckt sich im großen mit dem, womit Freud die ein- 
gangs angeführte Arbeit abgeschlossen hat; „Es genügt uns daran 
festzuhalten, daß die Sonderung des Ichs von einer 
beobachtenden, kritisierenden, strafenden Instanz (Ich- 
ide al), a u cb fü r die Traumdeutung in Betracht kommt. 
Diesem Satz. — man mächte sagen Wink, — dem letzten im Gebiet der 
Traumforschung, hat Freud nichts folgen lassen, was ihn greifbarer 
machen könnte. Seinen Inhalt in eine m et h o dol ogi seh e Forderung 
überv.ulelten, scheint uns daher die nächste Aufgabe 7ai sein. In solchem 
Sinne allein sind meine Ausführungen zu bewerten. 

Das 7weitc Beispiel bringt uns einen Schritt weiter. Ich möchte auch 
hier, um anschaulich zu bleiben, eine Charakterskizze des Falles voraus- 

scDickcn 

Die zwangsneurotische Frau, von der ich nun berichten will, stellt ein 

merkbares Gegenstück zum ersten Beispiel dar. Jener Patient war trot^ 

seiner auffälligen Eigenheiten im Grunde ein unkomplizierter Mensch. 



Ein neuer Gesiditspunkt in der Traumdeutung gq 

Der entscheidende Zug seines Seelenletens gab sich als ein höchst ein- 
facher zu erkennen: er wünschte dieselben Freiheiten und Rechte in der 
Welt zu genießen, die er am Vater wahrgenommen hatte. V^on einem 
Konkurrenzgefühl beherrscht, das sonst normal ist, wurde er ein neurotischer 
Sonderling, weil er iie Rivalilätseinstelliing aus permanentem Trotz Über- 
trieb und sich dadurch in eine starre Einseitigkeit hineindrängen ließ. Sein 
Ich verlor an innerer Beweglichkeit und verarmte. Bei der Frau griff der 
Konflikt tiefer an. Unablässig von aggressiven und verpönten sexuellen 
Regungen bedrängt, unterlag sie einem mächtig erstarktem Schuldgefühl. 
Sie quälte sich mit ihrem Leiden ab und war oftmals deliranten Zuständen 
nahe. Indessen aber sie sich ihrem tyrannischen Ichideal widerstandslos 
preisgab, nahm ihr einfaches Leben merkwürdig genug einen vollkommen 
geregelten Gang. Sie war eine pflichteifrige, pedantische Gattin und 
Mutter, deren wahre Natur den eigenen Angehörigen Jahre hindurch ver- 
borgen blieb. Ihre Kämpfe und Seelennote scheuten das Mitwissen und 
Mitgefühl anderer, als ob sie einen sittlichen Makel verraten hätten.' Dabei 
lag in ihrem Wesen irgendein gekünstelter, fast an Unaufrichtigkeit grenzen- 
der Zug, — Der folgende Traum stammt aus der Eröffnungsperiode der 
Analyse: 

„Ich begegne meiner gewesenen Lehrerin. Sie wendet sich von mir mit 
auffälliger Gebärde ab. Sie will durch eine frühere Schiiler-in nicht daran 
erinnert werden^ wie alt sie schon geworden ist." 

Unvermittelt fügt sie der Erzählung an: Wäre ich selbst nun schon 
alt und über alle die schmutzigen Gedanken hinweg, die mich peinigen. 
— Wir glauben uns zu erinnern, daß auch andere zwangsneurotische 
Frauen in ähnlich geformten Worten eine innere Entlastung suchen. Es 
muß da ein typischer Zug vorliegen. 

Wie haben wir uns nun diese befremdliche, so unaufrichtig berührende 
Identifizierung zu erklären? Warum verlegt die Patientin jenen scheinbar 
heuchlerischen Wunsch auf eine ihr gewiß verehrcnswertc Person? Um 
das zu begreifen, müssen wir uns den Traum eingehender besehen. Er 
bringt, wie wir erfahren, eine gänzlich fingierte Szene zur Darstellung. In 
W'irklichkeit war nichts Derartiges vorgefallen. Von jener im Traum 
figurierenden Person hatte die Kranke seit langem nicJits gehört, hingegen 
mit der strengen Lehrerin ihres Knaben eine Unterredung gehabt. Sie 
war damals froh gewesen, daß sie keine abfällige Kritik entgegenzunehmen 
brauchte. Da sie selbst wiederholt befürchtet, das Kind könnte ihr Nerven-, 
leiden geerbt haben, ist sie nur zu gerne bereit, sich mit jener befriedigen- 

i) „Das Über-Ich hat hier mehr vom unbewußten Es gewußt, als das Ich." 
Preiid: Das Ich iind das Es. 1925, S. 65. 

6* 



84 Michael Josef r.lslcp 



den Auskunft, letzten Endes mit der Lehrerin zu identifizieren. Das ist 
bloß der erste Schritt zum Verständnis des Traumes. Das gebrachte 
Assoziationsmaterial enthält zwei Elemente, die uns vcrdiichtig sind: eine 
leise angedeutete Ambivalenz gegenüber der Lehrerin, weil sie doch streng 
zu ihrem Knaben ist und die Patientin in der Person des letzteren sich 
vor ihr fürchtet; sodann ein Schuldgefühl in bezug auf das eigene Kind, 
dem manche ihrer ZwangsbefUrchtungen und Impulse gelten. Wir dürfen 
ohne weiteres folgern, daß die Identifizierung mit der Lehrerin nur eine 
vorgeschobene, abgewandelte ist. Eigentlich erinnert diese an die strenge 
und pedantische Mutter, welcher die Patientin in vielem nachgeraten ist, 
doch zu ihr auch in Schuld steht, da sie von jeher so manche ihrer 
Gewohnheiten und Handlungen einer heimlichen Kritik unterzogen hat. 
Aus solchen Konflikten waren einst Todeswünsche gegen die Mutter 
erwacht, welche verdrängt wurden und an der Entstehung der Neurose 
Anteil hatten. Altwerden ist nur ein euphemisiischer Ausdruck, eine 
Milderung, für den Begriff des Sterbens. Wir haben also einen soge- 
nannten Straftraum vor uns, — er fiel in einer Verscharfungsperiode der 
Krankheit, — der die einstigen, auf die Mutter zielenden Todesregungen 
durch Lenkung auf das eigene Ich zu sühnen und tilgen sucht. Mehr als 
im ersten Beispiel schafit diese Identifizierung den destruktiven Tendenzen 
der Krankheit freien Spielraum. Aber auch dort bewegte sich der Prozeß 
in derselben Riclitung. 

Der Traum beweist, daß die Elemente ilirer einseitigen Aggressions- 
neigungen in das Ich eingegangen waren, wo sie zum Gewissen wurden. 
Er beweist aber noch eindringlicher, daß jene Impulse gerade durch 
ihre u n v er h äl tn is maß ig e Stärke zu verhindern wußten, daß die 
strafende Seeleninstanz sich völlig von den inadäquaten Bindungen des 
Ödipuskomplexes befreie, gleichsam u n p e r s ii n 1 i c h werde. Unter 
normalen Verhältnissen müssen die inzestuösen Objektbcziehungen außer 
Kraft gesetzt werden, ehe das Schuldgefühl (ÜberTch) sich mit ihnen ver- 
quickt und die innere Bewegungsfreiheit des Individuums unterbindet. 
Der Traum bringt also die labile Grundlage dieses Charakters in feinster 
Abstufung zum Ausdruck. 

Ich besorge, mit einer monotonen Wiederholung wenig Anklang bei 
Ihnen zu finden, halte es jedoch für angebracht, noch ein letztes Beispiel 
zu befragen, ehe ich dem allgemeinen Schluß zugehe. Es soll die Konflikt- 
spannung zwischen den beiden Ichinstanzen in noch schrofferer Steigerung 
veranschaulichen und zugleich die Rolle des Überlchs von einer anderen 
Seite belichten. Dieses ist ja nicht nur als strafende Gewalt wirksam, 
sondern nimmt als beobachtende Seelenmacht eine mehr wohl- 



Ein neuer Gesidilspunkt in der Traunicleutung 



85 



wollende Stellung ein, bis sie gezwungen wird, ein strengeres Regime 
einzusetzen. Die pathologische Verzerrung dieser Seelenfunktion, die hiebei 
eintretende Spaltung im Ich, eröffnen einen neuen Ausblick. 

Das gewählte Beispiel betrifft eine Frau an der Grenze der Vierzig 
deren Leiden als - flüchtiger - Beziehungswahn bezeichnet werden 
kann. Es ist das eine zur Paranoiagruppe gerechnete psychische Störung 
Sie erkrankte, als ihr das Schwinden ihrer Jugend und Schönheit durch 
eine Reihe entbehrungs- und angstvoller Erlebnisse schmerzlich bewußt 
worden war. Stolz und verschlossen hatte sie alle die Jahre der Ehe dahin- 
gelebt, ohne sich an Mann und Kinder innerlich anzulehnen. Sie geriet 
zwischen Unrast und Niedergeschlagenheit schwankend immer mehr in 
eine seelische Heimatlosigkeit, welche diesen Tj-p kennzeichnet. Ich könnte 
ihren Zustand auch dahin charakterisieren, daß er die Gärungsprozesse 
der Reifezeit bei ihr zu neuem Leben weckte. Wir werden sehen, daß die 
Entscheidung ihrer Neurose gerade in jener Periode fiel. Sie war über- 
schwänglich und manierenhaft. wiewohl sie Sinn für ein natürliches und 
maßvolles Betragen besaß, aus Sucht nach Liehe oft ahnungslos zudring- 
lich, trotzdem sie Gewicht auf Zurückhaltung legte. In Gesellschaft, dahin 
es sie zog, verstummte sie zuweilen und benahm sich dann wie irr. Etwas 
zwang sie, sich unter Menschen auf eine kaum mehr gutzumachende 
Weise bloßzustellen und hernach mit einem gemischten Gefühl von Zorn 
und Zerschlagenheit die Flucht in die Einsamkeit zu suchen. Vor sich 
selbst rechtfertigte sie diese höchst peinvollen und beschämenden Auf- 
tritte damit, daß man sie lächerlich fand oder beobachtet habe. Diese ihre 
innerste Überzeugung gab sie nur unter großem Widerstand kund. Die 
Analyse zeigte, daß soh;he Regungen nur dazu dienten, ihre typischen 
Dirnenphantasien zu decken. Je mehr sie übrigens aus dem Kreis der 
Wirklichkeit fiel, um so besser mochte sie die enormen Aggressionsimpulse 
niederhalten, deren Ausbruch ansonst zu befürchten war. Das war eine 
_dcr wichtigsten ökonomischen Bedingungen ihrer Neurose. Zielscheibe der 
aggressiven Wünsche blieb vor allen anderen der Gatte, dem sie ihr ver- 
fehltes Leben zur Last legte. Dieser, äußerlich kaum anziehend und von 
unbekümmerten Manieren, war sonst ein tüchtiger und kluger Mensch, 
mit starkem Familiensinn. Jene Eigenschaften stießen die eitle Frau ab, 
diese ließ sie vor sich selbst nicht gelten. 

Welche Phase in der Entwicklung und Ausgestaltung 
des Über-Ichs hat sich in diesem krankhaften Charakter 
einen Ausdruck verschafft? Der folgende Traum mag uns die 
erwünschte Antwort geben: 

„. . . WäJirend ich die Treppen der Untergrundbahn emporsteige, bemerhe 



g£ Midiacl JoEicf Elsicr 



ich, daß ich unter dem Mantel einen Schlafrock anhabe, der mich unförm- 
lich macht. Ich stelle mich an die Wand und ziehe den Schlafrock aus, 
wobei ich mich schäme . . . Üben sind Menschen, die mich sehen können ... 
Meine ganze Kleidung ist sehr unordentlich ... 

Ehe ich eine den bisherigen analoge Lösung des Traumes versuche, 
möchte ich, um zu einem abschließenden Versländnis seines Inhaltes zu t 

gelangen, auch auf das indirekte reiche Matetial darin verweisen. Zwei ij 

unmittelbare Einfälle der Patientin sollen hiebe! die Stützpunkte meiner | 

■Analyse bilden. 

Der erste Einfall bezog sich auf ein geringfügiges Ereignis, das tags vor 
dem Traum vorgefallen war. Die Kranke hatte einen Schlafrock umändern 
lassen und ihn dann unpassend kuiv. gefunden; ihr Mann, zu llate 
gezogen, war einer anderen Meinung. Mir war bekannt, wie sehr sie auf 
das Äußere gab und besorgte, daß an ilirer Erscheinung nichts auszusetzen 
blieb. Ich legte ihr nahe, daß Xi'rauen iiire Kleidungsstücke während der 
Schwangerschaft zu ändern genötigt sind und suchte zu erfahren, ob jene 
Unförmigkeit nicht etwa darauf anspiele. So war es der Fall.' Es 
kam zutage, daß ihre seelische Entwickhing eine emphndliche Bruchstelle 
aufwies. An der Grenze der Kindheit war ihre Gefühlswelt noch rein 
weiblich — mütterlich — eingesteUt gewesen. Wenige Jahre hernach 
lehnte sie sich gegen das Schicksal der Frau auf. Wolil handelt es sich 
hier um einen Konflikt, der das Wesen der „Jungfräulichkeit" mitzu- 
bestimmen scheint, aber er war durch ein schmerzliches Erlebnis vertieft 

i) Ich gehe diese Daten mit Rücksicht auf ihre Wichtigkeit im eitiielnen wieder. 
Jede ihrer Schwangerschaften war für die Kriinkp ein stxliscli scliwcr erträglicher 
Zustand gewesen. Sic verbürg ilm, solange es nur nuging, auch ihr Mann mußte 
Schweigen geloben. Diese Hoiinlichtiierei wurde ihr von der Familie nachgetragen. 
Die Patientin leidet an Meteorisiiius (BlähiingeiO, wovon sie am Leibe unfürmlicli 
wird. Es besteht der Verdacht, duÜ im UnhewuOlen eine Schwangerscliansphantasie 
festgehalten vird. In der Tal stellt der geofTenbiirte Widerspruch in ihrem Wesen 
nur die veränderte Wiederholung einer Situation dar, die bereits in den Miidchcn- 
jahren bestand. Sie war 15 Jalire all gewesen, als ihre Miiller das Iclzte Kind gebar. 
Der Anblick scluvangerer l'ruuen war ihr damals ein Griiuel, Einige Jahre spüter 
fidirte sie eine merkwürdige Komödie niif. F.ln junger Mann hatte sie llüclitig 
umarmt, sich dabei aber keine weiteren Freiheiten lierausgcnouuueu. Zu ihrem 
Schrecken nahm sie jedoch wahr, daß die nüchste Monalsbhitung verzögert wurde 
und dachte, nun schwanger 'iu sein. Voll Uesorguis und .\ngst eröffnete sie ihren 
Seelenz US tiind der Mutter, die sich aiicli täuschen lieli und für einige Tage ilire helle 
Verzweiflung teilte. Dann lief die Sache glatt üb. Diese Schwaugerschnftskomödie 
hatte eine verborgene Spitie gegen die Mutter, was aus geheimem Neid luid Troti 
entstanden. Die wichtigste Erinnerung der Kranken bezog sich auf ein Spiel, dem 
sie als achtjiUiriges Kind huldigle. Sie steckte ein lusummcngcrolltcs Kleidungsstück 
unter ihre Schürze, was unzw ei deutlich eine Schwangerscbaftsimilation war. Damals 
wurde das jüngste ihrer Geschwiiter geboren. 



K^ 



worden. Sie hatte erfahren, daß ihr Vater neben der Mutter eine Geliebte 
besaß. In ihrer Weiblichkeit verletzt, wendete sie sich vom männlichen 
Geschlecht ab. Ich kann die inneren Widersprüche ihres Charakters wohl 
am besten durch folgenden Gegensatz greifbar machen. Jene Anteile ihres 
Frauemums, die der Objektbindung fähig waren, also das Streben zum 
Manne, wurden verdrängt, dagegen die narzißtischen Anteile weiter- 
gebildet und dem Ich eingeordnet. Im großen und ganzen erhielt sich 
dieser Zwiespalt, wie wir sahen, auch in den Jahren der Ehe. 

Wir haben bis jetzt so vieles über die Kranke in Erfahrung bringen 
können, doch nichts, was uns den Traum selbst verständlicher machte. 
Hier fügt sich nun der andere unmittelbare Einfall aus der Analyse ein. 
Die Patientin war mit ihrem Manne auf Besuch gewesen. Es war eine 
sogenannte „Staatsvisite", die den gesellschaftlichen Verkehr mit einer 
geschätzten Familie eröffnen sollte. Bei dieser Gelegenheit ließ sich ihr 
Mann nach alter Gewohnheit in seinen Manieren frei gehen, so daß sie 
sich seiner zu schämen glaubte. Auf diesen Vorfall spielt der 
Traum an. Indem sie mit dem Gatten die Rolle tauscht, möchte die Frau 
sein Betragen, das sie stijrend empfand, rasch korrigieren, noch ehe die 
Menschen es wahrnehmen und sich Gedanken darüber machen. Er selbst 
kommt im Traume nur als derjenige vor, dev sie durch Schwängerung 
bloßzustellen weiß. 

Die Zeit drängt auf Beschränkung, wiewohl ich Ihnen gerade in bezug 
auf den geschilderten Fall noch manches zu sagen habe. Legen wir die 
gewonnenen Tatsachen über den Traum zusammen, so stoßen wir auf 
Widersprüche und befremdende Aspekte darin, die noch der Aufklärung 
harren. Besteht die Annahme zurecht, daß hier wiederum eine konflikt- 
lösende Identifizierung vorliegt, so haben wir vor allem eine Deutung 
dafür zu geben, warum das Ausgleich anstrebende Ich im Gegensatz zu 
den früheren Fällen diesmal sich mit einem Objekt des anderen Geschlechts 
identifiziert. Ferner ist der Widerspruch zu erklären, warum die Frau im 
Traum für den sonst gehaßten Mann einsteht und ihn gegen eine 
unfreundliche Kritik in Schutz zu nehmen bereit ist. Beide Fragen lassen 
sich m einem deuten. Auch diese Identifizierung ist nur das letzte aktuelle 
Glied einer Reihe, die beim Vater beginnt. Er ging ihr als Liebesobjekt 
in der ersten Kindheit und später in der Pubertät verloren. Dieser Verlust 
führte aber nicht nur eine Auflockerung der Objektbeziehungen zum Manne 
herbei, sondern hat — durch Einverleibung des aufgelassenen Liebes- 
objektes — auch in ihrem Charakter Spuren hinterlassen. Das Über-Ich 
der Kranken belud sich mit einem männlichen Zug, den wir als Resultat 
des „gekreuzten Ödipuskomplexes" ansprechen. Nur durch Annahme diese» 



88 Midiael Josef ülskr 



Umstandes wird uns begreiflich, woher ihre offenkundigen Haßregungen 
zugleich dauernd geheime libidinöse Zuschüsse erhallen konnten. Zweifels- <\' 

ohne aus den nie erledigten und nie versiegbaren Ambivalenzkonflikten 
der Kindheit (Liebe und Haß gegen den Vater). Das Bild ihrer Neurose 
steht nun klar vor uns. Die gestörte und verhinderte Liebe zum Manne 
hatte auch ihre Selbstliebe auf schwachem Hoden gestellt. Ihre Wahn- 
bildungen aber haben den Sinn eines Restilutionsversuches, der nur darum 
nicht mehr gelingen konnte, weil er ohne vollen Einsatz der libidinösen, 
durch Spaltung bereits geschwächten Kräfte UDlernommon wurde. 

Nehmen wir noch ein letztesmal dieses Über-lch in Augenschein. Es ist 
doch ein anderes als die früheren, man möchte sagen, weniger einseitig 
und darum weniger tyrannisch und quälend. Sollte da der Traum nicht 
auch die paranoische Wahnbildung — das Beobachtetsein — erklären? 
W^ir fanden, daß Ich und Über-lch der Kranken eigene Wege gehen. Das 
erstere hat sich, wie wir sahen vom Manne abgewendet; es ist narzißtisch 
geworden. (Um die Beschreibung zu vereinfachen, haben wir die aus dem 
Symptomen herauslesbare homosexuelle Wendung zur Mutter, die ja der 
narzißtischen Objektwahl entspricht, außer acht gelassen,) Das Über-lch \ 

vertritt aber noch immer die Forderung, welche natürlich und sittlich 
zugleich ist, dem Manne anhänglich 2U bleiben. Wohl setzt es diese nicht j- 

durch, doch es stört das Ich in seinen egoistischen Absichten, Seine 
Tyrannei zielt einfach darauf ab, alte Liebesansprüche geltend zu machen, 
oder richtiger, sie nicht fallen zu lassen. Ich werde beobachtet soll eigent- 
lich heißen; ich möchte geliebt sein. Wie das Kind aus den Blicken der i 
Eltern, die es stets auf sich gerichtet wissen möchte, die Sicherheit ihrer 
Liebe empfängt, so will dieses Über-lch das abspenstig gewordene Ich 
zurückerobern, sich ihm aufdrängen und als Liebesobjekt erhalten bleiben. 
Mit dem Gelingen dieses großartigen „Rettungsversuches" wäre auch die 
Herstellung des seelischen Gleichgewichts gewährleistet. In unserem Beispiel 
steht dem Erfolg die Persönlichkeit des Gatten entgegen. Das ist aber nur 
das aktuelle Motiv der Neurose, Im Grunde setzt sich hier der Konflikt 
fort, der seinerzeit, als die Kranke den relativen Unwert des Vaters erlebte, 
zum erstenmal verinnerlicht wurde. Die Gelegenheit verwehrt mir, Ihnen 
mehr als eine aphoristische Zusammenfassung zu geben, auch die wichtigen 
Folgerungen in bezug auf die Tlierapie muß ich für ein anderes Mal 
zurückstellen. Dagegen darf ich zusammenfassend aussagen, daß uns der 
Traum in ergiebigster Weise die besonderen Bedingungen aufgedeckt hat, j 
die das Über-lch dieser Patientin konstituiert haben. j 

Die Identifizierung ist nur eines der vielen Ausdrucksmiltel, wodurch 
der Traum die K ra f t v erh ii 1 1 n i s s e in der I c h o rga n i sa ti o n 



Ein neuer Gesidilspunkt in der Traumdeutung So 

darzustellen vermag. Bei Fällen von Hysterie werden wir finden, daß sehr 
häufig Gegenstände, scheinbar nebensächliche Requisiten im Traum, für 
das Uber-Ich einstehen. Es hängt das wahrscheinlich damit zusammen, 
daß die Ichtriebe der Hysterischen weniger staik ausgebildete sind. Oder 
es mag ihr Unbewußtes, das ansonst ein Stapelplatz von Identifizierungen 
ist, weniger von jenen vollgelagert sein und darum mit größerer Leichtig- 
keit sich in den Dingen wiederkennen. Im letzten Traum haben wir ein 
gutes Beispiel auch hiefür vor uns. Dort sjonbolisiert der Schlafrock 
zunächst die Schwangerschaft, dann die Schuldgefühle in Verbindung mit 
den Schwangerschaftsphantasien. Einen Gedankengang von Nunberg' an- 
wendend, können wir sagen, daß hier „hinter dem Schuldgefühl unbe- 
friedigte Objektlibido" steckt, die, weil in ihrem Ablauf gehemmt, am 
Ende sich gegen das eigene Ich wendet. Darum schließt der Traum mit 
einer Identifizierung. Es würde aber zu weit führen, wollte ich auch diese 
Zusammenhänge eingehender durchnehmen.^ 

Begegnen wir rasch dem möglichen Einwand, daß wir uns bei Aus- 
legung der Traummaterialien allzu ausschließlich den Ichproblemen vei- 
schrieben haben. Gewiß, es gibt auch andere Fragen für die Traum- 
deutung zu lösen, doch mußten wir die aufgeworfene von den übrigen 
isolieren, nm ihre methodologische Brauchbarkeit zu 
erkennen' Eine andere unmittelbar anzuschließende Beobachtungsreihe 
hätte z. B. zu prüfen, durch welche organlibidinüsen (partial erotischen) 
Beiträge, die ja zum Aufbau der Ichorganisation stets befohlen sind, die 
harmonische Entwicklung des Über-Jchs in Ausfall geriet. Diese Unter- 
suchung Hegt jedoch außerhalb der Grenze, die wir uns hier gestellt 
haben. Wie immer aber auch sonst die Traumforschung vorgeht, steht sie 
einem vielschichtigen Gebilde gegenüber, das in allen seinen wesentlichen 
Bezügen kaum erschöpfend dargestellt werden kann. Ein Spruch des 
Philosophen Wilhelm Dilthey mag darauf Anwendung finden: „Wir 
begreifen das Leben nur in einer ständigen Annäherung." 

Gehen wir zum Schluß die ser ins Allgemeine abgleitenden Unter- 

i) Scl.uldgefuhl und Strafbedürfnis. - Diese Zeitsdu-., Ed. XII, 1026 
2) Freuds Traumdeutung enthält ..-ei Beispiele (S. 197 u. .24), die de» 
luiseren strukturell vergleichbar sind. 

5) Die Arbeit von Alexander - „Über Trai.mpaare und Traumreihen" — 
diese Zeitschr., Bd. XI, 1995 — hewegl sich in anderer Richtung. Er sucht vor 
aHeni die innige Zusammengehörigkeit von Traumstucken einer Nacht als eine 
Ökonomisch wichtige dariulegen. Nur in den Schhißbemerkimgen zeigt sich flüchti" 
hingevirorfen ein Gesichtspunkt, den wir unsererseits möglichst klar ausiusprechen 
versucht haben. Die priniipielle WichLigkeit dieses Gesichtspunktes hebt Alexanders 
Aufsatz schon darum nicht hervor, weil er alle Merkmale einer vorlaufigen Notiz 
aufweist. 



90 Midioel Josef F.isler 



suchung von der bekaniiien Tatsache aas, daß die Bewegkräfte des Traumes 
einen offenkundigen Wunschcharakter zeigen. Die uns geläufige Formel 
besagt: der Vorstellungsablauf im Traum werde durch einen Wunsch 
gelenkt, der sich trotz Zensur und sekundärer Beiirbeitung — Verdichtung 
und Entstellung — /.um Bewußtsein durchschlägt. Von Seite der — 
expansiven — Triebhaftigkeit gesehen, ist diese Erklärung eine ein- 
leuchtende. Sie bedarf aber der Ergänzung, sobald wir der Tatsache 
Rechnung tragen, daß auch die Ichkräfte im Traume nach Geltung und 
Gestaltung ringen.' Die Wichtigkeit der Ichfunktion für den Traum 
besteht nicht allein darin, daß sie die libidinösen Strebungen nach Wahl 
fördert oder hemmt, sondern daß sie die fo v 1 1 a u f cn d e A kt u ali t ät 
des Seelenlebens auch dort verbürgt. Ilenilit doch selbst die analy- 
tische Theorie ganz auf der entscheidenden Prämisse, daß im Psychischen 
ein dynamischer Zusammenhang vorwaltet, der einem Ruhepunkt zustrebt 
(Fechners Stabilitätslehre und Freuds Lehre von den Lebens- und 
Todestrieben). Dort, wo die Schichten des Psycliischen, Bewußtes und 
Unbewußtes, wirksamer ineinandergreifen, also im Traum, muß diese 
Ausgleichstendenz sich ihrer inneren Katur entsprechend schärfer 
durchsetzen. Nicht Wünsche realisiert letzten Endes der Traum, sondern 
das Streben nach einem inneren Gleichgewidit, welches Ich und 
Über-Ich reibungslos zusammengellen läßt. Die Wunschtenden?. 
tritt nur insolange in den Vordergrund, als die unerledigten Konflikte im 
Unbewußten dieser Stabilisation noch entgegenarbeiten. Vielleiclit mehr als 
andere Lebensvorgänge £])iegelt der Traum diesen Prozeß deutlich wieder. 
An unseren Beispielen haben wir gesehen, daß hinter allen Widersprüchen 
nur die eine Tendenz vorherrscht, die Losung aus solchen Verstrickungen 
zu finden. Indem wir zu diesem Schluß kommen, der die neueren Ein- 
sichten unserer DiszipUn mit den Problemen der Traumdeutung verknüpft, 
bewahrheitet sich ein Satz von Freud: „So werden die psychologischen 
Annahmen, die wir aus der Analyse der Traumvorgiinge schöpfen, gleich- 
sam an einer Haltestelle warten müssen, bis wir den Anschluß an die 
Ergebnisse anderer Untersuchungen gefunden liaben, die von emem 
anderen Angriffspunkte her zum Kern des nämlichen Problems vordringen 
wollen. ~ 



i) Aus allen mseren Ausfühnmgen gehl hervor, di.D wir keineswegs das von 
Silberer beschriebene „ F unk lioiisphiin amen" meinen. 

2) L. c. S. 583. 



KASUISTISCHE BEITRÄGE 

Heilung eines Falles von Kriegsneurose 

Fortrag vor dem Arzteuerein Saarbrücken im März i^2y 

Ton 

C. Staudaclier 

Saarbrücken 

Di« nachstehende Mitteilung erscheint um aus 
zweierlei Gründen, besonders beachtenswert. Erstens, 
weil sie eine Aßektion betrifft, über die unsere 
Literatur kein ausreichendes Beobachtungsmaterial 
aufzuweisen hat, und zweitens, weil der Autor ganz 
selbständig, ja. geradezu gegen sein eigenes Vor- 
haben zu Resultaten gelangt, die mit den Auf- 
fassungen der Psychoanalyse übereinstimmen. 

Die Redaktion 

Ich raöc]ite Ihnen heute einen in inanclier Hinsicht recht bemerkenswerten 
Fall anfülireii, um Ihnen die Durchführung und die ErfolgsmögHchkeiten der 
Psychoanalyse praktisch zu zeigen. Es handelt sich um einen Bureauvorsteher 
in einem großen industriellen AVerke. Der Mann ist mittelgroß, muskulös, 
mit intelligentem, energischem Gesichtsausdruck. Dem Charakter nach ist er 
absolut wahrheitsliebend und ehrlich, etwas wortkarg, äußerst zäh tmd 
energisch, unerschrocken, mit besonders stark ausgeprägtem Ehrgefühl, wie 
häufig bei Leuten, die, wie er, sich durch eigene Kraft mit der einfachen 
VolksschuibUduug bis zum leitenden Posten eines Bureaus mit zirka 30 Unter- 
gebenen heraufgearbeitet haben. Sexuell wenig betont, ein introvertierter Typ 
nach Jung, ausgesprochener Verstandsmensch, kur^ vor dem Kriege ver- 
heiratet und m harmonischer Ehe lebend. Den Krieg hat er als Unteroffizier 
bei emem Art.-Regt. von Anfang an, immer an der Front, mitgemacht; wegen 
seiner unerschütterlichen Buhe, Unerschrockenheit und Kaltblütigkeit wurde 
er stets an den gefährlichsten Stellen eingesetzt; seine Kriegserlebnisse sind 
daher eine fortlaufende Kette der ungelieuerlichsten seelischen Erschütterungen. 
Herbst 1917 kam er, nachdem er vier Wochen ohne Ablösung eine vor- 
geschobene Geschützstellung vor Verdun bedient hatte, total zusammen- 
gebrochen, in ein Feldlazarett mit folgenden Symptomen: spastische Lähmung 
beider Beine und des rechten Armes, Sprachunfähigkeit infolge einer Ver- 
krampfung der Zunge, die bei jedem Sprachversuch gegen den Gaumen und 



92 C. Staudather 



i 



die krampfhaft zusammengepreßten Zälme gedrückt wurde. Er kam darauf in 
das Lazarett nach Wiesbaden in die Behandlung des Prof. Friedländer, 
der vergeblich Hypnosebehandlung versuchte. Nach einigen Monaten wurde 
er als gebessert, als militäruntauglich, zum Zivildienst in seine alte Stelle ent- 
lassen. Er erholte sich langsam, die Lähmungen verschwanden, dagegen blieb 
noch eine langsam besser werdende Sprachstörung zuiück, ferner litt Pat. 
dauernd an Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit, die er mit allen möglichen 
Mitteln zu bekämpfen suchte. Im Jahre 1925 bildete sich gan-i plötzlich eine 
recht ungewöhnliche Art von Schreibkrampf bei ihm aus: Beim Schreibversuch 
wurde der Oberarm stark an den Körper herangezogen, die Schulter hob sich, 
der Kopf wurde langsam nach der Seite des verkrampften Armes herüber- 
gezogen und um die vertikale Achse etwas nach außen gedreht. Bald war es 
dem Kranken nicht mehr möglich, auch nur einen Buchstaben zu Papier zu 
bringen. Er kam nun in die Behandlung aller möglichen Ärz.te und Kranken- 
häuser, wurde nach allen erdenklichen Metlioden, mit inneren Mitteln und 
physikalischen und gymnastischen Prozeduren, mit allen möglichen Formen 
von elektrischen Anwendungen und Bestrahlungen ohne nennenswerten Erfolg 
behandelt. Eine psychotherapeutische Einwirkung ist niemals 
versucht worden. In diesem Zustande wurde mir der Kranke vom 
Direktorium der Versicherungsanstalt am 4. November 19^5 zur Begutachtung 
und eventuellen Behandlung überwiesen. Das letzte Gutachten eines beamteten 
Arztes schlug „einen längeren Landaufentlialt" vor. Mein 
Gutachten kam zu dem Schluß, daß ich die Prognose des Falles wegen seiner 
Schw^ere und der abnormen Eigenart der Symptomform für zweifelhaft 
halte, aber eine gründliche psychotherapeutische Kur, trotz des Versagens 
der Hypnoseversuche von Prof. F r i e d 1 ä n d e r, nicht für ganz aussichtslos 
erachte, daher dringend empfehle. So begann ich denn am 1 5. Dezember mit 
Hypnosebehandlung und stellte fest, daß der Herr zu den wenigst suggestiblen 
Menschen meiner ganzen Erfahrung gehörte: Mit allen Mitteln der Technik 
■war nur eine ganz leichte Somnolenz zu erreichen. Dieser Grad der 
Suggestibilität ließ sich auch im Verlauf der zahlreichen, nun sich rasch 
folgenden Hypnosen kaum vertiefen. Ich schicke voraus, daß der objektive 
Befund ganz dem oben geschilderten entsprach, daß der Kranke seelisch 
schwer litt, fast ganz schlallos war und ständig von Kopfschmerzen geplagt 
wurde. Trotz der geringen Hypnosentiefe gelang es, den Herrn bis Mitte 
Januar 1926 fast ganz frei von Kopfschmerzen zu machen, auch der Schlaf 
hat sich vsrenigstens stundenweise wieder in normaler Weise eingestellt, — er H 

nahm von der ersten Hypnose an keinerlei Medikamente mehr, — dieser 
Zustand besserte sich zusehends, so daß Pat. einen Monat spater die Nächte 
durchschlief, frei von Kopfschmerzen war und sich bei sichtlicher Hebung ] 

des Körpergewichtes und Besserung des Aussehens seelisch entsprechend , 

wohl fühlte. Der Schreibkrampf hatte sich der allgemeinen Erstarkung J 

entsprechend ebenfalls etwas gebessert, so daü ein paar Zeilen leserlich ■ 

geschrieben werden konnten. Der Kranke setzte sich beim Schreiben so, daß 
nur die Hand auflag, wahrend der Arm frei gehalten werden mufite. Im 
Laufe der folgenden Monate machte die allgemeine Besserung einschließlich ^f 

der des Schreibkrampfes bei immer seltener werdenden Hypnosen sichtliche 
Fortschritte. Bei der letzten Hypnose am 28. Juli 1926, vor meiner Urlaubs- 



Heilung eines Falles von KrieyHneurose 



93 



reise, fühlte sich der Kranke recht frisch und konnte. we.n auch noch 
r T.' r ^"'^" '''''''''' -treiben. Die merkwürdige VerkratpW 
i hen noch t 'Vr' """^^ ^'^ ""^^ ^^'^^^"^' ^-^"^'^er i. Ztt' 
d'e Schwez ". T T''^ ^'^"^""^ ""^ vierwöchige Urlaubsreise in 

^ebrannr? l ''^'" /"Q^^ord entlieh frisch und gut aussehend und braun- 
S hrXn Sun ' ? "■ ."t r" ^"" 5- August vor. - aber - meinen 

Symptoms fat unmöglich erschien. Eine Behandlung nach Adler war eben- 
falls a pnon abzuweisen, da bei dpm Pat i, - ^^aier war eüen 
Charaktereigenart irgendeine Form d r\'d .rsten" mT d 4"?"«'"" 
vornherein ausgeschlossen war: Er war vonKindheU "f " ; « V l" 
willensstarke Mensch, dessen Lebenslinie nTchtwtrA dl efa^Vtr'^ * 
sondern auf das fest ins Auge gefaßte seinen K^J ^ «V ^^..^^^, ^'"^^^^"' 

Neurose sind m erster Linie die Akt ualerlebnisse maßgebend" dl ,t 
früherer Zeit an Bedeutung in demselben Maße verlieren. Ji, sie sie" von 
der Gegenwart entfernen. So begann ich denn am 6. Sep tember nach ent" 
sprechender Vorbereitung des Kranken zunächst eine bis ins EinzelL gehende 
Uchen"s-t " ö--nde .Analyse der ganzen Krlegserlebnisse t 'fS tag: 

hohen Sitzungen von je zwei bis drei Stunden Ich ÜpR A.» k i ^ 

vornherein alle Tr.ume maschh^enschrifmch nietgelegt titb^^^^^^^^ Z 

gehende Häufung der furchtbarsten seelischen Eindrücke, die in der aller- 
G^^^^Z'ZrK \r '^''"'^"'^" "^^^"' -^'^-'^•^ -h bei zuneh-ne der 
STetrU^e ^^I,r£;:,";rd?"T"'^" -baurige Erlebnisse, noch repro- 
war auffallenderwei^e f aft « 1 t ^^«"«'anal yse während dieser Zeit 
klärte ein im iXT/goS "IL //"?""" ''°'" ^- ^"' '^^^ ^- ^^P*^"^^^ 
gehendes Erlebnis auf. Der T7a.ri /r ^ " """^''"^ erfahrenes, tief ^ 
L rf.. aktiven i>.V."L "Zmtr 

dem Nam£ N i t s c h k e JXaf erzäSre^l?' T^ '"r ^'•^"'" ""'^ "^^^ 
freien Einfalls: „Ich entsinne^ictirrl Ten ^l,;^^^^^^ t T"^""'^" 

Mensch, bekam auf der Stnbe Krach mit t^'^^l^^Z::'^::^^: 
Ich war allem mit diesem nn Zimmer und wusch mich an der Wasserleitung 
Die Angelegenheit kam vor das Militärgericht und ich sollte zum erstenmal 
m meinem Leben als Zeuge vernommen werden, konnte nichts aussagen da 
ich hei dem Waschen die inkriminierten Schimpfworte tatsächlich nicht gehört 
hatte. Dadurch kam ich in den Verdacht der Begünstigung, wurde seh? übel 



C. Staudadicr 



mederschmetternden Emdruck auf mich JJiese ^^ & übrieen 

KriUlt durch Traumandyse feststellen konnte, war folgendes: 

Srverrichende Stadium der 44 Traume ergab, dali .n .6 Traumen 
i Jer indffferente Kriegsbilder geträun.t wurden, die s.ch jewe.h auf dem 

B a li n h o f abspielten. . . ■i.„^:„_™ . 7wpi 

Darauf eingestellt, berichtet der Kranke nach em.ge.n Jesmnen „Zwei 
SituaUonen auf einem Bahnhof sind mir bis heute in l.bha ter Ermnerung 
, M ien Das erstemal bekam ich bei dem Abrücken in Ruhestellung no h 
den Befehl, mit meiner Mannschaft auf einem kleinen Bahnhof bei ^-ms den 
ersten Waggon der damals neuen, so gefürcbteten Blaukreu.^ranaten auszuladen^ 
Mitten in der Arbeit wurden wir von einem Fliegergeschwader entdeckt und 
^t Snem Regen von Bomben beworfen. Wir ^vußten, daß die Beschädigung 
XierXTi^en Granate genügte, um uns alle jammervoll hinsterben zu lassen. 
OrsSirecken ^ng uns wahrend des ganzen Aufenthalts im Kuh equart.er 
Sit u den Krochen." Der zweite Fall ist folgender: „Nach der Masure«. 
TcWacht wurden wir abgekä-npft und todmüde nach dem Westen befordert 
ohne den Weg des Transportes zu kennen. Wir lagen tn alen möglichen 
S?e lungin übereinander und' schliefen todesabnlich. ^'"!-\-- f^^jf ;XS 
in der Nacht auf, es war nach .. ^hr, schaute zunitenslerMnausu^^^^ 
zum meinem namenlosen Erstaunen den Bahnhor memer ^^^'^f ^^^^^"^^^^ 
kirchen. Ich riß den neben mir schUfenden Landsmann auf ^^ J^^J'^^^^^^^^^ 
aber in diesem Moment setzte sich der Zug m Bewegung und anderen Ta es 
erfuhr ich von einem Landsmann, der mit dem Vorzuge gefahren war und 
meine Frau und meine Eltern am Bahnhof gesprochen hatte, daß ™^<^h «iiese 
am Bahnhof sicher erwartet hätten, um mich mit einem ganzen Koro voll 
Lebensmittel zu beschenken, was sich nachher auch briellich besUUgte. Dieses 
Erleben, namentlich das verscherzte Wiedersehen mit memer jungen Frau 
schmerzte mich namenlos und tauchte wochenlang nnt gleicher t^ual 

""D^beiden Erlebnisse also sind die einzigen mit '^«";, '^''T*''^^,!^,^ 
Emklemmung, offenbar deswegen, weil sie in den '^^^^f °^f "•^^" J^'" 
relativer RuhL und Untätigkeit Zeit hatten, sich tief in d.e Seele -"-^«»'f"; 
Es scheint fast, als ob dieser Mechanismus nicht wirksam war ^ei all den 
übrigen furchtbaren Eindrücken, weil sie sich eben zeitlich, fast ohne Pause, 

^"SLen waren es zwei Träume aus dieser Periode der Analyse, die 
.ußSentUr wertvoll wurden als Hinweise auf eine Verdrängung, die 

Analyse, träumte Fat., „n ir nerreii. i«6 unten lieeende- 

Bob Ah dieser am unteren Rand auf ge fange. u>ur de, u^.rjer unten Uege 

Herr erdrückt und gal kein ^^''-«-^'';" "^^^.^/^^^^f Am 50. September 
Zu diesem Traum konnte Pat, zunaclist nichts sagen. Am 3 p 



Heilung; eines Falles von Kriegsneurose 



95 



träumt er: „Ich stand an eine. Mauerböschung in der Ecke, bis zu der Eisen- 

^riL :;i^.'« '^"^"^'"" ^^ '^'^-^ -^'^^ ^- -^-^^-^ '^■^^^^ — ^- 

Auf diesen Traum eingesteHt, Um der Kranke in eine sehr große 
ErTegung^_Er .agte: „Da fällt mir ein furchtbarer Trau.n ein, der mich in 
memer Kmdhe.t 1>. .u„, Wahnsinn ängstigte, zur Zeit meiner Entwicklung.- 

menem Bett aufstand und m das Zimmer meiner Ehern Rüchtete. Es ^ar 

n^^T, r / .''"■^'""" ^^" ""• ^'^^^^ furchtbare Traum änsstifite 

mxch ab und zu auch mal in meinen späteren Jahren." ^^ 

Jetff^rm^ ""^IT"''"*' '^" ^^ =" '•"-- ^^«'g-ö- Erregung: 

lll TI em Erlebnis aus meiner frühesten Kindheit ein. Ich wfr 

damals v,er Jahre alt, lag morgens im Zimmer mit meinem zwei Jahrel Wn 

Sr erSi ;T; ''"^'■'^'^ ""^ *"'' '^^^''-- ^^^l-ß"*'^ nahm me" 
Eruder em Kissen, deckte es mir aufs Gesicht und legte sich darauf Ich 
woUte schreien m.ch wehren, dann erwachte ich wieder, auf dem Tisch 
hegend. Mem. Eltern waren auf das Schreien meines Bniders heZil'i t 

gemacht.^ ^''^^ ^"^ '^'" ^"^ ^'^^^^^ ^^ WiederhelebungtrcS 

Die Aufhellung dieses furchtbaren Erlebnis.es in frühester Kindheit klärte 
m.t emem Schlage die ganze Eigenart de. Falles und den Sinn der Symptom 
biMung, Die Schrecken des Erstickungstodes, die krampfhaft versuchte Ab we"- 
mu Armen und Bemen und Kopf, die wahnsinnige Anstrengung des Schreien 
schrieben sich zutiefst in die Seele des Kindes ein und erschienen wieder "n 
unverfälschter Form nach dem Nervenzusammenbruch in Verdun in der o 
charakteristischen spastischen Lähmung der Beine, des rechten Arme und dr 
eigenartigen Verkrampfung der Zunge. Später gaben sie dem Schreihliampf 
sein ganz eigenartiges, an und für sich unverständliches Gepräge. Die Richtig- 
keit dieser Annahme wurde bestätigt durch das s c fo r t i ge Ve r s ch wi n- 
slhreih'el'z''™^'""^. ^^^A''-' Schulter und Kopf beim 
t:r'dL7L7-^L^^::rzli:"vV"' ^-Unterarm wieder aufgelegt 
Bewegung von früher mh ^Z vollkommen glatt, ohne die ausfahrende 

dann Verhinderte diesSke^SiT T "f "^^"^ '^^"'^ ^" ^''^^^^ «^'^^'^^^^' 
sächlich ist bis zum heutten ^TI "! v".".^ '" AVeiter seh reiben. Tat- 
Kopf nicht mehr wiedergekehrt ^ Verkrampfung von Arm, Schulter und 
Mit den recht interessanten Ergebnissen der weiteren Analyse muß ich 
Sie wegen Zeitmangels verschonen; ich möchte nur noch zwei positive Er- 
gebnisse von erliebhcliem Belang anführen. Das eine erreichte iclf durch das 
Assoziationsexpenment. Nach zelin indifferenten Reizworten brachte ich das 
Reizwort „Krankheit", weil in den Träumen mehrfach von fieberhafter Er 
krankung die Rede war. Das Reaktionswort lautete nach 25 Sekunden bei 
namhafter körperlicher Unruhe „Fieber". Auf das Reizwort „Fieber" erhielt 
ich bei sich steigender Unruhe und Komplexhusten nach 45 Sekunden das 



f^ C. Staucladier 



Wort „Vater". Und nun e.-zählte mir der sonst so rukige Mann m.t Tranen 
in den Augen, daß .ein Vater an einer schweren Lungenentzündung im Bett 
Hegend, ih'n L siebenten Lebensi^l. zum er.ten.nal .-f^^ geUde habe 
we.en eines Slrafzettels aus der Schule. Sonst sc. uiem. s em l^^^f^« ^ort 
rs^'dem Munde seine. Vaters gegen ihn gekommen. Zwe. Tage nach d esem 
Vorfall starb der Vater. Dieses Erlebnis habe ihn so schwer verletzt, daß er 

jpitlpbens daran leide. , ,. i ■ -l 

Der andere Fall wurde von mir wiederum durch das Vergleichen 
derverschiedenen Träume .utage gefordert^ In zwo f Traumen 
kehrten ganz unmotiviert B i 1 d e r v o n W a s s e r, m Form von Flüssen, Über- 
schwemmungen und dergleichen wieder. Darauf eingesteUt und gefragt, was 
erTich beiSvasser denke. gabPat. an: „Da fallt nur mem Stiefbruder 
ein Das war ein furchtbarer Tunichtgut, das Wasser war sein Llement, das 
ganze Jahr durch plantschte er im Wasser hernni. Selbst im AVmter kam er, 
oft bis unter die Arme durchnäßt, nach Hause und bezog hier wie in der 
Schule seine Prügel, aus denen er sich nichts machte. Nach semen Bezie- 
hungen zu diesem Stiefbruder gefragt, sagte er: „Da fallt mir em, daU mir 
von Kameraden erzählt wurde, er habe bei seiner vierzehnjährigen Schwester 
nachts im Bett geschlafen." Wütend stellte ich ihn zur Rede, er sagte: „Das 
ist nicht schlimm, unser Freund Joliann schlaft oft hei seiner sechzehn.almgen 
Schwester." Nun glaubte ich einer in diesem Alter rech tiefgehenden Ver- 
drängung auf die Spur geko.nmen zu sein, Pat. verneinte ^--^ ^oj. 
fuhr aber fort: „Eine andere Geschichte h«t mir jahrelang zu schaffen 
leicht. Eines Tages verkrachten wir uns. In der Wut trat ich xhn vor den 
leib er kauerte bleich zusammen und ging nachher still nach Hause. Ich 
machte mir furchtbare Vorwürfe wegen meiner Roheit, hatte schlaflose 
Trachte Das Schlimmste kam aber nocli: Nach einigen Wochen starJ) der 
kerngesunde, junge Mensch an einer akut fieberhaften Erkrankung^ Ich 
machte mir den Vorwurf, daß ich ihn umgebracht hatte, dieser Gedanke 
marterte mich Monate lang, daß ich weder sclilafen nocli essen konnte. 
Jahrelang kam ich darüber nicht weg." i . v 

Damit habe ich Ihnen die wenigen Daten der psychoana yt.schen 
Durchführung dieses Falles gegeben. Eine Reihe anderer, für das Endergebnis 
weniger wertvoller muß wegen Zeitmangels leider wegfallen. Ich mtichte nur 
noch mit einigen AVorten auf die Geschicke des Schreibkrampfes hmweisen -. 
Die Schreibfähigkeit besserte sich bei vollständigem Fehlen jeder Verkrampfung 
quantitativ und qualitativ so weit, daß vor etwa vier Woclien selbst ganz 
kleine Zahlen ohne Schwierigkeiten geschrieben wurden. Da traf den ordnungs-. 
wahrheits- und ehrliebenden Mann wie ein Blitz aus heite^.n Himmel der 
schlimmste Schlag, der ihn nach seiner Charakteran läge treffen konnte: Em 
Angestellter seines Bureaus (Lohnbüros) wurde gefaßt, weil -/-/^'"»t^f .™° 
Jahren eine Summe von 400.000 Frs, unterschlagen hatte 1^^' "^^ "^^ 
genug- In den nächsten drei Wochen kam noch ein zweiter, dritter und gar 
Sr Fall von Unterschlagung zutage. Wiewohl unser Pat. ^^^J^^ 
Kontrollsystems im Grunde durchaus unschuldig war, '^'^ ''^ J\'^^ ^^^ 
bis ins Mark. Die täglichen Konferenzen. Untersuchungen ^" ^^'»^^^™ 
brachten den Herrn um Schlaf, Appetit und schufen eine f^^' '-^^"^^^ 
Depressionslage. Es ist nun ganz besonders bemerkenswert, daß trotz dieses 



Heilung eines Falles von Kriegsneurose 



97 



neuerlichen Zusammenbruchs nichts von dem ursprüngHchen Schreibk«n,.f 
.ich zeigte. Da. Schreiben ging wohl schlechter wegen L raschen ErmüdZ 
und starken Zutern., d.s im übrigen auch die linke Hand betraf aber schon 

Te^cS" b ''''" 7""=^^ '"^^^^ ^^^"^ ^'^ Schreibfähigkeit so. daß mi helos 
geschrieben wurde wenn der Herr ein langsames Tempo einhielt. 
Ü-pi kritisch wäre folgendes zu sagen - 

sein''insofe™"e''vf " ''""" "'^' S"'"^^" ^vissenschaftlichen Interesse 

rck.trßTkt"eH:r ErTerLe'tstb'^^'^'f''""^/^^^^ ^"^^ ^- 
ein JrühkindHche. Erleben ^^^^^"Ir tS^^^^^^^^^ 

e wS die rTii'TT^"';"^"^^ ^^'^^ -■ ''^ Kr'iegserlebniLe tielt 
erleW / ^^r Geleg.nheits Ursache für d«s Auftreten des im Früh- 

erlebms determinierten Symptoms. Dieses Kindheitserlebnis war völlig vergessen 

Der Tll teS' ? "V'- T^ '^'""^^" Traumanalyse zutage" gefL rt 
iJer J^all seihst ist eine klassische Illustration für den Sinn des Symptoms 

zw^lZtebrnJ^r .f "^^t" ^"'™ '"'^''''^^^' ^^- .iebeL„Td 
Zlvse iewSu 'd ^"7^"^'"-'^™ Verdrängungen, welche sich während der 
Analyse jeweüs durch das Auftreten schlechten Schlafes oder Kopfschmerzen 
ankündigten von bestimmendem Werte. Gegenüber der Bedeutung der re"e™ 
Stfri r T ^T'" ^--'^^«P-kt aus dürfte der Fall einen weroU:n 
Beitrag abgeben für das vergleichende Studium der differenten Standpunkte 
von Freud und den Individualpsychologen. ^opuuKte 

2. Der Inhalt der Verdrängungen ist nicht sexuellen Inhalts 

3. Der Sat. des Anstaltsdirektors der HeUanstalt von Klingemünster bei der 
etzten Versammlung der P alzarzte in Homburg: .Die Psychoanalyse ist eine Ange^ 

legenheit von Millionären (Ärzten) für Millionäre", ist abzulehnen. Die Erfahrung 
mit unserem Fall die sich im übrigen mit der aller mir bekannten praktisch^ 
Psychoana^tiker deckt beweist, daß eine gründliche Psychoanalyse auch unter den 
gewöhnlichen Verhältnissen durchaus möglich ist, selbst hei Kassenpatienten, resp 
Ver icherten. Voraussetzung in letzteremFaUe ist allerdings eme gewissegroß ügige 
Stellungnahme der fuhrenden Personen, resp. des beratenden KcUegen. Ich möchte 

r^ündth"' R . ^"^-^!-- --"- 1-tigen Vortrages in dieser Beziehung eine 
gründliche ^edur in d.e Wege leiten; wie nötig eine solche ist, beweist 

nlh f T ^""u"^"" ''^ ^'^ ^"-^te versandte Bestimmung, daß für 

ESltwe^d"fs^l M^^^^ " ^'""" Vierteljahr acht sttznngen« 

fachkundige Beratung des oLektLi :^ ~^r ^^ ^""^^ ^'' '^''^- ""^^ 
..hrung .er langwie^Hgen B^h^d^™ nsets '^::::S^ ''^ °"-^- 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XIV/l. 



Li 



Analyse einer Konversionshysterie in vorgerücktem 

Lebensalter 

Jm dem „T>:chnischen Kollo<iuium" nm „B^-rliner Psychomiaixtüclun Institut" 



Von 

Lotte K i r s c li n e r 

Berlin 



In der psychoanalytischen Literatur wird häufig auf die Schwierigkeit der 
Indikationsstellung bei älteren Personen hingewiesen. Wie schwerwregend 
der Beginn einer Analyse im höheren Alter ist. zeigte mir ein Fall, den ich 
aus diesen Gründen veröffentliclien möchte. 

Es handelt sicli um eine kurz vor der Menopause stehende unverheiratete 
Patientin, die wegen konversionshysterischer Symptome — Sprach- und Oeh- 
slörung — zur Behandlung kam. Über diese Symptome werde ich spater 
eingehend berichten. Die Patientin, die mit einer ebenfalls unverheirateten, 
zirka zwei Jahre jüngeren Schwester zusammenlebte, war akut im Anschlub 
an die Erörterungen erkrankt, die sich auf einen eventuellen Verkauf des den 
Schwestern gehörenden Grundbesitzes bezogen. 

Die Überlegungen, aus denen heraus ich die Indikation für eine Ana yse 
gegeben fand, waren folgende: Meine Patientin, ein überdurchschnittlich 
intelligenter Mensch von starker Vitalität und Fähigkeit, Interessen Z" /^f'^" 
und sie auch gegebenenfalls zu verwerten, lebte in außerordenüich schlechten 
Beziehungen zu ihrer Schwester; das Problem ihres Lebens schien mir zu 
sem ■ Wie kam es, daß sie, auf deren Seite Intelligenz, Produktivität und 
Leistungsfähigkeit lagen, sich völlig von der wesenüich unbedeutenderen 
Schwester niederdrücken ließ und dafl sie infolge<lessen ihre Befähigung zur 
Selbständigkeit nicht ausnützen konnte, sondern ihre Kraft in dauernden 
Reibereien mit ihrer Schwester verbrauchte? Ich hoffte, durch die Analyse 
eine Lösung der sehr starken Fixierung an die Schwester herbeifuhren zu 
können und ihr dadurch die Möglichkeit zu geben, die freigewordene Kraft 
für sich nutzbringender und befriedigender zu verwerten. 

Aus der Anamnese ist folgendes zu erwäbnen: Pat. stammt aus einei alt 
eingesessenen ostpreußischen Familie. Der Vater der Pat., der - J «- ^--- 
Anfängen emporgearbeitet hatte, kaufte spater emen größeren ^'-"^^t ;m 
der nächsten Umgebung des Städtchens, in dem sie -°';"^^"- ^;;^/™ 
Wohnhaus war zugleich das geschäftliche Unternehmen und das Bureau des 



Analyse einer Konvcrsionshysterie in vo.t.-crH Aten, TZZkT 



™ch den Schild.„„,e„ de. P... („„a ergS^de^ESh u," " dnerC „re 

dabei scheint der Vater n.ehr an drM T ^T" "''''' ^^'^^'^'^^^ ^^"^^^" ' 
Pat. ist das älteste vorfünf Kinde^ v 'l "^^" '"''''" ^^ un^gekehrt. 

.Chon erwähnen, daß Pat. i„ die.er Zeit von Fremden häufig für die Fra" 
des Vaters gehalten wurde, Sie nahm damals eine durchaus bfvo'ugte Stel" 
beun Vater e:n, während es mit der Mutter verständlich erweise zutußer n 
Sehw.engkeuen k.n. Als sie Mitte der zwanzig war, wurde sie offenbar dem 
Vater unbequem wozu neben vielen anderen Gründen anscheinend auch ihre 
^erdurchschmtthche latelligenz, ihre Fähigkeit, sich schnell weitgehende 
ßächtlrr" .^^«-^t "■-'r^'*"=^^'^ haben mag; denn auch na!-h dem 
l^t^t ^n r r"' "' ^'? ^^^ ''''"' ""»««roffen und ihren Standpunkt 
dJ^ VaTer ^"^.'- f »J^^^ f g^ «^^ Autorität des Vaters vertreten zu haben. 

m? iTte n? h U ^" """"^"^ ""^'^ ""' ^"^'^^ '^ ß--" -^ stellte sie 

neurotischeErä^TnunT f"'''^'^™-^ Ms fünfunddreißig traten stärkere 
die im Ansfhiut r Sti^X; ^^'^'''T- y^^^^-^^S-- Affektlabilität usw., 
einem Arzt, der st w^ T" "k "f ''''" "'^' ^" ^"" ^^'^'"^^ "^^^ 
Exazerbation erfuhren. 8^?^ TnIL h", r^°« masturbierte, eine akute 
Jahr, die damals wohl noch explosiver d^K^'r'"'" "'^ '""^ ""^'" 
Handlungen der Schwester, mit ter "s htte "'^ " ""' 1^1 ^" -f ^■ 

schweren Regressionserscheinungen gerührt zu IT ^""f^'""'"^ /f t«' f«^'' ^'^ 
T. A 1. 1 /- ■ - S«i«nrt zu haben scheinen. (Sie soll z B 

nach Angaben der Cousine eine Zeitlang nur Kindersprache gesprochen haben 
und mcht au. dem Bett zu bnngen gewesen .ein.) Nach dem Abklingen der 
akuten Erscheinungen ist eine einigermaQen feste Stabilisierung nicht mehr 
^tande gekomme^ Em stärkeres Aufflackern der Neurose „ach dem 
Mißglucken eines Heiratsprojektes führte Pat. im Alter von zirka dreißk 
Jahren .u einem fast einjährigen Sanatoriumsaufenthalt, der infolge der Eni 



100 



Lotlc Kirsdiner 



femune aus dem häuslichen Milieu zuerst günstig wirkte, aber kerne durch- 
greifende Änderung im Zustand der Pat. nach deren Rückkehr hervorrufen 
konnte. Zwei Jahre später heiratete die Cousine einen Mann von sozialem 
Ansehen und Ruf. Nach dem Tode des Vaters wid.nete Pat. sicli mit Eifer 
der Verwaltung des Grundbesitzes, der teilweise abvermietet werden mußte. 
Sie soll die Verwaltung nach objektiven Aussagen ausgezeichnet gehandhabt 
und auch in den sehr schwierigen Zeiten mit aller Gewissenhaftigkeit durch- 
geführt haben. Dagegen versagte sie mehrmuls bei dem Versuch, eme geschäftliche 
SteUung auszuüben, und zwar aus eindeutig neurotischen Gründen, wahrend 
ihre Leistungen auch dort zufriedensteUend gewesen sein sollen. — Nach dem 
vor einigen Jahren erfolgten Tode der Mutler suchten sich die beiden Schwestern 
einen Nebenerwerb in der Ausübung einer im kleinen Umfang begonnenen 
kunstgewerblichen Werkstätte neben den immer spärliclieren und schwieriger 
zu bekommenden Einnahmen aus dem Besitztum. Das vom Vater ererbte 
Kapital war infolge der Inflation fast völlig entwertet worden. 

Die Symptome, unter denen Pat. litt, bestanden erstens in einer Sprach- 
störung, die sich in abgehacktem, stockendem, skandiertem Sprechen äußerte. 
Diese Störung trat zeitweise mitten in einer Unterlialtung auf und verschwand 
oft ebenso plötzlich, wie sie gekommen war. Niemals ging diese Störung in 
völlige Aphasie über. Die Dauer war wechselnd, schwankte zwischen wenigen 
Minuten und mehreren Stunden, sie war durch Erregimg beeinflußbar und 
verschwand zu anderen Zeiten wieder völlig. 

Das zweite war eine Gangstörung, die ihrerseits auch niemals zur 
Abasie führte, sondern sich, ähnlich wie die Sprachstörung, nur in einer 
Erschwerung der Gehfunktion ausdrückte, durch die Pat. oft auch nur kleine 
Wege mit größter Mühe und außerordentlich langsam zurücklegen konnte. 
Selbstverständlich war auch hier die psychische Beeinflußbarkeit von vornherein 
deutlich. 

Dazu kam als drittes eine Reihe von Z w a n g s i in p u I s e n, und zwar teil- 
weise in symbolischer Verkleidung (den Spiegel zertrümmern müssen, mit der 
Handtasche in die Fensterscheiben der Wohnung, der elektrischen Bahn, der 
Läden zu werfen), teils in direkter Aggression gegen die Schwester (z- B. 
die Tür, die zu dem Zimmer der Schwester führt, einzudrücken und auf 
die Schwester loszugehen, irgend etwas nach ihr zu werfen). Pat. litt selbst 

so stark darunter, daß sie unter allen Umständen eine Behandlung aufsuchte. 
Die Analyse ergab hinsichtlich des Sinnes des akuten 
Schubes folgenden Zusammenhang: Der Anlaß zu diesem Ausbruch der 
Neurose war, wie schon gesagt, der mögliche Verkauf des Besitztums gewesen, 
wozu Pat. dadurch beigetragen hatte, daß sie den Vermittlern die Wohnung 
zur Besprechung überließ. In der Analyse kamen wir anläßlich dieser Dinge 
auf ihre Einstellung zu ihrem Vater zu sprechen und es zeigte sich, daß sie 
die ganze Liebe, mit der sie am Vater gehangen und die ihr den Weg zum 
Manne versperrt hatte, nach dem Tode des Vaters auf das Grundstuck uber- 
trajren und dort verankert hatte. Der Verkauf des Grundstücks wäre also gleich- 
bedeutend gewesen mit einer endgültigen Lösung vom Vater, wofür sie in 
ihren Lebensumständen und ihrem Alter keinen Ersatz mehr sah. Zugleich 
hatte sie in der V er waltungs arbeit eine weitgehende Identifizierung mit dem 
Vater vorgenommen, hatte im Zusammenleben mit der Schwester den männlichen 



Analyse einer Konversionshysterie in vorgeiikkiem Lebensalter 



101 



Teil der Arbeit übernommen und immerhin darin einen großen Teil 
BeWisung erlebt Diese Aufgabe niederzulegen, hieß also aih endgüUi. 
auf die mannhche Rolle verzichten, die sie bisher gespielt und die ihrToßf 
Ersatzmoghchkeuen gegeben hatte. Sie brach akut zusammen bei der We 

JenoZ. ■ Y T*^'" '°"'"' ^^"" '^' ^'^'^ BefriedigungsmöglichkeSn 

genommen wurden, und entzog sich zunächst der Beantwortung und Ans- 

Stadmm; sie kon.te ,ncht mehr wie ein Erwachsener gehen und sprechen 
und zei^e dadurch Ihre BereitwiUigkeit an, auf ihre bisherige Rolle T ver 

Ä:rv:^:de.^^"^ ^°"^^^ '-''-''^ -^ ^■^-^^ ^^«^ Entscheidungen 
Bezüglich der aktueUen Situation bedeutete aho die Sprach- und Gang- 
storung eme Hucht davor, den beginnenden Konflikt ihrer Persönlichkeit und 
Intelligenz entsprechend durchzukämpfen und den erforderlichen Verzicht auf 
sich zu nehmen. Dazukam, daß durch die neuen und erhöhten Anforderungen 
die durch die wirtschaftlichen und materieUen Schwierigkeiten an sie gestellt 
wurden der ihr immer innewohnende Haß gegen die Schwester eine neue 
Verstärkung erfuhr; sie hatte deren Quälereien jahrelang in masochistischer 
Weise ertragen und außerdem im Existenzkampf die weitaus größere Last 
und Verantwortung übernommen, Jetzt trat sie sozusagen in den „Protest- 
streik und wollte nun die andere zwingen, für sich zu arbeiten. Die akut 
gesteigerten Haßregungen brachen in dieser Zeit in den Zwangs Impulsen durch 
Über die Genese der Symptome ist im allgemeinen zu sagen, daß ihre 
Wurzeln offenbar in zwei wichtigen Gebieten zu suchen sind, in den 
aggressiven Tendenzen (und zwar anal-sadistischer, oral-sadistischer und 
gemtal-aggressiver Art) und in den Schuld- und Angstreaktionen der 
Kindheit. 

_ Um das verständlich zu machen, vrill ich an dieser Stelle zuerst noch 
einmal emen kurzen allgemeinen Überblick geben und dann versuchen, die 
Wurzehi an den einzelnen Symptomen zu verfolgen. 

Fat. hatte von Kindheit an schlecht mit der Schwester gestanden. Die 
Sdiwester war schon dadurch bevorzugt worden, daß sie am Geburtstage der 
Mutter geboren wurde. Später wurde auf das viel zartere, schwächlichere 
Kmd von beiden Eltern mehr Rücksicht genommen und viel weniger Ansprüche 
HZ %'T ^^' ^" ^''- ^'^^-'"^^'■^ ^lie Mutter verzog und verzärtelfe die 
werden T' "^^''""'^ "^ angeblich erst von ihrem Mann gezwungen 
Then Abe ' T\ "^^V ""^^ ^^^^-Hchen Krankheit wegen zum Arzt zu 
mehr Cedud T P . '' ^ater i>ewies der kleineren Schwestfr gegenüber viel 
mehr Geduld als Pat gegenüber. Während er ungeduldig wurdV wenn Pat. 
Ihre Arbe ten nicht schnei] genug erledigte, und sie, rasch aufbrausend, dann 
strafte soll er mit der Schwester stundenlang eines Sprachfehlers wegen 
Sprechübungen vorgenommen haben, ohne dabei die Geduld zu verlieren. 

Ihre Haßgefuhle und Beseitigungstendenzen gegen die Schwester ließen sich 
bis m die früheste Kindheit verfolgen. Es tauchten Erinnerungen auf an den 
Kinderwagen der Schwester, aus dem diese einmal herausfiel, als keiner weiter 
im Zimmer war als Pat. Einige Jahre später spielte Pat. mit anderen Kindern 
mit emer Decke, auf der ein kleineres Kind saß, das in die Luft geschleudert 
wurde. Dabei fiel einmal eines der Kinder infolge zu heftiger Bewegung von 



102 



Lotte Kirsdiner 



Seiten meiner Pat. herunter, und dieses Kind Stellte sich im Laufe der Analyse 
als die Schwester heraus. Pat. hatte also den Vorfall mit dem Kinderwagen 

wiederholt. 

Außer den allgemein- sadistischen HaßauÖerungen, von denen später noch 
mehr berichtet werden wird, kam es auch zu genitalen Aggressionen gegen 
die Schwester. Pat., die als Kind sehr viel onanierte und von beiden Eltern 
oft dafür bestraft wurde und die Drohungen zu hören bekam, daß man davon 
krank und dumm werde, braclite eine Reihe von Erinnerungen, die als Inhalt 
Masturbationsversuche an der Schwester halten; dabei interessierte es sie dann 
sehr, ob die Schwester „da unten auch so rot sei". Sie selbst wurde nämlich 
bestraft, wenn bei Inspektion ihres Genitales eine Rötung festgestellt wurde, 
die trotz ihres Leugnens auf onanistische Akte zurückzuführen war. 

Die Strafen, die Pat. wegen dieser Dinge bekam und zu denen auch nocli 
andere hinzutraten, die durcli Hetzereien der Schwester verursacht worden 
waren, trugen nicht gerade dazu bei, ihre Haßgefühle zu vermindern. Die 
Größe ihrer feindHchen Wünsche sowie die Drohungen, die ihr in bezug auf 
die Onaniefolgen gesagt worden waren, riefen nun ein ungeheures Schuld- 
gefühl dieser Schwester gegenüber hervor. Sie war also schuld, wenn die 
Schwester kränklich und dumm war, und hatte dazu die Verantwortung für 
deren Leben zu tragen — eine Einstellung, die durch die ganze Analyse 
zu verfolgen war. 

Die feindlichen Tendenzen gegen die Mutter entsprangen zum größten 
Teil den Versagungen, die Pat. durch die Bevorzugung der Schwester und 
Zurücksetzung der eigenen Person erlitt. Pat. soll auch nacli objektiven 
Berichten von der Mutter viel schlechter behandelt worden sein als die 
Schwester. Pat. hing bis zum Tode der Mutter an der Illusion, eines Tages 
doch die Liebe der Mutter wiedergewinnen zu können, und ertrug infolge- 
dessen deren Herabsetzungen auch wieder in masochistischer Weise die 
ganzen Jahre hindurch. 

Eine Loslösung von der Mutter gelang auch deshalb nicht, weil sich Pat. 
durch ihre Schuldgefühle der Mutter gegenüber gebunden fühlte. Diese Schuld- 
gefühle wurden um so lebhafter, als ja der Verlauf ihres Lebens ihr in den 
zwanziger Jahren eine teilweise Erfüllung ihrer ubur Kinderwünsche brachte, 
nämlich: den Vater für sich zu behalten, ihn der Mutter zu nehmen. Wir 
sahen ja schon, daß ihre Tätigkeit es mit sich brachte, eine Zeitlang dem 
Vater eine fast unentbehrliche Stütze zu sein und dadurcli den Wirkungskreis 
der Mutter immer mehr auf den Haushalt zu beschränken, während sie selbst 
damals mit dem Vater alle dessen außerhalb des Hauses liegenden Interessen teilte. 
Die Analyse der Sprachstörungen ergab, daß es sich dabei i) um die 
Verdrängung primitiver oraler Wünsclie gehandelt hat, die um 
das zweite Jahr anläßlich der Geburt der zweiten Schwester auftraten und 
deren Inhalt mit den Stillsituationen zusammeuiuhängen scheint. Es tauchte 
lange Zeit eine Deckerinnerung auf, die die Schwester als zirka sechsjährig 
zeigte, die im Gegensatz zu den anderen Kindern immer ein Flaschchen 
Wein zur Schule mitbekam. Die Erinnerung an das Gestillt werden der 
Schwester ist nie ganz deutlich in die Erinnerung gekommen, sonderri nur in 
der Form: „Die Mutter hat ein kleines weibliches Kind auf dem Schoß; ich 
hole eine Fußbank für die Mutter und setze mich dazu. 



Pat. machte damals offenbar den Versuch, sich eine Ersatzbefriedigung für 
die Versagung ihrer Wünsche zu schaffen, und das Scheitern dieses Versuches 
scheint entscheidend für das ganze weitere Leben der Pat. geworden zu sein. 
Fat. erinnerte innerhalb einiger Tage, zuerst verschwommen auftauchend, 
folgendes Erlebnis: „Ich bin ganz klein, vielleicht ein paar Monate Über zwei 
Jahre. Ich sehe deutlich die Hängeschürze von mir, die icli anhatte. Dann ist 
em gedeckter Tisch. Dahinter ein Sofa, auf dem Vater und Mutter sitzen 
Die Mutter hat die kleine Schwester auf dem Schoß. Ich habe ganz dunkel 
die Erinnerung, daß ich mit der Zunge einen Teller auslecke; als ob mich die 
Mutter ermalmt und ich's gerade nicht lasse. Auf einmal steht der Vater auf, 
kommt auf mich zu und verprügelt mich sehr. Ich liege am Boden und 
strampele vor AVut. Währenddessen tanzt und klatscht meine Schwester mit 
der Hand auf den Tisch, läßt den Löffel immer auf und nieder hüpfen." 
Ich kann vielleicht hierbei erwähnen, daß Pat. zeitweise während der Analyse 
unter dem Zwangsimpuls litt, auf und nieder hüpfen zu müssen, in die Hände 
zu klatschen, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen; sie identifizierte sich 
dabei mit der Schwester und Heß sie in Gedanken dasselbe erleiden, wie sie 
selbst, während sie dabei die Rolle der schadenirohen Schwester übernahm. 
Diese Szene muß aj ungeheure Haßreaktion gegen Schwester und Eltern 
ausgelöst haben und scheint ihr die endgültige Bestätigung für ihre Zurück- 
setzung und die Bevorzugung der Schwester gegeben zu haben. Die feindlichen 
Tendenzen, die dabei verdrängt wurden, bezogen sich ebenfalls auf orale 
Betätigungen: auf kannibalische Gelüste und auf den Wunsch, zu 
schimpfen und die Schwester anzuschreien. Für das erstere spricht der 
im ersten Schub und auch im Verlauf der Analyse auftretende Zwangsirapuls, 
nach der Schwester mit der Gabel und dem Messer werfen zu müssen. Der 
verdrängt gewesene Wunsch, die Schwester fürchterlich anzuschreien, brach 
mit aller Gewalt während der Analyse durch in dem Impuls, die Schwester 
mit allen Schimpfnamen zu belegen, ihr ins Gesicht zu schreien: „Du ver- 
dammtes Aas, du Luder!" Außerdem trat während der Analysenstunden jedes- 
mal em Rückgang der Sprach erschw er ung ein, wenn Pat. sich gründlich über 
die Schwester beklagt und sich ausgeschimpft hatte. 

Zu den verdrängten oralen Wünschen gehörten 5) auch die mit sexuellem 
Inhah, die ungefähr aus dem vierten bis fünften Lebensjahr datierten. Aus 
den gleich anzuführenden Erinnerungen geht hervor, daß sie, lange Zeit im 
Schlafzimmer der Eltern schlafend, den Koitus beobachtet und ihn offenbar 
als einen Akt aufgefaßt hatte, bei dem die Mutter das Genitale des Vaters 
zu essen bekam. So taucht z. B. im Anschluß an eine Erinnerung des drei- 
zehnten Jahres, wo sie den Kutscher auf dem Hof ihres Hauses beim 
Urinieren beobachtet hatte, eine frühere des vierten Lebensjahres auf, wo ein 
Kutscher ilir erst den Penis in den Mund und dann in den After gesteckt 
habe. Sie sei dabei so klein gewesen, daß er sie zu diesem Zwecke auf eine 
Kiste gestellt habe. Einige Zeit später wurde sie zum Pflaumeneinkauf 
geschickt, wobei sie eine im Laden probierte. Sie war sehr entrüstet, als man 
sie darum schalt, und meinte, sie wollte doch mal große Frau spielen und 
das ttm, was alle großen Frauen machen. Ungefähr um diese Zeit oder etwas 
später naschte sie aus einem Topf eingemachter Gurken, Sie wurde vom 
Vater und der Schwester überrascht und darauf aufmerksam gemacht daß 



104 Lolte Kirydinei' 



sie als Älteste den kleinen Geschwistern nicht mit so schlechtem Beispiel 

vorangehen dürfte. 

Außerdem entliielt die Sprachstöruns 4) Oppositions- und Trotzbestandteile 
gegen den Vater, die als Reaktionen auf die Verhinderung analer Spielereien 
zurückzuführen waren. Der Ursprung dieses Trotzes, der Fat. daran hinderte, 
auf einmal alles geben zu können, waren Tö])fchensituationen, hei denen der 
Vater Fat. ständig fragte, ob sie noch niclit fertig sei und sie dadurch in 
dem Genuß und dem Spielen mit dem Zurückhalten der Entleerung störte. 
Dazu kamen Trotzkomponenten aus den spüteren Jahren, in denen Fat. ver- 
boten war, ihre Meinung dem Vater gegenüber so zu äußern, wie sie eigent- 
lich wollte. Wenn er ihren Widerspruch oder ihr Besserwissen nicht ver- 
tragen konnte, nun, dann sagte sie eben gar nichts. (Daß sie doch sprach, 
war ein Zeichen des Konlliktes zwischen Verdrängung und Verdrängendem; 
sie hatte Angst, ihre Opposition unverhohlen zum Ausdruck zu bringen.) Das 
Motiv, das sie zur Verdrängung ihrer AVunsche und Haßlendenzen geführt 
hatte, waren 5) die Schuldgefühle und Angst vor den strafenden Eltern. 
In dem Stocken drückte sich ihre Angst nus, der Mutler etwas gestehen zu 
müssen, und die Furcht vor der darauf zu erwartenden Strafe. 

Das Verdrängte und die Verdrängung kamen im Analysenverlauf zum Vor- 
schein in ihrem Verhalten mir gegenüber; Sprachstörungen traten auf /} bei 
AViderständen, in Zeiten, in denen sie auf mich wütend war. 2) wenn sie 
sich nicht traute, mir ihre negative Kritik zu sagen und dann genau die 
Kindersituation in dieser Reaktion wiederholte. 

Bei der Gangstörung erwiesen sich als wirksam: 

1) Verdrängte aggressive Impulse allgemeiner Art, Wut- und 
Haßgefühle; die verdrängten Wünsche dabei waren: sicli auf den Boden 
zu werfen und zu strampeln, mit dem Fuß aufzustampfen, im Zimmer 
herumzurasen — Impulse, die im Verlauf der Analyse v.eitweise zwanghaft und 
unter großen subjektiven Leiden ausgeführt werden mußten. 

2) Impulse mit spezieller genital- aggressiver Note. Hier war der 
verdrängte Wunsch: der Schwester mit dem Kuß ins Genitale zu stoßen - 
etwas, was sie in der Kindheit ausgeführt halte. Die Schwestern schliefen 
als Kinder zusammen in einer Bettlade, und zwar so, daß sie mit den Köpfen 
sich gegenüberlagen. Fat. brachte während der Analyse die Erinnerung, wie 
sie dabei mit ihrem Fuß in das Genitale der Schwester zu dringen versuchte. 
Der verdrängte Wunsch brach während der Analyse auch wieder in einem 
Zwangsimpulse durch: mit den Füßen der Schwester in die Seiten treten zu 
wollen. 

^) Auch hier war, wie bei der Sprachstörung, das venlrängende Moment 
die Schuldgefühle und Angstreaktionen vor der Mutler: nicht vom 
Platz aufstehen und sich zur strafenden Mutter hinbegeben zu müssen. 

In der Übertragungs Situation kam diese Gaiigstörung ahnlicli wie die 
Sprachstörung zum Vorschein. Der Weg zu mir fiel ihr besonders schwer, 
wenn ihre feindlichen Hegungen durchbrachen, und wenn sie sie mir „gestehen" 
mußte. Dieses Symptom war im ganzen weniger hartnäckig «Is dus erste und 
konnte zunächst schneller zum Schwinden gebracht werden. In der allerletzten 
Zeit tauchte es allerdings zeitweise wieder auf. 

Die Z w a n g s i m p u 1 s e, die ich vorhin schon nälier schilderte, hatten 




Analyse einer Koaversionshystcrie in voryeiüdvrc ni Lebensalter 105 

J) rein genital-aggressiven Charakter und waren in erster Linie 
gegen die Schwester gerichtet. Ursprünglich war der verdrängte Wunsch 
n tiefster Schicht der nach genitaler Spielerei und von dort her bezogenen 
Lnstgewinn D.ese Wünsche waren infolge der Bestrafungen und der wachsen- 
den HaUgefühle umgewandelt und hatten dann den Inhah: das Genitale der 
Schwester zu zertrümmern. Pat, erinnerte sich, als vierjähriges Kind neben 

tuiJ^T ' T r ^''^"' '^'^' ^^^^ "« ---"^t' ^- ans Genita" 
zu fassen. Kurz vorher hatte sie angeblich ans OrientierungsgrOnden versucht 
die Augenhohlen der Schwester mit ihrem Finger zu untefsfchen. ' 

AnlTfovf d'T' TT Z^ P^y^^-'^^ig-" Erregungen wurden in der 
t^eJel D n h r '""^'^ '"'^ ^" zerschmeißen, Geschirr, Fenster, 

riemfn h " "",^1 ''"''" ^''^'^^ "" ''^^'^'^' ^" ''^ ^ndLn Leder! 

rtemen hingen, sie zu schlagen, bis sie blutet, sie mit dem Kopf gegen die 

r^mit^d ";"'"""'. "V^" '"'^" """^ '" ''^ ^--^ Jungfrau^u stecken! 
Ihr m]t den Zangen die Geschlechtsteile auszureißen 

. J"ht ?''"'"'' -^'"i' '■''''"™ "'''■ 'li^- Aggressionen gegen die Mutter 
Sw.^I " "'"■ '■' Tu'^'"^" Spielereien gestört hatte und außerdem die 

Str von r? "\." "'' ""^'"- ^-^h--™d ^am hinzu, daß sie im 

Alter von noch nicht ganz zwei Jahren eine Beobachtung gemacht hatte 
die Ihr d- Strafen und Drohungen der Eltern völlig^ u^ngTechtfer "5 
erschienen ließen. Sie kam zu dieser Zeit einmal gegen Mittag infsSlf 
Zimmer der Eltern und erinnert sich zunächst ganz 'verschwommen da^n 
immer deutlicher, daß die Mutter mit dem Rücken gegen die Bet'twl^d 
gestanden habe; vor ihr habe der Vater gestanden, habe ihr die Röcke hoch- 
gehoben und mit der Hand darunter gefaßt. Als er Pat. bemerkte, habe er 
sie furchtbar angeschrien und aus dem Zimmer geworfen. Wenn also die 
Eltern selbst so etwas taten, warum war dieselbe Sache bei ihr so schrecklich 
und sollte gerade bei Ihr so schlimme Folgen haben?! Die Wirkung dieser 
Erfahrung, daß für Eltern und Kinder verschiedene Gesetze gelten und daß 
Zweifel an der Autorität der Eltern eigentlich berechtigt seien, ließ sich 
m einer Angewohnheit nachweisen, deren Erklärung in der Analyse gelang. 
Pat. erzaWte nämlich, daß sie allen Leuten zuerst auf die Hände sLuTn 
müsse und sie auch nach der Bildung der Hände beurteile. Die Analyse 
3^r r-RT-l einerseits streng einem Gebote der Mutter folgte, die 

TcS ob n :! n k'T^'''' ^"^""f^^P^-« g-'^gte halte: „Schau nicht immer 
NaluntTnsX , ' T^r'r" ''"''' "^'^^ ""^^"^ •'^^ ''^ andererseits das 

Ih r^r nfcS d" ^"^-«^-Genitale-Schauen aufgefaßt hatte. Sie traute 

s ch aber nicht, dieses so von ihr verstandene Gebot gan. auszuführen weil 

'"ntriAure " ''■"^^ ^••^f -"S- auf diesem GebieL.it sThTradit, ^nd 
wähl e als Ausweg aus diesen Zweifeln die zwangsweise Betrachtung der Hände. 
2J enthielten aber die Zwangsimpulse verdrängte Wünsche aus der analen 
Stufe, d,e wiederum mit unliebsamen Erinnerungen an die Schwester 
verknupft waren. In der Analyse tauchten zuerst Erinnerungen auf an mit Kot 
beschmierte Hände, dann an Szenen, in denen Fat. vor dem Bett der kleinen 
Schwester steht und in die mit Kot gefüllte Windel faßt und damit das Bett 
beschmiert. Dann, wieder ganz verschwommen und erst stückweise deutlicher 
werdend ; wie die Mutter sie am Arm hochzerrt, ihr die Kleider hochnimmt und 
sie mit der Rute schlägt und dabei sagt, sie soUe diese Schmutzereien lassen. 



5lo6 Lotte Kirsdmcr 



f 



Als habe sie auf dem Töpfcheii gesessen, vom rein gefaßt und die Hände 
beschmiert: als hätte ein gani. kleines Kind in einem Kinderstuhl dabei 
gesessen und hätte mit den Händen geklatscht. Ein Strumpf sei auf emem 
krummen Beinchen lieruntergerutsclit ; wie sich der Vater zum Weggehen 
angezogen habe, sie dabei mitnehmen wollte und zur Mutter gesagt habe: 
Laß man Mutter, sie ist ja noch so klein, sie wird's nicht wieder tun , 
und wie sie in einem blauen Mantel mit dem Vater die Treppe herunter- 
gegangen sei, Stufe bei Stufe. — Dieser Mantel hatte monatelang eine RoUe 
in der Analyse gespielt, war immer wieder aufgetaucht, bis die Zugehörigkeit g 

zu dieser Szene gefunden war. — Das kleine Kind war natürlich wieder die f 

Schwester, die bei der Störung der analen Wünsche ebensolche Freude zu 
empfinden schien in den Augen der Pat. wie bei der der oralen! 

Der Durchbruch dieser verdrängten Wünsche mit der besonderen Note 
der A^ression gegen die Schwester erfolgte in den Phantasien, die Treppe I 

vor der Tür der Schwester mit Kot, mit faulem Obst, stinkenden Eiern und r 

allem Dreck zu beschmieren. 

Diesen elementaren Rachegelüsten, die teilweise zur völligen Identifizierung 
mit der Schwester führten (Tischszene — Zwangshüpfen) und die die Grund- 
lage zum Verständnis ihres Masochismus abgaben, standen als verdrängender Faktor 
in gleicher Intensität ausgebildete Angst- und Schuldgefühle gegenüber. 
Zum Verständnis der Angst war eine Szene von besonderer Bedeutung, 
die Pat. außer Erinnerungen an Prügelszenen späterer Jahre brachte: wie 
sie, mit Masturbationsversuchen an der Schwester beschäftigt, in einer Ofen- 
ecke hockend, von der Mutter überrascht wurde. Plötzlich habe die Mutter 
vor ihr gestanden und sie zu schlagen versucht; sie habe sich in maßloser 
Angst noch mehr in die Ecke verkrochen und den Arm zur Abwehr vors 
Gesicht gehalten. Schließlich habe die Mutter sie doch ergriffen und, nachdem 
sie sie selbst erst gestraft habe, dem Vater zur weiteren Züchtigung gebracht. 
Diese Szene durchlebte Pat. während der Analyse anläßlich eines Ganges, 
den sie wegen des Grundstückes unternehmen mußte und vor dem sie eine 
sachlich ganz unbegründete Angst halte. Nachdem sie die Erledigung dieser 
Angelegenheit mehrere Tage hinausgeschoben hatte und dabei unter einer 
von ihr selbst als unsinnig bezeichneten Angst litt, tauchte zuerst die 
Erinnerung an das Hocken am Ofen mit dem vor das Gesicht gehaltenen 
Arm auf. Unter weiterer starker Angstentwicklung, wahrend der Pat, sich zu 
Hause auf dem Boden wälzte, kamen allmählich die übrigen Teile dieser Szene, 
nach deren völliger Analyse Pat. noch am selben Tag den Gang unternahm. 
In ihrem Leben gewann die oben geschilderte Szene auch dadurch an 
Bedeutung, daß sie später bei dem Verfiihrungsversuch des Arztes die 
traumatische Wirkung der Masturbation noch erhöhte. Zufälligerweise hatte 
dieser Mann damals Pat. ebenfalls in eine Ofenecke gelockt. 

Die Kinderängste, die sie wegen der angedrohten Onaniefolgen ausgestanden 
hatte, wurden nach dem Arzterlebnis mobilisiert, als von nervenärtllicher 
Seite bei ihrem damaligen Zusammenbruch auf Grund obigen Erlebnisses 
einmal die Diagnose: moral insanity gestellt wurde, während ein anderer 
Nervenarzt ilir als Trost sagte, vielleicht fiinde sie noch einmal einen Mann, 
der so vernünftig sei, diese Sache mit in Kauf zu nehmen; sagen müsse sie 
es jedenfalls vor der Ehe. 



4 



Analyse einer Konversionshysteric in vorgerüdtlem Lebensalter 



107 



Die Schuldgefühle waren, so schien es mir, als Reaktionen auf die 
sadistischen "Wünsche aufzufassen und wurden besonders fixiert durcJx die 
Drohungen bezüglich der Onanie. Wie wir schon gehört hatten, hatte man 
Ihr ja gesagt, daß man davon dumm und krank werde. Außerdem erinnerte 
'a7 ^**; ^" *"'^" Ausspruch der Mutter, der auf die Scliwester Bezug hatte- 
„Muüt du sie denn auch noch unglückhch machen? Genügt es denn nicht 
wenn du es allein machst? Dadurch entwickelte sich ein extremes Schuld- 
und Verantworüiclikeitsgefühl der Schwester gegenüber, von dem ich hier 
noch henchten mochte: mir war bei den Besprechungen über den Verkauf 
des Grundstuckes, der schheßlich ausgeführt wurde, aufgefallen, daß sie sich 
be. diesen Fragen der Schwester gegenüber übertrieben verantwortlich fühlte. 
Auch nach erfolgtem Verkauf des Grundstückes, bei den Fragen der neuen 
Lebensgestaltung, trat dieses Moment immer wieder i„ den Vordergrund und 
^war um SD auffallender, je mehr Fat. selbst betonte, wie sehr sie unter der 
Schwester gelitten habe und noch leide. Sie glaubte, der Scliwester gegenüber 
ein schweres Unrecht zu begehen, wenn sie zum Verkauf des Grundstückes 
beitrüge, und wollte auch bei eventueller Trennung von der Schwester weiter 
für sie sorgen, obgleich sie einsah, daß diese u. V. pekuniär dabei viel 
besser gestellt war als sie selbst. Immer wieder und immer deutlicher trat 
hervor, daß Pat sich für die in der Tat bestehende Dummheit der Schwester 
verantwortlich fühlte und für sie sorgen zu müssen glaubte, bis wir in der 
Analyse an die Wurzel dieses Gefühles kamen. 

Wie die Analyse ergab, handelte es sich bei der Fat. um einen Menschen 
der anf dem neurotischen Weg über die Identifizierung mit dem Vater sich 
sein Leben aufgebaut und Befriedigungsmoglichkeiten gefunden hatte Ich 
glaube, sagen zu können, daß, wenn äußere Schicksalsschläge, wie die Inflation 
mit dem Verlust des Geldes, ausgeblieben wären, die Fat. zwar nicht Im 
stoengen Sinn des Wortes „gesund" gewesen wäre, daß sie ihr Leben aber 
aller Wahrscheinlichkeit nach ohne schwerere Schübe hätte führen können 
Den schwereren Versagangen, mit denen sie zu rechnen hatte, war 
sie nicht gewachsen. Sie zeigte damit, daß die Fundamente ihres bisherigen 
Lebens nicht fest genug waren, um ihr eine Anpassung an die veränderten 
Verhältnisse zu gestatten. 

Wenn man sich nun die Frage vorlegt, warum diese so in die Tiefe 
gehende Analyse doch zu einem mindestens vorläufigen Mißerfolg geführt hat, 
muß man sich den äußeren Verlauf und die Situation, in der sich Fat. 
wahrend der Analyse befand, betrachten. Ich will diese Dinge also ganz kurz 
vortragen: Zu Beginn der Analyse befand sich Fat. bei der Schwester. Im 
ersten Halbjahr verlief die Analyse mit Schwankungen, im Durchschnitt aber 
durchaus günstig. Fat. wui-de zum großen TeU arbeitsfähig und konnte ihre 
Angelegenheiten gut erledigen. Kurz vor meinem Sommerurlaub fmg die Schwester 
an, Fat. wegen der Analyse Vorwürfe zu machen ; sie versäume dadurch zu 
viel Zeit, könne dadurch nicht genügend an der Lebenserhaltung mitarbeiten ; 
sie, die Schwester, wäre nnndestens so krank und gönne sich nichts; kurz 
und gut, sie arbeitete gerade zu dieser Zeit mit allen Mitteln gegen die 
Analyse. Außerdem war die Lage in bezug auf das Besitztum ungeklärt, es 
schwebten Verhandlungen, die möglicherweise zu finanziellen Schädigungen 
führen konnten, eine Furcht, die sich nicht bestätigte. Jedenfalls wurde Fat 



108 Lotte Kirsdiner 



li 



zusehenrls verstimmter und begann Selbstmortlideen zu äußern. Nach der 
letzten Analysenstunde vor dem Urlaub erschien sie äußerlich stuporös, mit 
einem Ausdruck erstarrten Hasses. 

Wegen der Suizidgefahr suchte ich am selben Abend die Pat. auf und 
traf dort auch die Schwester, die ich schon zu Beginn der Behandlung einmal 
gesehen hatte. Ich muß sagen, daß ich von dem Zusammentreffen mit der 
Schwester aufs äußerste erschüttert war. Der Ilnß gegen meine Pat. schien 
sich durch die Bevorzugung, die Pat. durch die Analyse erfuhr, noch wesentlich W 

verstärkt zu haben. Ich hatte den Eindruck eines „masocliistischen Teufels . 
Mir war klar, daß da an eine Einigung oder ein gütliclies Zusammenkommen 
kaum zu denken war, und ich hatte nur den Gedanken, meine Pat, möglichst 
bald aus dieser Umgehung zu entfernen, um einer eventuell drohenden Selbst- 
mordgefahr vorzubeugen. Ich bestellte sie am nächsten Morgen zu mir und 
hatte die Absicht, sie für die nächste Zeit bei der Cousine oder in 
einem möblierten Zimmer unterzubringen. Der Gedanke, sie in eine Nerven- 
klinik zu bringen, war mir wenig sympathisch. Die verheiratete Cousine 
wollte die Pat, vorübergehend bei sich aufnehmen. Aus diesem „vorübergehend 
sind dann leider acht Monate geworden, und das zukünftige Schicksal meiner 
Pat. ist zurzeit noch nicht entschieden. — Es ist noch ku erwähnen, daß 
der Verkauf des Grundstückes von einem Verwandten über die Köpfe der 
Schwestern hinweg eingeleitet wurde und auch erfolgte, und daß Pat. sich 
mit dieser Tatsache nach der ersten Erschütterung relativ gut abfand. 

Das Wohnen bei der -verheirateten Cousine hatte zur Folge, daß Pat, sich 
in der Illusion wiegte, auf die Dauer bei der Cousine bleiben zu können. 
Pat. hing mit großer Liebe an dem Hause der Cousine. Die Analyse deckte ihre bis 
dahin ubut Verhebtheit in den Vetter auf und zeigte, daß sie in den Ij 

Kindern der Cousine einen Ersatz für das eigene Kind gefunden hatte. Die 1, 

ubw Neid- und Haßregungen der Cousine gegenüber erschütterten nicht grund- 
legend die positive Einstellung. Obgleich von Anfang an die Gefährlichkeit 
des dauernden Wohnens besprochen worden war und auf die Entfremdung 
und Spannung, die in der Regel einzutreten pilegt, hingewiesen wurde, 
obgleich Pat. diese Dinge begriff, scheitorte sie jedesmal bei dem Versuch, 
ihre gewonnenen Einsichten in die Praxis umzusetzen. Das Heim der Cousine, 
das ihr dem ganzen Niveau nach weit mehr zusagte als ihr bisheriger Kreis, 
wurde für sie zum zweiten idealisierten Elternhaus, Sie versprach sich auch 
dauernd, sagte Mutter und Vater, wenn sie von der Cousine und von deren 
Mann sprach. Eine Loslösung mit der Aussicht auf ein ungewisses Leben 
erschien ihr so schwer, daß sie bei jedem Versuch da/,u voller Angst in die 
Krankheit flüchtete und verstärkte Symptome produ/Aerte. Der Sinn war l) der 
einer Racheaktion gegen die wohlhabendere gHickliche Cousine, die alles 
hatte, was Pat. entbehren mußte, 2) der Wunsch, durch die Krankheit sich 
um so fester an die Familie klammern zu können. „Wenn ich so krank bin, 
kann man mich doch nicht fortjagen," Unglücklicherweise ging die Cousine, 
wohl aus neurotischen Schuldgefühlen, darauf ein, ließ sich jedesmal von den 
pathologischen Reaktionen zurückschrecken und konnte dadurch der Pat. nicht 
deuüich genug zum Ausdruck bringen, daß sie eine baldmöglicliste Klärung 
der Angelegenheit wünschte, wie sie mir in einer Konsultation mitteilte. 
So ging es wochen- und monatelang; jedesmal, wenn Pat. sich über ihre 

i 



Analyse einer Konveisionshysterie in vorg erücktem Lebensalter 109 

neu erwachenden Kräfte und Interessen freute, konnte ich sicher sein in den 
nächsten Tagen um so schwerere Depressionen zu erwarten, eben aus dem 
Gefühl heraus: „Wenn die anderen sehen, daß ich etwas leisten kann muß 
ich fort, und was dann?" So kam es, daß Pat. sich zu keiner der wenigen 
Moghchkeiten, die ihr meiner Meinung nach blieben, entschließen konnte 

Es ist noch zu erörtern: Welche Bedeutung hat mein aktives Eingreifen 
(Besuch mi Hause und gemeinsame Besprechungen mit der Pat. und ilirer 
Cousme) gehabt, welche Lebensmöglichkeiten hat die Pat. vor sich? Bestand 
eme GegenmdikatKDn für die Analyse oder hätte man wenigstens zu Beginn 
auf die Prognose hmweisen müssen? (Nebenbei, ich hätte gerade das letztere 

Überblick über die Situation anfangs fehlte) 

Mein Ei_ngriff bewirkte folgenden Wechsel in der Übertragung: Während 
ich bis dahxn in der Hauptsache die Rolle der Mutter spielte, dabei aber 
mfolge der realen Versagungen trotz des Verständnisses für die Pat. den 
Kontakt mit der Reahtät aufrechterhielt und verstärkte, vereinigte ich infolge 
memer AktivUat „.it einem Schlage das IdealhUd der gütig e n, li e b e n den 
^du^hPa'; «if: ^''''ir^^"^^S^-^--^-t.rt in mir' mid stempelte 

Pat si ai y^'^Vr" vi"'" P'""'" ''^"^- ^'^ P°^Se davon war, daß 
Pat sidi an die Klusion klammerte, ich würde nun immer ihre anfangs 
erwähnten Wunsche nach Passivität erfüllen, ihr jede wichtige Entscheid 
ersparen und alle Verantwortung für sie auf die Dauer übernahmen. " 

Die Enttäuschung, die auf die restlose Ablehnung all ihrer später in dieser 
Richtung sich äußernden AVünsche bw und ubu, Art eintrat, zog einen 
^eiteren entscheidenden Wechsel in der Übertragungssituation nach sich: aus 
der gutigen Mutter, dem im Sinne des Reifens alles vermögenden Vater wurde 
ich zum strengen fordernden, kastrierenden Vater. Gerade 
zum Schluß ergab sich noch folgendes: sie wiederholte in den Widerständen, 
die sie an einer klaren Entscheidung hinderten, und in ihrer Oppositions- 
einste lung mir gegenüber folgende für sie typische Reaktion : wir sahen schon, 
daß der Vater abwechselnd sehr hohe Anforderungen an sie stellte und sie 
bald darauf wie em dummes Kind behandelte. Dazu kam, daß er ihr auch 
Dinge, die sie hebte, wieder nahm. Besonders deutlich trat die Erinnerung 

werden m ^"7"'". ^"^"' '"*'^'' '" "^'"^^ "^ '"' "'^ P^^g^'" g^triebeJ 
werden mußte die ihr später aber sehr viel an Freude und Befriedigung " 

genau dasselbe Ich beleuchtete gemeinsam mit ihr in den verschiedenen 
Besprechungen über die neue Gestaltung ihres Lebens alle schönen MöJd^eSn 
Selbständigkeit, Ruhe, produktive Arbeit usw. Sie konnte sich aber nS^t 
entschheßen, irgendeine zu ergreifen ; denn würde ich es nicht ebenso machen 
wie der Vater und ihr alles wieder nehmen, wenn ihr wirklich gelingen 
sollte, sich em neues Leben aufzubauen? Hinter den Trotzreaktionen in der 
Analyse steckte eine ungeheuere Kastrationsangst, die sich in den allerletzten 
Stunden durch das Auftauchen von entsprechenden Bildern und Phantasien 
manifestierte. Ich will nur erwähnen, daß sie gerade da z. B. immerzu den Prometheus 
vor sich sah, auf den sich der Adler stürzte ; oder daß sie das Gefühl hatte 
es würde etwas aus ihr lierausgezogen, eine Schlange käme aus ihrem Mund! 
— Es war leider nicht mehr genügend Zeit vorhanden, die daraufhin gegebenen 



liO 



Lotte kir.sdincr 



Deutungen genügend durchzuarbeiten. Pat. suchte für einige Zeit ein Sanatorium 
auf dringenden Wunsch der Cousine auf. ^ ... . 

Zum Schlüsse möchte ich noch etwas über die Frage der Indikations- 
steUung bemerken. In diesem Falle hatte die Analyse der Hatientm klar zu- 
machen, daß sie eine Frau sei, ohne ihr entsprechende Befnedigungs- 
möglichkciten außer der Arbeit bieten zu könnei., die ihr emen Verzicht 
auf ihre bisherigen Männlichkeitsstrehunge.i erleichtert hätten. Außerdem 
mußte sich Pat. mit der Tatsache ihres Alters abzufinden lernen und ihre 
Hoffnung, das Leben einev Dreißigjährigen noch einmal führen zu können, 
restlos aufgeben. Sie reagierte zuerst auf die Besprechung dieser Dinge damit, 
daß sie dann aus Protest das Leben einer Achtzigjährigen führen wollte und 
erklärte, ich hätte sie in ihrer Leistungsfähigkeit wesentlich überschätzt. — 
Vielleicht ist in diesem Falle als günstiges Zeiclien aufzufassen, daß dabei zum 
erstenmal Anzeichen der Menopause auftraten; während Pat. bisher fast regel- 
mäßig menstruierte, blieben die Menes zuletzt acht oder neun Wochen aus. 
Möglicherweise als Zeichen dafür, daß sie sich der unabänderlichen Tatsache 
ihres Alters zu fügen beginnt. 



PSYCHOANALYTISCHE BEWEGUNG 



[ 



Dr. Walter Cohn 



Die „Deutsche Psychoanalytisclie GeseUschaft" hat den Verlust eines ihrer 
Mitglieder zu beklagen, Dr. med. Walter Cohn, der am 8. Dezember 
1927, erst sechsunddreißig Jahre alt, einer tückischen Krankheit — Magen- 
Karainom — erlegen ist. Seine leider allzufrüh unterbrochene Laufbahn 
hatte ihn geradlinig zur Psychoanalyse geführt. In Wismar, Mecklen- 
burg, geboren und aufgewachsen, wandte er sich nach Absolvierung des 
Gymnasiums m Güstrow dem Studium der Medizin zu; nach Besuch der 
Universitäten Marbui-g, Berlin, Heidelberg, Rostock und Leipzig bestand er 
das Staatsexamen in Leipzig im Jahre 1916, wo er auch im folgenden Jahre 
die Approbation erwarb. Das Doktordiploin erhielt er im Jahre 1919 
von der Universität Rostock auf Grund seiner Arbeit „Über gehäufte kleine 
AnfäUe bei Kindern" (erschienen Berlin, 1919, im Verlag von S. Karger) In 
den Jahren 1916 bis 1918 war er als Unterarzt und Assistenzarzt im 
deutschen Heere tätig, erst in Rumänien und dann im Elsaß. Vom 1. April 
1919 an wirkte er die vorschriftsmäßige Maximalzeit von drei Jahren 
als Assistenzarzt am Bürgerhospital in Stuttgart, wo er sich ebenso wie 
,n der vorausgehenden MUitärzeit durch seinen Fleiß und durch sein selbst- 
hoW Maße gtial"'^^"^" ""'' '^^ Anerkennung .einer Vorgesetzten in 

AusbUduÜds'^" l'fi. "" f^ '" ^""^^ "^"^«^ und begann die systematische 
tine e"™ id ' "'„" '"^ "'"* "^' «uflerordenthchem Eifer widmete. 
Seme Eignung und seine Hingabe an die Arbeit führten zu seiner Bestellung 
als selbständiger Assistenzarzt der Poliklinik; bald darauf wurde er zu^ 
außerordentlichen und im Januar r^^^ ^^m ordentlichen Mitglied der 
„Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft" gewählt. Außer einer Reihe 
neurologischer Arbeiten hat er mehrere zusammenfassende Darstellungen 
psychoanalytischer Probleme und eine größere Anzahl von Referaten verfaßt, 
die sich sämtlich durch die besonders gründliche Durchdringung des Stoffes 
und die große Klarheit des Denkens auszeichnen. 

Als einziger In einem sonst kinderlosen Hause und als Jude in einer 
mecklenburgischen Kleinstadt aufgewachsen, erwarh er einen Hang zur Ein- 
samkeit und Abschließung von der Umgebung, den er in den wenigen Jahren, 



112 



Psytiioanalytisdie Bewegung 



die ihm vergönnt waren, nicht ganz zu überwinden vermochte. Den Anschluß 
an die anderen suchte und fand er von Jugend auf nicht in heiterer Gesellig- 
keit, sondern in ernster Arbeit und dem Streben nach gemeinsamen Zielen. 
Solcher Ziele gab es für ihn nur zwei: die Befreiung des jüdisches Volkes 
und die Psychoanalyse, von denen das erste in seinen späteren Lebensjahren 
immer mehr hinter das zweite /.urücktrat. Die selbstlose Hingabe, deren er 
fähig war, wie nur wenige Menschen, setzte er in immer steigendem Maße für 
unsere Wissenschaft ein. Er beherrschte ihre Tlieorie mit einer Gründlichkeit, 
die ein zähes und tief einbohrendes Studium bewies. Das Arbeitsfeld, auf dem 
er sich besonders zuhause fühlte, war die Therapie, in der sein feines 
Einfühlungsvermögen besonders jugendlichen Analysanden zugute kam; ihr 
stellte er seine gesamte Arbeitskraft zur Verfügung. Durch langes Leiden 
geschwächt, nacli einer Operation, deren Resultatlosigkeit er almte, kaum 
noch fähig, sich aufrecht zu halten, war er noch unermüdlich bestrebt, das 
zu erfüllen, was er als seine Lebensaufgabe ansah: kranke Seelen zu heilen 
und fremde Leiden zu mildern. 

Wir hallen an ihm einen stillen und feinen Menschen, einen Mitarbeiter 
von vorbildlicher Pfliclittreue verloren. 

Für die, „Dcutsilie Püfdioanaty'!«!": Gcsellsdiaft" : 

Hanns Sachs 



w 



REFERATE 



Aus den Grenzgebieten 

Lewin, Kurt: Vorsatz, Wille und Bedürfnis. Springer, 
Berlin I920. 

Lewin hat mit dem vorliegenden Buch einen entscheidenden, vielleicht 
den entscheidenden Schritt innerhalb der Bestrebungen getan, die sich heute 
in der Richtung auf die wissenschaftliche Bewältigung der zentralen Tatsachen 
der Trieb- und Affektsphäre von den Grund positionen der experimentellen 
Psychologie her allenthalben in der deutschen Psychologie regen. Die Theorie 
der Vornahmehandlung, der Nachweis der Verwandtschaft von Vomahme- 
akten und^ „Bedürfnissen", die Dat-stellung der Rolle der „Aufforderungs- 
charaktere" und ihrer Beziehungen zu „Bedürfnissen" und „Quasibedürfnissen" 
(Nachwirkungen eines Vorsatzes), die Auffassung der Ersatzerledigungen und 
der Fixationen — das sind einige der Fragen, um die sich das originelle 
und durch Weite der Gesichtspunkte in der psychologischen Literatur hervor- 
ragende Buch L ew in s bemüht. Gerade der Analytiker hat bei seiner Lektüre 
m ganz anderem Maße, als das sonst bei experimentell-psychologischen Arbeiten 
der Fall zu sein pflegt, den Eindruck des „tua res a^tur" , ja manche 
Resultate und Formulierungen des Verfassers muten geradezu wie Antworten 
auf analytisch-theoretische Fragestellungen an 

KräTr^^rF'" ^'" theoretischen Vorbemerkungen über „die psychischen 
£hirßf2Lr'^\"-"f die Struktur der Seele" finden sich Thesen und 
Schlußfolgerungen bei denen man immer wieder feststellen muß : so ungefähr 
sagen wir das auch nur mit ein hischen anderen Worten. Wie die Psycho- 
analyse wendet sich auch Lewin gegen die Überschätzung der phänomeno- 
logischen Daten für die Erkenntnis der seelischen Strukturen und setzt an 
ihre Stelle eine konsequent dynamisch-energetische Betrachtungsweise Dabei 
legt er besonderes Gewicht auf die Notwendigkeit der Herausarbeitung 
bestimmter — relativ abgrenzbarer — seelischer Systeme und bestimmter 
Energiequellen — auch hier in Übereinstimmung mit den Lehren Freuds. 
Lewin s Ziel, auch bei der Darstellung seelischer Zusammenhänge „zu einer 
differenzierteren Begriffsbildung auf dynamischem Gebiet überzugehen" ist 
durch die Analyse tatsächlich w^eitgehend erfüllt. 

Wenn man dem durchweg anregenden Buche L e w i n s etwas zum 

Int. ZeiUchr. f. Psychoanalyse XlVh o 



114 1^*^ feratc 

Vorwurf machen kann, so ist es gerade die bei vielfacher Übereinstimmung 
im Inhaltlichen viel zu sporadische Ecriicksichtigung Freud scher Gedanken- 
gänge. Doch dürfen wir eben die Tatsache, daß psychologische Richtungen, 
die im Grunde von ganz heterogenen Voraussetzungen herkommen, heute 
doch mit wesentlichen Fragestellungen und Lösungsversuchen m die 
Forschungslinie der Psychoanalyse einmünden, als Bewälirungsbeweis für die 

Traeweite der F r e u d sehen Begriffe in Anspruch nehmen. 

Hart mann (Wien) 

Drosneß, Dr. L. M. und Skaljkowskii, Dr. G. A.: Grund- 
lagen des durch dasMilieu bedinßten individuellen 
und kollektiven Entwicklungsprozesses. (Lehre von 
der Homofunktion.) Odessa ig25 (210 Seilen). 

Die erste Prämisse dieser «streng objektiven" Untersuchung ist der beiden 
Verfasser materialistisclie Weltanschauung als die einzig wahre: es gibt keine 
psychischen, sondern nur physische Prozesse im Organismus. Zweite Voraus- 
setzung ist ihr sozialistisch-materialistischer Standpunkt: „Für uns (Sozialisten 
— Materiahsten}," zitieren sie im Vorwort Dietzgen, „ist das Gehirn 
nicht die Hauptsache, dessen Funktion aber ein ihm untergeordneter 
Sklave — nein, wir jüngsten Materialisten behaupten, daB die Funktion ein 
ebenso selbständiges als unselbständiges Ding ist, wie auch die greifbare 
Himmasse'' (S. lo— ii) — mit anderen AVorten, die ;iweite Voraussetzung 
dieser Untersuchung ist eine Behauptung, die auf den politisclien Ansichten 
der Verfasser basiert, nämlich die Behauptung der Gleicli Wertigkeit der im 
Organismus statthabenden Prozesse. Dritte Voraussetzung endhch ist die 
Unantastbarkeit der Reflexologie. 

Die Verfasser haben nur einen der Faktoren der Einwirkung des äußeren 
Milieus auf den psychischen Organismus untersucht : „Einfluß und Einwirkung der 
Autoritäten auf die Persönlichkeit, der diese Persönlichkeiten umgebenden Subjekte 
gleichen Geschlechts" (Homofunktion). Die homotunktionale Entwicklung hat zwei 
Evolutionsphasen. Die erste Phase (bis zum Alter von drei Jahren) ist die 
Periode absoluter Abhängigkeit des Kindes von der es umgebenden Welt, 
„Unterwerfung und Unterordnung unter die Personen gleiclien Geschlechts 
(S. i6, 17), Die zweite Phase ist die Periode einsetzender Kritik. Sie zerfallt 
in zwei Gruppen: i) „anklagende Kritik" (Alter von vier bis neun Jahren): 
Identifizierung des Kindes mit der Autorität der Person gleichen Geschlechts ; das auf 
dieser Identifizierung begründete negativ-kritische Verhalten zu dieser Person ; 
Übertragung dieses Verhaltens von dieser Person zunächst auf die Umgebung 
und auf die ganze Umweh, dann auf sich selber (Marx: Der Mensch gleicht , 

einer Ware. Da er ohne Spiegel in der Hand geboren wird, so betrachtet er , 

sich selber zunächst im Nebenmenschen wie in einem Spiegel; erst wenn er 
sich zum Nebenmenschen als zu einem ihm selber Gleichen verhält, beginnt 
er sich auch zu sich selber wie zu einem Menschen zu verhalten), a) „Recht- 
fertigende Kritik" (nach dem neunten, resp. nach dem dreizehnten Lehens- j 
jähr): Kampf des Kindes mit der Wirklichkeit, die ihm dank der Kritik, die 

es „gestählt" hat, Gutes bringt. - , - r-i, 

Störung der normalen Entwicklung der homofunktiotialen Evolution Fuhrt 
unweigerlich zu nervösen oder psychischen Erkrankungen (hierauf beruht die 



Referate l^c 

Bedeutung der Lehre der Homofunktion für die Medizin). Diese Störungen 
können durch zweierlei Ursachen hervorgerufen werden: i) Mangel an 
Freiheit der Entwicklung des Kindes in der Periode der anfänglichen 
Abhängigkeit, Druck der auf es ausgeübt wird durch die Autorität der Person 
gleichen Geschlechts (Bedeutung der Lehre von der Homofunktion für die 
Pädagogik). 2) Identifizierung des Kindes mit einer Person anderen Geschlechts. 
Die Verfasser halten die Libido theorie für subjektiv — man wäre 
verpflichtet, sie für „aUgegenwartig in der Eigenschaft des genetischen Faktors 
zu halten ; aus diesem Grunde erkennen sie sie nicht an, aber „umgearbeitet" 
oder im Sinne eines in-EVechiiung-Stellens der Reaktionen auf die Ein- 
wirkungen des äußeren Milieus halten sie sie für eine wissenschaftliche 
Disziphn und nehmen immer wieder auf sie Bezug als auf einen Beweis für 
die Bichtigkeit ihrer Untersuchungen. Nach Ansicht der A^erfasser zeitigt 
diese neue Psychoanalyse gute therapeutische Resultate. Allerdings wollte ihre 
psychoanalytische Betätigung anfangs gar nicht recht gelingen. Die Verfasser 
stellten bei sich selber einen „engen Gesichtskreis", „Mangel an Selbstkritik", 
ja sogar ,,Elem^ente von Demenz" fest (151, 152), was auf Schwäche der 
„Homofunktion" zurückgeführt werden müsse; in der Folge aber erweiterten 
die „horn^o funktionalen Stimuli" ihren Gesichtskreis und befreiten sie von der 
„Demenz". Lowtzky ^Berlin) 

Neurath, Priv.-Doz. Dr. Rudolf; Die Geburlsschädigungen 
des kindlichen Zentralnervensystems. Aus den Fort- 
bildungskursen der Wiener Medizinisdien Fakultät, Heft 35. Julius 
Springer. Wien I925. lö S, 

Zusammenfassende, kritisch abwägende Darstellung der älteren und neuesten 
Arbeiten, insbesondere von Ph. Schwartz und Seitz. „Die alten Erfahrungen 
über die geburtstraumatischen Schädigungen des kindlichen Zentralnerven- 
systems, durch neue interessante Befunde ergänzt, bergen für den Arzt noch 
immer Probleme, die der Mühe des Forschens wert sind ... Es erheischt 
die große Gefahr des Geborenwerdens auch die Aufmerksamkeit der 
Bevölterungswissenschaft. Sind es doch ungezählte Hekatomben, die in dieser 
kurzen Spanne ihrer Entwicklungslinie dem pathologischen, aber auch dem 
physiologischen Meclianismus der Geburt zum Opfer fallen." 

^_^_^ Bernfeld (Berlin) 

Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 

Die psychischen Heilmethoden für ärzdiches Studium und Praxis 
von k. Birnbaum, H. v. Hattingbei-g, G. R. Heyer, E. Jolowicz, 
A. Kronfeld, L. Wexberg, herausgegeben von Dr. Karl Birnbaum. 
Georg Thieme, Leipzig 1927. 

„Psychoanalyse", — das kann zweierlei bedeuten. Einmal ist Psychoanalyse 
eine Heilmethode, dann ist es eine auf den bei Ausübung dieser Heilmethode 
gemachten Erfahrungen beruhende Wissenschaft. Es ist ein Irrtum zu glauben 
die Psychoanalytiker wären auf die erstere „eingeschworen" ; sie haben nie 
geleugnet, daß es Neurosen und Neurotiker gibt, denen auf diese Weise nicht 



j ]5 Referate 



beizukominen ist, sei «s, daß Alter, Intelligenz, BildungsstuFe der Patienten 
eine Kontraindikation bedeuten, sei es, daß bei infantilisti sehen Personen oder 
solchen ohne Krankheitseinsicht erst eine Vorbehandlung die Analysierbarkeit 
herstellen muß, sei es, daß ein lebensbedrohendes Symptom sofortige Abhilfe 
verlangt oder ein unwichtiges es unratsam erscheinen laßt, gleich den 
gewaltigen Apparat der Analyse in Gang zu setzen. Alle solchen FaUe bleiben 
die Domäne der nichtanalytischen Psychotherapien. — Worauf die Psycho- 
analytiker „eingeschworen" sind, d. h. was sie bei aller Erkenntnis der 
Unzulänglichkeit und Verbesserungsbedürftigkeit für den besten und heute 
richtigsten Ausdruck unseres Wissens von der menschlichen Seele halten, das 
ist nur die „Psychoanalyse" im zweiten Sinn, nicht die Heilmethode, sondern 
die Wissenschaft. Sie hat die früheren Anschauungen vom seelischen Apparat 
gründlich geändert und stellt zum erstenmal eine naturwissenschaftliche 
Psychologie dar, die das Unbewußte in gebührender Weise berücksichtigt. 
Gilt es, seelische Vorgänge irgendwelcher Art wissenschaftlich zu erfassen, so 
muß es mit Hilfe dieser psychoanalytischen Theorie geschehen. — Daß also 
nichtanalytische Psychotherapien berechtigt sind, ist selbstverständlich. Wenn 
aber etwa Hypnotiseure, Individualpsychologen, Psychagogen aus ihren Methoden 
ebenso hypnotische, individualpsychologische, psychagogische Psychologien ableiten 
wollen wie der Psychoanalytiker eine psychoanalytische Psychologie, so muß 
dem scharf widersprochen werden. Vielmehr ist die theoretische Beschreibung 
dessen was in den nichtanalytischen Therapien vor sich geht, nur mit HÜfe 
der richtigen, nämlich der psychoanalytischen Psychologie möglich, wie die 
Hypnosearbeiten von Freud, Ferenczi, Schilder, Radd und die Auto- 
suggestionsarbeiten von Jones und Abraham bewiesen haben. 

Ein „Handbuch" aller Psychotherapien muß jedem Praktiker, also auch 
dem Psychoanalytiker, sehr willkommen sein. Auch er muß ja wissen, wie 
den nicht für Analyse in Betracht kommenden Fällen geholfen werden 
kann, und wird dankbar sein, wenn er Gelegenheit erhält, das zu lernen. 
Aber er wird eines fordern müssen : Daß nämlich die Darstellungen der 
psychotherapeutischen Methoden sich entweder streng auf das Technische 
beschränken, ohne es überhaupt zu begründen, — oder daß diese Begründung 
auf der Basis der psychoanalytischen Psychologie erfolge. Das vorliegende 
Buch trägt dieser Forderung nicht Rechnung: Die einzelnen Autoren suchen 
ihre Methoden psychologisch zu rechtfertigen und vernachlässigen dabei die 
analytische Theorie entweder völlig oder unterschätzen ihre grundlegende 
Bedeutung oder endhch mißverstehen die analytischen Lehren, so daß sie 
teilweise mit Voraussetzungen arbeiten, deren Unrichtigkeit, Schieflieit oder 
Oberflächlichkeit die Psychoanalyse längst nachgewiesen hat. Das macht die 
Lektüre dieses Buches für den Psychoanalytiker so schwierig und so verwirrend. 
Oft genug muß er sich überzeugen, daß trotz Gebrauchs der analytischen 
Nomenklatur die grundlegenden analytischen Tatsachen manchen Autoren 
unbekannt sind, so daß sie unter den gleichen Termini ganz andere Tat- 
bestände meinen als wir. Nirgends ist die Prävalenz der analytischen Theorie 
wirklich zugegeben, so daß hier Freuds Befürchtung, die Psychoanalyse 
könnte als ein Kapitel neben anderen im Lehrbuch der Psychotherapie ver- 
schwinden, fast realisiert ist. Leider werden wir hören, daß auch dieses eine 
Kapitel von den eben skizzierten Fehlern keineswegs frei ist. 



4 



Der einleitende Teil von Birnbaum ist sehr allgemein gehalten und 
nicht sehr inhaltsreich. Die Berechtigung einer Psychotherapie überhaupt 
wird nachgewiesen, ihr Arbeitsgebiet jn großen Zügen umgrenzt, einige 
häufige „ Reaktionstypen " beschrieben und dann ein „systematischer Überblick 
über die Psychotherapie, ihr- Wesen, ihren Umfang, ihre Grenzen, ilire 
Anwendungsmöglichkeiten und Aussichten" gegeben. Erwähnenswert ist, daß 
als aUgemein wirksames Prinzip jeder Psychotherapie der „psychotherapeutische 
Kontakt beschrieben und als mit der Fr eu dschen „Übertragung" identisch 
hervorgehoben wird. Bei den Ausführungen über die Wahl der Methode zeigt 
sich auch bei Birnbaum die vorhin allgemein charakterisierte Stellung zur 
Psychoanalyse, wenn er etwa meint, infantile Menschen werde man suggestiv 
behandeln, geistig Hochstehende psychagogisch, bei Hypochondern werde 
man antisuggerieren und „bei den durch Verdrängungsmechanismen entstandenen 
und festgehaltenen Büdungen wird man diese Verdrängung aufzuheben streben\ 
(S. 25.J Und der so häufige, auch in diesem Buche wiederholt vertretene 
Irrtum, einer „Analyse" müsse auch eine „Synthese" nachfolgen, der von 
Freud als ein sinnloses Wortspiel entlarvt worden ist, verrät sich, wenn 
Birnhaum nach dem Versuch, die psychotherapeutischen Methoden nach den 
verschiedensten Kriterien systematisch einzuteUen, sagt: „Ganz allgemein hat 
der analytischen, die Symptome abhauenden Behandluugsform die synthetische, 
persönlichkeitsaufbauende nachzufolgen." (S. 31.) 

Jolowicz, der die Suggestionstherapie bespricht, beginnt mit weit- 
schweifigen Erörterungen über den Begriff der „Suggestion", in deren Verlaut 
er u. a. der überkommenen Meinung, Suggestionen seien inhaltlich unlogisch, 
vernunftwidrig, auf merkwürdige Weise widerspricht: „Nur wenn ich 
Richtiges suggeriere, kann ich heilen", d. h. wenn man einem Menschen 
suggeriere, er werde nicht sterben, sterbe er doch; „wenn es mir aber gelingt, 
einem Depressiven zu suggerieren, daß seine Stimmung vergeht, so ist diese 
Suggestion inhaltlich richtig." (S. 39.) [?] Der Autor bespricht sodann die 
erforderlichen Eigenschaften des Therapeuten und die In dikations Stellung und 
empfiehlt bei schweren Fällen eine „kombinierte" Methodik: „Ganz abgesehen 
davon, daß die Suggestion ... bei keiner Art von Krankenbehandlung, also 
auch bei keiner analytischen Methode ganz auszuschalten ist, kann man 
eigenthch gegen eine klar bewußte Kombination einer analytischen oder 
psychagogischen Methode mit einer Suggestivtherapie nichts einwenden" (S. 44). 

^twedT'dT f "-'"' t""' '' ""' ^"^'^^^«' -^<=^« „Kombinationen": 

Entweder die Suggestion beschränkt sich darauf, den Patienten zur Über- 
windung von Widerstanden zu bewegen, - dann ist die Therapie eigentlich 
eme rein analytische; oder sie tut irgendetwas mehr, ~ dann ist die Therapie 
eigentlich eme rein suggestive. - Es folgt die DarsteUung der Suggestions- 
techniken: Indirekte Suggestion (wozu u. a. auch die As-Kur gerechnet wird), 
Freindwachsuggestion (inklusive „ WUlensübungen " , Isolierungs- und Dunkel- 
zimmerbehandlung) und Autosuggestion, vor allem Cou^. („Sehr bewährt hat 
sich mir diese psychosynthetische Methode, wenn eine analytische Klärung 
des psychischen Unterbaues . . . vorausgegangen war".) (S. 58). Infolge völliger 
Vernachlässigung der Libidotheorie erscheint die Tlieorie der Suggestion 
höchst unzulänglich. Ein Beispiel für den Gebrauch analytischer Termini : 
In der Psychoanalyse spiele „eingestandenermaßen" die „Übertragung" eine 



große RoUe (wie sollte sie das aucli nicht, da die Übertragung dach erst m 
der Psychoanalyse entdeckt worden ist!). „Sie führt zur Identifizierung u.d 
damit ist eine breite Brücke geschaffen, auf der unkontrollierbare Emflusse 
suggestiver Art vom Analytiker .um Analysanden passieren (S. 69). Aber 
unseres Wissens bietet die Psychoanalyse und eben nur die Psychoanalyse 
die Möglichkeit, durch Aufdeckung der Übertragung solches „UnkontroUl erbare 

zu kontrollieren! . 1, ■ 1, t- ;^ 

Die Arbeit von Hey er über Hypnose ist in ihrem technischen Teil 
ausgezeichnet und für jeden lesenswert, der hypnotisieren will. Vorbereitungen, 
ErShypnose, Modifikationen der Technik, weitere Hypnosen werden aus- 
führlich besprochen, die Indikationen klargestellt. Die Hypernmesie wahrend 
und die Amnesie nach der Hypnose besprechend, kommt Hey er u. a. zu 
einer guten Darstellung des Verdrängungsmochanismus und zur richtigen 
Konsequenz, daß Geständnisse in der Hypnose wertlos sind, weil psychische 
und faktische Realität nicht zusammenzufallen brauchen. Auch die Beobachtung 
wird mitgeteilt, daß „die Verbindung der Patienten mit dem Arzt von jenen 
gern im primitiv-sexueUen Sinn gedeutet und erlebt wird" (S. 99). Sehr 
interessant ist die Beschreibung einer Trance-Hypnose, in der das Medium 
einwandfrei hellseherische Aussagen machte. „Das gibt es; wie wir uns es 
erklären sollen, ist eine andere Frage" {S. 10.^). Das theoretische Kapitel 
über „Das Wesen der Hypnose" ist nicht sehr klar. Zwar tritt Heyer 
rückhalüos für die Schildersche Auffassung der Hypnose - die ja 
inhaltlich mit der von F r eud und Feren czi übereinstimmt — ein, doch 
meint er, diese verteidigend, man müsse bedenken, „daß Seelenkunde m 
Tiefen des Seins herabsteigt [sie], in denen reines Denken, abstrakte Logik, 
kurz, das helle Licht des Tages — wie es der Naturwissenschaft leuchtet 
kein' adäquates Mittel des Erfassens ist ... Nicht so sehr der helle Verstand, 
sondern Erfühlen und Verehren .. ." (S. 107). Aber die Psychoanalyse ist 
verwegen genug, das helle Licht der Naturwissenschaft in die Tiefen der 
Seele tragen zu wollen; ihr ist der Verstand Erkenntnismittol und sie überläßt 
das Erfühlen und Verehren gerne den Lyrikern. Deshalb kann sie auch mit 
den folgenden Ausführungen Hey er s, die auch äußerlich lyrisch klingen 
(Ss. 108/109), so wenig anfangen. — Auch Hey er redet für manche Fälle 
einer Kombination von Hypnose und Analyse das Wort. {Eine solche 
Kombination würde wohl immer nur „kathartisch" wirken, nie den Ver- 
drängimgsaufwand wirklich frei machen.) — Eine Besprechung der Gefahren 
der Hypnose und ihrer Bedeutung für physiologisclie und psycliologische 
Experimente beschlielSt die von den Beiträgen dieses Buches sicher lesens- 
werteste Arbeit. 

Es folgt die Arbeit v. H a 1 1 i n g b e r g s, der „Psychoanalyse und verwandte 
Methoden" besprechen will. Aber mit Erstaunen liest man auf S. 145: „daß 
sie (die Hattingbergschen Ausführungen) zugleich den Ausdruck einer 
analytischen Entwicklung bedeuten, einer inneren Auseinandersetzung mit der 
Psychoanalyse wie mit ihrem großen Begründer . . . Gewiß wird eine so che 
Auseinandersetzung jeden Psychoanalytiker interessieren Aber an dieser Stelle 

spricht Hattingb er g ja nicht zu den ^^y'^^^'^'^S'^^;"' '""f^'^"^ 
Miches Studium und Praxis"; es soUte ja in emom Handbuch das Gesamt- 
gebiet der Psychoanalyse sachlich dargestellt werden. Hattingberg hatte 



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Referate ^jg 



also seine „Auseinandersetzung" an anderer Stelle publizieren, und wenn ihn 
seine „analytische Entwicklung" schon so weit von der Freud sehen 
Psychoanalyse weggeführt hat, wie diese Arbeit es zeigt, die Aufgabe, eine 
Darstellung der ihm unrichtig erscheinenden Methode zu gehen, ablehnen 
müssen. Der Titekusatz „und verwandte Methoden" wird den Leser nicht 
vom Glauben abhalten können, daß Hattingbergs Arbeit die Freudsclie 
Methode darstelle, was, wie wir sehen werden, ganz und ear nicht der 
Fall ist. ^ 

Es werden in der letzten Zeit wieder häufiger Kritiken gegen die Psycho- 
analyse laut, die an die seinerzeitigen Einwäjide von Jung erinnern, die die 
Ichseite, das Bewußtsein, das „Geistige", die „Synthese" besonders betonen 
und die Hervorhebung der Triehseite und des eigentlichen Unbewußten 
durch die Psychoanalyse fiir falsch halten oder dafür kein Verständnis zeigen. 
Diese in größerer Zahl auftretenden analogen Erscheinungen müssen eine 
gemeinsame Ursache haben, müssen auf einer Unzufriedenheit mit der Psycho- 
analyse beruhen, die vielleicht nicht nur auf affektiver, sondern auf einem 
Stück rationaler Basis ruht, die den Anlaß zur Wiedererweckung auch der 
affektiven Widerstände abgeben mag. Wir könnten uns eine rationale Basis 
denken: Hysteriker und Zwangsneurotiker, zu deren Behandlung die Analyse 
besonders geeignet ist, kommen immer seltener in die Sprechstunde, Charakter- 
schwierigkeiten, Psychopathen, irgendwie „Verschrobene'' immer häufiger. 
Der klassische Neurotiker empfand seine Neurose als ichfremd, als etwas, 
was zwar aus seiner Psyche, aber ohne und gegen seinen Willen ihn über- 
fällt. Hier war es plausibel, daß die Neurose aus dem „Unbewußten" kommt. 
Überall dort, wo Symptome und Charakter, Krankheit und Persönlichkeit 
ineinander übergehen, wo es an Krankheitsein sieht mangelt, wo das Ich 
„Sonntagsreiter" ist (nach Freuds Bild aus „Das Ich und das Es") und 
sich für selbstherrlich halten kann, ist das Schema Neurose^Konflikt zwischen 
Unbewußtem und bewußter Persönlichkeit schwerer aufrechtzuerhalten. Auch 
führt die klassische analytische Technik bei solchen Fällen nicht oder nicht 
so schnell und leicht zu therapeutischen Erfolgen. Der Psychotherapeut muß 
sich dem neuen Krankenmaterial anpassen. Er wird dies legitimerweise so 
tun, daß er, sein in Analysen echter Neurosen gewonnenes Wissen aus- 
nützend, das neue Erscheinungsgebiet erforscht. Die Psychoanalyse hat sich 
an diese Aufgabe herangemacht, hat seit Freuds „Ich und Es" immer 
mehr den aktiven Anteil des Ichs an aUen psychischen Erscheinungen studiert, 
hat unseren alten Erkenntnissen bereits viele neue hinzugefügt, zum Teil 
aucli Interessensakzente verschoben, aber an keiner SteUe Prinzipielles der 
analytischen Grundauffassungen ändern müssen. Die Ansätze zu einer ana- 
lytischen Charakterlehre z. B. ruhen gerade so auf der Verdrängungslehre 
und der Libidotheorie wie die Neurosenlehre. Und doch gestatten sie schon, 
auch die Technik unserem Wissen entsprechend zu modifizieren, so daß zu 
hoffen ist, daß bald Charakterschwierigkeiten keine schlechtere Prognose 
geben werden als etwa Zwangsneurosen. Aber gei-ade diese Fälle, die 
scheinbar die Hilflosigkeit der analytischen Therapie und die Bedeutung des 
bewußten Ichs klar zeigen, können dem, dem dieser legitime Weg zu lang- 
wierig und zu sehwierig ist, Versuchung werden, das uabeijuerae Unbewußte 
zu vergessen und neue Theorien zu bilden, die zwar in den Mittelpunkt 



J20 Referate 



ihres Interesses das stellen, was zu erforschen wirklich dringendste Aufgabe 
ist aber dafür die infantile Sexualität leugnen und den Ödipuskomplex 
fiii^ ein Symhol halten, ~ also auf voUer Flucht vor der Wahrheit sich 

befinden. _, 

Von hier aus ist es auch verständlich, warum diese Theorien meist so 
subjektiv gefärbt erscheinen, Angelegenheiten, die dem Autor nahe- 
liegen, für die objektiv bedeutungsvollsten halten, und daÜ ihr Stil so wenig 
klar und übersichtlich, ja stellenweise so verwirrend erscheint, daß man nie 
ganz sicher ist, ob man mit einer Kritik dem Autor nicht vielleicht Unrecht 
tut, zumal teils psychoanalytische, teils neue, aber nicht exakt definierte 
Nomenklatur gebraucht wird — und die psychoanalytische nicht immer in 
gleichem Sinne wie bei Freud. 

Der Punkt, an dem sich die ganze Einstellung Ilattingbergs von der 
der Psychoanalyse unterscheidet, ist, daß Hattingberg den Gesichtspunkt 
des „Geistes" und des Religiösen seinen Gedanken zugrundelegt, während 
die Psychoanalyse nur die Aufgabe kennt, psychische Tatsachen zu verstehen, 
so daß ihr Geist und Religion nur Objekte ihrer Forschung sind, und zwar späte 
Entwickiungsprodukte, die sie genetisch auf ihre unbewußten Triebgrundlagen 
•zurückführt. Diese ganze Differenz offenbart sich, wenn Hattingberg 
die Sexualtheorie nicht als naturwissenschaftlich wahr rechtfertigt, sondern 
durch den Hinweis auf die Zusammenhänge von „geistigen" und „sinnUchen 
Krisen" der Gegenwart und darauf, daß eine wünschenswerte Entwicklung 
„nicht denkbar" wäre „ohne den analytischen Angriff auf die Grenzen der 
Sinnlichkeit" (S. 139). Die analytische Heilung ist für Hattingberg ein 
Vorgang, „der im Wesen den Wandlungs- und Bekehrungserlebnissen des 
religiösen Menschen entspricht" (S. 258), und die analytisclie Bewegung selbst 
scheint ihm eine religiöse Bewegung, weil sie auf Widerstand stieß und 
Affekte „in mindest ebenso hohem Maße im Innern der Bewegung selbst 
wirksam sind (S. 156); dazu kommen „religiöser Fanatismus" und „sektenhafte 
Abschließimg der Analytiker (S. 157)- (Die Psychoanalyse meint aber sonst, 
daß man religiöse Beivegungen eher durch den Hinweis auf ihre Affekt- 
grundlage erklärt als Affekterscheinungen dadurch, daß man sie „religiös 
nennt.) Auch sind die Ausführungen von der Grundanschauung durchzogen, 
„der Analytiker kann den Fragen der Ethik nicht ausweichen, wenn er dem 
ganzen Menschen gerecht werden will" (S. 140), während es unseres Erachtens 
doch nur so ist, daß er den Fragen der Psychologie der ethischen 
Anschauungen des Patienten nicht ausweichen kann, wohl aber der Frage, ob 
ethische Forderungen irgendwelcher Art gültig sind oder nicht. — Es wundert 
dann nicht mehr, daß Hattingberg sich in manchen Einzelfragen Jung 
anschließt, z. B. mit ihm meint, man könne jeden Traum auf der „Objektstufe" 
oder auf der „Subjektstufe" deuten (S. 187), oder die Jungsche Typen- 
einteilung für den besten Beginn einer Neurosen Systematik hält (Hysterie- 
extravertiert, Zwangsneurose-introvertiert, Ss. 224??.). 

Die Darstellung der analytischen Theorie, die die Akzente durchaus anders 
verteih als Freud, indem sie immer das eigentlich Unbewußte relativ 
vernachlässigt, beginnt mit einer Diskussion der Katharsis, die gleich m 
größte Schwierigkeiten führt. Jeder Affekt ist nach Hattingberg emmal 
eine seelische Gleichgewichtsstörung, dann aber als Abfuhrvorgang gleichzeitig 



Referate 



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auch schon ein Selbstheilungsversuch. Gegen die „Selbstheilungstendenz" des 
Affektes wirke aber das Prinzip der „affektiven Selbstspaunung", d, h. das 
Phänomen, daß „jeder Affekt die Tendenz hat, sich aus sich selbst heraus 
bis zu seinem Extrem ins Maßlose zu steigern" (S. 152). Aber auch das 
geschehe letzten Endes nur um der Abfuhr willen, indem es dann zu einem 
„seelischen Kurzschluß" kommt, so daß das seelische Gleichgewicht „durch 
eine automatische Selbststeuerung der Affekte aufrechterhalten wird, die den 
primitivsten Fall von Verdrängung darstellt" (S. 132). Nach dieser DarsteUung 
scheint ^die „Selbststeuerung" nichts als ein neuer Ausdruck für das „Nirwana- 
prinzip zu sein, für das Bestreben, Erregungsschwankungen möglichst rasch 
auszugleichen. Dann ist es aber ein Widerspruch, daß solche „Selbststeuerung" 
eine „Verdrängung" sein könnte, denn diese besteht doch darin, daß der 
seelische Apparat in seiner Abfuhmeigung gehemmt wird, so daß eine 
Erregungsstauung statt hat. Die Selbststeuerung ist keine Verdrängung, sondern 
die Verdrängung eine Störung der Selbststeuerung. — Nach der Erkenntnis, 
die Neurose entspreche einem Konflikt, meint Hattingberg die Neurose 
am besten als eine „Krise" zu charakterisieren, nämlich wegen ihrer 
„Begrenzung durch zwei Wendepunkte" (S. 155) und weil sie dazu neigt, 
sich unabhängig von der Persönlichkeit zu verselbständigen. Aber das erste 
ist sicher falsch. Denn der analytischen Forschung wird es immer deutlicher, 
daß die Neurose sich n i e scharf, immer fließend gegenüber dem 
Normalzustand abgrenzt. — Absolut verfehlt scheint uns der Schluß, daß 
es, weil jeder Neurose Konflikte zugrunde liegen, belanglos sei, welche Kräfte 
im Konflikt stehen. „Gleichviel, ob wir Mann und Weib, Aktivität und 
Passivität, Wille und Gegenwille, Ich und Es usw. gegenüberstellen, zuletzt 
handelt es sich um ein mechanisches Hin und Her" (S. 156). Aber nicht wir 
„stellen gegenüber", sondern welche Kräfte tatsächlich kämpfen, ist einzig 
das Problem ; mit der formalen Erkenntnis, daß ein Kampf vorliegt, ist 
niemandem geholfen. 

Es kommt mehrmals vor, daß Hattingberg, vom Formalen bestochen, 
das Inhaltliche in groteskem Umfang vernachlässigt. Hiefür noch zwei 
Beispiele : Bekanntlich nennt man das gleichzeitige Wirken entgegengesetzter 
Gefühle „Ambivalenz". Es ist nicht mehr ganz korrekt, dies Wort als 
Synonym für „Konflikt" zu gebrauchen. (Wenn man gleichzeitig liebt und 
haßt entsteht ein „Ambivalenzkonflikt", wenn man aber Zärtlichkeit und 
Sinnlichkeit nicht vereinen kann, ist das keine Ambivalenz.) H attingberg 
gebraucht nun nicht nur die Ausdrücke „Konflikt", „Ambivalenz" und 
„Ambivalenzkonflikt vollkommen synonym, sondern er spricht, völlig im 
Formalen befangen, von einem einzigen „Ambivalenzkonflikt" der Seele, der 
sich verschiedenartig manifestiert, einmal als Gegensatz Liebe-Haß, einmal 
als der Selbständigkeit-Unterwerfung oder männlich-weiblich oder Sexus-Eros 
oder wie immer (S, z. B. Ss. 198 ff.). — Oder ein andermal ist davon die Rede, 
daß das Unbewußte das Vererbte umfasse, daß es also allen Menschen 
gemeinsam, „kollektiv (Jung) sei; daraus wird dann über die Wortbrücke 
„gemeinsam" gefolgert, daß auf dem Unbewußten „die Grunderscheinung der 
,Wirbildung' oder des seelischen Kontaktes" (S. i8i) beruhe. Als ob zwei 
Egoisten, weil sie doch den Egoismus „gemeinsam" haben, nun in 
Gemeinschaft vereint wären ! 



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122 



Referate 



Hattingberg mißversteht die dynamische Auffassung in doppelter 
Hinsicht: Erstens indem er meint, daß mit ihrer Einführung die Inhalte der 
Seele irrelevant seien, z^^■eitens indem er meint, daß das Quantitative der 
Dynamik „sich psychologisch nicht mehr aullösen lasse" (S, 157), so daß es 
sich zwar verstehen lasse, daß eine Demütigung mit einer Depression 
beantwortet werde, „nie jedoch, warum die Depression gerade so tief geht, 
warum sie soundso lange dauert" (S. 157). Aber eben das zu erforsclien, 
ist Aufgabe der Psyclioanalyse ; zu jener Erkenntnis hätte es ihrer nicht 
bedurft. — Auch solch ehrfurchtiges, allzu frühes Ilaltmaclien der psyclio-, 
logischen Fragestellung findet sich häufig und führt u. a. zu Formuliemngen, 
wie : (Die unbewußten Inhalte) „sind nicht nur Vorstufen der logisclien 
Einheit, sondern zugleich ein Höheres" oder „Wie das Leben, ist auch das 
Unbewußte eine polare Zweieinigkeit; es ist ganz und geteilt, zwei und eines 
in einem" (S. 182). — Daß nicht nur besondere Triebstärke, sondern auch 
besondere Strenge der verdrängenden Instanz zur Neurose führt, daß diese 
nicht nur „ verdrängte Sinnlichkeit " , sondern auch „ unbefriedigte, falsch 
verstandene Sittlichkeit'' ist (S. 167), wird natürlich besonders betont. Eine 
Patientin träumte, daß eine Frau ein Kind mit einer Schusterahle durch- 
bohre, was vor jeder Besprechung der Tranmlehre und ohne Einfälle 
„autosymbolisch" gedeutet wird: So behandelt das Über-Ich der Patientin 

ihr Ich (S. 168). 

Von den Stellen, an denen Hattingberg Freud ganz grob 
mißverstanden hat, seien einige erwähnt. Warum soll man KindheiUerlebnisse 
deuten? „Weil sich in ihnen der typische Konflikt oft sehr viel einfacher 
und unentstelher enthüllt. Zugleich, weil man ihnen gegenüber den nötigen 
Abstand hat" (S. 261). Die Verdrängungslehre soll der Libidotheorie 
widersprechen, insoferne nach dieser die Neurose aus dem Luststreben der 
einzelnen Triebe, nach jener aus einem seelischen Konflikt entstehe (S. 250). 

— Die Angst ist nach Hattingberg „ zwiesinnig" , „ ,Angst vor ist 
ebensogut zu lesen als ,Wunsch nach'" (S. zoo), ein Mißverständnis des 
Tatbestandes, daß sich oft bewußte Angst dort findet, wo ein unbewußter 
Wunsch verdrängt ist, das methodisch wie faktisch unhaltbar ist. Freuds 
Angsttheorie wird gar nicht referiert, die des Autors gipfelt in Formulierungen 
■wie: „Die neurotische Angst ist Angst vor der Angst oder sie ist eine 
Erlebnisform der Ambivalenz mit dem Grundton der Unlust (S. 200), die 
Ängste werden eingeteilt in ,, Angst um den Kontakt" und „ Konfliktsangsl . 

— Hattingberg meint, die Verdrängung sei ein Spezialfall der Grund- 
erscheinung, daß alle Triebe unbeeinflußt nebeneinander wirksam seien, 
indem er dieses Nebeneinander als ein Gegeneinander, als ein gegenseitiges 
„Isolieren" auffaßt (S. 180). Aber bei der Verdrängung steht nicht Trieb 
gegen Trieb, sondern (sicher triebbeeinflußtes) organisiertes Ich gegen Triebi. 

— Man könne „schematisch" sagen, erst in der Pubertät „setze das 
Erwachen selbständiger Geistigkeit ein" (S. 213). — Daß beim kleinen Kind 
intrapsychisch die Ichgrenzen noch nicht scharf entwickelt sind, führt zum 
erschreckenden Mißverständnis einer objektiven Authebung der Individuation : 
„Im idealen Falle bilden nun Vater, Mutter und Kind eine Seelenmasse 
(ein kollektives Unbewußtes)" (S. 215). — In jedem wirke der Konflikt 
zwischen Elternbindung und Selbständigkeitsstreben: „Weil zugleich die 



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Referate 



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Entwicklung zur höheren Bewußtheit ein unaufhaltsamer Prozeß ist wird 
die Einsamkeitsangst ... die tiefste Angst des denkenden Menschen" (S. 214). 
Die Einsamkeitsangst ist aber auch die tiefste Angst des noch gar nicht mit 
„höherer Bewußtheit" denkenden Kleinkindes! 

Das Schiboleth der Kritiker der Psychoanalyse ist ihre Stellungnahme 
zur infantilen Sexualität. Hier ist H a 1 1 i 11 g b e r g s Rückzug van der 
Analyse am weitesten gegangen, und es genügt, einige seiner Sätze anzuführen: 
Auf die Libidotheorie gehe er nicht näher ein (die Organisationsstufen werden 
überhaupt nicht erwähnt), „weil diese theoretisch grundlegende Konstruktion 
(besonders in der Ausdeutung S child e r s [?]) therapeutisch belanglos ist" 
(S. 234). — Infantile Sexualität: „Vor der Pubertät war selbst das sexuelle 
Interesse des Kindes etwa an den Geschlechtsteilen der Mutter und ebenso 
die Abneigung gegen den väterlichen Störenfried noch harmlos, weil der 
Ton auf der Nähe des zärtlichen Kontakts lag" (S. 216). Und: „Daß man 
in manchen Fällen von Neurosen auch bei gewissenhaftester analytischer 
Durchforschung kerne frühsexuellen Erlebnisse findet, das scheint mir durch 
Beobachtungen, vor allem von C. G. Jung wie durch eigene . . ., gesicherte 
Tatsache" (S. 2x7), — Ödipuskomplex: „Die Sexualisierung der im Grunde 
(d. h. der Grundhaltung nach) zärtlichen Bindung [an die MutterJ hat den 
Sinn, das Kind von ihr seelisch abzulösen, und das geschieht mit Hilfe der 
Inzestschen ..." (S. 216). Also; Das Kind verliebt sich in die Mutter, um 
von ihr loszukommen. — Oder: „Freuds Behauptung, daß der Ödipus- 
komplex den Kernkomplex der Neurose darstellt, wird dadurch verständlich, 
daß dieses Gleichnis, [sie. Komma gehört wohl weg] Verdrängungslehre und 
Sexualtheorie, Ambivalenz und Angst, Entwicklungshemmung und Regression , . . 
in eines verdichtet" (S. 251). — Und endlich: „Trotz seiner Symbolkraft 
bedeutet der Ödipuskomplex nicht das letzte Gleichnis der Neurose. . . . 
ebenso bedeutsam [ist] eine andere Analogie; die zwischen den neurotischen 
Krisen loid den Gewissenskämpfen des religiösen Menschen" (Ss. 251/252). 
Da die Freud sehe Technik unbedingt erfordert, de» Patienten die 
volle Realität des Ödipuskomplexes erleben zu lassen, die es nach 
Hattingberg gar nicht gibt, kann man sicli vorstellen, daß die 
Hattingberg sehe Technik von der Freud sehen nicht unerheblich 
abweicht. Wenn er 7.. B. zu bedenken gibt, „daß es ihn [den Patienten] sehr 
viel mehr erschüttert, wenn wir ihm schiechte Manieren nachweisen, als 
wenn wir den Ödipuskomplex bei ihm entdecken" (S. 265), so kann man 
nur annehmen daß er eben noch nicht erlebt hat, wie die Entdeckung der 
Realist des Ödipuskomplexes erschüttern kann! - Audi unter den technischen 
Ratschlagen lassen manche an Unklarheit nichts zu wünschen übrig z B ■ 
„Der Widerstand der Hysterie ist die Übertragung. Daher ist dem leicht 
erreichbaren Rapport gegenüher vor allem analytische Passivität geboten. Das 
schwierigste Problem ist die Analyse der Übertragung. — Das, was die 
Zwangsneurose zunächst überträgt, ist Widerstand. Daher ist Aktivität nötig 
um die Übertragung zu erreichen. Das schwierigste Problem ist die Analyse 
des Widerstandes" (S. 228). Vielleicht ist gemeint, bei Hysterien werde 
häufiger die positive, bei Zwangsneurosen die negative Übertragung zum 
Widerstand. — Hattingberg meint auch, das Verständnis des Analytikers 
für den Patienten sei „ein Geschenk ,„eineGnade . ,,Waswir willkürlich dazu 



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tun können, ist wenig" (S, 259). Das ist schon wahr; aber dieses „Wenige", 
z. B. das Studium der Werke Freuds, könnte man doch in ausgiebigem 

Maße tun r , u 1 

Auf lechnische Einzelheiten, in denen Hattingbcrg anders vorgeht als 
wir, wollen wir niclit besonders eingehen, zumal da über manche davoa 
schon in früheren Referaten die Rede war Neu ist nur der Rat 
Hattingbergs, die Patienten in einem gewissen Stadium der Analyse in 
tagebuchartigen Aufzeichnungen Selbstanalyse machen zu lassen, dem wir, 
das Hauptgewicht auf die Übertragungsanalyse während der Stunde legend, 
strikt widersprechen möchten. 

Zahlreich sind auch die Bemerkungen, die zeigen, daß Haltingberg 
eine Art Synthese nach der Analyse für nötig hält. Ein Beispiel: „Ist er ^ 

[der Patient] einmal so weit, daß es nur mehr des guten Willens bedarf, j 

dann hat die Analyse ihre Schuldigkeit getan, dann beginnt die , suggestive '; 

Arbeit' der Erziehung" (S. 266). — Die Dauer der Analysen beträgt drei 
bis zwölf Monate; es folgt aber eine „Nachbehandlung", in der in^ein bis 1 

fünf Jahren die „seelische Grundlialtung " des Patienten „verändert" wird 
(S. 284). Dem Analytiker zeigt dieser Umstand, daß die von Hattingberg 
erzielten Erfolge im ganzen keine analytischen sind. ' 

Hattingberg behandeU auch die Ausbildung zum Analytiker und 
warnt dabei intensiv vor den mit diesem Beruf verbundenen Gefahren, die 
vor aUem „geistige" sind, — es wird nicht recht klar, welche eigentlich 
gemeint sind, — die die eigene Analyse nicht ganz, aber doch noch am 
ehesten bannen kann: „Auch das Letzte an ungebrochener Selbstsicherheit, 
der Kern der Persönlichkeit, den die Lehranalyse oft unangetastet läßt, wird 
durch die auflösende Kraft des Verstehens zersetz-t" (S. 299). Hatting- 
berg warnt so vor dem Ergreifen dieses Berufes, führt auch mehrmals die 
zahlreichen Selbstmorde von Analytikern an, — die unserer Meinung nach 
an Häufigkeit in Prozenten ausgedrückt, die Selbstmorde in anderen Berufen , 

nicht übersteigen werden i wie anders klingt diese Warnung als die, die t 

Freud seinen „Vorlesungen" vorausschickte, und die von der Hoffnung 
getragen war, recht viele mögen sich über sie hinwegsetzen ! An Aus- 

bildungsmöglichkeiten werden an erster Stelle unsere Berliner und Wiener 
Institute genannt, dann Stekel, Jung und „Münchner psychotherapeutische 
Kurse (Hattingberg, Heyer, Marcinowskials Ergänzung zur 
Lehranalyse (mindestens drei Monate)". (Ss. 292/295). 

Merkwürdig ist Hattingbergs Standpunkt in der Frage der Laienanalyse. 
Er will nur Ärzte zulassen. — aber mit einer Ausnahme : Auch Frauen, „die 
in engster Arbeitsgemeinschaft mit Ärzten die psychoanalytische Praxis 
ausüben", „insbesonders" „Ehefrauen von Ärzten", sollen zugelassen werden. 
Und er teilt mit, daß Stekel, der strenge Gegner der Laienanalyse, 
denselben Standpunkt einnehme ! 

Hattingberg faßt selbst seinen Gegensatz zu Freud dahin zusammen, 
er „betone" „vor allem den biologischen Gesichtspunkt, der sich in der 
Psychoanalyse nur zum Teil durchgesetzt hat" (S. 296). Dagegen hatte die 
Freud-Schule sicher nichts einzuwenden gehabt. Wir glaubten jedoch zu 
finden, daß Hattingberg gerade die Gebiete, wo die Psychoanalyse 
-Vnschluß an die Biologie sucht, gänzlich vernachlässigt, sie mehr und mehr 



von der Naturwissenschaft trennen, Psychologie außerkausalen und außer- 
energetischen „geistigen' Kriterien unterstellen will. 

Eines kurzen Referats ist auch noch das von Hattingberg seiner 
Arbeit beigefügte Literaturverzeichnis wert. Es enthält nämlich: Breuer- 
Freud „Studien über Hysterie", Frank „Affektstörungen", sechs Werke 
von Freud, Ferenczi-Rank „Entwicklungsziele", Jung, Bleuler, 
Stekel und Hattingberg. 

Über den Artikel von Wexberg, der die Individualpsychologie behandelt, 
können wir uns kürzer fassen; er bringt nichts Neues und eine eingehende 
Kritik der bekannten Lehren Adlers ist an dieser Stelle überflüssig. 
Wexberg redet stellenweise eine sehr deutliche Sprache: „Insbesonders 
lehnt die Individualpsychologle die Freud sehe Trieblehre, die Libido- 
theone und den damit zusammenhangenden psychoanalytischen Pansexualismus 
eigentlich noch schärfer ab als die Vertreter der Schulpsychiatrie ** (S. 298). 
^ „ Mit Freuds Sexualtheorie" ist „nichts anzufangen, weil in den 
Mitteilungen der Patienten nichts davon zu finden ist und auch die 
Beobachtung an Kindern keine Belege dafür liefert" (S. 355). — Der 
Ödipuskomplex ist „ein Vorwand für die Ablehnung der Geschlechtsbeziehung" 
(S. 304}, -was u. a. auch durch eine Krankengeschichte bewiesen sein soll 
(S. 348). Interessant ist, daß die Existenz eines Kastrationskomplexes zugegeben 
wird, er sei allerdings „nicht allzuhäufig" (S. 304). 

Die Einseitigkeit der Individualpsychologie ist Ref. besonders an einem 
Beispiel aufgefallen, das, gleich zu Beginn mitgeteilt, die Grundbegriffe der 
Individualpsychologie klarstellen soll. Es ist vom Geltungsstreben des Kindes 
als einem Streben nach Macht, nach Unabhängigkeit von den Erwachsenen 
die Rede. Da heißt es; „Wir erkennen diese Taktik mit voller Deutlichkeit 
beim ängstlichen Kinde, dessen ganzes Verhalten, objektiv betrachtet, darauf 
hinzielt, immer jemand bei sich zu haben, nie allein gelassen zu werden" 
(S. 301). Es erscheint dem Autor also plausibler, daß das Kind, das ohne 
Erwachsene auskommen will, das dadurch erreicht, daß es die Erwachsenen 
zwingt, immer bei ihm zu sein, um sie seine Macht fühlen zu lassen, — 
als daß es Sehnsucht danach hat, sich geliebt zu fühlen ! — Bezüglich der 
Therapie fallt nicht nur der bekannte ethische Einschlag und die völlige 
Vernachlässigung der Diagnose auf, sondern auch die Ähnlichkeit mit der 
Lehre des Sokrates von der „lehrbaren Tugend", eine maßlose Überschätzung 
des Intellekts : „So bleibt ihm [dem Patienten] trotz allem - nicht die 
ethische - die logische Verantwortung für eine von Anbeginn irrtümliche 
Lebensführung ... Ein logischer Irrtum läßt sich aber noch nachtraglich 
korngieren ... In diesem Sinne ist die individualpsychologische Behandlung 
als wirklich ätiologische Therapie anzusehen" (S. 314). — Die ältesten 
Erinnerungen sind bedeutsam, weil „individualpsychologische Erfahrung lehrt", 
daß „besondere Motive am Werk gewesen sein müssen, die die Konservierung 
der . . . Erinnerungsspuren . . . bewirkten" (S. 535). Sie sind nämlich 
nicht etwa Deckerinnerungen, sondern verraten „die individuelle Zielsetzung 
der Persönlichkeit . 

Die Behandlung hat einen „analytischen" (Zurückfühnmg der Neurose auf 
die „Leitlinien " ) und einen „ pädagogischen ( „ Ermutigung " ) Teil . D auer : 
Von einer „ vollkommenen Heilung eines mehrere Jahre alten Falles von 



126 Referate 

Angstneurose nach einer Unterredung von anderthalb Stunden" (S. 565) bis 
zu einigen Wochen". Ist man dann noch nicht fertig, behandle man heber 
fraktioniert [wie lange?] «h monate- und jahrelang ununterbrochen. Die 
Analyse des Analytikers wird abgelehnt, weil sie „an mystische Einweihung 
in Geheimnisse" erinnert (S. 354). _^ 

PsYcha<rogik oder psychotherapeutische Eraiehungslehre nennt Krönt eld 
seinen das Bucli abschließenden Beitrag. Es gehört zweifellos zum Begriff der 
.Psychotherapie", daß sie mit psychischen Mitteln planmäßig gewisse Ver- 
änderungen im Kranken hervorrufen will; er soU ja aus dem Zustand des 
Krankseins in den des Gosundseins übergeführt werden. Das Ziel, durch 
seelische Beeinflussung einen Menschen planmäßig zu verändern, hat also jede 
Psychotherapie mit der Pädagogik, der Erziehung, gemeinsam. Wenn also nur 
eine bestimmte Art von Psychotherapie „Psychagogik*" heißen soll, so kann 
es nur eine sein, bei der die Analogien mit der Jugenderziehung weitergehen. 
Die Ziele des Pädagogen sind nun viel weitergehende, bedeutsamere, als etwa 
der Zustand der „Gesundheit". Durch die Erziehung soll das Kind dazu 
gebracht werden, sich der Gesellschaft einzuordnen und die dazu nötigen 
Triebverzichte zu leisten; die Pädagogen seihst gehen meist noch darüber 
weit hinausgehende idealere, ethische Ziele an. „ Psychagogik " kann dann nur 
eine Psychotherapie sein, die glaubt, auch die Gesundung von Neurotikem 
nur durch solche Beeinflussung im Sinne von Idealen erreichen zu können, 
und Kronfeld läßt keinen Zweifel daran, daß auch er den Terminus 
„Psychagogik" so verstanden wissen will. Gegenüber einer solchen „Psych- 
agogik" "müssen zweierlei kritische Einwendungen laut werden. Erstens muß 
man fragen, ob eine solche Beeinflussung zur Erreichung des bestimmten 
Zieles, Heilung von Neurotikern, notwendig oder, wenn nicht, zweckmäßig 
ist; zweitens, ob die Methoden solcher Beeinflussung systematisch lehrbar sind, 
wissenschaftlich fundiert werden können. 

Auf die erste Frage gibt die psych oanalyti,<;che Erfahrung eine klare und 
eindeutige Antwort. Sie lehrt, daß die Neurotiker nicht aus Mangel an 
Idealen in die menschliche Gemeinschaft nicht eingeordnet sind, sondern daß 
die Ideale infolge stattgehabter Verdrängungen partiell unwirksam bleiben 
müssen. Es ist also weder notwendig noch zweckmäßig, zu versuchen, Ideale 
zu .,setzen", wenn es möglich ist, durch Aufhebung von Verdrängungen vor- 
handene Ideale wirksam werden zu lassen. Freilich gibt es auch Fälle, die 
man nicht psychoanalysieren kann. Aber hei einer Anzahl von denen, die 
dann als Kandidaten für eine „Psychagogik" verbleiben, wird diese sich mit 
dem Ziel begnügen können, die Patienten analysefähig zu machen (S. z. B. 
Anna Freud, „Technik der Kinderanalyse"), so daß dann die Psychoanalyse 
der Psychagogik folgt, nicht die Psychagogik der Psychoanalyse, wie bei 
Kronfeld. „Es läßt sich nicht leugnen," sagt K ro nf eld, „daß die Psycho- 
analyse . bisher merkwürdig wenig fruchtbare Gedanken j^um Erziehungs- 
problem . . . erbracht hat . . . Weder ist eine Sexualethik und sexuelle Sozio- 
logie normativer Art aus ihr entwickelt worden noch eine soziale Ethik i 
überhaupt" (S. 395). Aber als Wissenschaft setzt Psychoanalyse überhaupt J 
kerne Normen und als Heilmethode kümmert sie eben programnigemaß nur 
die Norm „Gesundheit". Ihrem Wesen nach läßt sich aus ihr keine Ethik 
ableiten, sie kann nur beitragen zur Psychologie von Ethik und Pädagogik, 



i 

} 



Referate 127 



zur Technik der Pädagogik (bei Gleichgültigkeit des Ziels) und zu pädago- 
gischen Ratschlägen für Neurosenprophylaxe. Und in diesen ihr einzig 
zugänglichen Gebieten hat sie wohl auch schon manches „erbracht"! „Immer 
noch", heißt es, „wird die . . . Fiktion aufrecht erhalten, als sei es der 
Analyse gegeben, durch ihr bloßes Vollzogen werden den Menschen zu helfen" 
(S. 596). Aber diese „Fiktion" ist empirisch wie psychologisch erwiesen! 
Kronfeld meint, „es ist notwendig, ihm [dem Patienten] einen positiven 
Lebensinhalt . . . konkret erstehen zu lassen, ... wo das überhaupt nicht 
geschieht, da liegt eben keine ,Therapie' vor'^ (S. 597). Wie aber, wenn 
„positive Lebensinhahe" „konkret erstehen" „durch das bloße VoUzogen- 
werden der Analyse"? Daß die „ Psychosynthese " ein sinnloses Wortspiel ist, 
wurde von Freud gezeigt. Und welche Einschränkung der Tlierapie, wenn 
ein Arzt nur solche Patienten annehmen könnte, die ihm gegenüber die zu 
solcher Erziehungsarbeit nötige Inferiorität besitzen! 

Nun zur zweiten Frage. Notwendig ist „Psycliagogik" nicht. Möglich ist 
sie gewiß. Jederzeit hat es Führerpersönlichkeiten gegeben, denen es gelungen 
ist, Gefolgsleute durch Begeisterung für ihre Ideale seelisch erfolgreich zu 
beeinflussen. Etwas anderes ist es aber, ob die Technik solcher Beeinflussung 
wissenschaftlich fundierbar ist. Wie weit die Pädagogik selbst von ihrem 
Ideal der Wissenschaftlichkeit entfernt ist, soll hier nicht untersucht werden. 
Jedenfalls wäre die Verwissenschaftlichung psychagogischer Technik nur auf 
Grund einer immens fortgeschrittenen psychoanalj'ti sehen Psychologie (Erkenntnis 
der Mechanismen der Üb er-Ich- Veränderungen) möglich, bestimmt nicht ohne, 
gegen oder unter Mißverstehen der psyclioanalytischen Theorie. Die von 
Kronfeld angeführten Vorläufer der Psychagogik von der katholischen 
Kirche bis zu Stekel sind sich — unbeschadet ihrer Erfolge — nie wissen- 
schaftlich darüber klar gewesen, was sie tun; Ferenczi mit unter diese 
Vorläufer zu zählen, weil er „unter Billigung des Meisters Freud im 
Begriffe" sei, „eine , aktive' erziehende Einstellung des Arztes . . . durchzu- 
führen", ist allerdings ein Mißverständnis, da Ferenczis „Aktivität" im 
Dienste der Analyse steht und nicht die Analyse im Dienste der Aktivität. 
— Es ist unschwer zusehen, daß auch bei Kronfeld die psychoanalytisch- 
wissenschaftliche Fundierung fehlt, die für Jede praktische Psychagogik (z. B. 
Reklamepsychologie oder Politik) doch unerläßlich wäre. 

Wie alle Pädagogen beginnt auch Krön fei d deduktiv mit der Frage 
nacli dem Ziel, zu dem die Patienten gebracht werden sollen. Gemeinschafts- 
gefühl und „die Idee der eigenen Wesenheit" (S. 574) müßten im Ziel 
veremt sein jedes „ eudaimonistische Ziel des ärztlichen Tmis" wird sehr 
gering geschätzt (S 571) ^und schließlich gefunden, daß die „formelhafte 
Forderung des Starkersems die sei, „die der Arzt an jeden Menschen . . . 
als letzte und oberste Norm ihres Verhaltens zu stellen habe" (S. 575). 
Stärker als was? Das ist Nebensache. Das Formale erledigt das Inhaltliche; 
„Eine solche Idee des Stärkerseins läßt sich in jedem Menschen aufrufen. Ein 
jeder wird mit dieser Idee einen bestimmten Gehalt verbinden, der für seinen 
besonderen Fall Leben und Bedeutung besitzt" (S. 575). Aber ist diese Idee 
ohne bestimmten Gehalt überhaupt eine? 

Nach der Zielbestimmung kommt die Frage nach den anzuwendenden 
Mitteln. Alle Mittel der Beeinflussung sind erlaubt, aber festzuhalten ist das 



1 28 Referate 



Prinzip von der führenden Rolle der Einsicht und des Vorsatzes in aUer 

Erziehung" (S. 577), also ein durchaus falsches Prinzip, denn nach analytischer 

Erkenntnis hat da stets der Affekt, nie die Einsicht die führende Rolle. Auch 

müsse man streben, die Menschen „aus ihrer psychodynamischen Entwicklung 

sinnvoll zu begreifen" (S. 381), wozu aber die Libidotheone zu einseitig 

wäre („der Frontwechsel", der besonders deutlich sei in den Arbeiten von 

Schilder und Reich, also auch gerade des Autors, der wie kaum em 

anderer die VoUgÜlligkeit der Libidotheorie betont, „wäre nicht möghch 

gewesen ohne die zielstrebige Vorarbeit Alfr. Adlers"). Und was^gibt 

Kronfeld mehr als die unzulängliche Libidotheorie? Ihm „stellen sich . . . 

im wesentlichen" „sämtliche Leiden serlebnisse ... in ihrer Heziehung zum 

Icherleben sinnvoll dar" (S. 585). Das gUt aber wohl für Freud auch, 

wenn man nur den Begriff „Icherleben" weit genug faßt und weiß, daß 

zum Verständnis von Persönlichkeit und Neurose die Respektierung auch des 

Unbewußten nötig ist. 

Welches also sind die Mittel? i) Die Persuasion; einem Hypochonder 
-wurde z. B. „der Beweis der Fehlerhaftigkeit seiner Selbstbeobachtung in 
körperlicher Hinsicht ... an der Hand von Fachbüchern erbracht" (S. 587). 
Heilung in drei Wochen (S. 388). — 2) „Willens- und ArbeiUtraining''j 
Wer Lampenfieber hat, soll sich dreimal täglich einsperren, sich „entspannen 
und sich den Moment, da er die gefürchtete Rede halten wird, lebhaft ver- 
gegenwärtigen (S. 392). — 3) Die eigentliche Psychagogik, in die auch die 
Psychoanalyse eingestellt ist, die nur der pädagogischen „Ergänzung bedarf. 
Der typische Verlauf ist so, daß die Behandlung mit eingehender Exploration 
beginnt, es folgen „persuasive Ausbauten und Milderungen", dann „die Technik 
der Psychoanalyse" ; dann „greift der Arzt — unter der Maske bloßen 
analytischen Deutens — [also unaufrichtig] — zum erstenmal aktiv ein , bis er 
schließlich „dem Leidenden positive Forderungen präsentiert"; dann kommt, 
wenn nötig, als ultimum refugium. noch die Hypnose (S. 399)- Daß das ganze 
Verfahren, auch wenn die Hypnose wegbleibt, durch die gleichen Mechanismen 
vnrksam wird wie die Hypnose, ist dem Psychoanalytiker wahrscheinlich. An 
einzelnen Stellen wird das recht deutlich. Z. B. geht Kronfeld gegen die 
Folgen der „geistigen Lebensproblematik", der religiösen, weltanschaulichen, 
philosophischen Probleme der .Tugendlichen und Zwangsneurotiker (Grübel- 
süchtigen) so vor, daß er mit ihnen diskutiert, den Pessimisten durch philo- 
sophischen Optimismus „widerlegt" (wobei es dem Ref. fraglich schien, ob 
sachlicli nicht der pessimistische Patient recht habe, s. S, 419, und ob man 
die Möglichkeit einer gültigen Ethos so schnell zugeben müsse wie Kron- 
felds Patient, S. 421), ja, sogar versucht, den zwangsneurotischen „Zweifel 
durch seine logische Unmöglichkeit zu widerlegen" (S. 41 8j. Dieses Vorgehen 
scheint dem Psychoanalytiker, der weiß, daß hinter Grübeleien und Zweifeln 
abgewehrte Trieb ansprüche stecken, ganz und gar absurd. Aber von einem 
solchen Patienten heißt es, er trat „in einen Kreis von erkenntmskntisch 
arbeitenden jungen Freunden meiner Umgebung ein (S. 422), woraus man 
erkennt, daß philosophische Diskussionen ebenso ein Band zwischen Arzt und 
Patient schaffen können wie hypnotische Sitzungen. Einmal sagt auch Kron- 
feld selbst, der Psychagoge wirke, indem er den Patienten „bejaht und 
seelisch an sich bindet, ihn aufrichtet und an all seine latenten Kräfte 



Referate ^^n 



appelliert {S. 449). In einem Fall brachte die Psychagogik offenbar einem 
Patienten die autoritative Erlaubnis, seinen verdrängten Wunsch, die alternde 
Frau durch die geliebte Tochter, zu ersetzen, weitgehend zu befriedigen 
(Ss. 405/406), und diese libidoökonomische Änderung brachte wohl die Heüung 
Nach Besprechung von kindlichen Anomalien, Typen der Selbstwerthaltung, 
geistiger Lebensproblematik, willentlicher Lehensproblematik {dabei u a auch 
der Berufsneurosen, bei denen zwar vielerlei Ursachen gefunden werden, 
aber nicht die Sexualisierung der Berufsarbeit) kommt auch ein Kapitel 
über Sexualität^ Von den Perversionen meint ICronfeld, die Psychoanalyse 
könne nur ihr Erscheinen bis in die frühesten Monate oder Jahre 
zuruckverfolgen (S. 440), weiß also noch nichts vom Anteil der Ver- 
drängung an Ihrem Entstehen. Er selbst geht so vor, daß er „suggestiv 
zunächst das Eigentliche' der e^hibitionistisclien Lust" .bestreitet"? „der 
Leidende fühlt und erlebt, daß die Lust eigentlich gar nicht da ist, 
sondern künstlich an den Haaren herbeigezogen" (S. 441), wobei man nur 
wieder über die Macht der Suggestion staunen muß, der es gelingt, so 
paradoxe Gedanken zu Übermitteln. Kronfeld analysiert auch bei Perver- 
sionen — erwähnt aber den Ödipuskomplex nicht — und setzt die „thera- 
peut.sche Leitlinie-: „Den Konflikt zwischen Trieb und Selbstwert als einen 
ächemkonflikt zu entlarven (S. 444). Der Gegensatz Sinnlichkeit— Zärtlich- 
keit hat keine Psychogenese, sondern besteht von Anbeginn: Daß die Geliebte 
überschätzt wird, ist „nicht im Sexuellen" begründet, sondern darin, daß sie 
nach den „durch das Erleben der Mutter gesetzten idealen Forderungen 
gewählt wurde (S. 446). Über die Ehe heißt es: „Neben diesen geistig- 
seehschen Momenten kommt dem oigenüich Geschlechtlichen im allgemeinen keine 
so große Bedeutung für die Gestaltung der Ehe . . . zu" (S. 448). 

Das lejzte Kapitel gÜt der Behandlung der Süchte, die bei Kronfeld 
„Suchten heißen, und der Zwangsneurosen. Die Psychologie der Süchtigen 
laut höchst unbefriedigt; Therapie: Erst Entziehung, dann „Psychoanalyse", 
daneben „Bejahung durch den Ar.t", der zum „moralischen Gewissen" des 
Paienten wird {S. 455). - Bezüglich der Zwangsneurose äußert Kron- 
feld sich ganz außerordentlich skeptisch, -bei schweren Fällen hat er ein 
emziges Mal e.nen Erfolg gesehen, - was wohl damit zusammenhängen 
Zwallne, r \?r '""^'''^'"' ""^ '^^'''^'"^ einsetzenden Übertragung der 
feTdS 74 ^p'^7^=-"f-' °l^' "^ ^^'^ ^'^^-^^ - --«^- sind. K^ron- 
der Zwang (S. 454) Überraschend ist, daß Kronfeld meint, durch 
Hypnose die Symp ome Imdern zu können, während man sonst meist hört, 
daß Zwangsneurotiker fast nicht hypnotisierbar seien. 

Der Gesamteindruck, den man von der K r onf eldschen Psycha-ogik 
erhält, ist der, daß sie, wo sie wirksam wird, genau so wie die Hypnose 
durch die affektive Bindimg des Patienten an den Arzt wirkt, also genau so 
wie diese den Vorteil der Symptomfreiheit mit dem Nachteil der inneren 
Abhängigkeit erkauft; die in den Symptomen gebunden gewesene Libido ist 
an andere Stelle verschoben, aber nicht befreit. Sie mag als nichtanalytische 
Psychotherapie neben dieser praktische Berechtigung haben; ihr Anspruch, 
Int. Zeitschr. f. Psycho analyse, XIV/j. 



jgQ Referate 



daß sie die Psychoanalyse sich souverän einordne, ist unbedingt zurück- 



zuweisen. 



W"n auch manch, in diesem inhaltsreichen Buche ^^^Jf^'^^^'f^^ 
sehr interessiert, er muß es nach der Lektüre doch, unbefriedigt über die 
darin enthaltene wissenschaftliche Unzulünglichkeit, weglegen. (^ 

l e n i c h e 1 (Berlin) 

Seidel, Alfred: Bewußtsein als VerliänRnis, herausgegeben 
aus dem Nachlaß von H. Pcinzhorn, Verlas Incdridi Cohen, 
Bonn 1927, 221 S. 

Der Titel dieses Buches wird vielfach zu Mißverständnissen führen. Auch 
ist es nicht klar ersichtlich, ob nicht der Herausgeber selbst, trotz seiner 
Bekanntschaft mit der Psychoanalyse, schon dem Sich-selbst-Mißverstehen des 
Verfassers gefolgt ist. Statt „Bewußtsein" sollte hier eigentlich stehen: „RcflekUer- 
awang" oder dessen Wurzeln nach : „Ambivalen-/-. Also die starke Ambivalenz des 
Verfassers ist es, die ihm zum Verhänf^is wurde, nicht die Bewußt wer düng. 
Er versuchte sie seine ganze .Tünglingszeit hindurch in idealer Lebensfuhning 
und idealer wissenschaftlicher Tätigkeit zu erstickeu ; das gelang ihm nicht. Sein 
Stark ambivalentes Leben trieb ihn, wie er nachträglich dann immer sah, 
von einer Ideologie in die andere. Diese mußte er dann ^wangsmäßig zersetzen. 
Ref kannte den Verf. seit 1916 und kann aus persönlichen, vielfaltigen, 
langjährigen Eindrücken diese Auffassung des Seideischen Lebens nur 
bestätigen. Etwa im Jahre 1925 war A. S. beim Ref. kurz zu Besuch. Es 
zeigte sich damals, daß A. S. nur eine sehr „literarische Kenntnis der 
Psychoanalyse besaß und sich mit Problemen herumschlug, die augenbiick- 
lichen, vorläufigen Fassungen Freuds, aber nicht den erlebten oder miterlebten 
psychologischen Tatbeständen galten. Es ist zu vermuten, daß S. eine m t 

seinem Fall unangebracht sehr kurze Analyse (aus welchen Gründen?) oder ^ 

gar eine sogenannte Analyse bei einem Ungeschulten durchgemacht hat. ,, 

Sieht man nun einmal von diesen kritischen Einwänden gegen Verf. und ; 

Herausgeber ab, aUerdings Einwänden, deren sich der Psychoanalytiker mit ! 

Recht entschieden bedienen wird, so kann die Lektüre des Buches nur '; 

empfohlen werden. Und zwar deshalb, weil A. S. in jungenhafter, und das 
heißt wohl trotz mancher Mängel durchaus positiv zu wertender, Radikalität 
und Ehrlichkeit seiner Zerspaltenheit bis aur Aunösung aller ideologischen 
Versuchungen folgte. Als er dann nach Zerstörung jeden ideologischen Haltes, ( 

auf den er seiner Entwicklung nach angewiesen war, dem nackten Leben 
gegenüberstand, verstärkten sich seine neurotischen Symptome offenbar zu 
schwersten angstneurotischen oder vielleicht sogar halluzinatorischen Erlebmssen, 

die ihn in den Tod trieben. . 1. » 

Aus diesem mißlungenen Versuch, durch Bewußtseinsanalyse mit schwerster 
Ambivalenz fertig zu werden, kann der Psychoanalytiker insofern lernen, aU 
er ohne Zweifel die Möglichkeiten einer Auflösung allen Ressentunents, 
aller Überkompensationen, wie sie sich in preudowissenschaflhchen, ethischen 
und rehgiösen Meinungen und Systemen manifestieren, ^^ ^" "f "."^^'l' *"^ 
dann, wenn er weiß, daß ethische und reHgiöse Systeme g»-^^«" '"A ,t 
nichtaus Ressentiment und Überkompensation entwickelt .u sein b rauch en. 



Referate ^31 

Er muß diese Möglichkeiten kennen, damit er im Eijizelfall nicht als genuin, 
primär anerkennt, was aufgelöst werden kann und zum Zweck der Heilung 
eines Patienten unter Umständen aufgelöst werden muß. Hierin liegt der 
Wert des Seideischen Versuclies für die Psychoanalyse, denn auch die best- 
gelungene eigene Analyse braucht tatsächliche Ideologien nicht angetastet zu 
haben und erlaubt noch lange nicht die Aufdeckung der ideologischen Struktur 
beim Patienten da, wo sie notwendig aufgedeckt werden müßte. Wer sein 
Interesse, verwickelt in die Schwierigkeiten der Einzelfälle, auf den sekundären 
Nebengewinn zu richten gelernt hat, wird hier besonders viel Material für 
die Möglichkeiten narzißtischer Verwendung von Gruppen- oder Einzel- 
Ideologien fmden. Natürlich so weit, wie Bewußtseinsanalyse eben zu führen 
vermag. Aber man wird sehen; sie führt wohl sogar zu einem Ende aller 
Ideologie, wenn die Ambivalenz des Fragenden so ausgeprägt und der Rest 
ungestörter Vitalität von immerhin noch so ausreichender Dauerhaftigkeit ist, 
wie das Leben A. S'. sie zeigte. Gerade an diesem Buch wird man sich 
darin befestigen können, die Gültigkeit eines ideellen Systems stets sauber 
von seiner psychologischen Genese zu trennen. 

Schultz-Hencke (Berlin) 

Maeder, Alphonse, Di-, med.: Psychoanalyse und Synthese. 
Der Wiederaufbau der Persönlidikeit neben ihrer Analyse. Verlag 
Fried. Böhn. Schwerin i. Medtlenburg, I927. 

Maeder Sucht mit seinem Referate, das er vor der dritten Fachkonferenz 
für Ärzte und Theologen (2. — 4. Oktober 1926 in Berlin -Spandau) hielt, 
dem „Amoralismus" Freuds entgegenzusteuern. Maeder ist einer jener 
typischen Fälle, dem es in der Tiefe unheimlich wurde und der den früh- 
zeitigen , .Auftrieb erlitt". Vervollkommnung, Synthese, Religion sind die 
Parolen. Die Synthese wird aber nicht vom Arzt durchgeführt. Für Maeder 
ist der „Wiederaufbau ein spontaner, selbsttätiger Prozeß, der am Patienten 
geschieht. Er ist der Ausdruck der schöpferischen Kräfte des Lehens selbst". 
Mit diesen Sätzen dokumentiert zwar Maeder, daß er eigentlich Analytiker 
von reinstem Freudschera Schlage gebheben ist, und man fragt sich, — wie 
oft schon, — wozu das große Lamento um die Synthese erhoben wird. 

G r a b e r (Bern) 

Jung, C. G.: Das Unbewußte im normalen und kranken 
t>eelen leben. Verlag Rasdier & Cie., Zürich, I926. 

Jung gibt unter dem neuen Titel eine dritte vermehrte und verbesserte 
Aullage der „Psychologie der unb e wußten Prozesse" heraus, jener 
populären Schrift, mit der er erstmalig eine Synthese von Freud und 
Adler zu geben versuchte. Dabei ist unverständlich, vrie Jung es fertig- 
bringt, heute, zehn Jahre nach dem Erscheinen der ersten Auflage, während 
welcher Zeit sich die Freud sehe Schule so intensiv um den 
Ausbau der Ichpsychologie bemühte, unverändert den alten Vorwurf geoen 
Freud zu erheben, die Ichtriebe fristeten in seiner Psychologie ein kümmer- 
liches Winkeldasein. Grab er (Bern) 

9' 



1^2 Referate 



Seeling, Dr.: Der Coueisraus in seiner psytiioloRisdien und 
pädagogisdien Bedeutung, Verlag Carl Marhold, Halle a. d. &. 
SeelinK leitet seine Schrift mit einem Satze ein, der heute, nach dem 
Tode Cou^s, schon nicht mehr Gültiskeit hat: „Mit dem Cou^ismus j 

beschäftisen sich in steigendem Maße Berufene und Unberufene. Seeling > 

gibt ziemlich erschöpfend den historischen Werdegang der alten nnd neuen 
Schule von Nancy wieder, verrät aber in der Kritik der Literatur eme 
gewisse Befangenheit. Gräber (Bern) 

Hermann, Dr. G., und Pötzl, Prof. Dr. O.: Über Agraphie 

und ihre lokaldiagnosti sehen Beziehungen. Karger, Berlin 1920. 

Die Autoren geben eine tiefgreifende Darstellung der verschiedenen Aspekte 
des Agraphieproblems im Anschluß an die ausfülirliche Analyse eines Falles 
von Hirntumor mit parieto- okzipital er Lokalisation; und zwar handelt es sich 
um einen rechtsseitigen Hirntumor bei einem Ambidexter. Die Agraphie wird 
von den Autoren als selbständige Störung aufgefaßt und von einer Reihe 
verwandter Störungen abgegrenzt. Der Autopsiebefund des Falles wird ein- 
gehend besprochen. Über das Verhältnis der psychologischen Forschung zur 
anatomischen und hirnpathologischen urteilen die Autoren, „daß der 
Parallelismus in den Ergebnissen aller dieser Methoden gerade dann am 
ehesten sich ergibt, wenn man sie nebeneinander führt, ohne sie miteinander 
zu vermengen; psychologische und lokalisatorische ßetrachtungsweise vertragen 
sich nach unserer Meinung dann miteinander vollkommen, wenn man nicht 
psychologierend lokalisiert oder lokalisierende Psychologie treibt". 

Das Buch ist überreich an geistvollen Anschauungen und Kombinationen 
und muß zweifellos zu den Standardwerken der hirnpathologischen Literatur 
gerechnet werden. Auf Einzelheilen einzugehen ist hier niclit der Ort. Es 
sei auf das zusammenfassende Autoreferat verwiesen, das die Autoren auf den 
Seiten 217 bis 252 ihres Werkes gegeben haben. Das Buch ist nicht leicht 
au lesen: aber es enthält eine Fülle von Gedankengängen, die auch für den- 
jenigen Psych opathologen von Bedeutung sind, der sich nicht zu den Fach- 
leuten auf dem Gebiete der Hirnpathologie zählen darf. 

Hartmunn OVien) 

Morton, G. F.: Childhood's Fears. Psycho-Analysis and the 

Inferiority-Fear Complex. Mit einem Vorwort des Lord Blshop \ 

of Knaresborough und einer Einleitung von W. H. Maxwell 
Delling, Prolessor of therapeutics in the University of Seeds. 
Duckworth, London, 1()2S- j 

■ Wer in solchen Dingen Erfahrung hat, ist heute bereits in der Lage, eine \ 

ansehnliche Sammlung von Büchern aufzustellen, deren angebliches Thema |. 

die Psychoanalyse bildet, und deren hervorstechendstes Merkmal man mit s 

einem einzigen Ausdruck bezeichnen kann: Wirres Durcheinander. In eine 
derartige Sammlung ließe sich das vorliegende Buch als Musterbeispiel ein- 
reihen. Beinahe jede Seite strotzt von Irrtümern und mangelnden Kenntmssen 
oder zeigt mißverständliche Halb Wahrheiten, die noch ärgerlicher smd, aber 



Referate ,0« 



wir haben weder den Raum noch die Neigung, diese Dinge nacheinander 
aufzuzählen, und müssen uns auf wenige Beispiele beschränken. 

Zwei davon werden genügen, um eine Vorstellung über die Art der 
psychoanalytischen Kenntnisse des Autors zu gehen. „Püi- ihn (Freud) sind 
Scham, Ekel, Schüchternheit usw. nichts als die Sublimierungen infantiler 
Sexualität (S. L^g). Der Autor hat offenbar etwas so Elementares wie den 
Unterschied zwischen einer Sublimierung und einer Reaktionsbildung nicht 
erfaßt und versteht daher naturgemäß nicht, daß erstere sich aus der 
Sexualität ableitet, letztere nicht. Dies stimmt zu seinem unerschütterlichen 
Glauben, daß nach der Freud sehen Schule alles aus der Sexualität stammt, 
eme Annahme, auf die wir weiter unten zurückkommen. Die zweite Stelle 
lautet folgendermaßen: „Die Freudianer irren sich, wenn sie behaupten daQ 
Konflikte und Verdrängungen sich durch Auslebenlassen der natürlichen Triebe 
ausschalten lassen (S, 49}. Man kann sich kaum eine groteskere Karikatur 
denken. Welchen Zweck hätte dann eine langwierige psychoanalytische 
Behandlung? Und wir finden auch auf einer anderen Seite eine Stelle aus 
Freud zitiert, die dem Autor, hätte er sie verstanden, das Irrtümliche seiner 
Auffassung hätte zeigen müssen. 

Mit einer Zuversicht, die einem „dem mangelnden Wissen entsprechenden 
Selbstbewußtsein" (S. 51) entspringt, geißelt er Freud immer wieder wegen 
seiner Ansichten, die er für „groteske Irrtümer und kindischen Unsinn" 
erklärt. Freuds größtes Vergehen ist natürlich, daß er der Sexualität und 
namentlich der infantilen eine so große Bedeutung beimißt. „Die Freudsche 
Schule benimmt sich wie ein Kind mit einem neuen Spielzeug. Eine Zeitlang 
kann es sich mit nichts anderem beschäftigen. Es ist ein kuralebiges AVunder. 
Nachher wird es auf den Papierhaufen geworfen, wie es — mit Unrecht, 
wie wir meinen — Freuds Arbeit vorausbestimrat ist." „Es ist in der Tat 
zu verwundem, daß die kindisch übertriebene Beschäftigung der Anhänger 
Freuds mit einer neuen Theorie ihn an dem hervorstechendsten Charakteristikum 
der Kindheit vorbeisehen läßt" (S. 1 03), Mit diesem Charakteristikum ist die Angst 
gemeint, obgleich der Autor hier vom normalen Kind spricht. Er vertritt die Ansicht, 
daß nur manche Kinder sexuelle Äußerungen zeigen. Sehr amüsant ist seine Kritik 
des Ödipuskomplexes, den er anscheinend für etwas rein Maskulines ansieht: 
„Warum, muß man fragen, hört man so wenig vom Elektra- und so viel 
vom Ödipuskomplex? Eine vernünftige und gesunde Theorie müßte auf beiden 
Beinen stehen können. Wir hören, daß die Einbildungskraft bei Mädchen in 
bezug auf dieses Eltern Verhältnis möglicherweise weniger tätig ist, aber ^vir 
vermuten eher, daß Freud unbewußt auf den Ödipus hin eingestellt war, 
seiner nationalen (judischen) Zugehörigkeit entsprechend" (S. 150). Was läßt 
sich über eine Kritik gegen Freud sagen, die unter dem Eindruck steht, 
daß Freud die Inzeststrebungen für eine spezielle Eigenschaft des männ- 
lichen Geschlechts hält? 

An vielen Stellen des Buches heißt es, daß Freud nichts anderes im 
Seelenleben anerkenne als Sexuelles. Zum Beispiel: „So weit stimmen wir 
Freud allgemein zu. Heftiger Widerspruch jedoch erhebt sich gegen den 
Nachdruck, den er auf den Sexualtrieb legt, den er für die letzte Grundlage 
jeder Triebregung oder Energie oder Motives liält. Es gibt für ilm wirklicli 
keine andere Triebfeder für menschliches Handeln als Sexualwünsche. Die 



134 



Referate 



Sexualität ist das Hauptelement im Lebenstrieb, der einzige Libidostrom, der 
verdrängte Trieb und die wesentliche Ursache für alle Konilikte (S. 59). 
Man kann gar nicht begreifen, wie eine derartif;e Kritik diese merkwürdige 
Vorstellung mit der zweifellos im Mitlelpimkt stehenden Rolle vereinen kann, 
die in Freuds Psychologie die Idee des inneren KonHiktes spielt. Zwischen 
welchen Instanzen sollte sich der Konflikt abspielen? Noch melir wundem 
wir uns darüber, daß der Autor in einrm anderen Teil des Buches geradezu 
eine Stelle aus Freud zitiert, in welcher dieser auf diesen groben Irrtum 
hinweist. Auf folgende Weise sucht der Autor mit diesem Widerspruch fertig 
zu werden: „Nichtsdestoweniger hat Freud oft Ansichten vertreten, die er 
nun leugnet, und seine Schüler haben die Ansichten mit aufgenommen. Er 
hat zu oft unerwähnt gelassen, was er jetzt mit solcher Leidenschaft verficht. 
In Wahrheit verhält es sich anscheinend so, daß Freuds Ichtrieb etwas in 
der Art des Treppenwitzes funktioniert" (S. 15S). Auch in den seltenen 
Fällen, wo seine eigenen Anschauungen in dieselbe Richtung gehen, wie die 
Freuds, muß er Freud fälschlich eine andere unterschieben, um die 
Opposition aufrechtzuerhalten. So heißt es, wenn er von Freuds angeb- 
licher „Gleichsetzung des Hungers mit dem Sexunltrieb" spricht: „Wir meinen, 
es ist durchaus unberechtigt, daß Freud darangeht, den Selbsterhaltungs- 
trieb (Hunger) mit dem Arterhaltungstrieb (Sexualtrieb) zu identifizieren. 
Wir stimmen mit Jung überein, daß die Lust bei der Nahrungsaufnahme 
nichts Sexuelles ist. Ganz etwas anderes ist es, wenn wir zugeben, daß das 
Saugen an sich (soweit es nicht der Nahrungsfunktion dient) eine triebhafte 
Tätigkeit im Bereich des Sexuellen darstellt" (S. 145). Nach der Aufdeckung 
dieser Mißverständnisse interessiert es uns nicht allzusehr, die Schluß- 
behauptung des Autors zu hören, daß „die Psychoanalyse noch einmal von 
einem völlig geänderten Gesichtspunkte aus geschrieben werden könnte (S. 182), 
und wir hätten Lust, ihm zu raten, daß er vorher, statt diese Aufgabe z.u 
leisten, lieber die Lektüre der Psychoanalyse von einem ganz neuen Gesichts- 
punkte aus aufnehme. 

Wie wenig der Autor bei seinem Urteil unterrichtet ist, zeigt sich auch 
in der Verwendung seiner Literaturangaben, Wer immer das Wort Psycho- 
analyse erwähnt, wird sogleich für den besonderen Zweck des Autors zur 
Autorität erhoben. Wir finden Jung als einen Vertreter der Psychoanalytiker 
erwähnt, S t e k e 1 tritt als „Freuds angesehener Schüler" auf, usw. Nur 
zwei oder drei Psychoanalytiker sind überhaupt mit Namen angeführt, 
während der Verfasser ohne jede Unterscheidung Autoren so verschiedener 
Art zitiert, wie Rivers, Baudouin, Holt, Nicoll, Healy, McCurdy 
und Frau Arn o 1 d-Fors t er. Ein Neuling, der versuchen würde, aus dem 
Buch irgendeine Vorstellung über das WescnÜiche der Psychoanalyse zu 
gewinnen, wird sich in dieser völligen Verwirrung nicht orientieren können. 
Aus einem solchen Durcheinander läßt sich nicht leicht eme klare Vor- 
stellung über die eigenen Anschauungen des Verfassers gewmnen, aber sie 
stellen sich uns etwa folgendermaßen dar: Für die grundlegenden Faktoren 
der Kindheit hält der Autor Angst und Minderwertigko.tsgefuhe. Diese spielen 
auch die Hauptrolle in der Neurose, während die Sexualität eine g^z 
mitergeordnete SteUe einnimmt. Der Autor vertritt d,e Überzeugung, daß das 
Sexuelle nur von sekundärer Bedeutung sei. Selbst m Fallen, wo die neurotischen 



Referate 135 

Symptome zweifellas mit sexuellen Perversionen (Homosexualität, Masturbation 
usw.) zusammenhängen, muß man den Minderwertigkeitsgefühlen den ersten 
Platz in der Ätiologie einräumen" (S. 275). „Häufig — sehr häufig — tritt 
der Angstkomplex, wie der Esel in der Fabel, mit dem Löwenfell der Sexualität 
behängt auf und brüllt in dieser "Verkleidung um seine eigene Sicherheit. 
Jung sagt mit Recht, daß das, was in sexueller Form auftritt, deshalb noch nicht 
Sexualität sein muß. Die sexuelle Seite ist ganz oberflächlich. Der Angstkomplex 
ist grundlegend." (S. 111). Er hatte es bei Schülern mit Fällen von Hysterie 
zu tun, „von deren Sexualleben er mit gutem Grund annehmen konnte, daß 
es frei von Verdrängungen war" {S. 118). 

Die Entstehung der allmächtigen Angst- und Minderwertigkeitskomplexe 
wird nur sehr oberflächlich behandelt. „Was immer die Meinung der Ärzte 
sein mag, der Autor ist auf Grund seiner Erfahrungen als Leiter einer Schule 
zu dem Ergebnis gekommen, daß beim Knaben und Jugendlichen sexuelles 
Ausleben weit eher als A'^erdrängungen den neurotischen Charakter ausmachen. 
Die Verdrängung geht von den moralischen Forderungen aus" (S. gi). 
„Besonders deutlich wird das Minderwertigkeitsgefühl, das einer Verdrängung 
moralischer Forderungen folgt. Jede sexuelle Übertretung schafft Gewissensbisse 
und Minderwertigkeitsgefühle {S. 92). Aus verschiedenen Stellen, Eum Beispiel 
über das „Unheil heimlichen Lasters", scheint hervorzugehen, daß der Autor 
eigentlich an die Kastrationsangst und Schuldgefühle aus Onanie denkt, aber 
seine Einstellung gegen letztere scheint nicht darauf berechnet, die pathologische 
Situation zu beheben, vor allem da er nicht die geringste Kenntnis über die 
Entstehung von Angst- oder Schuldgefühlen verrät. 

Wir wissen, daß in der allgemeinen Entrüstung über die Psychoanalyse 
ihre angeblichen Gefahren außerordentlich übertrieben werden. Wenn man 
eine Gefahr erkennen kann, so liegt sie sicher in den von schlecht unter- 
richteten und unqualifizierten Leuten unternommenen Versuchen, die Methode 
anzuwenden, die sie lalschlich für Psychoanalyse erklären, und die Psycho- 
analytiker w^aren indolent, wenn sie gegen einen solchen Mißbrauch Iteinen 
Einspruch erhöben. Der Autor dieses Buches zum Beispiel läßt sich ganz 
leichtsinnig auf das ein, was er psychoanalytische Behandlung von Epilepsie, 
Hysterie und anderen Psycho neu rosen nennt, und veranlaßt seine KoUegen, 
dasselbe zu tun. Er führt aus, auf welche Weise Lehrer ohne irgend- 
welche spezielle Technik' dahin gebracht werden können, die 
Knaben von ihren Komplexen zu befreien. Diese Kunst läßt sich ohne 
Beziehung zu irgendeinem Psychoanalytiker erlernen. „Man hat die Frage 
erwogen, ob man alle Lehrer analysieren sollte. W^ir sind damit einverstanden; 
aber in Form einer Selbstanalyse!- Da bedarf es keiner Intervention 
des Arztes. Der Lehrer soll sich selbst analysieren" (S. 274). Die Frage, ob 
der Arzt oder der Lehrer die geeignetere Person zur Ausführung einer solchen 

Behandlung sei, wird mit Nachdruck zugunsten des letzteren entschieden (S. 272, _ 

27s) während allerdings ersterer bei der „ersten Diagnose des kleinen Patienten" -J 

gute Dienste leisten mag. Ein Arzt, der spezielle Schulung als Psychoanalytiker hat, | 

erscheint demnach doppelt ungeeignet zur Behandlung eines neurotischen Kindes, ' 

1) Im Original gesperrt. 

2) Im Original kursiv. 



130 Referate 



Es ist ein Kennzeichen für die über diesen Gegenstand in England herr- 
schende Unklarheit, daß kein Geringerer als der Lord Bishop von Rnarcs- 
borough diese schädliche Schrift dem Publikum „herzlich empfiehlt"; 
in seiner Ankündigung heißt es, daß sich das Buch mit „der Anwendung der 
Psychoanalyse auf die Arbeit des Pädagogen" befalit. Ferner hat ein hervor- 
ragender Aratj ein Universitätsprofessor, eine wohlwollende Vorrede geschrieben. 
Wie der Autor meint auch er, daß „die Psychoanalyse seit Freud einen 
langen Weg hinter sich hat", denn spätere Arbeiten zeigen, daß „das Sexuelle 
nicht das einzige oder nicht unbedingt wichtigste Motiv für menschliches 
Verhalten darstellt". Wir bedauern dies um so mehr, als Dr. Felling im all- 
gemeinen über das Thema der Erziehung mit großem Verständnis zu schreiben 
weiß. Ja, Tvir können nicht umhin, eine Stelle aus seiner Vorrede zu zitieren, 
eine der wenigen im ganzen Buch, mit der wir uns einverstanden erklären 
können: „Die größte Sünde moderner gebildeter Eltern ist die Tendenz, ihre 
eigenen Wünsche und ehrgeizigen Strebungen in das Lehen der Kinder zu 
drängen. Man kann den Eltern nicht deutlich und oft genug versichern, daß 
die erste ElternpHicht darin liegt, die Kinder zur umfassendsten Ver- 
wirklichung ihrer eigenen Möglichkeiten zu erziehen; ihnen dabei zu helfen, 
daß sie im gegebenen Alter eine selbständige Persönlichkeit werden. Um 
dies zu erreichen, bedarf es einer energischen Vernichtung aller elterlichen 
Strebungen, die etwa darauf gerichtet sind, gegen die erfolgreiche Durchführung 
dieser Ideen anzukämpfen." „Wenn der Apfel reif ist, fällt er vom elterlichen 
Stamm und wird nun selbst ein Baum, der Äpfel trägt.'" „Und doch findet 
man auch in diesen Zeiten einer ernsten und verantwortlichen Elternschaft 
selten Eltern, die in vollem Ausmaße die Pflichten ihren Kindern gegenüber 
in dieser Richtung erkennen (S. 12). 

Fassen wir den Geist dieser Rede in etwas weiterem Sinne auf, dann 
würden wir sagen, daß, wenn die Eltern sich weniger in Erziehungsfragen, j 

der Erzieher weniger in medizinische und der Ar^t weniger in ethische 
Fragen einmischte, das Endergebnis für den Gegenstand ihres Interesses 
vielleicht befriedigender ausfiele. Jones (London) 



Aus der psychoanalytischen Literatur 

Hartmann, Dr. Heinz: Die Grundlagen der Psycho- 
analyse. Georp-TJiieme- Verlag, Leipzig, I927. 

Darf eine neue empirische Wissenschaft auf jahrzehntelange Forschungs- 
arbeit zurücksehen, ist es nicht nur erlaubt, sondern beginnt es, ein Gebot 
zu werden, daß sie sich auf ihre Fundamente besinnt. Es hat bereits in 
früheren Jahren der Psychoanalyse nicht an solchen kritischen, methodo- 
logischen Versuchen gefehlt, sie machten aber teils den Eindruck des Vor- 
eiligen, Zufrühzeitigen, teils den Eindruck einer auf Ambivalenz gegründeten 
Tendenz, an Stelle der dringenden empirischen Mitarbeit bloße theoretische 
Überlegungen zu setzen. 

Die vorliegende Arbeit sticht wohltuend und grundsätzlich von jenen Ver- 
suchen ab. Sie zeigt euie methodologische Besinnung, die gründliche empirische 



Referate 137 

Kenntnis der theoretischen und praktischen PsA. zur Voraussetzung hat und 
damit ihre volle Berechtigung erweist. Sie untersucht die Hauptbegriffe der 
theoretischen PsA., ist also eine Methodologie der PsA. als Wissenschaft, 
nicht etwa eine Untersuchung der PsA. als praktischer, technischer Methode, 

Voraussetzung zu einer erfolgreichen derartigen Untersuchung ist zunächst 
diegründliche Beherrschung der Wissenschaft selbst — sowohl nach dem wissenschaft- 
lichen Verfahren, das sie anwendet, als nach dem Bereiche der inhaltlichen 
Erkenntnisse, die sie durch das Verfahren gewonnen hat — und weiter ein 
Vermögen, das Gesamtgefüge der empirischen Quellen und begrifflichen 
Stützen überschauen und kritisch durchleuchten zu können. Der A^'erf. verfügt 
über dieses "\^ermÖgen. Da er sich zudem kritiscli mit den verwandten 
Gebieten der experimentellen, der Denk-Psychologie, der Phänomenologie, den 
psychologischen Theorien der modernen Psychotherapie und -pathologie und 
andererseits mit allgemeinen wissenschattstheoretischen Untersuchungen 
(Rickert) auseinandergesetzt hat, gelingt es ihm, die psychoanalytische 
Begriffsbildung gegen die voranalytisch -psychologische und -psychotherapeutische 
abzusetzen und sie dadurch plastischer hervortreten zu lassen. 

Sowohl besonders wichtig als in der Darstellung geglückt ersclieint des 
Verf. Auseinandersetzung mit denjenigen Psychologien, die ihre Hauptaufgabe 
in der Darstellung von Versteh enszusammen hängen, in der Deskription der 
Mannigfaltigkeit seelischen Erlebens erschöpft sehen und darin einen Kardinal- 
unterschied zwischen der Psychologie und den kausal erklärenden Natur- 
wissenschaften erblicken. Verf. sieht demgegenüber gerade darin den Anspruch 
der PsA., als volle Wissenschaft zu gelten, begründet, daß sie ein Netz von 
Erkenntnissen und Begriffen geschaffen hat, durch das die unübersehbare 
Mannigfaltigkeit auf bestimmte wiederkehrende Gesetzmäßigkeiten reduziert 
zu werden vermag. Das Verstehen und die Deskription der seelischen Er- 
scheinungen bezeichnen nur die unerläßliche Vorarbeit der psa. Forschung, 
auf die die eigentliche wissenschaftliche Arbeit, die Reduktion auf das 
Typische und Gesetzmäßige, erst foJgt. 

Diese Betrachtung durchzieht die ganze Arbeit und wird an den Einzel 
untersuchimgen über die Begriffe des Unbewußten, der Libido, der psychischen 
Energie usw. erhärtet. Eine kritische Bemerkung sei hier angeknüpft: Wenn 
der Autor das wisse nschafüiclie Verfahren der Reduktion durchaus mit dem 
der „Naturwissenschaften" identifiziert, anstatt sich zu begnügen, die Analogie 
aufzuzeigen, so wird hier die PsA. wohl zu summarisch, zu undifferenziert 
den Naturwissenschaften eingeordnet, und es wäre demgegenüber darauf hin- 
zuweisen, daß, abgesehen davon, wieviel Verschiedenes nach Objekt und 
Methode unter dem Sammelbegriff der „Naturwissenschaften" verstanden wird, 
zur Gesamtcharakteristik der PsA. auch die spezifische Erfassungsweise des 
psa. Materials, so sehr sie zugestandenermaßen nur Vorarbeit ist, hinzu- 
gehört, und daß es Schwierigkeiten machen würde, diese Erfassungsweise den 
Wahmehraungs- und Beobachtungsweisen der anderen, die Körperwelt unter- 
suchenden Naturwissenschaften ohne Feststellungen bedeutsamer Unterschiede 
anzugliedern. Die Untersuchung der spezifischen Erfassungsweise des psa. 
Materials ist in dem Buclie — wie der Verf. versichert, geschah das freilich 
in bewußter Beschränkung — zu stiefmütterlich behandelt worden und — 
damit zusammenhängend — der „naturwissenschaftliche" Charakter der PsA. 



138 



Referate 



zu einseitig betont worden. Ref. würde es vorziehen, die PsA. als eine „quasi" 
naturwissenschaftliche Disziplin zu charakterisieren und — der Sache nach 
mit dem Verf. zusammenstimmend — den empirischen Charakter der 
PsA. zu unterstreichen, ohne aber jedoch diejenigen Momente zu vernach- 
lässigen, die die PsA. von den anderen Naturwissenschaften unterscheiden. 

Im ersten Abschnitt (PsA. als Naturwissenschaft) betont Verf. mit 
Recht gegenüber der Husserlschen Schule, daß es sich bei der PsA. um 
„reale psychische Vorgänge realer Individuen" handle, und daß ihre 
Aufgabe nicht sei, „WesensT-usammenhänge", sondern „kausale Zusammen- 
hänge aufzufinden". „Alle Veränderungen in der Zeit, die seelischen nicht 
minder als die körperlichen, müssen der Kategorie der Kausalität unterworfen 
werden — "* (S. i o), Verf. betont auch mit Recht R i c k c r t gegenüber, 
daß das Hauptziel der Naturwissenschaften nicht so sehr eine Begriffsbildung, 
als eine Einsicht in die Gesetzlichkeit der Naturvorgänge sei (S. 9). 
„So werden in den Begriffen der Verdrängung, des Widerstandes usw. gesetz- 
mäßig zusammengehörige Elemente zusammengefaßt" (S. 10). Verf. würde 
hier mit Alois Riehl, der an diesem Punkte Rickert treffend kritisiert 
und den „Gesetzesbegriff" der Naturwissenschaften herausstellt, einig gehen. 
,.Die gefundenen Regeln werden an das noch fremde, ungeordnete Material 
herangetragen — ." Verf. hat recht, die Anwendbarkeit der logischen 
Grundlagen des naturwissenschaftlichen Denkens auf das Seelenleben ist nicht 
zu bestreiten. „Erklärt ist ein Vorgang dann, sofern es gelingt, ihn einer 
solchen Regel einzuordnen." „Der bloße Nacliwcis eines Sinnzusammenhanges 
aber — kann als Erklärung — nicht gelten" (S. 11). Die psa. Theorien- 
bildung hat, wie jede naturwissenschaftliche, die Reduktion der qualitativen 
Mannigfaltigkeit zur Aufgabe. „Wie der Chemiker einen Körper nicht 
charakterisiert durch Aufzählung seiner Qualitäten, sondern durch Angabe der 
Elemente — und der Stellung der Atome zu einander, — so werden von 
der PsA. Zustände und Zustandsänderungen nicht durch die zugehörigen 
Erlebnisqualitäten gekennzeichnet, vielmehr durch das Mit- oder Gegen- 
einander von (relativ) elementaren seelischen Vorgängen, deren Dynamik uns 
bekannt ist" (S. 13). 

In einem zweiten Abschnitt beschäftigt sich Verf. mit der Anw^endbar- 
keit der PsA. auf die Geisteswissenschaften. Er lehnt Dilthey, der die 
Psychologie nicht als erklärende, sondern nur als beschreibende und ver- 
stehende als für die Geisteswissenschaften, insbesondere die Geschichte fruchtbar 
anerkennen will, mit dem Hinweis ab, „daß nicht der Charakter dieser 
Psychologie als Gesetzeswissenschaft sie verhindert, für die Geistes- 
wissenschaften Bedeutung zu erlangen, vielmehr der bisherige Stand ihrer 
Entwicklung, ihre methodische Unreife und ihre Beschränkung auf gewisse 
Tatsachenkreise" (S. 29). Ganz andere Dienste kann dagegen die PsA. den 
Geisteswissenschaften leisten. „Ihre Richtung auf das Kerngebiet des 
Seelenlebens und seine inhaltliche Erfülllheit, auf das Unbe- 
wußte und auf die Einheit der Person lassen eine fruchtbare 
Anwendung ihrer Einsichten auf das geisteswissenschaftliche Gebiet auch dort 
zu, wo die anderen psychologischen Methoden versagen müssen'" (S. 55). 

Im Anschluß an die Rickert sehe Unterscheidung der Naturwissen- 
schaften als der auf Allgemeines zielenden Wissenschaft von der Geschichte 



Referate 139 

als der auf Einmaliges gehenden Forschung bezeichnet Verf. die Psycho- 
analyse selbst da, wo sie die seelische Entwicklung im Auge hat, als im 

wesentlichen nicht für die einmalige Entwicklung, sondern für die 
Gesetzlichkeiten der Entwicklung interessiert. Kur bei Darstellungen, 
wie bei der Freuds: von der Urhorde zur Kultur, liegt ein „So-und-nicht- 
anders-Sein" der Entwicklung, also eine historische Betrachtungsweise vor (S. 56). 

Im dritten Abschnitt {Verstehen und Erklären) setzt Verf. seine 
Ablehnung der Auffassung der Psychoanalyse als einer „verstehenden" Psycho- 
logie fort. Schon gar nicht ist es der PsA. um ein Verstehen als dem 
„Erfassen eines irrationalen Sinngebildes" zu tun, aber auch mit dem 
„Erfassen realen seelischen Seins" als einem „Nacherleben" ist es nicht getan. 
Verf. setzt sich insbesonders mit Jaspers auseinander und bekämpft dessen 
Ansicht von der „unmittelbar erlebten Evidenz" als eines Richtigkeits- 
kriteriums, Ein von einem Evidenzgefühl begleiteter „verständlicher Zusammen- 
hang kann durchaus ein Scheinzusammenhang sein. Das gilt für das 
Selb st verstehen in gleichem, ja, höherem Maße als für das Fremd verstehen. 
Und weiter: „Das Verstehen (im Sinne eines Nacherlebens realen psychischen 
Geschehens) findet seine notwendige Grenze an zwei Tatsachenkreisen: 
am unbewußten Seelenleben und an jenen Vorgängen, w^elche wir als 
, somatischen Einbruch (Schilder) zusammenfassen. „Die unbe- 
wußten Zwischenglieder aber, wie die xmbewußten Einflüsse auf bewußte 
Zustände und Abläufe, sind nicht erlebt imd als nicht na cherlebbar — " 
(S. 51). Der „verständliche", der nacherlebbare Zusammenhang kann den 
wirklichen Vorgang überdecken. An diesem können somatische Faktoren 
beteiligt sein, und auch dieser Umstand „macht es grundsätzlich unmöglich, 
durch das nacherlebende Verstehen das Erklären sozusagen zu substi- 
tuieren . 

Verf. will denen nicht folgen, die den Begriff des „Verstehens" erweitern 
und auch Handlungen eines Menschen zu „verstehen meinen, die bei ihm 
aus ihm selbst unbe\vußten Zielsetzungen entsprungen sind. Verf. meint, dieser 
Begriff führe „von dem ursprünglichen Begriff des Verstehens als eines Nach- 
erlebens weit ab . „Logisch betrachtet, ist dies als-ob-Verstehen eine Kom- 
promißbildung zwischen dem einfühlenden Verstehen und einer Hypo- 
these" (S. 54). 

Hier kann Ref. dem Verf. nicht recht folgen. Ich glaube nicht, daß man 
dem unbewußten Reagieren des A. auf unbewußte Vorgänge bei B., ohne der 
Sprache Gewalt anzutun, die Bezeichnung „verstehen" verweigern kann. Die 
Grundposition des Verf., daß für die PsA. das Erleben nur Ausgangspunkt, 
niclit Ziel sei, bleibt ungefährdet, auch wenn man das Verstehen auf die 
unmittelbare Erfassung unbewußter Vorgänge ausdehnt. Das „Verstehen" 
(auch in diesem erweiterten Sinne) liefert das Material, die Daten der psycho- 
analytischen Wissenschaft, die erst durch das Kausal-Rationale (das „Erklären") 
zu Inhalten wissenschaftlicher Begriffe und Gesetze werden. Der Verf. 
scheint mir hier Binswanger und S c h e 1 e r nicht ganz gerecht zu 
werden. Er sieht vor der unzweifelhaft notwendigen Betonung des kausal- -1 

rationalen Momentes nicht genügend den vorrationalen Charakter der D a t e n 
der Erkenntnis und der vorrationalen Gegebenheitsweise dieser Daten. ' 

Gewiß hat der Verf. recht, wenn er sagt, daß wesentliche Begriffe der 



140 Referate 



PsA., so die der Verdichtung, der Fixierung oder der Regression, nicht „ver- t 

standlich" (im Sinne von nacherlebbar), sondern theoretische Konstruktionen * 

sind, aber darum kann doch das Material, das vorwissenschaftliche, auf dem 

sich diese wissenschaftlichen Begriffe aufbauen, durch „Verstehen" gegeben 

sein. Kein wissenschaftlicher Begriff ist „verständlich" im Sinne eines bloßen 

Erlebens; in den Natur- wie in den Geisteswissenschaften ist das Erlebte, das 

Datum, nur der im Begiiff absorbierte Stoff. '} 

Verf. betont mit Recht, daß die PsA. als Wissenschaft die Einordnimg in ,J 

kausale Zusammenhänge zum Ziele hat, und daß aucli Freud dieses Ziel '» 

immer im Auge hat, auch wenn er „sinnvoll und „ kausal- determiniert ' 

identisch gebraucht. 

Am Schluß des Abschnitts versöhnt der Verf. mit der Versicherung, daß 
er „keineswegs die Wertlosigkeit des Verstehens für die Psychologie dekretiert 
haben wollte (S. 60). „Wir dürfen ja nicht vergessen, daß das Hervorgehen 
der Willenshandlung aus dem Willensakt das Vorbild nicht nur 
der verständlichen, sondern auch der kausalen Beziehungen ist. Der Kausalitäts- 
begriff aber — und das ist das Entscheidende — hat sich von seinem Ursprung 
im Kausalitätserlebnis befreit, dies Erlebnis gilt nicht mehr als das 
Kriterium kausalen Zusammenhängens". 

Im vierten Abschnitt bespricht Verf. „die Methode des freien Einfalls . 
U. a. weist er hier auf die Verwandtschaft der psa, Auffassung, die den 
Gedankenablauf durch unbewußte Ziel Vorstellungen bestimmt sein läßt, mit der 
Lehre Achs von den „determinierenden Tendenzen" hin und auf die Über- 
legenheit dieser Auffassung gegenüber der von den Assoziationsgesetzen, den 
Reproduktions- und Perseverationstendenzen, welchen Faktoren nur eine .; 

sekundäre Bedeutung zukomme. „Komplexe", durch die Gedankenabläufe 
determiniert sein können, sind, so definiert Verf., ^in der psa. Bedeutung des , 

Wortes - — Gruppen von Vorstellungen und Gedanken, welche durch affektive \ 

und triebhafte Einstellungen zusammengefaßt sind". 

Einer Darstellung des Verf. von der Zensur und dem Ideal-Ich. wenn Verf. 
mit ihr Freuds Meinung wiedergeben wollte, muß Ref. entgegentreten. Verf. 
sagt (S. 68) : Wir verstehen unter der Zensur „eine psychische Institution, 
welche im Dienste des Ideal-Ich — einer besonderen Organisationsform im 
Ich — steht, und welcher die Aufgabe zufällt, alle jene Mächte vom Bewußtsein 
femzulialten, die geeignet wären, die realitätszugewandte Funktion des Ich zu 
stören. Zu diesen Mächten müssen wir aber auch alle Vorstellungen und Ge- 
danken rechnen, welche nichtsacbgerichteten Tendenzen entsprechen, deren 
Aktualisierung also die Erreichung des logischen Denkziels gefährden würde 
(S. 69). Demgegenüber ist zu betonen, daß Ideal-Ich und Zensur auch eine 
ganz entgegengesetzte Funktion liaben : alles dem Ideal {den Wunsch Vorstellungen) 
nicht Gemäße vom Bewußtsein fernzuhalten, also auch solche (inneren und 
äußeren) Realitäten, die ihm nicht gemäß sind. Nicht nur, soweit es 
„reaJitätszugewandt" ist, möchte das Ich nicht gestört werden, sondern vor 
allem, soweit es vom Lustprinzip regiert ist. Das Ich wehrt über und durch 
die Zensur alles ab, was ihm unbequem wird, also auch, vielleicht vor allem, 
die Realität. Im übrigen rechnet Freud — worüber allerdings zu diskutieren 
■wäre — gerade die Realitätsprüfung (in „das Ich und das Es") nicht zu den 
Funktionen des Über-Ichs, sondern ta denen des Ichs. 



I 



Referate I41 

Der fünfte Abschnitt behandelt das Unbewußte, Die Einführung des 
unbewußten Psychischen ist nicht damit zu rechtfertigen (S. 78), „daß seine 
Annahme erst den geschlossenen Kausalzusammenhang auf seelischem 
Gebiet ermögliche". „Überall unterliegt das Psychische (oder, vom Standpunkt 
des Parallelismus gesehen, der zugeordnete Großhirnvorgang) Einwirkungen 
von der Körperseite her, und umgekehrt gehen ununterbrochen vom Psychischen 
(oder dem Prozeß im Großhirn) Wirkungen über den Körper zur Außenwelt." 
Es ist also nichts mit dem geschlossenen Kausalzusammenhang im Psychischen. 
Der ließe sich nur vertreten auf dem metaphysischen Boden eines „universellen 
Parallelismus " oder eines „ spiritualistischen Monismus". Aber auch ohne die 
Annahme eines geschlossenen psychischen Kausalzusammenhangs bleibt die 
Psychologie eine selbständige Wissenschaft. 

Man kann dem Verf, grundsätzlich rechtgeben, muß aber andererseits 
bemerken, daß mit seiner Skizze die Probleme nur angedeutet sind. Man darf 
wohl fragen, ob sowohl den Wechselwirkungs- wie den Parallelismus-Hypothesen 
nicht bereits die falsche Voraussetzung zugrunde hegt, die Physisches und 
Psychisches ohne Bedenken wie zwei nebengeordnete Gegenstände betrachtet, 
während hier vielleicht primär nur das Verhältnis zweier Methoden, der 
somatologischen und der psychologischen, zu untersuchen wäre. Methoden 
können weder in Wechselwirkung miteinander stehen noch parallel laufen, 
nur ihre Ergebnisse können einander vielleicht zugeordnet werden. 
Wie weit diese Zuordnung gerechtfertigt ist, ließe sich nur im einzelnen und 
nur empirisch entscheiden. 

Auch S c h i 1 d e r s Begriff vom „Wirkungswert'* und der „Niveauveränderung" 
können nach dem Verf. nicht zur Annahme eines lückenlosen psychischen 
Kausalzusammenhanges führen. Beim „somatischen Einbruch" werden „rein 
psychische Energie Verschiebungen" „durch einen organischen Faktor kausal 
bestimmt" (S. 79). Gleichviel besteht „eine relative Selbständigkeit" der 
psychisclien Abläufe „gegenüber der Einwirkung somatischer Einflüsse", ver- 
gleichbar mit der relativen Selbständigkeit der Reaktionen von Organismen 
auf Reize, die ja auch nicht „die Ursache einer biologischen Veränderung" 
sind, sondern „immer nur die auslösenden Ursachen, durch welche 
potentielle Bereitschaften aktualisiert werden". Wenn also auch nicht lücken- 
loser Kausalzusammenhang im Psychischen, so doch eine gewisse Kontinuität, 
eine Kontinuität, die aber nur durch Ausdehnung auf das Unbewußte möglich 
wird. 

Die Darstellung des psa. Unbewußten, die der Verf. im gleichen Kapitel 
gibt, ist eine präzise Darstellung der Freudschen Theorie. „Das Unbewußte 
wird mit Hilfe von Analogieschlüssen erkannt" (S. 85). Es handelt sich beim 
Unbewußten um eine Hypothese. „Der Wert der Hypothesen liegt hier, wie 
auch sonst, in der Möglichkeit, welche sie bieten, den gesetzmäßigen Zusammen- 
hang der Erscheinungen zu begreifen" (S. 86). „Eine Verifizierung des 
Unbewußten als Unbewußtes (vom Ref. gesperrt) ist wahrnehmungs- 
mäßig nicht möglich. — Das Unbewußte wird denkend bestimmt, es ist 
immer ein „Hinzugedachtes (S. 86). Annahmen über unbewußte Vor- 
gänge können verifi ziert werden dadurch, daß vergangene Erlebnisse, die 
unbewußt waren, „zur bewußten Gegebenheit gebracht werden können" (S. 86) 
oder auch durch nachträgliche Aussagen anderer Personen. Bloße Introspektion 



X^2 Referate 



kann wegen der „Rationalisierungen, welche die wirklichen Zusammenhange 
verfälschen", „nicht zur Voraussetzung für die Zulassigkeit von Annahmen 
über das unbewußte Geschehen gemacht werden" (S. 88). Die Introspektion 
kann natürlich nicht ausgeschaltet werden, sie „kann für die Lehre vom 
Unbewußten eine Kontrolle aligeben, aber andererseits sind die Regebi der 
PsÄ vrieder eine Kontrolle für die Zuverlässigkeit der Introspektion — das hat 
man zumeist übersehen" (S. 88). Auf beschränktem Gebiet ist auch eine 
Verifizierung durch das Experiment möglich (Experimente von Roffenstem, 
Betlheim und Hartmann, N a ch m a n s o hn), weiterhin durch die 
Bewährung der Hj-po^liese bei der Untersuchung von primitiven Sitten, von 
Mythen und Psychosen. 

Am Schluß des V. Abschnittes stellt VerF, eine vom er kenntnis theoretischen 
Standpunkt aus zu bemängelnde Auffassung Freuds richtig. Freud Stellt 
das Unbewußte als das eigentlich reale Psychische dem Bewußten als der 
Erscheinung gegenüber. Das aber ist ein erkenntnistheoretisches Kalkül, „das 
Bewußtsein der Psychoanalyse ist ja nicht ein blolJ wahrnehmendes Erkennen, 
sondern psychischer Vorgang, ^ ist niclit weniger und niclit mehr real als 
das (psychologische) Unbewußte" {S. 90). „Bewußtsein im erkenntnistheoretischen 
Sinn aber meint etwas ganz anderes, das ebensowenig Gegenstand der Psycho- 
analyse wie der Psychologie überhaupt sein kann" (S. 90). 

Das VI. Kapitel handelt von der „p.fychischcn Dynamik". Wir können 
uns hier in der Hauptsache mit der Feststellung begnügen, daß der Verf. die 
psychoanalytische Lehre von der Auffassung der seelisclien Vorgänge als eines 
Kräftespiels, von der Verdrängung und vom Widerstände, von der Trenn- 
barkeit von Vorstellung und Affektbetrag, von Verschiebung und Verdichtung 
korrekt vorträgt und sie geschickt mit den voranalylischen und mit den 
der psychoanalytischen Forschung gleichzeitigen Untersuchungen der experimen- 
tellen und der Denkpsychologie in Beziehung setzt, und zwar so, daß einerseits 
der Analytiker erfährt, wie die letzteren verschiedentlieli durch ihre ganz 
anders geartete Methodik Bestätigungen der psychoanalytischen Forschung 
erbracht haben, und daß anderseits dem Experimental- und dem Denkpsycho- 
logen durch des Verf, Darstellung der Weg zum Verständnis der Psychoanalyse 
erleichtert wird. Im VIT. K. a p i t el stellt Verf. den analytischen Symbolbegriff zunächst 
in Anschluß an R an ks und Sachsens „Die Bedeutung der Psychoanalyse für 
die Geisteswissenschaften" dar. „Man darf nicht allgemein sagen, die 
SyrabolbUdung sei Resultat der Verdrängung — ". „Die Entstellung 
z. B. .der latenten Gedanken im Traum durch symbolische Darstellung ist der 
Entstellung durcli Zensurwirkung nicht unter — sondern nebenzuordnen 
(100). Der (nach Freud) letztlich genetische Sinn der Symbolbeziehung 
wird hervorgehoben, ihre Typik auf diese zurückgeführt. „An der Wurzel 
der Symbolik stehen ja Gedanken, Wünsche, Trieb haltungen, die wir als 
.allgemein menschlich' anerkennen müssen." Gleichzeitig wird zur Verständlich- 
machung der „Gleichförmigkeit im Seelenleben" auf Versuche von Marbe 
hingewiesen. Die Untersucliung der Symbole außerhalb der Neurose und des 
Traumes, in Folklore, Witz, Mythos und in der Psycliose ergibt erwünschte 
Bestätigungen der durch die Psychoanalyse an den ersten beiden Erscheinungen 
entdeckten und behaupteten Zusammenhänge. Z. li. ergibt sich bei der 
Beobachtung eines Schizophrenen die Deutung eines Symbols „sozusagen von 



V 



Reierate 143 

selbst, wenn nämlich ein Gedanke das eine Mal unverhüllt, gleich darauf aber 
in symbolischer Form auftritt" {104). Mit Schilder wird das bilderreiche, 
mit Symbolen überladene Denken des Schizophrenen als Ergebnis einer 
„ Unabgeschlossenheit des Denkprozesses" betrachtet und auch die „Anschauungs- 
bilder" von Jaensch zur Stütze der Auffassung des bildhaften Denkens als 
einer Vorstufe des entwickelten Denkverlaufs herangezogen, Verf. legt auch 
in diesem Kapitel wieder Wert darauf, daß man einsieht, „daß die Symbole 
für die Psychoanalyse nicht nur Ausgangspunkte sinnhafter Deutungen 
sind, sondern daß diese versucht, ihre gesetzmäßigen Beziehungen innerhalb 
der kausalen psychischen Zusammenhänge festzulegen''. 

Am Schluß des Abschnittes wird auf die experimentellen Symbolstudien 
von Schrötter, Roffenstcin, Nachmansohn, Betlheim und Hartmann 
hingewiesen. Die beiden letzten ließen z, B. Korsako ff- Kranke „Prosastücke 
grob sexuellen Inhaltes lernen und nach verschieden langer Zeit reproduzieren , 
Die dabei auftretenden Vorstellungen standen zum Teil zur gelernten Vorstellung 
im Verhältnis des Symbols zum Symbolisierten. Eine Kranke ersetzt z. B. die 
gelernten Worte: ,,Der Mann — steckte sein steifes Glied in ihre Scheide 
bei der Reproduktion durch die Worte: „steckte das Messer in ihre Scheide . 
Einige Tage später sagt sie: „Sie hat er gestochen. ' 

Ref. möchte hier die Frage aufwerfen, ob diese Experimente wohl einen 
höheren Grad von Beweiskraft besitzen als die Erfahrungen bei der Traum- 
analyse. Die gelernte Geschichte des Korsako ff-Kranken ist im Grunde kein 
anderer Ausgangspunkt als etwa ein nachweisbar stattgefundenes Ereignis des 
Traumvortages oder der Vergangenheit, das im Traum symbolisiert wieder- 
gefunden wird. Der Vorteil dieser Experimente liegt offensichtlich nicht in 
ihrer höheren logischen Beweiskraft, als vielmehr darin, daß sie für 
einen Dritten oder gar für ein ganzes Auditorium vorführbar sind. 

Eine zweite kritische Bemerkung möchte Ref. kurz andeuten: Bei der 
Behandlung der Symbolik durch den Verf, wird offenkundig, daß hier eine 
rein kausale, naturwissenschaftliche Betrachtung allein nicht genügt, um den 
Gegenstand präzis zu erfassen. Kategorien sprachwissenschaftlicher Methodik 
müssen nach des Ref. Ansicht hier hinzukommen. 

Im VIII. Kapitel (Trieblehre) sucht Verf. den analytischen Trieb- 
begriff zunächst im Anschluß an Freuds Untersuchungen in „Triebe und 
Triebschicksale" und in den „Drei Abhandlungen" zu umreißen imd ihn 
dann mit Schilder vom Begriff des Willens abzugrenzen. „Der Wille 
richtet sich (im Grundfalle) auf Gegenstände, nicht auf Befriedigungen" (111). 
Jedoch sind die Gemeinsamkeiten zwischen Trieb und Willen „für die 
analytische Auffassung wesentlicher als die Unterschiede. Auch die Willens- 
handlung kann weitgehend als Wirkung triebhafter Stellungnahmen begriffen 
werden". — Weiterhin wird die Triebbedingtheit des Denkverlaufs, des 
Gedächtnisses, des Urteilens und Vergessens betont und auch die Wahrnehmung 
als ein durch die Triebpsychologie aufzuhellendes Phänomen hingestellt. „Mit 
der Betonung der Triebgrundiage des Seelischen ist gleichzeitig die bio- 
logische Richtung der Psychoanalyse gekennzeichnet." Die Stützung auf 
die Biologie bedeutet einen großen Vorzug der psychoanalytischen Psychologie. 
Ob die hypothetische Anwendung der psychobiologischen Gesichtspunkte auf 
allgemein biologische und morphogenetische Fragen (Freud, Ferenczi) 



144 Referate 



haltbar ist, „wird erst ihre Aufnahme und Nachprüfung durch die Entwickluugs- 
biologie entscheiden können (114)- 

Bei der Besprechung der analytischen Lust-Unlust-Theorie formuliert 
Verf. (wiederum in berechtigter Polemik gegen eine bloß phänomenologische 
Unterscheidung seehscher Qualitäten) die „Fe chner-Freu dsche These" 
treffend mit den Worten: „Uns aber handelt es sich hier nicht um eine 
solche Gegenüberstellung zweier Qualitäten, vielmehr besagt die Fechner- 
Freud sehe These, daß gewisse metapsychologisch erschlossene, bewußtseins- 
transzendente Energieverschiebungen (Erregungs Verringerung und 
-Steigerung) der Qualität Lust (Unlust) zugeordnet sind (115). 

„Die regulative Funktion des Lustprin^ips spielt auch in biologischen 
Erwägungen eine große Rolle — ", aber „wir werden uns hüten 
müssen, uns die Verknüpfung zwischen Lustgefühl und adäquater 
Betätigung biologischer Interessen als eine zu innige vorzustellen" (115). Man 
denke nur an die im Laufe der ontogeneti sehen Entwicklung durch die 
Nötigung zur Anpassung der seelischen Struktur an die Umwelt bew^irkten 
Einschränkungen der Herrschaft des Lustprinzips. „Die Erwägung erscheint 
auf jeden Fall zwingend, daß auch die psychogonetische Entwicklung der 
Triebe und Instinkte durch das Selektionsprinzip mitbestimmt 
werden müsse" (116). Das Lustprinzip ist aber nicht etwa nur „ein Mittel, 
dessen sich das Realität-iprinzip zum Zwecke der Anpassung bedient , sondern 
es hat ein bedeutendes Maß von Selbständigkeit. BL'weisend sind hier 
die Hinweise von B r u n auf die Untersuchungen von Was mann über die 
„Gäste" oder „Symphileii" der Ameisenstaaten, Die wegen des berauschenden 
Exsudats der Gäste geübte Gastpflege, die sichtlich im Dienste des Lust- 
prinzips steht, kann durch die Vernachlässigung der eigenen Ameisenbrut und 
wegen der Feindseligkeit der „Gäste" die Existenz des Staates ernstlich 
gefährden. Hier steht neben der „Naturselektion" also eine unbestreitbare 
„ Libidinalselektion von artgefährdenden Trieben (117). 

Im weiteren stellt Verf, Freuds Lehre vom „ Wiederhol ungszwang" und 
die Entwicklung von der begrifflichen Unterscheidung: Ichtrieb und Sexual- 
trieb über den Begriff der narzißtischen Libido zu dem Begriffspaar: Eros 
und Todestrieb knapp und treffend dar. „Wir dürfen erwarten, daß die 
Entscheidung darüber, in welcher Abgrenzung — in der älteren von 
Ich- und Sexualtrieb oder in der jüngeren von Eros- und Deslruktionstrieb 
— die grundlegendere Gegen sälzliclikeit erfaßt ist, auf biologischem 
Gebiet fallen wird" (119). 

Das Kapitel IX handelt von den Begriffen der psychischen Energie und 
der Libido; der nicht räumliche Charakter des Psychischen verlangt einen 
anderen Energiebegriff als den physikalischen. „Eliminieren wir die räumlichen 
Bestandstucke, welche als Maß, Weg, Geschwindigkeit im Energiebegriff der 
Physik direkt oder indirekt enthalten sind, so bleibt als Definition: die 
Fähigkeit, Widerstände zu überwinden, oder noch weiter gefaßt : Veränderungen 
XU setzen" (124). „Die allgemeinste Einteilung, welche die Psychoanalyse an 
den Formen seelischer Energie nach ihrer Zustandswei^e vornimmt, ist die 
in frei abfuhrfähige und gebundene" {125). Die freien Energie- 
quanten haben nach Freud wesentlich im Trieb ihren Ursprung. Dem 
System Bw kommt die „Lenkung und zweckmäßige Verteilung der mobUen 



ReJerale 145 

Besetzungsquantität" zu (Freud, Traumdeutung). „Diese regulierende Funktion 
erfüllt das Bewußtsein durch Ü b e r be s e tau ng der ausge^wätilten Regungen 
und Gedanken" {126). Der Unterschied der Arbeitsweise des Systems Bw und 
des Systems Ubiv ist energetisch charakterisierbai- durch die leichtere 
Verschiebbarkeit der Besetzungen im Ubw gegenüber der Hemmung der 
frei beweglichen Energiemenge hei der „probenden Denkarbeit (Fr eud)". 
Die Annahme, daß bei „Abfuhrphänomenen psychische Energie verschwinde 
und im motorischen Effekt ihren entsprechenden Ausdruck finde", würde die 
„Umwandlungsfähigkeit der psychischen Energie in andere Energiearten 
voraussetzen, über welche wir zunächst gar nichts aussagen können". „Wir 
wollen daher die andere Möglichkeit offen lassen, daß nämlich die Menge 
psychischer Energie durch Abfuhr nicht verringert wird, daß es sich vielmehr 
um eine Verschiebung innerhalb verschiedener Ablaufsarten handle" 
(127). (Vgl. des Ref. Ausführungen über die energetischen Verschiebungen bei 
den Desexualisierungs Vorgängen in dessen „Beiträgen zur Metapsychologie".) 
Freud unterscheidet Energie arten entsprechend den Trieb arten, z. B. 
Energie der Sexual triebe und Energie der Destruktions triebe. Eine 
dritte Energieform ist die „an sich indifferente" (Freud), dem narzißtischen 
Libidovorrat entstammende Energie, die „zu einer qualitativ differenzierten 
erotischen oder destruktiven Regung hinzutreten" kann (Freud), und die 
auch die energetischen Verschiebungen der Denk- und anderen „höheren 
seelischen Vorgänge bestreitet (150). 

Die Psychoanalyse nimmt Umw^andlungen einer Energieform in eine 
andere an. „Man kann ganz allgemein sagen: der Kampf zwischen 
Sexualität und Selbsterhaltung spielt sich, soweit er psycho- 
energetisch faßbar ist, in Transformationen zwischen narzißtischer und objekt- 
libidinöser Energie ab" (151)- 

Was den Begriff der Libido anlangt, so bedeutet er in der Psycho- 
analyse nicht „sinnliche Lust , sondern ist ein rein energetischer 
Begriff. In der Psychoanalyse bedeuten die Begriffe Trieb und Libido, 
trotzdem sie an sich sowohl auf seelische als auf körperliche Prozesse 
zielen, jedenfalls Psychisches, die „Art der Beziehung eines Psychischen zu 
den damit verknüpft gedachten organischen Vorgängen liegt außerhalb der 
Grenzen psychoanalytischer Fragestellung" (152). „An der Tatsache des 
Ineinandergreifens seelischer und körperlicher Vorgänge darf dagegen keine 
Psychologie vorübergelien.*" Psychische und physische Energien scheinen 
einander vertreten zu können (Hypnose kann Chloroform ersetzen). „Dieselben 
körperlichen Systeme können einerseits von psychischen, andererseits von 
organischen Vorgängen her eine Veränderung erfahren" (132). 

Verf. neigt unter Heranziehung von Lieder, Schilder, v. Grot, 
Kauders, Heyer und Schwarz zu der Annahme einer Wechselwirkung 
psychischer und physischer Energien und dazu, diese zu bestimmten Gehirn- 
nartien in Beziehung zu setzen. Eine Diskussion der schwierigen Frage; „Wie 
ist es möglich, eine Einwirkung von Psychischem auf Physisches und 
umgekehrt anzunehmen und gleichzeitig die Körperwelt als geschlossenes 
energetisches System anzusehen?" und der Frage des Verhältnisses der Theorie 
der psychischen Energie zur Wechselwirkungs- und Parallelismus -Hypothese 
schließt Verf. mit den Sätzen : „ Keiner der beiden Erklärungstypen des 

Int. Zeitwhr. f. Psychoanalyse, XlVjl lo 



146 



Kefenite 



psychophysischen Parallelismus macht die Annahme einer psychischen Energie 
notwendig; beide aber sind mit ihr vertrag 1 ich. Die Entscheidung 
für oäe» gegen die energetische Betrachtung; des Seelenlebens hängt von 
Zweckmäßigkeits fragen psychologischer Theorienbildung ab. — Die 
Psychoanalyse mußte sich für sie entscheiden" (135). 

Das X. Kapitel, betitelt „Die Ontogenese des Sexualtriebes", stellt in 
zusammenhängender Form alle wesentliclien Punkte der Freudschen Lehre 
von den Organisationsstufen, den Partial trieben, der kindlichen Sexualität, dem 
Ödipuskomplex, der Genese des Über-Ichs, und weiterhin die Lehre von der 
Fixierung und der Regression, der Subliraierung (diese u. a. im Anschluß 
an Ausführungen Bernfelds) treffend dar. Da unser Referat vorwiegend 
für den unterrichteten Analytiker gedacht ist, verzichten wir hier wie an 
allen anderen Stellen des Ruches, wo Verf. die psa. Lehre darstellt, darauf, 
seine Darstellung zu referieren zugunsten eines Berichts über des Verf.'s 
methodologische und grundsätzliche Betrachtung. So betont er, daß der 
psa. „Typenbegriff" der Organisation ss 1 11 fen „kein Wertbegriff sei. Anderer- 
seits laufen teleologische Gesichtspunkte, freilich nur soweit sie lediglich 
heuristisch gedacht sind, der kausalen Forschung nicht zuwider, sind 
vielmehr für die Biologie und damit auch für die PsA. notwendig. 

Es ist unrichtig, zu behaupten, die Analyse kenne keine wertgerichteteo 
Akte. Auch die Psychoanalyse kennt die „ selbstaufopfernde " Liebe (Scheler). 
Aber die Frage zu beantworten, ob den Werten, auf deren Verwirklichung 
die sublimierten Regungen sich richten, eine objektive Geltung zukommt, 
gehört nicht zu den Aufgaben und Kompetenzen der psychoanalytischen 
Forschung. Am Schluß des Abschnittes bespricht Verf. die Aussichten und 
Grenzen einer analytischen Charakterologie : „Es werden die (im engeren Sinne) 
sexual psychologischen Entwicklurgslatsachen für sich allein natürlich nur eine 
relativ schmale Basis zur Begründung gerade einer Charakterlehre 
abgeben." Eine Erweiterung nach der Seite der Ichpsychologie ist vornehmlich 
durch den Begriff der Identifizierung möglich geworden. Aber trotzdem, es 
muß der „analytische Versuch einer genetischen Charakterologie 
unvollkonunen bleiben (152)- 

Im Abschnitt XI (Psychoanalyse und Psychiatrie) stellt Verf. die Ausweitungs- 
möglichkeiten dar, die der Psychiatrie durch die psychoanalytische Lehre und 
Forschungsmethode gegeben sind. Er illustriert das insbesondere an der Be- 
sprechung der analytischen Ätiologie und Dynamik der Melancholie und 
Schizophrenie und scliickt dieser eine Darstellung der genetisch und 
topisch-dynamisch- ökonomisch charakterisierten psyclioanaly tischen Ätiologie 
der Neurosen voraus. Aber „es kann ja keine Rede davon sein, daß die 
PsA. allein imstande wäre, das Ganze der psychiatrischen Wissenschaft auf- 
zubauen ~ die Gegenstandsbereiche der PsA. und Psychiatrie bilden zwei sich 
schneidende Kreise" (155). 

Die Frage ist, „welchen Wert für die klinische Forschung wir der 
psychopathologischen Analyse psychotischer Zustande und Ablaufe zuerkennen 
dürfen". Beschränkt sich die psychopathologische Analyse auf die deskriptiv 
phänomenologische Methode (Jaspers), so ist der Wert für die Klinik fragUch. 
Anders sehen die Dinge aus, wenn wir die PsA. zu Hilfe rufen. „Entscheidend 
für die nosologischen Mittelpunkte und Grenzen ist ihr nicht allein der 



1 



Referate 147 



phänomenologische Befuntl, sondern vor allem die dynamisch -energetische 

Besonderheit dieses Geschehens — " (156). „Kein seelisches Geschehen, 
auch nicht das des Geisteskranken, kann voll erfaßt werden ohne Beziehung 
auf die Struktur der erlebenden Person. Das Schema eines persönlichkeits- 
fremden Krankheitsprozesses kann für sich allein der vollen Wirklichkeit der 
psychopathologischen Vorgänge niemals gerecht werden ~, Jedes psychische 
Symptom — auch im Rahmen organischer Prozesse — darf nicht nur, 
sondern muß einerseits deskriptiv-phänomenologisch, andererseits psychogenetisch 
erfaßt werden — ." 

Über die Rollen des organischen und psychischen Faktors in der Ätiologie 
der Psychosen äußerst Verf. zunächst in Bezug auf die Schizophrenie, 
daß man bei ihr, ähnlich wie bei den Neurosen, von einer „Ergänzungsreihe'' 
(Freud) sprechen müsse, nur falle „das ätiologische Schwergewicht bei 
der Schizophrenie mehr nach der Seite des Organischen" [164) (Schilders 
„Prinzip des doppelten Weges"). Andererseits ist auch die Libidoregression — 
und auch für die Schizophrenie sind regressive Vorgänge charakteristisch — 
von Freud keineswegs als rein seelischer Vorgang gemeint. „In den Begriffen der 
Fixierung und der Regression— und in ihrer Anwendung auf die 
Psychologie der Neurosen und Psychosen — liegt die zweite Konzeption. 
durch welchediePsA. unmittelbaren und fruchtbaren Einfluß auf die Entwicklung 
der Psychiatrie genommen hat"" (165). 

Auch gegenüber der organischen Krankheit der Epilepsie ist eine 
psychologische Charakterisierung durchführbar. Überhaupt ist bei keiner 
organischen Krankheit die „grundsätzliche Möglichkeit psychotherapeutischer 
Wirkung wegzuleugnen" ( 1 66). Auch die organischen Psychosen sind auf 
psychologischem Wege zu charakterisieren (Ferenczi, Hollös, Schilder). 
Aber „niemand denkt daran, auf psychologischem Wege feststellen zu wollen, 
warum ein Individuum an ,Paralyse erkrankt", „Sicherlich ist auf diesem 
Gebiet die psychologische Fragestellung für die Klinik relativ bedeutungslos: 
wir werden die Diagnose „Paralyse" niemals auf Grund von analytischen 
Überlegungen stellen. Aber die wissenschaftliche Bedeutung dieser 
Arbeitsrichtung wird dadurch nicht berührt" (167). 

Das XII. Kapitel behandelt Wertungsprobleme. An der Ablehnung der 
Psychoanalyse ist stark beteiligt „ein Glaube, daß Werte entwertet würden, 
wenn die seelischen Zustände, in denen sie verwirklicht sind, genetisch auf 
wertniedrige Regungen zurückgeführt werden könnten". Aber „der Ursprung 
einer Verhaltensweise, einer Handlung, einer Gesinnung entscheidet nicht über 
ihren Wert". „Und weiter: Es gibt eine Ethik des Erkennenden, 
die eine auf den gekennzeichneten Gründen beruhende Ablelmung nicht 
duldet" (S. 169). 

Wenn sich die Psychoanalyse bemüht, „die affektiven Hintergründe der 
scheinbar rationalsten Stellungnahmen aufzudecken '' , so ist damit ein 
Relativismus in Bezug auf die mögliche obj ektive Geltung der 
Erkenntnisse mit der Vornahme .solcher Korrekturen, solcher psychologischer 
Subtraktionen — nicht verbunden. Auch eine pragmatistische 
Auffassung, „für welche die Kategorie nützlich- schädlich über den Wahrheits- 
gehalt unserer Erkenntnisse entscheidet, kann durchaus nicht — aus den 
psychoanalytischen Grundelnstellungen abgeleitet werden" (S. 170). „Vor 

10' 



148 Referate 

einem möglichen Mißverständnis soll nachdrücklichst gewarnt werden ; der 
Nachweis unbewußter und triebbedingter Stellungnahmen im Erkenntnis- 
prozeß ~- darf niemals als polemisches Argument zur Widerlegung 
wissenschafUicher Gegner Anwendung finden." „Es bleibt im Einzelfall immer 
möglich, daß die rationalen Argumente eines aus irrationalen Gründen Vor- 
eingenommenen dennoch beweiskräftiger sind als diejenigen seines Gegners, 
bei dem Fehlerquellen dieser Genese — keine RoUe spielen" (S. 171). Im 
übrigen: die systematische Bearbeitung der Frage, was „wissenschaftliche 
Objektivität", psychologisch gesehen, bedeutet, steht noch aus. 

Die Aufgaben der Logik und der Psychologie sind scharf zu trennen. Die 
erstere „gibt die Bedingungen gültiger Urteile an", die zweite untersucht die 
■wirklichen Denkakte als Teile des Naturgeschehens. Die gleiche scharfe 
Abgrenzung gilt für jede Form des Normativen, für die Normen der Ethik, 
der Ästhetik, der Jurisprudenz. Werten kommt nicht Wirklichkeit zu, 
sondern Geltung. Die Objektivität der wertbezogenen Wissenschaften ist nur 
wertphilosophisch zu begründen und liegt daher außerhalb des Bereiches der 
Problematik der Psychoanalyse als einer rein empirischen Naturwissenschaft, 
Nun sind aber gegenüber etwa den Gegenständen der Physik und Chemie, 
die „persönlichkeitszentralen Gebilde, denen die Bemühungen der Psycho- 
analyse gelten, immer gleichzeitig Objekte von Wertungen, und es ist eine 
Aufgabe für sich, die gelernt sein will, sich bei der wissenschaftlichen Unter- 
suchung dieser Gegenstände von Wertungen vollständig loszulösen" (S. 175). 
Die „reinliche Scheidung zwischen Tatsachenfeststellung und Wert- 
urteil" ist besonders in den sogenannten Pathographien selten befriedigend 
vollzogen. „Wertungen sind subjektiv in dem Sinne, daß die empirische 
Wissenschaft ihre normativ Geltung weder ,beweisen' noch ,widerlegen 
kann." Auch die Zuflucht zu „biologischen Werten" und „Entwicklungs- 
tendenzen" bietet nicht die gewünschte objektive Pundierung. 

Im Begriff des Krankhaften auf seelischem Gebiet wird oft eine versteckte 
Wertung, etvi^a die der sozialen Fähigkeit, mitgedacht. „ Pathographische 
Dai-stellungen kulturell belangvoller Erscheinungen" sind nur dann gerechtfertigt, 
wenn sie „die Grenze zwischen subjektivem Werturteil und wissenschaftlich- 
empirischer Feststellung klar hervortreten lassen" (176). Andererseits: „Das 
Begreifen seelischer Vorgänge einer bestimmten geistigen Sphäre (der schöpferischen, 
der genialen) ist an ein bestimmtes Niveau des Wert Verständnisses 
geknüpft, " „Der Psychologe, der sich die wissensciiaftlichen Beurteilungen 
geistiger Menschen zur Aufgabe stellt, darf nicht wertblind sein. Ein 
„mangelhaftes Wertverstehen" würde auch seine „empirische Erkenntnis- 
möglichkeit" beeinträchtigen. Nur damit und nicht mit Werturteilen und 
Entwertungsbefürchtungen ist die „Forderung zu begründen, daß nicht jeder 
— sich an die pathographische Begutachtung genialer Personen heranwagen 

dürfe" (S. 176). 

„Wenn der Psychiater in kulturellen oder sozialen Fragen wertend und 
handelnd Stellung nimmt, tut er es eben nicht in seiner Eigenschaft als Gelehrter ; 
er tut es vielmehr als Philosoph oder als Politiker*. Er darf niemals den 
Anschein erwecken, als hätte er seine Wertungen aus seinen „empirischen 
Feststellungen mit logischer Notwendigkeit abgeleitet", „Mit der Abstempelung 
einer kultureUen Erschein.mg als .pathologisch' sollte der Psychiater besonders 



I 

I 






Referate 14g 



vorsichtig sein," Auch wenn sie nicht so gemeint war, so kommt sie doch 
„in ihrer Wirkung einem negativen Werturteil gleich (178). 

Die Psychoanalyse kann als empirische Wissenschaft keine ethischen Ziel- 
setzungen, keine Weltanschauung geben Freilich sind auch in Freuds Werk 
Wertungen enthalten, aber sie sind nicht Bestandstücke der psychoanalj-tischen 
Theorie, Freuds „persönliche Stellungnahme tritt hinter dem objektiven 
Gehalt seines AVerkes zumeist ganz in den Hintergrund" (181). „Die PsA. kann 
uns grundsätzlich praktische Verhaltensweisen lehren, welche die psychologische 
Voraussetzung für das Zustandekommen bestimmter Wertverwirklichungen 
bilden, niemals aber die Wertsetzungen selbst," „Die therapeutische Aufgabe 
derpsa, Neurosenbehandlung muß von den ethischen Stellungnahmen gesondert 
werden". „Ein Nervenarzt kann seinen Patienten sehr ■wohl eine gewisse 
Handlung aus Rücksichten nervöser Gesundung anraten, die er ethisch 
niedrig wertet — . 

Vor der Annahme, die PsA. sei parteiisch für das Triebhafte eingenommen, 
schützt ein Blick auf die psa. Betonung der Ichtendenzen. Das therapeutische 
Ziel der Realitätsangepaßtheit darf nicht als ethisches Postulat ausgedeutet 
werden. Der Vergleich der Arbeitsweise bestimmter Gelehrter mit den 
Sicherungen des Zwangsneurotikers darf keine negative Wertung sein. Ebenso 
„besagt es nichts gegen den ethischen Wert z. B. des sozialen Verhaltens, wenn 
wir nachweisen, daß es sich häufig über unterdrückten (unbewußten) sadistischen 
Regungen aufbaut" (182). 

Wenn es nun auch der PsA. verboten ist, „in die Sphäre der Geltungen 
vorzrudringen", so ist damit nicht gesagt, daß sie nichts für eine Psychologie 
der Ethik beizustellen hätte. Verf. zeigt das auf durch eine kurze Skizze der 
Freudschen Darstellungen von der Genese des Über-Ichs. Nach dem Verf. 
könnte man psa. Typen der Ethik, z. B. einen narzißtischen von einem zwangs- 
neurotischen, unterscheiden (185). Andererseits vermagdiePsA. pseudoethisches 
Verhalten von dem im eigentlichen Sinne ethischen au differenzieren. In 
Hinblick auf Kants „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" meint Verf. : Dem 
Psychoanalytiker wird „die Grundlegung des moralischen Wertes auf den 
bewußten ,guten Willen' schwerlich annehmbar erscheinen. Hier dürfen 
wir von der Psychoanalyse eine legitime und entscheidende Leistung für die 
psychologische Seite der Sittenlehre erwarten*". 

— Wir dürfen zusammenfassend sagen, daß das vorliegende Buch für 
jeden, der für eine systematische Darstellung der wissenschaftlichen Struktur 
der Psychoanalyse, für ihre Methodologie und für das Streben nach begrifflicher 
Abgrenzung Interesse hat, reiche wissenschaftliche Anregung und vollen Genuß 
auch dann bieten wird, wenn er sich mit allen Einzellösungen nicht identi- 
fizieren kann. Keiner, der an der im Buche gestellten Aufgabe in Zukunft zu 
arbeiten gedenkt, wird an der Arbeit Hartmanns vorübergehen können. 

Mülle r-Braunschweig (Berlin) 

Low, Barbara: An Interesting Invented „Portmanteau" 
Word. Internat. Journal ot PsA., VIII, I. 

Beispiel eines Neologismus, den ein Patient — ihn irrtümlich für ein 
französisches Wort haltend — produzierte, und der verschiedenen unbewußten 
Strömungen in verdichteter Form Ausdruck gab. Fe nie hei (Berlin) 



150 Referate 

Dane, Paul G.: Notes on Psycho- Analysis of War Neii- 
roses. Internat. Journal of PsA., Vlli, I. 

Untersuchungen an australischen Soldaten bestätigten durchaus die Funde 
der Autoren der Budapester psychoanalytischen Diskussion über die Kriegs- 
neurosen: Die Kriegsnenrotiker leiden an Konflikten aus ihrem Narzißmus, 
hzw. auch aus latenter Homosexualität, wie manche Träume deutlich zeigen. 
Fast alle Fälle, hei denen die Amnesie behoben werden konnte, haben im 
Moment des Traumas an die Mutter gedacht, einer liat während des Traus- 
portes ins Spital spontan erinnert, wie er als Kind an der Brust der Mutter 
gelegen hatte. Meist kam es im Schreck auch lu ungewollten Entleerungen 
von Blase und Darm, gelegentlich verbunden mit Halluzinationen anal-obszöner 
"Worte. Interessant ist, daß über 90 Prozent aller Kriegsneurotiker vorüber- 
gehend impotent waren. F e n I c h e 1 (Ueriin) 

Isaacs, Susan: Penis-Faeces—Child. Internat, .(ournal of PsA., 
VIII, 1. 

Ein normales sechsjähriges Mädchen beantwoitete die Schwangerschaft 
einer Tante sowohl mit unzweideutigen Äußerungen des Penisneides als auch 
mit Spielen, die deutlich zeigten, daß sie sich, sich sowohl mit der Mutter 
als auch mit dem Kind identifizierend, die Geburt als Defakation, das Kind 
als Kot vorstellte. Die Gültigkeit der symbolischen Gleichung Penis=Kot^ 
Kind war evident, Fenlcliel (Berlin) 

Glover, James: Notes on an Unusual rorm o( Perversion. 
(Internat Journal of PsA., VIU, I.) 

Das Manuskript des Vortrags, den James Glover auf dem Salzburger 
Kongreß gehalten hat, wurde aus seinem Nachlaß publiziert, und man erkennt 
erst jetzt, welch außerordentlich wertvollen Beitrag zur psychoanalytischen 
Kasuistik es darstellt. Es handelt sich um einen eigenartigen komplizierten 
Fall, der zwischen Perversion, neurotischem Charakter, Süchtigkeit und Psychose 
steht, Zur sexuellen Befriedigung kani er auf folgende Weise: Er suchte eine 
Frau, die keine Gewohnheitstrinkerin sein durfte und hohe Schuhe tragen 
mußte, betrunken zu machen, beobachtete sie beim Trinken, freute sich 
besonders, wenn Haar und Kleidung in Unordnung gerieten, ging dann mit 
der Frau spazieren, in der Hoffnung, sie schwanken zu sehen oder zu merken, 
wie sie Urindrang bekam, verschaffte sich dann ihre Schuhe, die vom Spazier- 
gang schmutzig sein mußten, und onanierte mit ihnen. — Der Patient war 
ein einziges Kind, die Mutter, Alkoholikerin, starb in seinem siebenten 
Lebensjahr. Sie hatte das Kind vernachlässigt, hatte unter anderem ihre Bedürf- 
nisse stets vor ihm befriedigt, ist ihm häufig betrunken vor Augen gekommen. 
Der Patient erinnerte, daß er, ärgerlich darüber, daß sie ihn so oft allein 
ließ, in ihrer Abwesenheit mit ihren Schuhen spielte und diese in den Mund 
nahm; auch andere schuh- und kleiderfelischistische Spielereien betrieb er 
als Kind und wurde sogar vom Vater dazu aufgefordert. Einmal zerbrach er 
unter sich einen Nachttopf, verletzte sich das Gesäß, mußte genäht werden 
und bekam nach der Operation Portwein zu trinken, Der Vater gab ihm auch tt 

sonst Wein zu trinken, mehrmals zerbiß er als Junge Weingläser. — Nach dem ^ 

Tod der Mutter schlief er beim Vater in ihrem Bett und trug ihre Schuhe, 



Referate 15^ 



schämte sich aber dessen und suchte die Schuhe zu ruinieren und zu beschmutzen. 
Seit dem sechzehnten Jahre betrank er sich jedesmal, wenn er ein neues Paar 
Sdiuhe bekommen hatte, mit hoclister Wollust. Im neunzehnten Jahre führte 
er zum erstenmal seine perversen Szenen mit einer Haushälterin des Vaters 
auf, auch die Stiefmutter suchte er betrunken zu machen und masturbierte 
mit iliren Schuhen. — Er heiratete später, litt aber an ejaculatio praecox. Die Frau 
versuchte, ihn vom Alkohol zu entwöhnen, er bekam ein Delirium tremens, in dem 
er glaubte, eine Frau zu sein, litt dann an Ängsten und paranoiden Symptomen. 

Die ganz besonders intensive orale Fixierung zeigte sich in zahlreichen und 
mannigfaltigen Symptomen und Charakter^ügen. Eine neben der Schaulust ganz 
besonders entwickelte Riechlust stellte den Übergang von diesen oralen zu den 
analen Zügen dar. Die Schuhe vertraten im Unbewußten des Patienten unter 
anderem die Exkremente; tatsächlich war der Zeit des Interesses für die 
Schuhe der Mutter eine, in der er sich für ihre Exltretionsfunktionen interessierte, 
vorausgegangen. Der unter dem Rock sichtbar werdende Frauenschuh vertrat 
seiner Phantasie aber auch den versteckten weiblichen Penis, welche Vorstellung 
wieder in der Erinnerungsspur an die verschwindende und wiederkehrende 
Mutterbrust eine orale Wurzel hatte. Die ambivalente Einstellung zu dieser verriet 
sich unter anderem in der Gewohnheit, die Weingläser zu zerbeißen. Ein Stück 
seines oralen Beiflsadismus war in urethrale Aktivitäten übergeführt worden. Es 
bestand die symbolische Gleichung Fuß im Schuh = Kind im Uterus = Brust 
im Mund = Fäzes im Rektum = Penis m Vagina. Aber die Glieder dieser 
Gleichung waren ökonomisch nicht gleich belangvoll. Die verdrängteste und schuld- 
beladendste Phantasie war die eines sadistischen (oralen) Koitus mit der Mutter 
mit nachfolgender Kastration durch die Mutter. In der Perversion werden 
orale (Trinken), anale (Seh mutzig machen), sadistische (Erniedrigung) und genitale 
(Dirnenphantasie) Wünsche in Bezug auf die Mutter deutlicli. Indem der Patient 
aber auch selbst trank, identifizierte er sich mit der Mutter; auch homosexuelle 
Einschläge zeigten sich. Er bevorzugte männlich aussehende Frauen, schlief 
mit den Frauen so, wie er nach dem Tode der Mutter mit dem Vater geschlafen 
hatte, imd hatte eine unüberwindliche Abneigung dagegen, mit Männern zu 
trinken. So konnte er in der Perversion den positiven und negativen Ödipus- 
komplex gleichzeitig befriedigen. 

Die perversen Handlungen, insbesondere der Schuhfetischismus, erwiesen 
sich also in der Analyse als entstellter Ausdruck für andere, verdrängte Trieb - 
ziele (vor allem oraler Sadismus, speziell Ödipuskomplex). Schuh- und Alkohol- 
interesse waren vom Vater gebilligt worden, also sozial gestattete Triebäußer ungeu, 
die an Stelle der eigentlich gemeinten, sozial nicht gestatteten, verdrängten 
Triebäußerungen getreten waren. Es handelt sich also um eine der Neurose 
nahestehende „Pseudoperversion". [Darf man nicht nach „Ein Kind wird 
geschlagen annehmen, daß jede Perversion eigentlich eine solche „Pseudo- 
perversion" ist?] Dem Umstand, daß die narzißtische Regression in diesem 
Falle an der Stufe der Partialliebe (Fetischismus) halt machte, ist es zu ver- 
danken, daß eine ausgesprochene Psychose vermieden werden konnte. Jeden- 
falls ist auch für solche Fälle ^ wie für die Melancholie — die exquisite 
orale Fixierung charakteristisch, von der — graduell verschieden — Störungen 
der normalen Libidoentwicklung durch „Fehlidentiiizierungen" mit der Mutter 
ausgehen. Fenichel (Berlin) 



Symons, N. J.: Does Masodiism Necessar.ly Imply the 
ExLstenceofaDeath-lnstinct? Internat. Journal of Ps.-A. 

Die Arbeit versucht nachzuweisen, daß die Tatsachen des Masochi.mu. d.e 
Annahme eines Todestriebes nicht notwendig machen. Man kann die Annahme 
ko—nt Irchführen, daß der Masochist niemals Unlust nnd Selbstzerstorung 
um ihrer selbst willen sucht, sondern stets um eines Zaeles willen, das selbst 

^"' D°e seLeren Fälle, bei denen das Schuldgefühl keine besondere Rolle 
spielt, beruhen darauf, daß alle Erregungen, also auch schmerzhafte und angst^ 
liehe Anlaß zu lustvoller Sexual er regvmg werden können (.Freud). UaU 
solche Masochisten die Unlust nur als Mittel zur Lust suchen, geht u a. daraus 
hervor daß bei ihren Veranstaltungen die Unlust immer den Charakter des 
Unernsten tragen muß; so bleibt oft bei Menschen, die bei höchsten Qual- 
phantasien zum Orgasmus kommen, die Befriedigung aus, wenn sie die 
Quälereien in der Realität erdulden müssen. Bei der masochistischen Be- 
Wedisung ist auch die neben der Lust restierende Unlust qualitativ verändert. 
Warum beim Masochisten durch Unlustsensationen erzeugte Sexuallust jeder 
anderen Sexuallust vorgezogen wird, ob da konstitutionelle Faktoren oder 
frühkindliche Erlebnisse den Ausschlag geben, ist «in« /[«S^ ^'^'"'^- ,,. , 
In den meisten Fällen von Masochismus ist aber das SchudgefuhlwesentlicJi 
beteiligt. Wenn von der Verdrängung des Ödipuskomplexes alle Se^ual- 
wünsche überhaupt mitbetroffen wurden. SO daß jede Sexualerregung von 
lebhaften Schuldgefühlen begleitet ist, so ist es begreiflich, warum Sexual- 
befriedieung nur auf der Basis von Unlust empfunden werden kann. Uiese 
Unlust beruhigt als Selbstbestrafung die Strenge des Uber-Ichs, Ebenso wie 
der „moralische Masochismus" Folge des Ödipuskomplexes und seiner Er- 
ledigung durch Errichtung des Über-Ichs ist, ist auch der „erogene und der 
„feminine" Masochismus schon in „Ein Kind wird geschlagen" als Folge des 
Ödipuskomplexes nachgewiesen worden. Geschlagenwerden ist Sexualhefriedi- 
gung und Strafbefriedigung zugleich. Nichts widerspricht da dem Lustprinzip. 
Und wenn kUnische Erfahrung lehrt, daß der Masochist sadistische Impulse 
nach innen kehrt, so sieht Symons keinen zwingenden Grund, emen 
primären" Masochismus anzunehmen. Diese Wendung gegen die eigene Person, 
hervorgerufen durch das Schuldgefühl, erklärt auch die Verbindung des 
Masochismus mit dem Sadismus, ohne daß man auf einen „Todestrieb ' zunick- 
greifen müßte. — Endlich scheinen Symons auch die Beispiele, aus denen 
im , Jenseits des Lustprinzips" der Wiederholungszwang abgeleitet wird, dem 
Lnstprinzip nicht zu widersprechen. Sie alle, insbesonders die Übertragun^- 
aktionen während der analytischen Kur, können als Folgen des Schuldgefühl, 
erklärt werden. Die Tendenz des traumatischen Neurotikers, die Bmdung der 
Erregungsmengen des Traumas nachzuholen, ist mit dem Lustprmzip in h.m- 
^^. Sowohf „Wiederholungszwang« als auch ..Todestrieb Schemen deshalb 
Symons entbehrliche Annahmen. Fenlchel (Berlin)